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9 (17.6.1849) 24
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Neunter Jahrgang.

I V. Juni L84S.

Aufruf an die deutschen Katholiken.

Von Dr. Büß')

Katholiken des deutschen Reichs!

Unser Elend stammt schon lang her. Jenes hohe Reich, wie eSKirche und Staat an Weihnachten des Jahres 800 im freien Bund PapstLeo IH. und Karl der Große gestiftet, das unter die Einheit der Nationdie freien Stämme in frischer Eigenthümlichkeit geeint, und die von beidengetragene Herrschaft der Welt gebracht, das der Nation nach innen denFrieden, nach außen die leitende Geltung in der Menschheit gegebeneS leuchtete stets nur kurze Zeit in unserer Geschichte. Nach kurzemGlan, trat immer eS in längere Nacht zurück der Nation nur eine stolzeErinnerung, eine kühne Hoffnung. Und immer schwächlicher ist eS gewor-den, bis in den Wechselstreit der Kaisermacht und der Landeshoheit undandere daran sich hängende Zerwürfnisse deö Glaubens Spaltung zerrüt-tend eingefahren und daS Reich inS Grab gelegt. Was das deutscheVolk noch an Kraft gerettet, der 30jährige Krieg hatte eS aufgezehrt; indem westfälischen Frieden hatte die Nation durch die Hingabe ihrer Welt-geltung und ihres Stolzes eine falsche Ruhe, nur einen Scheinfriedenerschachert, und von dieser Zeit an hin und her geschleudert zwischen feind-licher Verwüstung und heimischem Selbstverderb in jener seuchenarligenAtome yingeiränkelt, welche alle Kraft der Selbstentwicklung, alles Mann-hafte bis zum Grunde ausgezehrt. Von da an hatte sie jene Schwäche^beschlagen, welche schon vor dem Kampf am Siege gezweifelt, und jeneSchaam, welche stets daS Bewußtseyn der Schuld ist. Das Vaterlandlebte und zuckte nur noch in Stücken fort, und verwüstend wirthschaftetejene Kleinstaaterei, welche alles nationale Große nicht einmal begreift,'vielweniger thut. AUeS Gemeinsame zerbröckelte in jene philisterhafte Pedan-terei, welche »ach der einen Seite Hoffart, nach der andern KnechlSsinnzeigt. Wahrhaft wie ein Rcttuiigöfieber ist die französische Revolution indieses deutsche Elend Herabgefahren und hat die in Winkeln herumliegendenKräfte der Nation zum Widerstand herausgefordert. Aber Verrath undHoheitsgelüste der Reichsfürsten senkten im Jahr 1806 daS deutsche ReichinS Grab, und erst die Mißhandlung durch den fremden Eroberer rief dieNation zur Schaam und zur Erinnerung. Da zuckle wieder deutsche Kraftund deutsches Leben; kaum waren aber die Schlachtenhekatomben am AltardeS Vaterlandes gefallen und daS Kreuz des Friedens auf den Schlacht-feldern wieder aufgerichtet, da hat das alte Elend von vorn wieder an-gefangen.

Dem Feind, den die Deutschen kaum bezwungen; haben sie eSnachgemacht.

Die absolutistische Wirthschaft deS französischen JmpcrialiSmuS, vo^dem sie feig hingeknieet, haben die Einen in ihrer Verwaltung zwerghaft^fortgeführt, die andern holten über'm Rhein den modischen Constitutiona->liSmuS, um ohne Blick auf nationale Noth und Sitte ihn dem Volk als;Mummenschanz aufzuhängen. !

Niemand hat die Freiheit auS deS Volkes herrlichem Eigenwesenausgeschöpft; so sind wir über ein Vierteljahrhundert im Joch der fremd-ländischen Formelrepräscntatiou fortgegangen; verworrener ist es immer indem Staat geworden, und theurer und leerer auch und wüster in denKöpfen: das öffentliche Leben war voll Mißtrauens, WirrsalS und Künst-lichkeit; die Parteien vertobten sich in den Formen, spaltungSsüchtig, lügen-haft und elend.

So ist der Kernguß deS alten nationalen Reichs in bröcklichte Ge-schiebe zergangen. DaS nationale Gewissen war verstummt: große Ge-sammtüberzeugungen fehlten, wie sie früher als Standarten ganze Stände

') Aus seinem in Frankfurt erscheinenden: Katholischen Vereinsboten.

durch Jahrhunderte hin geleitet. Mit dem Genie,'»glauben erstarb auchder Gemeinsinn und die dadurch allein zu befeuernde Hingebung an daSGemeinwesen. So elendiglich war aber der kernige Felsenflötz, der sichüber deS Reichs weite Lande hingegossen, zertrümmert, weil die Kirche,die ihm Kilt und Bindung vorweg gewesen, entzwei gegangen, und dieseSpaltung sich in endlos vielen, weiten Trennungen wicdcrgcbärend durchdaS ganze vielfache Leben der Nation sich soit- und durchgesetzt.

Alle die spaltigen Meinungen und Interessen hatten früher sich ineinem der Nation angeeigneten höheren Positiven ausgeglichen. Jetzt waraber Alles frei geworden, der Staat war von. Reich, der Glaube, dieSitte, die Schule von der Kirche abgelöst: Alles ging auS einander, dieNation am weitesten. Der Staat hat seine Ablösung von. Reiche und denKitzel seiner Landeshoheit zuerst und schwer gebüßt. Nachdem er denMenschen von der Autorität der Kirche losgebunden, um ihn allein inBeschlag zu nehmen, hat dieser ihm angethan, was selbst der Staat früheran der Kirche verschuldet; der Einzelne als Einzelner wollte herrschen, nurder aus dem Willen der Einzelnen zusammengeblasene Gesammtwille solltegelten; und weil er durch die zerstörten Stände nicht mehr zu einem Ge-sammtauSspruch sich einigen konnte, so setzte ,er sich in die repräsentativenKammern nieder, und regierte selbst, statt des Volkes Rechte und Inter-essen gegen die Regierungen zu wahren. So waren die Regierungen zurlevren Lewiamkeit herabgesunkcu: sie waren in dem Karren der wechselndenKammermehrheiten scheinbar duldend fortgegangen, die sie aber oft genugüberlistet. Start zu herrschen, hatten sie gedient. DaS hätte sich nochDulten lassen, hätten nur die Mehrheiten die Freiheiten, Rechte, AnliegendeS Volkes selbst vertreten. Allein die Repräsentation war gefälscht: nichtDie Stände waren waren vertreten, sondern die Meinungen und diese nichtalle: Advocaten, Professoren unv derlei Leute besetzten die Kammern, abernicht das Volk. DaS Ganze war eitles Parteigetrieb. Die eine Parteitrieb die andere von, Ruder und regierte dann wie die andere fort: daSBeamtenunwesen rieb niederdrückend jede nationale Regung auf. Und wiejetzt Standschaft und Regierung einander überlisteten, beide von der stetsdichter wuchernden Bureaukratie betrogen, so logen Bundestag und Landes-regierungen einander unv beide die Nation wetteifernd an. DaS AuSlandhalte seine Freude unv seinen Hohn an uns.

Dieser Zustand war unerträglich, aber zum Glück bis zur Wurzelfaul. Jeder Verständige sah nahen daS Gericht. Da schlug im Hornungvorigen Jahres der Blitz der richtenden Revolution in die organisirte Kor-ruption Frankreichs, nicht plötzlich: eine Verschwörung hatte den gro-ßem Theil deS Erdtheilö unterwühlt, auch Deutschland. Die Regie-rungen waren gewarnt worden; sie waren blind geblieben. Kaum wardie Republik über dem überraschten Frankreich errichtet, so schlug die Loheüber den Rhein. Die alten Liberalen stellten bereit sich zusammen;Heppenheim, Heidelberg, daS Vorparlament sahen Revolutionäre in Glanz-handschuhen. Da offenbarte sich die Erbärmlichkeit der Regierungen; faul!hiS inS Herz zeigte sich dieser ganze gouvernementale Quark; faul bis inS^Herz zeigte sich der Wust politischer Parteien, feig, schwächlich feig zeigte!sich das Büraerthum und im Volk eine Grundsatzlosigkeit, eine Verwahr-losung, eine Verwilderung, welche schlimm für die Bildung und Sittlichkeitzeugte, die ganz Europa uns willig zuerkannt. Da trat an daS Licht>daö namenlose Elend, welches Alle verschuldet; die Knechtschaft und die!Muthlosigkeit der Kirche, die VolkSentfremdetheit des StaatS, die Selbst-sucht der Parteien, die Entwurzeltheit der Sitte, der UeberzeugungSverrathder Schule, allum die Entmannung des öffentlichen Lebens. Und allei Schuldigen haben schon ihre Strafe. Alle die politischen Windmacher,! welche der März 1848 auf die Höhe gewühlt, sie sind zurückgesunken ,nden Staub; der März 1849 hat sie gerichtet. WaS die Verschwörungzur Bewegung deS vorigen JahreS gethan, das hat ihre reine Fluth