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9 (27.5.1849) 21
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lauteres und hitzigeres Geschrei. In den höchsten Alpen seyen Dörflein,wo die Leute von Viehzucht leben; manchmal schneien sie ganz ein; ineinem vorigen Winter, wo der Schnee lang und tief über den Häuserndort gelegen seyn, habe ein Pfarrer einen Gang zur Kirche unrer demSchnee gemacht, allmälig alle Kirchenstühle geholt und verbrannt, undzuletzt auch seine Kuh geschlachtet und gegessen, weil ihm Holz und Nah-rung ausgegangen waren.

Allmälig wurde Heller und wir konnten wegen der fortwährendenSteige auSsteigen und gehen. Die Gegend ist groß unv schon; Fels undfrisches Wasser geben Farbe und Leben. Als eS höher ging, sah ich einMädchen von etwa 11 oder 12 Jahren auf einem kleinen, zweirävrigenWäglein mit Anstrengung und ziemlich rasch den Berg hinaufziehen. Dasgezogene Mädchen schien ernstlich kiank, und hatte wahrscheinlich zurStärkung einen halben Seidel rothen Wein in der Hand. Ich vermuthe,daß das arme Kind zum Arzt gefahren worden sey, oder waS noch trauri-ger wäre und wegen des eigenen BaueS der Fuhre und der offenbarenGeübtheit der größeren Schwester nicht unwahrscheinlich ist, daß eS lahmoder auszehrend ist, und so zuweilen zu Bekannten geführt wird. Hierdient Gesundheit und Kraft der Krankheit und Schwäche und dasscheint im Himmel und auf Erden, im Geistigen und Materiellen so seynzu sollen; der Schutzengel geht dem Kinde und Sünder nach; und wer sichim Bedientseyn behagt, wo eS anders seyn könnte, der behagt sich in derSchwäche und Nichtigkeit. WaS aber die Fuhrwerke betrifft, so sah ichganz eigenthümliche, z. B> eine Frau am Wagen und als Vorspann eineKuh, dann einen Mann angespannt und vorne daran einen Esel; eS istnur bis es der Blick verdaut hat zur Gewöhnung, dann macht es keinAusstößen mehr.

Weiter oben am Adlerberg kam eS allmälig an den Stationen, etwawie man die spanischen Herbergen beschreibt, alles mögliche Volk untereinander familiär, oben darauf aber die Fuhrleute. Endlich kamen wirnach Stuben, daS Hospice des AdlerbergeS. DaS erste war die großeHausflur; eS hing eine srischgeschossene Gemse da.

Wir bekamen, eS war Quatcmbermitlwoch, lauter Fastenspeisen undin namhafter Mannigfaltigkeit; und so ist es recht, daß der Wirth seinenGlauben und die Treue seiner Kirche höher häll, als daS Gelüst deSGastcS und die paar Kreuzer seines Beutels. DaS ist Charakter, katholi-scher Charakter, wie ihn vielleicht nur Tirol zeigt.

Ich sah auf dem Tische eine kleine Broschüre liegen, abgegriffen.undumgeschlagen, so daß nur daS Innere zu seyen war; es fiel mir von selbstein es werde eine Kalendcrschrift von mir seyn. Als ich nachsah, wareS so. Tausende wären vielleicht darüber höchlichst geschmeichelt und ent-zückt gewesen, mir hauchte sich nur leise und vorübergehend eine kleineFreude über die Seele hin, wie ein geringer Windstoß Abends über dieruhige See geringe Wellen kräuselt. Warum sollte ich eS mir auch alsVerdienst anrechnen, wenn eS Gott beliebte, gerade mich als Feder undDinte zu brauchen, um vielen Christen einen Brief und Mahnschreiberzuzuwenden? Da siel eS mir dann auch ein, welche Bedeutung oder viel-mehr Unbedeutendheit eS mit dem Namen habe, wenn Jemand ein nam-haftes Werk producirt hat. DaS Volk fragt in der Regel bei der vor-trefflichsten Schrift, von welcher eS ganz erbaut ist, selten oder nie nachdem Verfasser; und fragt mit Recht nicht darnach. Denn ist eS etwasHerrliches, so ist eS nickt Menschengemächt, sondern von Gott gegeben,und eS tragt seine Herrlichkeit in sich und auS Gott . Wer wird auch dieWurzel und den Grund und Mist aufgraben wollen, wenn er einen herr-lichen Baum sieht, um zu sehen, woraus er Saft gesogen hat manschaut lieber ihn an und denkt eher noch an den schönen Himmel, unterdem'er gediehen ist. Man weiß kaum, wer die ewige Jliade geschriebenhat, wer die herrlichsten Münster gebaut hat, und die größten Maler ver-schmähten eS, ihre Namen auf ihre Meisterstücke zu schreiben; sie wolltennicht ihre Namen geben, sondern ihr Product. (W.K.Z.)

Kirchliche Mittheilungen.

Wien , 9. Mai. Die versammelten Bischöfe des KaiserstaatcS habeneine eben so wichtige als schwierige Aufgabe zu lösen. Der JvsephiniSmuSund die Bureaukratie haben die Kirche so umsponnen und umwickelt, daßder Kirche selber Gefahr zugehen kann, wenn man sich daran macht, sievon der Schlingpflanze loszubriugen. Besonders schlimm sieht eS um daSMaterielle der Kirche, um ihr Vermögen, auS. Jetzt, wo man der Kirchedie freie Verwaltung ihres Vermögens zurückgeben sollte, rückt man erst

damit heraus, daß sehr wenig vorhanden sev, während man allgemeinglaubte, daß der Religionsfonv hinlänglich kräftig sey. Man halte nieoffen aufgezeigt, wie groß daS Capital sey, auch hatte Niemand Einsichtverlangt, wie man mit demselben gebahre. Jetzt erst wird offenkundig,daß dasselbe kür die zwei großen Diäresen Wien und St. Pickten, jedemit fast 500 Pfarreien und circa 1400 Priestern, nur 11 Mill. betrageunv zwar in StaalSpapieren, die so zweibeinigen Werthes sind, und derenviele noch dazu erst ihrer Verlosung entgegenharren müssen, bis sie ihrenNenuwerlh erreichen. Für die nicht verlosten hatte zwar der vormärzlicheFinanzminister Kübeck der Kirche bereirS verloste Obligationen gegeben;doch wird der Kirche die freie Verwaltung ihres Vermögens zurückgegebenunv fordert dann der Staat auch seine verlosten Obligationen wieder, sokann die Kirche mit ihren unnerloSten nicht einmal die ganz gewöhnlichenBedürfnisse decken, weil sie von diesen letztem Papieren statt 5"/g C.-M.;nur 2'°/2o in W. W. bezieht, mithin Eins von Hundert, denn daS Ver-hältniß der Conventioiismünze zur Wiener Währung ist gleich 1 zu 2'/?.Eben so schwierig wird es bei der Ehegesetzgebung seyn, Staat und Kirchein Einklang zu bringen. Nicht einmal Dispensengesuche wurden gernegesehen. Am schwierigsten aber wird das Verhältniß von Kirche undSchule zu behandeln seyn. Die letzte will in der Mehrzahl ihrer Ver-treter Emancipation, während doch die Mehrzahl dieser Mehrzahl diesenZustand kaum kennt. Denn unsere Sckullehrer in Oesterreich wissen wohllesen, schreiben, rechnen und etwa noch Musik und Singen zu lehren,weiter hinaus aher geht die Fähigkeit nur bei äußerst und außerordentlichWenigen. Woher sollte sie auch kommen? Ein paar Jahre Praxis beieinem eben so gebildeten Schullehrer, bei welchem der Lehramtscandidathäufig zugleich Stiefelputzer unv KindSwärter ist, und ein Lehrcurs voneinem halben Jahre an einer pädagogischen Vorbereitungsschule ist dieganze Bildung, die bisher ein Schullehrer in Oesterreich empfing. Sindnun solche Leute reif für das, was sie wünschen? Kann, soll, darf manunter solchen Umständen die Schule emancipiren? Liegt eS nicht im In-teresse der Schule und ihrer Repräsentanten selber, daß ihr unv ihnen dieKirche eine Mutter und Führen« sey? Ein ergötzlicher Fall kam bezüg-lich dieser Angelegenheit erst kürzlich vor. Im Viertel Untcr-ManhartS-bergc hatten die Schullehrer wiederholt um Emancipirung von der Kircheund Befreiung vom Drucke der Geistlichkeit peiitionirt unv sogar die Ge-meinden zur Hilfe aufgerufen. Vornehmlich hatte Lehrer R ... zu S ....sich als einen der Begeistertsten für diese Freiheit geberdei und bethätigt.Da erledigte sich der Schuldienst zu E.. bei Wien , der ziemlich einträg-lich ist und Hrn. R. annehmbar schien. FlugS begab er sich zum geistlichenPatrone, um sein Gesuch zu überreichen, und um Berücksichtigung dessel-ben zu bitten, was im Falle der Möglichkeit der geistliche Patron auchversprach. Die Gemeinde zu E. aber, die den Hrn. R. als einen unge-berdigen Schreier und schlechten Pflichterfüller kannte, protestirte beim geist-lichen Patrone gegen Hrn. R. und der Patron machte ihm sonach dieseszu wissen. Da wurde aber von Seiten des Hrn. R. auf daS Kräftigsteremonstrirt, daß die Gemeinden in Schulangelegenheitcn nichts darein zureden haben, daß ja die Geistlichen die Leiter der Schulen seyen.Ja,Hr. R-," entgegnete ihm der Patron,früher konnten wir für den einenoder andern würdigen Lehrer recht leicht etwas thun; nun aber sind vonden Herren Lehrern selber die Gemeinden aufgerufen worden, und habennun diese gegen den einen oder andern der Herrn Lehrer eine Einwendungzu machen, so liegt eS nicht mehr in unserer Macht, sie zu umgehen."Und der Hr. R. mußte unverrichteter Sache abziehen. (Rh. V. H.)

PiuSvereine.

Frankfurt , im April. Hofrath vr. Büß hat hier eine neueZeitschrift für die katholischeil Vereine gegründet,der katholische Ver-einSbote für daS deutsche Reich." Dieses Blatt soll enthalten: 1. DieBesprechung der Aufgaben der katholischen Vereine Deutschlands , sowohlder bleibenden, als der nach den Wendungen der Zeit wechselnden, derallgemeinen und der örtlichen; 2. Kunde von den Leistungen deS Gesammt-vereinö und der einzelnen Landes- und OrtSvereine; 3. Nachrichten überdie Verbreitung der katholischen Vereine; 4. Mittheilungen über die Lei-stungen der katholischen Vereine in andern europäischen Staaten; 5. An-träge auf Aenderungen der Satzungen; 6. Warnungen über unzulässigeStrebungen katholischer Vereine; 7. Aufruf zu öffentlichen Kundgebungenund Handlungen der Vereine; 8. Aufforderungen zur Uebung christlicherMildthätigkeit für leidende Glaubenöbrüder; und wird wöchentlich zweimalerscheinen. (Mimst. SonntagSbl.)

Verantwortlicher Redacteur ; L. Schönchen.

Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.