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9 (20.5.1849) 20
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Paria, über die Achsel anzusehen, als einen Menschen, der nicht mehr in>die Zeit laugt. An unS ist eS, diesem Vvrunheile entgegenzuarbeitendSoll aber dieses möglich seyn, so muß im Seminare schon der Grunddazu gelegt werten. 'Man hat geglaubt, es wäre besser, wenn die Theo-logen außer dem Seminare stunren, was Einiges für sich, aber Vielesgegen sich hat. Die sogenannte Weitläufigkeit gewinnt man auch nichtimmer, wenn man im Struoel einer größeren Stadt lebt, dazu gehören!günstige Verhältnisse; wohl aber bleibt viel weltlicher Taud hängen, den^man nicht so leicht und schnell abstreifen kann. Ich glaube eine schlichtesunverdorbene Persönlichkeit gewinnt leichter daö Herz, als eine mit allen!Lächerlichkeiten der Einkeile gesättigte Ueberschwänglichkeit. Die Soldatenhalten gerne Rast vor dem Schlachttag; solch' eine Rast sind die Seminar-jahre für den jungen Soldaten der Kirche.

Freilich gebe ich gerne zu, daß die Einrichtungen unserer Seminare!geändert werden müssen Reform thut noth. Ich habe mehrere Seminare!Deutschlands besucht. In einigen glaubte ich mich in ein Mönchsklostersverseht; alles war so ruhig und abgeregelt, ich glaubte lauter AloisiuS-'gesichter zu sehen. Ich muß gestehen eS erbaute mich; aber eS befrie- !digte mich nicht. Ascese allein genügt nicht für unsere Tage, genügt ins-besondere nicht für den Klerus Oesterreichs . So sehr die Ascese zu schätzen!und theilweise unentbehrlich ist, so sehr glaube ich thut sie der Entwicklungjunger Kräfte Eintrag; wenigstens habe ich selber Leute kennen gelernt,!die sich an jedem Strohhalme todt zu fallen schienen. Damit ist aber nichtsgeholfen. Ernstgesinnte wenden sich, als von etwas Krankhaftem, ab, Leicht-sinnige spotten darüber. In anderen Seminarien wieder glaubte ich michin Mitte von Kremnitzer Bergleuten, so trotzig und bärtig waren sie. DaSerbaute mich weder, noch befriedigte eS mich. Die Wahrheit liegt inder Mitte. Die jungen Theologen sollen lieber mit Vertrauen behandeltwerden, als mit mönchischer Strenge. Bei letzterer gehl leicht das Selbst-gefühl und die eigene Willenskraft verloren. Die Seminare sollen aberselbststänvige Leute und keine Treibhauspflanzen liefern.

Ein Punct, der in den geistlichen Bildungsanstalten besondere Beach-tung verdient, ist die wissenschaftliche Bildung. Die theologischen Dis-ciplinen wurden bisher mehr eingeleiert, als studirt. Man lernte die vor-geschriebenen Bücher, weil eS so seyn mußte, um ein Zeugniß zu bekom-men, aber nicht aus Liebe. Daher auch die Erscheinung, daß mit demAuStritt aus dem Alumnate gar wenige mehr ihre theologischen Studienfortsetzen und erweitern, sondern höchstens für den weiland JosephinischcnPfarrconcurS die alten Scripta auS dem Staube hervorgezogen. Dießdürfte wohl von sich selbst anders werden, wenn die Pfarrconcurse in dervorn Trienterconcile vorgeschriebenen Weise abgehalten würben, wozu, sohoffen wir, die neuere Praxis der freien Kirche hinzuneigen scheint. DieseBehandlung der Theologie genügt nickt mehr; das scholastische Elementhat sich überlebt, und mit Autoritätsprincipien fährt man nicht weit ineiner Zeit, wo fatalistische Gnosis und paittheistischeS Hcibenlhum kühnerals je ihr Haupt erheben.Nun, so spricht ein gelehrter Mann derGegenwart,*) nun, wo die Welt mit ihrem gehäuften Wissen prunkt,wo eine Unzahl neuerer, wechselnder Philosophcngebilde auftaucht, jetzsswo wie lauernde Feinde, ein grober, materialistischer Skepticismus, derstarre, giftige JndifferentismuS und eine entnervende, jede ethische undgläubige Kraft töbtende Sentimentalität um sich greift, jetzt thut eS wahr-haftig noth, daß die Kirche den P hi lo sop h en m a n te l um ihre Lendenschlage, und lehrend und wissenschaftlich auftrete. Gift kann nurdurch Gegengift geheilt werden, nicht wenn ich dem Vergifteten mit dem«inschmeichelnsten Tone zurufe: Mein Lieber, werden sie doch gütigst wie-der ein gesundes Kind, daö an schlichter Hausmannskost, an Obst undFrüchten Gedeihen findet." Diese Worte bedürfen keines EommentarS,höchstens möchte ich deren Gewicht noch erhöhen durch das Wort einesanderen gleich tief Gelehrten der Neuzeit, der spricht:Die Wissenschaftmuß zum Gottesdienste werden."

Nehmen wir nun schließlich die oben gestellte Frage: Wie kann eSbesser werden? noch einmal auf, so werden wir antworten müssen: durchReform im Klerus. Von Oben bis Unten gibtS zu reformiren,

in egpito tzt M6mbr,8. Bischöfe, Capitel, Professoren, Seelsorger, kurzalle, deren Antheil der Herr geworden ist (Psalm 15) müssen die Zeiterfassen und rhr Opfer bringen, wenn, ich wiederhole eS, die Zukunft unSnicht verloren seyn soll. Es herrscht im Volke noch so viel guter, katholi-scher Sinn, der nur geweckt zu werden braucht, um die freudigsten Blü-then und Früchte zu bringen. Möchten wir alle wirken, so lange eS Zeitis, und wo das Brachfeld noch nicht durch die Saat des Unkrautes völligverdorben wurde!

Ein großer Act hat begonnen. Die Bischöfe des österreichischen

Vaterlandes traten in Wien zusammen, um sich über kirchliche Angelegen-heiten zu berathen. Wer erfaßt die Tragweite dieses Ereignisses, und wervermag im Voraus zu bestimmen, in wie ferne unsere Bischöfe die schwie-rige Aufgabe nicht so im Sinne deS SiaaleS, als vielmehr im Sinneder Kirche lösen werben? Hoffe» wir! Möchten, um Goiieü willen, dieOberinnen einer neu sich gestaltenden Zeit die Augen nicht abkehren, son-dern das Gute derselben in den äußeren Organismus der Kirche aufneh-men, und dem Bösen mit Energie entgegen ireien! Möchten sie nicht ver-gessen, daß jede gioße Katastrophe ihre Opfer heischt, und möchte» sienicht säumen, solche Opfer zu bringen auS Liebe zur Kirche, zum Volke,zum Staate, zur Gegenwart. Vor allem andern möchie» sie Hand anlcgen an das, was vor allem andern noch lhut an die Reform imKlerus!

Sollte Jemand diese Sprache nicht gerne hören, und den Schreiberdieser Zeilen naseweise schelte», so halle ich daö alle Sprichwort vorAugen: Wer nicht hören will, muß suhlen, und die Schlußworte desNebeljungenliebeS:

Mit allem Zaudern und Zagen fort,

Die Zeit braucht ein cniseliiedcn Wert!

Und es ist Pflicht eines Jeden,

Dem die Wahrheit im Herzen lebt,

Daß er die Hand znm Schwur eihebt,

Im Dienste des Herr» zn renn."

A. K.er.

*) Dr. Hock: Cholorodea.

Der zufriedene Arme.

Gar sonderbar hat der liebe Gott auf dieser Welt seine Güter aus-getheilt. Wcihrend dem Eine» Alles im Uebcrfluß zugefallen ist, hat derAndere oft kaum so viel, daß er kümmerlich sein Leben fristen kann. Dergrößte Theil der menschlichen Gesellschaft gehört wohl der bienencen Classean, und muß sich in saurem Schweiße sein Brod verdienen. Aber oft istselbst daS kaum möglich, wenn nämlich die Gelegenheit und die Kräftedazu mangeln, oder daS Alter hereinbricht und zur Arbeit untauglich macht.Da offenbart sich dann erst recht eine schreiende Disharmonie, ein schnei-dender Zwiespalt im Leben, und vergebens sieht sich die menschliche Ver-nunft nach einem Mittel um, denselben auszugleichen, und die mit Nothund Elend kämpfende Volksmasse zu trösten und ihr Elend zu lindern.Alle ihre Vorschläge, Erfindungen und Einrichlnngen vermögen nicht demUebelstande abzuhelfen; im Gegentheile sind gar manche nur dazu geeignetdaS Elend noch größer zu machen, die Unzufriedenheit zu vermehren, undaus Dürftigen, Arbeitslosen und Armen oft noch Verbrecher zu stempeln.Die traurigen Erfahrungen unserer Tage zeigen dieses zur Genüge, undwerden eS noch sichtbarer -eigen, wenn die verkehrten Wege, den mensch-lichen Nothständen nach Möglichkeit abzuhelfen, nicht mit andern vertauschtwerden, die besser znm Ziele führen. Nur die Religion allein, und zwardie katholische, nur die Auesichl auf ein anderes, besseres Leben und derGebrauch der Mittel, die die heilige Kucke anbietet, vermögen den Men-schen in seinem mühsamen Tagwerk zu irösten und zu stärken, vermögenden Annen und Nolhleidenden zu erheitern, und Zufriedenheit und Gott-vertrauen in sein Herz einzuflößen, daß Neid und Mißgunst oder böSwil-lige bittere Gedanken darin »in meiinehr Platz finden. Einen Beleg hiesürmögen die folgenden Zeilen liefern.

I In der Pfangemeinde R. lebte vor wenigen Jahren noch ein alter! unverheiraiheter Mann, von dem man recht eigentlich sagen durfte, er! habe nicht so viel, wohin er sein Haupt legen könnte. AuS einem Hoch-! theile Tirols entsprossen, hatte er sich nach einem vielbewcgtei, Leben daselbst^ eine Stätte ausgesucht, wo er gute Gelegenheit hätte der Andacht obzu-liegen, durch Arbeit sich Las Notdürftigste zu verdienen, und endlich einRuheplätzchen zu finden für seine irdische Hülle, wenn der Herr käme umseine Seele abzufordern. DaS Wenige, waS er von seinen Eltern ererbthatte, überließ er schon in jünger» Jahren großmüthig seiner verheiratheten! dürftigen Schwester, und begnügte sich mit dem, waö seine Hände erwa»

! den, oder was ihm sonst der Herr beschied. So lange er noch rüstig an! Kräften war, arbeitete er fleißig, und nahm jedes Anerbieten gern an,s wodurch er sich auf rechtmäßige Weise etwas verdienen konnte. Hatte ers dann ein kleines Ersparniß zurückgelegt, so besucht! er hie und da seineAnverwandten, um ihnen davon etwas mitzutheilen, ober er pilgerte zuirgend einem Gnadenbild in der Nähe oder in der Ferne, um daselbst dem! Dränge seines Herzens zu genügen, und für sich und Andere Gnaden vom! Herrn zu erflehen. Als aber die Tage des Alters heranrückten und die! Leibeskräfte zu schwinden begannen, versiegten die Quellen deS Verdienstes'immer mehr, und der gute Mann fest) sich oft wochenlang genöthigt, ohne