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Mirrrtee Jahrgang
L«
SV. Mai L84S.
Reform im Klerus. *)
Alles lebt und webt, alles drängt und treibt sich, die Pforte einerneuen Zukunft läßt sich nicht mehr verriegeln. Von einem Jeden heischtdie Zeit, daß er sich selber klar werde, daß er seinen Standpunkt erfasseund behaupte mit der Kraft deS Geistes und deS Willens, daß er bereitsey ein Opfer zu bringen, wenn eS zum Besten der Gesammtheit ist. Beiuns in Oesterreich geht leider dieses Bewußtwerden nicht so schnell vonStatten, als man Anfangs zu hoffen Ursache hatte. Schnell war wohldaS Erwachen und freundlich lachten uns die Strahlen der neuen Sonnean; allein, nach dem ersten Schrei der Bewunderung wurden die Gliederschlaff, uiid wie griesgrämige Kinder rieben wir uns die Augen. Esbewährte sich das alte, aber wahre Wort deS DichterS: Ingenium longorubigine laemim torpet. Schreiber dieser Zeilen hatte die Gelegenheit diefreundlichen Glückwünsche von Seite des katholischen AuSlandeS zu hörenzu dem neu erwachten kirchlichen Leben in Oesterreich, aber in neuester Zeitzu seiner tiefen Betrübuiß auch mehrere Briefe zu lesen, in welchen daSlangsame, todte, faule, schlaffe Regen in unserem Vaterlande gerügt undbedauert wurde.
Wem ein katholisches Herz im Leibe schlägt, muß fich bei diesemUmstände doch die Frage auswerfen: Wo liegt die Schuld? Wer ist Ursache,daß wir in unserem kirchlichen Leben seit den Märztagen vorigen Jahresnicht viel weiter gekommen sind? daß die erhobene Stimme Einzelner ver-hallte, wie der Schall in der Luft? Sollen wir noch länger insbesonderevon unsern katholischen Brüdern in Deutschland, die unS Gruß auf Grußzusenden, uns schelten und bemitleiden lassen? Wie kann eS besser werden?Wenn ein Organismus krank ist, so treffe man Vorsorge zur AusscheidungdeS KrankheitSstoffeS, sonst werden auch noch gesunde Theile von ihm an-gegriffen, und die letzten Dinge sind schlechter als die ersten. Hätte manim löten Jahrhundert die erwachende Zeit mehr erkannt, und nicht mitGewalt die freien Flügel deS Geistes zu binden gesucht, hätte man derZeit ein zeitliches Opfer gebracht, so manch' trübe Ereignisse wären ver-mieden worden, und die unselige Spaltung wäre auch in der Gegenwartnicht die üppig wuchernde Ursache deS sich stets mehr zerklüftenden Deutsch-lands. Wäre man der sogenannten Reformation durch zeitgemäße Refor-men von Seite der Kirche entgegengekommen (daS 'l'riäentiuum kam schonzu spät), die Kirche und das Christenthum würden freundlicher blühen,als eS jetzt der Fall ist. Ein schlechter Historiker, der sich die Vergangen-heit nicht zu Nutzen macht. In unserer Zeit ist die geschichtliche Basisdie einzig mögliche; man mag sie durch philosophisches Gepränge undsprudelnde Ideen zu deSavouiren suchen, aber sie bleibt, und auf ihr ruhtdie Gegenwart, so gut wie die Zukunft. Darum lernen wir von der Ver-gangenheit. Ein ähnlicher Kampf wie im löten Jahrhundert ist im 19tenJahrhundert zu kämpfen. Dort galt eS die Autorität der Kirche, hier gilteS die Autorität des Christenthums. Dort hat die Kirche eine Wundeerhalten, weil die Wächter derselben zu arglvS und traumselig waren,hier?? — —
Der Schreiber dieser Zeilen glaubt sich hinlänglich gerechtfertigt, wenner diesen Gegenstand hier anregt, und seinen geistlichen Mitbrüdern zumtieferen Erwägen an'S Herz legt. ES ist heut zu Tage Pflicht eines Jeden,dem der Herr daS Wort gegeben hat, seine Stimme zu erheben, und daswffs sein Inneres bewegt, auszusprechen, ohne nach rechts oder links zuschauen. ES gilt die Sache, nicht Personen, und jeder muß BausteineHerbeitragen zum neuen Bauwerk, und Muth und Kraft und Opferwillig-keit zeigen, sonst wird eine unselige Zukunft unser Andenken verfluchen.Wer auS kleinlichen Rücksichten hinter dem Berge hält, und sich noch die
Augen reibt, und sich klug und weise dünkend, alles seinen alten Schlepp,gang fortgehen läßt: der ist ein Verräiher am Staate, an der Kirche, amPriesterihum, am Volke! — DaS will ich nicht seyn, darum spreche ick.Und auf die Frage, wie kann eS besser werden? antwortet mir die Geschlchterdurch Reform. Was ist Reform? Wie weit soll sie reichen? Von wemsoll sie ausgehen? WaS soll alles reformirt werben? Diese Fragen mögeeine anderer beantworten. Ich habe mir eine Einzelreform zum Gegenstandder Besprechung gewählt, nämlich die Reform im Klerus. Sie thutvor allen noth. Wie der Hirt, so die Heerde. ES ist meine und VielerUeberzeugung, daß eS in kirchlicher Hinsicht nicht so übel stände, wenn imKlerus selber mehr priesterlicher Sinn und katholisches Leben sich regte.Man klagt und weint und schilt und straspredigt. — Aber waS ist'S damit?„Kehre zuerst vor deiner Thüre", ruft man bei unS häufig dem Priesterzu. Und mit Recht. Wie soll sich katholisches Leben zeigen, wenn eSnicht geweckt, gefördert, gehoben wird? Wie kann man Liebe und Ver-trauen zum Klerus heischen, wenn man beideS in dem aufkeimenden Her-zen gewaltsam enöctel? Ich bin hier nicht zum Richter bestellt, aber wehthut eS einem, wenn man solche Urtheile von Ausländern und sogar vonAndersgläubigen hören muß. Frei will ich darum sprechen, frei und unge-^wunoey^w.ie eS mir im Herzen lebt. Ein Schurke, der seine Ueberzeu-gung heuchelt, ein Schwackkopf, der in jetziger Zeit der Kraft und Mann-barkeit seine Worte überzuckert.
Die katholische Kirche hat daS Eigenthümliche, daß ihre Hierarchieein completteS Ganze, einen Organismus bildet. Leidet Ein Glied, soleiden alle Glieder, und wird daS Meer deS kirchlichen Lebens von EinemSturm bewegt, so bewegen sich alle Wellen, und bespülen die Ufer. ESließe sich dieses Bild vom obersten Gipfel der Hierarchie an bis zu unterstdurchführen. Aber ich schweige hier von Rom , und halte mich zunächstan den Episkopat Oesterreichs. — Ein Mann der Gegenwart hateaS schwere Wort gesprochen: „Oesterreich hat wohl Bischöfe, aber keinenEpiskopat." WaS soll daS? Ja wir haben keinen Episkopat; ist auchkeine unserer Diöcesen im weiten Vaterland verwaiset geblieben, so habendoch die StaalSgesetze jedes gemeinsame Streben bisher zu verhinderngesucht. Viele unserer Bischöfe standen eben in dieser Vereinzelung demeigentlich kirchlichen Leben ferne, der äußere Pomp, der sie umgab, ent-fremdete ihnen die Herzen deS Volkes, und da sie nur äußerst selten mitdiesem in Berührung traten, so konnte auch von Liebe und Zutrauen nichtviel die Rede seyn; denn Liebe und Zutrauen braucht auch Erkenntniß.Unsere Bischöfe weihten Priester und filmten die Kleinen, aber seltenertönte auS ihrem Munde das Wort GolteS, daS doch dem Ganzen dieeigentliche Würze, und Salbung verleiht. DaS Wort eines Bischofes lebtfort in einer Gemeinde. In allen Gauen Deutschlands findet man injedem gut katholischen Hause die erlassenen Hirtenbriefe, und jeder Bischofergreift mit Freude die Gelegenheit, an seine Schäflein einige Worte derWarnung, der Ermahnung und Ermunterung, deS Trostes und der Liebezu sprechen. Bei uns scheint man davon nichts zu wissen. Wir erhaltenwohl alljährliche Fastenmandate, aber sehr käste und eines gleicht demandern, als ob das Jahr 1830 dieselbe Zeit wäre wie 1849. *)
Und so haben wir leider hie und da im Bischöfe nach MöhlerS tref-fendem Worte nicht immer die Person gewordene Liebe der Gläubigengefunden. — Gilt dieß dem Volke gegegenüber, so gilt dieß noch mehrdem Klerus gegenüber. Ich will gestehen, daß dieser Unwille sich oft rauhund hart, manchmal sogar unpriesterlich Luft gemacht hat (der Bischofbleibt ein Apostel); aber läugnen kann man nicht, daß unselige ZuständeStoff und Veranlassung dazu an die Hand gegeben. DaS bisherige Ver-hältniß der Bischöfe zu dem niederen Klerus war kein apostolisch-väterliches,
') Aus der Wiener Kirchenzeitung.
j ') Der Herr Älersaffer hat offenbar hier nur einige Diöcesen im Auge. D. R.