87
auSzusteigen. Geraden Weges der Hütte zugehend näherte ich mich demFeuerherde unter dem Vorwande, mich ein wenig wärmen zu wollen, weilich vor Kälte ganz erstarrt wäre. „Das ist gewiß ein römisch katholischerPriester" flüsterten sich zwei die Köpfe zusammensteckende Personen zu.Als ich eS bejahte, richtete sich in einem unfern davon stehenden Kette«in dritter Kopf eines alten Mannes in die Höhe. ES war ein dem Todenaher Kranker. Er konnte kaum mehr reden, weinte aber die hellen Thrä-nen, als ich zu ihm hintrat. Er habe schon lange zu Gott geseufzt, sagteer, und eg bereut, in dieß Land gekommen zu seyn, wo es so wenigePriester gebe. Ich hörte seine Beicht an, ertheilte ihm die heil. Kommu-nion (wir nehmen gewöhnlich einige consecrirte Hostien auf unsere MissionS-reisen mit) und die letzte Oelung. Am andern Tag war er, wie ich nach-her erfuhr, bereits gestorben. Wie wunderbar ist der Herr in den Wegenseiner Vorsehung! Einen ähnlichen noch auffallenderen Vorfall hatte ichschon früher einmal gehabt. '
Endlich heimgekehrt ruht man von allen Strapazen aus, und ziehtnach ein paar Tagen auf ein neues zu Feld. An Arbeit fehlt eS hiernicht. Deutsche Katholiken, in Gemeinden gesammelt, gibt eS bloß imbrittischen Oberkanada , und diese sind unserer Obsorge übergeben. Ganzaus Deutschen bestehend sind nur zwei derselben, wovon jede beiläufig1000 Seelen zählt. Dann gibt es aber noch drei andere mit Jilänvernund Franzosen gemischte. In Allem mögen bei -1000 deutsche Katholikensich hier befinden, mit 5 Kirchen und andern Missionsplätzen, wo manauS Mangel an Capellen in elenden Hütten den Gottesdienst hält. Eineder schönsten Kirchen werben wir hier in New-Germany bekommen, dieselbst in Innsbruck sich gut auSnehmen würde. Sie ist ganz von Steinengebaut (was hier eine Seltenheit ist), hat 8 große Fenster, einen geräu-migen Chor und hübschen Thurm, der nach amerikanischer Bauart, durchdie Emporkirche aufsteigend, 75 Fuß sich erhebt. An Geld haben wirhiezu nicht mehr als 900 Thaler verwendet, während sie anderswo auf3000 Thaler zu stehen gekommen wäre. Allein Holz und Steine liefertendie Leute umsonst, und alles, alt und jung, sogar Weiber und Kinderwaren thätig beim Baue. Die 900 Thaler wurden bloß durch freiwilligeBeiträge in einem Jahre zusammengebracht. Sie hat zwar noch keinenFußboden, und die Mauern sind von innen und außen nicht verputzt; in-dessen wird schon seit dem ersten Adventsonntage regelmäßig darin Gottes-dienst gehalten, und ich sah schon Leute, die 9 und 10 Stunden weit ent-fernt zu demselben herbeikamen. Von dieser Kirche und ihrem Patron,dem heiligen Bonifacius , hoffen wir Heil und Segen für alle deutschenKatholiken in Kanada, daß recht viele verirrte und verwahrloste Kinderunserer heil. Kirche hieher pilgern mögen, und ausgesöhnt mit der aller-besten Mutter in treuer Liede bei ihr verharren. Unterdessen flehen wirzum Herrn mit den Worten des 79. Psalmes: „Gott der Heerschaaren,wende dich zu unS: schau vom Himmel und steh, und suche diesen Wein-berg heim, den deine Rechte gepflanzt hat, und baue ihn aus!" Inunserer zweiten Residenz, in Wilmot, 9 Stunden von hier, wo zweiParreS von unS mit einem Bruder sind, hatten wir unlängst eine schöneFeierlichkeit — eine Glockenweihe! Die Glocken, die zusammen 130 Tbalerkosteten, und wovon die eine 3, die andere 2 Zentner wiegt, wurden nochan demselben Sonntage aufgezogen und geläutet. O! wie viele weintenvor Freude, daß sie das Glück erlebt, wieder einmal festlichen Glocken-klang zu hören!
Unsere Wirksamkeit ist aber nicht auf diese zwei Orte beschränkt.DaS Land ist in Districte oder TownshipS getheilt. Vier solche Town-syips mit den angränzenden Orten, wo kein Priester hinkommt, sind unSzur Besorgung übergeben. Jenes, wo ich bin, hat 8000 Bewohner, wo-von beiläufig 1500 Katholiken sind. In den zwei angränzenden Town-stzipS, wohin ich alle 6 oder 8 Wochen fahre, ist bis jetzt weder Capellenoch Schule. Ich möchte gern beides bauen. ES ist aber hier kein Geld,ja in manchen Häusern kein Kreuzer zu finden. Alles geschieht hier aufCredit und gegen Umtausch anderer Artikel. Die meisten Einwohner sindblutarme Jrländer. Indessen sind die- Priester bei ihnen gut versorgt undin großer Verehrung. In allen Schulen wird, deutsch und englisch gelehrt.Hier in New-Germany sind 120 und oft mehr Kinder in der Schule. Ineinem Jahre lernen sie lesen, schreiben, rechnen, etwas Geographie undGeschichte, deutsch und englisch. Sind sie einmal zur österlichen Commu-rtion gegangen, besuchen sie die Schule nicht mehr; denn sie sind zu Hauseunentbehrlich, und man hätte auch nicht Platz für sie.
Wir haben unser Häuschen hier nun recht wohnlich eingerichtet, undfür unsern Lebensunterhalt ist vollkommen gesorgt. Die Leute bringen unSalle Viktualien in reichlicher Menge. MelasseS (das die Stelle dcSHonigS vertritt und auS den Zuckeibäumen bereitet wird) ist im Ueberflußvorhanden, und steht dreimal deS TageS in allen Haushaltungen auf demTische. Butter und Milch ist hier viel süßer und bester als in Europa;
Hühner, wilde und zahme Tauben, Fische und Schwciuflcisch gibt eS genug.Beinahe alle 20 Schritte sprudelt aus lebendiger Quelle srischeS und gesun-des Wasser empor. Es ist unser Neudeuischlanv der gesundeste Ort inOberkanada. Von 1000 Seele» starb, so lauge ich hier bin — über einhalbes Jahr — ein einziger 80jähriger Mann. Sogar eine Zeitung fehlthie und da nickt; doch für die Zeitung fehlt die Zeit. Am Ostersonntagwerde ich in einem kleinen Städtchen 12 Meilen von hier englisch unddeutsch predigen, und dann in einem andern nicht weit davon gelegenenStädtchen französisch und englisch. — Diesen Winter fuhr ich zweimal nachHamilton, und einmal nach Toronto . DaS sind schöne und großeStädte. Ich beneide sie aber um ihre stattlichen Häuser nicht. Anfangsersckrack ich zwar über unser ärmliches und winziges Blockhäuschen, inwelchem Kücke und Refektorium ganz identisch und unter der Erde ange-bracht ist. Nachdem ich aber öfter in den elenden Hütten der Jrländer,auf schlechtem Lager, aller Kälte des kanadischen Winters preisgegeben zu-gebracht hatte, finde ich, daß unser Wohnhaus ein wahrer Palast ist,worin sich'S recht gemüthlich wohnen läßt, während das Feuer den ganzenTag und bis in die späte Nacht im kleinen eisernen Ofen brennt. „I,,8iguickum ogenteg, multos gutem UoeupIolantoZ." DaS tröstet und versüßtdie Arbeit!
Ich erhalte so eben zwei Briefe vom Generalvicar zu Toronto ,worin er mich dringend bittet, i» eine 100 Meilen von hier befindlicheMisston zu gehen. Sie hat einen Umkreis wie ein paar Kreise von Tirol,und ich hätte nur von einem Ort zum andern herum zu reiten, um dieösterlichen Beichten aufzunehmen. Allein ich kann unsere deutsche Missionnicht auf so lange Zeit aufgeben. — Einer unserer Väler, P. Lacking,Superior in New-Uork, erhielt vor Kurzem ein päpstliches Breve, woriner von Sr. Heiligkeit zum Bischof von Toronto ernannt wird. Ob er eSannimmt, weiß ich noch nicht.
Der Erzbischof von Baltimore hat den heiligen Vater eingeladendem römisch katholischen Concil im Mai d. I. beizuwohnen, und die ganzekatholische Bevölkerung der vereinigten Staaten (anderthalb Millionen)und Protestanten von allen Benennungen freuen sich schon dem gefeiertenPapst PiuS IX. einen herzlichen Willkomm entgegen zu rufen. Doch, er»st ja noch in Europa ? Eines unserer Blätter sagt: „Wir dürfen behaup-ten, daß in der ganzen christlichen Welt hier allein der Papst sich voll-kommener geistlicher und kirchlicher Freiheit erfreuen könnte."
Wir empfehlen unsere ganze Mission in da« heilige Gebet!
P. Iohann Holzer 8. 1. (K. Bl. a. T.)
DaS christliche Verein-wesen in Botzen. *)
Der WohlthätigkeitSsinn und praktische Verstand der Botzcner habensich, wie zu allen Zeiten, so auch unter den Wirren und gewaltigen An-forderungen der Gegenwart glänzend bewährt. Davon gibt, neben so
vielen nützlichen Anstalten aus der Vorzeit, das glänzende Resultat* der
von Herrn I)r. Gaffer veranstalteten Sammlung zur Errichtung einesObergymnasiumS Zeugniß. Davon geben namentlich auch Zeugniß dievon dem geistlichen Hrn. Kukstatscher errichteten Mädchenschulen, nämlichdie Näh- und Strickschule und die unter Mitwirkung edler Damen undBürgerinnen jüngst i»S Leben getretene blühende Kleinkinderbewahranstalt.Unermeßlich ist der Segen, den diese Anstalten bereits gestiftet haben.
Nicht nur sind eine Menge Töchter armer Eltern dem Beitel und den
damit verbundenen Lastern entrissen und zu braven und geschickten Dienst-boten und Hausfrauen herangebildet worden, sondern auch auf mancheEltern dieser sonst verwahrlosten Geschöpfe hat deren Erfolg heilsam zurück-gewirkt. Sie haben sich an dem Beispiele ihrer Kinder erbaut und gebes-sert. Wetteifernd mit den edlen Frauen sind nun auch die Männer zusam-mengetreten, ihrer 250 an der Zahl, um den armen Knaben eine ähnlicheSorgfalt zuzuwenden. Diese Knaben werden durch den Verein mit Klei-dung, Speise und den Schulbedürfnisien versehen, zum Schulbesuche an-gehalten, bei braven Bürgern und Bauern als Lehrlinge untergebracht undin der Lehre überwacht. Diese Nacheiferung der Männer hat nun denEifer der Frauen zu neuen Fortschritten entflammt und in ihnen den äußerstheilsamen, vortrefflichen Gedanken angeregt, einen eigenen Verein zu Gun-sten der erwachsenen, auS der Schule und auS der Pflege deS ersten Ver-eines auStretenden armen Mädchen zu stiften. An diesen ist unendlich vielGutes zu thun. Im gefährlichsten Alter treten sie, der Aussicht und Lei-tung gewohnt, in das gesellige Leben über, wo tausenderlei Gefahren undLockungen ihrer harren. Sie dagegen in Schutz zu nehmen, bei bravenHausfrauen in Dienste zu bringen, in allen nützlichen Kenntnissen undFähigkeiten weiter zu bilden und ihnen in ihrem moralischen Wandel die
*) Aus dem Tiroler Wochenblatt.