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9 (8.7.1849) 27
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frühere, sondern die ganze, die unverkümmerte Freiheit gewährt ist, wasmuß stell jetzt daS Volk unter der Freiheit, welche erst noch kommen undder Antheil Aller werden soll, denken? Offenbar nichts anderes, als dieEntfernung aller Schranken, durch die sich der Egoismus und die Leiden-schaft noch gehemmt sieht. Freiheit wird so viel heißen, als thun dürfen,was man will. Der Arbeiter wird sich frei denken, wenn er eine Stellungeinnehmen kann neben dem Arbeitgebendcn: der Schuldner wird sich freifühlen, wenn er nicht mehr gerichtlich zur Zahlung angehalten werdendarf; der sünvenlüsterne Mensch wird unter Freiheit die Antiquirung deralten Sittengesetze, und die Aushebung der häuslichen Ordnung und Zuchtverstehen; der Rohe wird damit daS Recht meinen, an Jedem, welcherihm in den Weg tritt, die Faust zu versuchen. Allein nun haben wirnicht die Freiheit, sondern die Widersetzlichkeit, die Zügellosigkeit, die Will-kür, die brutale Gewalt, die Unterdrückung und Knechtung deS Schwä-cheren durch den Stärkeren. Ja, die Freiheit, welche sich nicht unter daSGesetz und seine Ordnung beugt, ist ungezügelte, maaßlose Willkür; und^weh' Dem, welcher in ihre Hände fällt. Diese Freiheit ist wesentlichDespotie: sie spannt Alles, was sie erreichen kann, an ihren Wagen, undwenn es nicht ziehen will, treibt sie eS mit Peitschenhieben vor sich her.Sehen wir auf Die hin, die da vor Kurzem Freiheit ausriefen für Alle.Ihr Auftreten war Gewaltthat. Sie fragten nicht, Wer ihre Ueberzeugungtheile, und mit ihnen ziehen wolle; sie befahlen den Zuzug unter Be-drohung mit Gefängniß und Tod.

Kirchliche Reisebilber.

(Fortsetzung.)

Man lernt eS begreifen, wie das kirchliche Leben in Bayern sichmehr und mehr heben konnte, wenn man die Bischöfe kennt, welche dieeinzelnen Diöcesen leiten. Ich hatte nur die Ehre zwei bayerischen Bischö-fen mich vorstellen zu können, zu Bamberg und Würzburg , und ichmußte ein Land glücklich preisen, daS solch würdige Oberhirten zieren.?Diese apostolische Einfachheit, diese schlichte und vertrauenerweckende Freund-!llichkeit, diese zarte, unwillkürlich aus allen Worten hervorleuchtende Fröm-!migkeit muß aller Herzen gewinnen, und die Schäflein heranziehen miftdem sanften Zuge gläubiger Liebe. BayernS Episkopat, so wie ich ihnaus öffentlichen Blättern und mündlichen Urtheilen, die ich entgegen nahm,kenne, steht jehrenvoll da im deutschen Baterlande, und die Würzburger -Synode war an ihrem entsprechenden Platze. ES sind meistentheilS jün-gere Kräfte, welche den Hirtcnstab mit starker Hand zu führen vermögen,mitunter Schüler deS unsterblichen Bischofs Sailer, dem überhaupt Bayern Vielen Dank schuldet, was kirchliches Leben und religiöse Wissenschaft an-belangt. Dafür hängt auch das Volk, ich möchte sagen, mit Andachtund Verehrung an seinen Oberhirten, und ich war tief ergriffen, als ichin RegenSburg vor dem Grabmale deS frommen Bischofs Wittmann meh-rere Personen knieen, weinen, und die kalten Hände des Monumentesküssen sah. Das Volk hat ein gut Gedächtniß für wahrhaft Gutes, undes fehlt oft nur daran, daß der schlummernde Sinn für das Gute inselbem geweckt und gepflegt wird. Eine solch kindliche Verehrung einesBischofes ist in Oesterreich selten, denn wir haben manche unserer Bischöfemehr fürchten, als lieben gelernt. Würdig stehen den Bischöfen die

Domcapitel an der Seite, welche wahre Muster der Gelehrsamkeit

und Frömmigkeit bergen! Man braucht nur an die Namen: Benkert,Allioli, Windischmann, Mätzler, Zarbl, Schmid und den noch vor wenigenJahren die alte RatiSbona zierenden Dicpenbrock zu erinnern. So ist eSrecht, der Veirath deS Bischofes soll eine coroua surea seyn, und durchWürde und inneren Gehalt daS Ansehen desselben erhöhen und der gutenSache durch Wort und That Vorschub leisten, äcl regis exsmplsr totuscomponitur orbw gilt auch hier. Der jüngere und mindere Klerus?klammert sich an die erprobte Stütze, und hegt Vertrauen zur kirchlichen ^Behörde. Mir ist ein so tolles und volles Schimpfen über geistliche Be-hörden, wie eS bei uns in Oesterreich manchmal getroffen wird, in Bayern

nicht vorgekommen. Wer trägt die Schuld daran? UebrigenS muß man, ^was daS äußere geistliche Leben anbelangt, daS östliche Bayern von dem!westlichen unterscheiden. Der rheinpfälzische Geistliche bewegt sich in der^Regel leichter, die öffentliche Kritik hat ihm keine so engen Gränzen gezo-gen, wie allenfalls seinem Mitbruder im Frankenlande, so wie meinesWissens die Jgnatianischen Erercitien häufiger an dem Lech und der Jsarsich vorfinden, als an den blauen Fluchen keö Rheines. Dort herrscht sozu sagen, mehr klösterlicher Geist, hier mehr weitläufiger und geselliger.BieleS mag dazu die Nähe Frankreichs und daS Zusammcnwohnen miteiner überwiegenden Anzahl von Protestanten beitragen. DaS wissenschaft-liche Element findet wohl seine gebührende Stellung in den Seminarien,

natürlich in verschiedenen Diöcesen verschieden, allein die Mehrzahl der inBayern erscheinenden Bücher beweiset, daß die asketische Bildung die mehrgepflogene ist. DaS ist gut und billig, und ich wünschte vom Herzen,vaß jene Zeit sich wiederholen möge, in der die Bernarde großen Einflußübten auf Generationen hinaus, und zwar durch die Tiefe deS Gcfühle-und die überwältigende Macht ihres sutenreinen Charakters. Aber ichhalte dafür, daß unsere Zeit noch höhere Ansprüche macht an den jungenStreiter der Kirche. Mag sey», daß wir durch die Macht eines gutenBeispieles die bereits katholischen Gläubigen uns erhalten, aber das istnicht genug, wir jollen auch andere, die nicht zu nnS schwöre», anziehenund hereinführen in den wahren Schafstall Christi. Dazu gehört aber dieKlugheit der Schlange eben so gut, als die Einfalt der Taube. In soferne hat eS mir sehr wohl gethan in Würzbnrg einen Priester zu treffen,der über speculative Theologie tiefsinnige Studien gemacht hatte, obwohlsein Beruf ihn zunächst nicht auf den Katheder führte.

Um das kirchliche Bild Bayerns , so weit eS mit so wenigen Pinsel,strichen möglich ist, zu vervollständigen, kann ich über die religiöseKunst, die in diesem Lande neu erwacht ist, nicht schweigen. Durch diefreigebige Huld König Ludwigs ist München zum deutschen Athen gewor-den, und eine Unzahl von Fremden, die jäbrlich seine Schätze besuchen,verlassen befriedigt diese der Kunst geheiligten Mauern. Die wunderherr-liche gothische Ankirche, daS colossale Prachtdenkmal der Bonifaciuskirche,die Ludwigs- und Hofkirche allein sind werth, daß man nach München reiset. Schon oben habe ich die kunstvolle Restauration des alten Domeszu RegenSburg erwähnt; ich habe hier nur noch den B am berge rdom,diesen seltsamen Mischling von byzantinischer und gothischer Baukunst nach-zutragen, und auf den Dom nach Speyer hinzuweisen, der in Schmuckund Ehre, in Gold und Farbenzier neu zu prangen beginnt, einekaiserliche Pracht, wie sie den Todten gebührt, die daselbst ruhen. DaSsteinerne Räthsel" scheint sich zu lösen, und dasriesige Gedicht" ver-standen zu werden, denn wie eS in MolitorS Domliedern heißt:

Wa- frech zerstört der WälscheMit Schwert und FciirrSgluth,

Auf« Neue will e« bauen

De« Deutschen frommer Muth."

(Fortsetzung folgt.)

Prag.

Prag , im Mai. ES gibt Momente, wo daS Innere deS Menschenoffener vor dem Auge des Beobachters daliegt; es gibt solche Momenteauch bei Völkern. DaS Fest Leg heiligen Johannes von Nepomuk war ein solcher Moment. Deutlich war eS da zu schauen, welche Mächteim Reiche der Gemüther walten; jede derselben kämpft nach ihrer Art,jede ringet nach der Oberhand. Wie wird sich die Religion bewähren?Man sah mit Spannung dem Feste entgegen. Viel wurde gethan, umdas religiöse Leben herab zu stimmen; viel wirkte daS Aergerniß zum Ver-derben, welches von Thoren und von Schwachen kommt; daS öffentlicheBekenntniß deS Glaubens schien von einer Partei verpönt; dazu kam nochder Umstand, daß auf daS Fest die Stadt Prag und ein bedeutender Um-kreis in Belagerungszustand erklärt werden muhte, und daß sich in Folgedessen weithin die schauerlichsten Gerüchte verbreiteten: und dennoch sahman von allen Seiten die Fähnlein einher flattern, und dennoch vernahmman die weichen slawischen Weisen auf allen Wegen, unterbrochen vonkräftigem deutschen Gesang. ES ist nicht zu läugnen, die Pilgerschaarwar nicht so zahlreich wie wir sie in ruhigern Tagen sahen; eS fehltejene Heiterkeit und Frische, welche diese Andacht sonst auszuzeichnen pflegte;aber wie daS Fest war, gab eS einen überzeugenden Beweis, daß vielreligiöser Sinn in dem Volke wohne, der sich nach Weckung sehnt, undder gehörig geweckt und geleitet kräftig genug ist, um allem Uebel zubegegnen. Wir sehen darum mit großen Erwartungen hin auf die Ver-sammlung unserer Väter in Wien , und harren mit Sehnsucht deS Augen-blickes, wo unS ein Führer gegeben seyn wird. Jetzt ist der Drache mitdem rothen Kamm wiever mit fester Faust niedergeworfen; aber wie er sichringelt und windet, ist zu ersehen, daß er nicht verenden wird; ihnmuß die Macht deS Kreuzes bannen.

Zur Erhöhung deS Festes trug unsere gütigste Kaiserin Annaein Großes bei, indem sie der heil. Märterin und Landespatronin Lud»milla einen Altar bauen ließ, welcher zum Feste enthüllt wurde. Dietodt dahin gesunkene HI. Blutzeugin ist ein Meisterstück der Skulptur; dervaterländische Künstler Mar hat eS auS kararischem Marmor geschaffen.Ein sinnreicheres Denkmal hätte die hohe Frau im Dome nicht hinterlassenkönnen; denn eS drückt Ihre eigene Hingebung für die Religion eben so