Ausgabe 
9 (17.6.1849) 24
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getrübt und ist untergesunken; nur das Volk hat die Märzerhebung reinund gewissenhaft aufgenommen. Groß war der Jammer im Anfang undgroß ist der Jammer in der Gegenwart und doch ist größer der Gewinnder Umwälzung. Die Wiedereroberung der Selbstbewegung des Volksund Jedermanns im Volk ist ein Gut, daS zehn Revolutionen werth ist.Wir haben eS, und keine Gewalt soll eS uns wieder rauben. Die Nationhat sich fühlen gelernt, und sie wird alle Jene niederwerfen, die sie ver-kleinern. WaS gesund ist in dem Volk, daS darf jetzt frei sich regen,Jedes zeigen seine Macht und seinen Werth. Jede Kraft hat Raum undRecht. DaS ist viel, daS ist unendlich viel. Jetzt steigen aus der Brustder Nation, nicht mehr beklemmt durch den Alp der Bureaukratie, dieeigenen Wünsche, nicht die angelogenen, die eigenen Anliegen und die eige.neu Kräfte.

Am hurtigsten wollten jene Strebungen in daS Feld der Freiheitstürzen, welche die Unnatur des bisherigen StaatS am engsten niedcrgefes-sclt hatte, und welche am heißesten in der Brust deS Volks geruht.Für diesen Glauben stellte daS katholische Volk zuerst die junge Freiheit indaS Feld. In allen Gauen Deutschlands sammelte sich daS katholischeVolk in Vereine für Freiheit der Kirche und des Unterrichts; in den wech-selndsten Formen, reich, wie deutsches Leben, zogen diese Einungen ihrBand über die deutsche Erde, bald mit engerem, bald mit weiterem Ziele.Aber wie die Nation auS ihren neuer Freiheit sich erfreuenden Stämmenzur Einheit sich sehnte, die ihr zur Stunde noch nicht geworden, so sehn-ten sich die katholischen Vereine zu ihrer Einheit. Der Verein von Mainz ,der älteste, erwarb dieß Verdienst. (Folgt nun eine Aufzählung der Ver-einSsatzungen.) _

Freiheit ein trauriges Beispiel. Wohl kenne ich eine Aufgabe für diePiuSvereine, die ihrer wahrhaft würdig und ihr Andenken im Segenerhalten müßte, und ich will sie hier auch aussprechen, selbst auf die Ge-fahr hin, mich einer scharfen Kritik auszusetzen: die PiuSvereine, als! getreue Kinder der katholischen Kirche , müssen, wie diese, über den politi-! schen Parteien stehen. Ist das einmal den PiuSvereinen möglich geworden,so sollen sie weiter gehen, sie sollen Hand anlegen, um die sich alle Tage! zwischen den Parteien immer mehr kundgebende Spaltung so viel als mög-lich aufzuheben, die immer gähnender und weiter werdende Kluft auszu-füllen, die immer weiter gehenden Ertreme zu versöhnen. Könnten diePiuSvereine das bewerkstelligen, so retteten sie Deutschland vom Bürger-kriege, vielleicht vom Untergänge. Aber welch' riesenmäßige Anstrengung,

! welch' ungeheure Arbeit, welche Opfermuthigkeit, welche Leidenschaftslosig-keit dazu gehört, um solches auch nur im Geringsten verwirklichen zu kön-nen, kann und darf ich mir nicht verhehlen. Aber, wenn wir bedenken,wie daS Christenthum die ganze Welt unterworfen, wie zwölf schlichteFischer den Grundstein zur Cultivirung der ganzen Menschheit gelegt, wienamentlich bettelnde Mönche aus dem deutschen Urwald einen blühendenGarten gemacht haben, wie sollten wir da noch zweifeln, daß, wenn derHerr mit u»S seyn wird, nicht auch wir dieses Vorhaben zu erreichen imStande wären. Unmöglich ist eS nicht die Annahme der Unmöglich-keit dieses Projektes straft die christliche Geschichte Lügen aber zuvör-derst gehört der Muth dazu, an'S Werk zu gehen und wenn wir Muthhaben, ist kein Hinderniß unübersteiglich. (Neue Sion.)

Die PiuSvereine.

München , 10. Juni. Die PiuSvereine sind namentlich deßhalbinS Daseyn getreten, um die Freiheit der Kirche durchzusetzen. Genaubetrachtet, ist jetzt schon der Zweck ihrer Existenz ein halb, vielleicht einganz politischer. Es mag seyn, daß man diese Politik unter der RubrikKirchenpolitik begreift, gewiß aber ist, daß von anderer Seite, alsvon kirchlicher» die Freigebung der Kirche auch als eine ganz in das Gebietstaatlicher Politik eingreifende Sache betrachtet wurde. Wenn aber schonder Zweck ihrer Existenz ein politischer Zweck ist, so wird man die PiuS-vereine nicht mit einem Streich vom politischen Gebiete rein weg in daSkirchliche versetzen können. Sollte aber nur Kirchenpolitik im Bereiche derAufgabe der PiuSvereine liegen, so befürchte ich, es möchte die Theilnahmevon Seite der Laien an diesen Vereinen sehr gering werden. Abgesehendavon, daß die meisten Laien vom kirchlich-politischen Interesse wenig ver-stehen, würden sie auch gegen dasselbe als eine ihnen und ihrer SphäregrößtentheilS fremde Sache ganz gleichgiltig bleiben. Will aber der PiuS-verein zu einer bloß kirchlichen Bruderschaft zusammenschwinden, so müßteich seine Existenz als eine überflüssige bezeichnen, denn Bruderschaften gibt«S ohnehin genug. Ober soll der PiuSvercin nur für so eine Art Con-ferenz unter den Klerikern und vielleicht einigen verständigen Laien gelten,um sich über die neuesten kirchlichen Tagesfragen gegenseitig aufzuklären?Dann scheint er aber wieder überflüssig, denn solche Konferenzen findenohnehin statt und wer nicht Gelegenheit hat, solche zu besuchen, der haltesich an eine kirchliche Zeitschrift, wo er alle diese TageSfragen besprochenund nach allen Seiten hin beleuchtet finden wirb. Es bleibt demnach nureine Aufgabe mehr den PiuSvereinen übrig und diese ist die Bekämpfungder geistlichen Bureaukratie. Aber wie will der Piusverein hier je zueinem erfreulichen Ziele kommen, wenn die Stützen und Träger, die Be-günstiger und Protektoren, die Urheber und Erhalter dieser geistlichen Bu-reaukratie, die doch die höchsten Aemter im Kirchenregimente bekleiden, sichnicht an daS Streben dieser PiuSvereine kehren wollen? Wir sehen alsoWohl, die Politik aus dem Kreise der PiuSvereine ganz verbannen zuwollen, ist eine todtgeborne Anstrengung und heißt die PiuSvereine ver-nichten. Sie können nie ganz von Politik abstrahiren, weil, wie wirgesehen haben, schon der Zweck ihrer Existenz ein mehr oder minder poli-tischer ist. Aus derUnabhängigkeit der Kirche vom Staate" allein müssensich eine Unzahl neuer politischer Fragen ableiten, die, will der PiuSvercinkonsequent seyn und nicht den Zweck seiner Existenz vergessen, von ihm^nicht Übergängen werden können. Zwar ist eS ganz klar, daß der PiuS-^ den Todesstoß zu geben, nicht, wenn er wirklich

sich auch aufs politische Gebiet hinaus verirrt, eine einseitige und aus-schließliche Politik einschlagen dürfe; die da z. B. zum blinden Verfechterder Monarchie und zum ungerechten Lästerer der Demokratie sich hergäbe.Wohin das fuhrt, davon haben wir in München an unserm halb religiö-sen, halb politischen Verein für konstitutionelle Monarchie und religiöse

Die AuSwanberungsfrage, eine Angelegenheit derkatholischen Vereine Deutschlands.

Bei dem jüngsthin zu Köln abgehaltenen Congresse der katholischenVereine Rheinlands und Westfalens wurde von Herrn Maler Fr. Baudrider Antrag gestellt:Der katholische Verein Deutschlands mögedie Uebersiedelung auS den bedrängten Theilen deS Vater-landes nach den untern Donauländern (zunächst nach Un-garn ) mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auszu-führen suchen." Dieser Antrag wurde mit ungetheiltem Beifalle auf-genommen, aber die Beschlußfassung darüber der allgemeinen Versamm-lung des katholischen Vereinö Deutschlands in Breslau über-wiesen. Der Herr Antragsteller hatte die Güte, zu diesem Zwecke seineMotion in nachfolgenden Zeilen näher zu begründen.

Die Satzungen deS katholischen Vereines Deutschlands enthalten u. A.folgende Bestimmungen: II. 8- 7:Der Verein stellt sich die Aufgabe: ci.zur Hebung der herrschenden socialen Mißverhältnisse und Uebelstände nachKräften beizutragen." Und 8 8.:Zur Erreichung seiner Zwecke wird derVerein sich aller gesetzlichen Mittel bedienen, namentlich deS freien Ver-sammlungs- und Vereins-RechleS, deS PetitionS -Rechtes und des Rechtesder freien Rede und der freien Presse; wie er auch durch Verbreitung gu-! ter Schriften und Bücher der geistigen und durch Ausbildung und För-derung aller Werke der christlichen Nächstenliebe der leiblichen Noth deöVolkes zn steuern sich bemühen wird."

In diesen beiden Paragraphen ist jene Thätigkeit deS VereineS unzwei-deutig bezeichnet, in deren Bericht der obige Antrag Rheinlands und West-phalenö fällt, und bedarf eS wegen dieser klaren Bestimmung keines wei-gern Beweises, daß der Antrag zur Berathung und Beschlußnahme deö^katholischen VereinS Deutschlands geeignet ist. Sein Umfangkönnte allerdings von manchen Seiten Bedenken erregen, die aber vor derBetrachtung schwinden müssen, daß der Umfang der Thätigkeit eines, durchso viele Vereine ganz Deutschland umfassenden Vereines nothwendig einsehr weiter und mächtiger seyn muß, wenn er den Anforderungen entspre-chen soll, welche aus allen Theilen des Vaterlandes, auS allen Schichtender Bevölkerung an ihn gestellt werden. WaS dem einzelnen Menschenund selbst dem engern Vereine nicht möglich ist, das darf immerhin diegesammte Kraft aller Vereine des Volkes versuchen, und keine Aufgabedarf ihr zu schwer erscheinen, wenn in ihrer Lösung daS wahre Wohl deSGanzen gefördert und dem Einzelnen Besserung oder Erleichterung ver-schafft wird.

Wenn außerdem in der Lösung solcher Aufgaben der Verein an Kraftund Ausdehnung gewinnt und seine Thätigkeit dadurch auch nach anderenRichtungen hin wesentlich unterstützt wird, dann ist eS Pflicht desselben,sich eines StrebenS zu bemächtigen, daS von den segensreichsten Folgenwerden kann.

Zur richtigen und vollen Würdigung der AuswanderungSfrage sindvornämlich drei Beziehungen in'S Auge zu fassen: