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lichen Ordnung und Freiheit, die Zukunft angehöre, welche deS Unterrichtsund der Erziehung der Jugend sich bemächtiget. Gerade in der Schulftagehaben die katholischen Vereine eine sehr hohe, nach unserm Dafürhaltennoch nicht genug erkannte oder dargelegte Wichtigkeit. Dem katholischenVolke fehlt noch durchweg die rechte und tiefe Einsicht in die Mangel undGebrechen deS seitherigen Schulsystems und in den tiefsten Grund derselben.Eine Aufklärung darüber, eine Enthüllung der Absichten, Pläne, Mittelund Wege der Gegner deS, nur allein durch die Kirche zu pflegendenchristlichen Elementes und Geistes in der Schule, die gebührende Zurecht-weisung der Verdächtigungen, welche von Seiten der modernen, aufgeklär-ten, emancipationssüchtigen VolkSschuliehrer und ihrer Freunde wider dieKirche »nv deren Ansprüche, die zunächst darauf sich gründen, daß sie dieeinzige und rechtmäßige Mutter der Schule ist, ausgestreut werden — alldieß ist nur in Vereinen möglich, wie auch andere Gegenstände von derallergrößten Wichtigkeit, wie z. B. die socialen und politisch-kirchlichenFrage», die Vorfrage» bei Wahlen n. s. w. nur in denselben mit der noth-wendigen Gründlichkeit besprochen und behandelt werden können.
Endlich ein dritter Punct ist die Hebung und Pflege deS kirchlichenLebens, welche mit dem VereinSwesen auf daS Engste zusammenhängt.Dieß ergibt sich schon einfach aus der Thatsache, daß an manchen Ortenaus vorhandene» Bruderschaften die katholischen oder PiuS-Vereine sich
gebildet, und diese dann jenen wiederum neue Lebenskraft und Jugend-frische zugetragen haben, an andern dagegen die Vereine jetzt schon dieMutter kirchlicher Verbrüderungen geworden sind, und allerwärtS das Be-dürfniß und Verlangen nach solchen geweckt haben. Die Frier kirchlicherFeste hat durch die Gesammttheilnahme der Mitglieder eines VereinS einenbedeutenden Aufschwung genommen: bei Processtonen und andern ähnlichenAeußerungen deS kirchlichen Geistes gibt sich größere Andacht, sckönere
Ordnung kund, als vordem der Fall war, und, wie Schreiber dieses schonmehrfach wahrzunehmen Gelegenheit hatte, wirkt ein Verein nach dieser
Seite hin weckend und belebend nicht nur auf den Ort selbst, an dem er
bestehet, sondern selbst auf eine ganze Umgegend.
Damit haben wir nichts Neues, und selbst nicht einmal etwas Voll-ständiges gesagt; wir wollten auch nur, nach dem Scipionischen AuSspruche:eaotorum oenseo, von Neuem anregen, damit in den bestehenden Vereinendie Thätigkeit erhalten, und da, wo solche noch nicht vorhanden, zurGründung ungesäumt geschritten werden möge. Der Beginn ist nicht soschwer, wie Manche in ihrer Aengstlichkeit glauben mögen — und mit demAnfange ist schon das Allermeiste gethan.
Kirchliche Reisebilder. *)
Mit wehmüthigem Gefühle greife ich zur Feder, um mit schwachenZügen das kirchliche Bild Deutschlands zu zeichnen. Wenn ich an dieTage denke, wo ich heiteren Sinnes die üppigen Fluren BayernS , dieromtliitischen Ufer deS Rheines, und all die lachenden Gauen und gewerb-reichen Stätte durchwanderte, und damit den jetzigen Zustand vergleiche,da weht eS mich kalt an, und ein undeutscher Zug — die Melancholie —umspielt meine Züge. So wechseln die Dinge auf Erden. Im verflosse-nen August blickte man in Deutschland wie von einer ruhigen Warte aufdaS tief zerrissene und gcwilterschwangcre Oesterreich herein; jetzt, wo nochkein Jahr verflossen, werfen wir Oesterreicher den Blick über unsere schwarz-gelben Schranken hinaus, und betrachten daS grollend über Deuschlandsich zusammenziehende Wolkenmcer mit bangem Gefühle, obwohl die Warte,auf der wir solche Betrachtungen anstellen, gerade keine ruhige und gefahr-lose zu nennen ist. Wohin wird das noch führen? so frägt pochend dasbesorgte Herz. Sollte eS möglich seyn, daß daS neu erwachte Strebenfür Realisirung der edelsten Güter der Menschheit mit dem Falle Deutsch-lands zusammentreffe? Soll daö Morgengold der Freiheit zugleich dieblutige Abendröthe für ein Volk seyn, das selbst in seinem rohesten Natur-zustände eine Frcya zur Gottheit hatte? Soll dieses Volk, das bisher wieeine Leuchte den Völkern Enropa'S in Wissenschaft und Cultur voranging,zum Schleppträger eines fremden Herrn sich herabwürdigen, oder unfähig,ein einig Reich zu bilden, seine edelsten Kräfte versplittern, und zum Spotteder Welt sich geberden? Nein, nein, daS wird es nicht, denn deutschesBlut ist edel, tapfer, herzlich, aufrichtig, fromm und gotteSfürchtig, undnur jene Leute, die in ihrer feigen Brust Hochverrath brüten gegen Königund Vaterland, und daS gutmüthige Volk aufreizen, um eS am Narren-seile zu führen, schänden den deutschen Stamm, denn sie basten daS Licht
und die offene Ehrlichkeit. Diese möge man anfeinden und meinethalbenmit Spott und Hohn abfertigen, aber über eine ganze Nation wolle mannicht so leicht den Stab brechen, noch dazu über eine solche, welche sotolerant gegen alle andern Nationen sich bezeiget, wie dieß die deutschethut. Ich habe in meinem ersten Reisebilde (Belgien ) vorhergesagt, daßdie zwei nachfolgenden mehr Schatten enthalten werden. Der Anfang mitdem wehmüthigen Eingänge ist gemacht, und ich werde nochmal auf daSdarin Gesagte zurückkommen. Für jetzt möge sich die Stirne glätten unddas Auge freundlich erheitern, denn der gewaltige Donausturm, welcherdaS Dampfschiff sammt seinen Passagieren außer Engelhardszell ansGestade trieb und beinahe an einem hervorragenden Felsen stranden ließ,ist vorüber, und ein lieblicher Regenbogen umschlingt die Berge der beider-seitigen Ufer. Ich will die gütigen Leser nicht mit Landschaftsschilderungenoder Ortsbeschreibungen behelligen, sonst könnte ich über so manche Gruppeinteressante Details liefern, aber sie gehören nicht zu einem kirchlichenReisebilde. Darum schweige ich auch über die majestätische Lage vonPassau, dem alten bischöflichen Sitze, welcher einst weit und breit hindas Centrum christlicher Bildung und Sitte war, gleich den drei Wässern,welche die Mauern dieser Stadt bespülen, und im Angeflehte derselben sichbrüderlich mengen und mischen. Auch an der berühmten Walhalla, die ich an einem so herrlichen Abende wie später den Hafen zu Antwerpen sah, fahre ich vorüber und lande in Regensburg.
Ein gelehrter Historiker sagt von den alten Städten Deutschlands, sie stehen da wie versteinerte Capitel auS der Geschichte einer großen Ver-gangenheit. Diese Worte gelten besonders von Regensburg. Jeder Thurm,jede Kirche, ja fast jedes HauS weiset hin auf die große Rolle, welcheeinst diese Stadt auf politischem und kirchlichem Gebiete zu spielen hatte.Reichstage und Synoden, Krönungen und Friedensschlüsse, sie wurden hiergepflogen. Lange stand ich in stummer Bewunderung vor der HauptfacadedeS gothischen DomeS, welche von den letzten Abendstrahlen beleuchteteinen doppelt liefen Eindruck auf mich machte; ich wenigstens muß aufrich-tig gestehen, daß selbst der Kölnerdom für den ersten Augenblick mich beiweitem leerer ließ. TagS darauf las ich an einem der ungemein lieblichenSeitenaltäre deS Domes die heilige Messe, und besah dann daS Inneredesselben. Ist das eine Majestät und Herrlichkeit, eine ergreifende Ein-fachheit, die das Herz erschüttert! Man fühlt die Nähe Gottes und ver-gißt nicht, daß man in einem Tempel ist. O möchte doch auch unserSt. StephanSdom in Wien solch glückliche Restauration erfahren, möchtesich ein kunstverständiger Mäcen daran machen, und daS ehrwürdige Ge-bäude seines heterogenen Schmuckes entledigen — so dachte ich mir imStillen. An dem Grabe deS heiligen Wolfgang und St. Emeram bin ichlange Zeit sinnend gestanden. Was wirkten jene Männer, und was wir-ken wir? Jene Zeit, in der sie wirkten, gilt für barbarisch, und wir dün-ken uns weise und im Zenith der Cultur! Wo sinkt die Wagschaale??Ich war theilweise froh, als ich inS Freie kam, und von den Terrassender leider unvollendeten Thürme Hinausschauen konnte auf die üppigenSaaten und die stolz dahin wogenden Fluchen der Donau. Die Erde istso schön und die Menschen verleiden sich selber das Daseyn! Die andernMerkwürdigkeiten übergehe ich, und ziehe eS vor, in einem Gcsammtüber-blicke dem gütigen Leser zunächst die kirchlichen Zustände BayernS vor-zuführen, wie sie sich auf meiner Wanderschaft mir aufgedrängt haben.Ich wiederhole es, eS ist ein subjectives Urtheil, das ich fälle. Was zu-nächst den religiösen Sinn deS Volkes betrifft, so ist dieser in Bayern bereits ein charakteristisches Kennzeichen geworden. Das Landvolk gehtgerne zur Kirche und hängt meistentheilS mit Ehrfurcht und Vertrauen anseinen Seelsorgern. Auch in Städten sind die Kirchen stark besucht, beson-ders fiel mir dieß in München und Augsburg auf, so wie ich über-haupt letzterer Stadt eine Lobrede über ihre solide katholische Haltung zuspenden gesonnen wäre. Man merkt den Leuten an, daß sie wirklich beten,und nicht bloß die Hände falten und die Lippen bewegen, es ist ein Gebetvom Herzen heraus, mit aller Frische, der innigen Ueberzeugung. Wennöftere Kommunionen, GebetSvereine u. dgl. ein Abzeichen deS Ultramon-tanismuS sind, so sind die Mehrzahl der Bayern Ultramontanen. Gott -lob! Auch der gewöhnliche Bürger lieSt nebst dem politischen Blatte gerneein religiöses, und folgt mit Aufmerksamkeit der Entfaltung deS katholischenLebens in anderen Ländern. Ich bin mit ganz ordinären Leuten zusam-mengetroffen, die sich über kirchliche Ereignisse, und insbesondere religiöseControversfragen sehr bündig auszudrücken wußten. Gegen die königlicheFamilie trägt der Bayer eine kindliche Pietät, wie ich mich dessen selberzu überzeugen Gelegenheit hatte; (über das Verhältniß mit der weilandspanischen Tänzerin spricht er schonend und entschuldigend). Den Prote-stanten gegenüber fand ich die Katholiken tolerant und gefällig, nirgendshorte ich beleidigende Ausdrücke, wohl aber schien eS mir, als ob in dengemischten Städten die Leute viel belesener und gebildeter wären. Doch