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er habe ihm aufrichtig vergeben. AIS wahrer Anbeter Jesu, als treuerDiener seiner heiligen Religion wollte sich aber Heinrich nicht bloß gerechtgegen seine Unterthanen bezeigen, er lieble sie auch als Christ mit christ-licher Nächstenliebe. StetS war er darauf bedacht, sein Volk nicht mitgroßer» Abgaben, als nöthig war, zu belasten; Kriege mit andern Völ-kern suchte er, ein stets sieggekrönter Held, so viel als möglich zu vermei-den, denn er wollte daS Blut der Menschen, seiner Bruder, schonen;besonders aber unterstützte er in hoher Freigebigkeit die Armen, unter-drückte sorgfältig die Mißbräuche und Unordnungen, beugte den Ungerech-tigkeiten vor, sicherte das Volk gegen Bedrückungen und steuerte jeder Noth,so viel nur immer in seinen Kräften lag. Man hätte meinen sollen, baßer auf Erden keine andere Erben hinterlassen wollte, alö die Nolhleiden-den; wo er hinkam, schüttete er reiche Almosen in ihren Schooß und ver-breitete allenthalben den Ruhm seiner Milde und Liebe.
Wie groß, wie verehrungswürdig steht dieser Kaiser vor unS da,geschmückt mit Regententugenden, wie wir solche nur an dem Muster eineschristlichen Fürsten suchen dürfen: mit Gottesfurcht und Selbstbeherrschung,mit Gerechtigkeit und Weisheit, mit Kraft und Liebe! Und welchemStamme sahen wir diese herrlichen Blüthen fürstlicher Tugenden entwach-sen? Dem heiligen, fruchtbaren Stamme wahrer, lebendiger Religiösität.In christlicher Treue und Liebe seinem Gott ganz ergeben, verlor HeinrichIhn als sein höchstes Gut auch auf der obersten Spitze irdischer Machtnicht aus den Augen, und dafür schenkte ihm Gott Gnade, daß er seinVolk mit Weisheit und mit Glück regierte.
Doch zum wahren Heile eines SlaateS genügt es nicht, daß die Re-ligion bloß auf dem Throne herrsche; auch inS Volk muß sie tief und leben-dig eingedrungen seyn, damit ein gotteSfürchtigeS Volk vereint mit seinemfrommen Fürsten dahin strebe, daß der Name des Herrn geheiligt werde,daß Gottes Reich zu ihnen komme, daß der Wille deS Herrn geschehe wieim Himmel, so auch auf Erben. Der Weisheit des hl. Kaisers Heinrichwar^dieß nicht verborger geblieben, daher sein Bemühen, wahre Religiositätbei seinem Volke zu verbreiten und zu beleben.
Ein Brief von BaldegamaS.
Die socialen und politischen Bewegungen der Neuzeit haben zu ver-schiedenen historischen, philosophischen und religiösen Forschungen Anlaßgegeben. Ueber daö zur modernen Frage geworbene Verhältniß derReligion zur Civilisation hat sich unlängst der spanische GelehrteMarquis Don» so Valdegamas, gegenwärtig Gesandter zu Berlin, in einem Briefe an den französischen Pair Montalemdert ausgespro-chen. Wie wahr und treffend vom katholischen Standpuncte auS in diesemBriefe „über die große Erinnerung und große Hoffnung," zwischen welchenbeiden der Mensch steht, geurlheili wird, hierüber mögen die Leser entschei-den, denen wir einige Stellen im AuSzuge mittheilen.
„Die Bestimmung der Menschheit ist ein tiefes Geheimniß. Ueberdieses Geheimniß erhallen wir einen zweifachen Aufschluß. Katholicismusund Philosophie sind bamir einverstanden, die Menschheit müsse dahin stre-ben : vollkommene Civilisation zu erreichen. Aber die Civilisation, welche derKatholicismus im Sinne hat, ist himmelweit verschieden von dem, was diePhilosophie '*) unter Civilisation versteht. Vereinigen lasten sich beide Ansich-ten nicht. Man muß entweder zu der einen ober zu der andern sich entschließen.Eklektisch zu Werke gehen, das heißt mit den Grundsätzen der einen undu»it den Folgerungen der andern einverstanden seyn, solch ein Verfahren wärernit den Dcnkgesetzen nicht vereinbar. Es gründet sich aber die katholischeCivilisation auf die Ansicht, baß die menschliche Vernunft die Wahr-heit weder finden noch erkennen kann rein auS sich selbst, doch kann siedieselbe sehen und erkennen, wenn sie ihr gezeigt wird. Der mensch-liche Wille kann ferner das Gute nicht wollen und nicht vollbringen auSsich selbst, doch kann er eö wollen und vollbringen, wenn ihm dabei ge-holfen wird, diese Hilfe erlangt er aber nur, wenn er sich einem höhernWillen unterwirft. Es kann also die menschliche Vernunft die Wahrheitnur sehen, wenn eine untrügliche Auctoriläl sie ihr zeigt. ES kann dermenschliche Wille das Gute nur wollen, wenn er eingeschränkt ist durchdie Furcht vor Gott . Sobald die Vernunft sich von der Kirche, der Willesich von Gott emancipirl , dann regiert der Irrthum und die Schlechtigkeitohne Damm in der Welt und zwar um so mehr, als Vernunft und Willedurch die Sünde geschwächt sind. — Die moderne philosophischeCivilisation hingegen geht von der Ansicht aus, daß daS Wesen desMenschen vollkommen sey. ES könne die Vernunft des Menschen die Wahr-
*) Laldcgamas meint hier natürlich nur die falsche, die vom Christenthum ganzabsehende, die eben herrschende pantheistische Philosophie. D. R.
heit erkennen rein aus sich selbst. Es könne der Wille zum Guten sichentschließen und es vollbringen, wie cS ihm gefällt. ES komme die sichselbst überlassene Vernunft zur Wahrheit, der sich selbst überlassene Willekomme zur Ausübung deS Guten. Würde die Vernunft nie gehindert inihrem Streben nach Erkenntniß und würbe der Wille nie gehindert in seinerThätigkeit, so gäbe eS nichts „BöscS" auf der Erde. Je freier daher dieVernunft wäre von den Banden und je freier der Wille, desto vollkomme-ner wäre der Mensch. Daher wäre cvnsequent die Menschheit am voll-kommensten, wenn sie
Gott nicht anerkennt, sondern dieses göttliche Band verwirft, fernerwenn sie
die Regierung nicht anerkennt, sondern dieses bürgerliche Bandzerreißt, dann wenn sie
daö Eigenthum nicht anerkennt, sondern dieses sociale Bandzerstört, endlich wenn sie
die Familie nicht anerkennt, sondern gegen diese häuslichen Bandesich sträubt.
Wer mit diesen Folgerungen nicht einverstanden ist, der kennt die modernephilosophische Civilisation nicht an. Wer aber die philosophische Civilisationnicht anerkennt, und eö auch nicht mit dem Katholicismus hält, der gehtin eine Wüste von Irrthum. — Gehen wir nun von der theoretischen Fragezur praktischen über, nämlich zu der Frage: Welche von beiden Civilisa-tionen wird im Laufe der Zeit den Sieg davon tragen? Ganz gewiß diephilosophische. Damals, als der Gerechte seinen Leiden entgegen ging,kamen dre Engel-Legionen nicht vom Himmel, um sich seiner anzunehmen.Warum sollten sie heut zu Tage, da nicht ein Gotlmeusch an das Kreuzgeschlagen wird, sondern da ein Mensch den andern kreuzigt, sich bewogenfinden, hinabzusteigen? Warum seilten sie heut zu Tage Herabkommen, daunser Gewissen uns zuruft, daß in dem großen Trauerspiele Niemand ihreDazwischenkunsl verdient; nicht diejenigen verdienen sie, welche daS Opferseyn werden, und nicht jene, welche die Henker sind. Hienieden siegtgewöhnlich endlich das Schlechte über daS Gute . Den Sieg über daSSchlechte hat sich, so zu sagen, Gott selbst vorbehalten. Was zeigt dieSündflulh an? Den natürlichen Sieg deS Schlechten, und den über-natürlichen Sieg GolteS. Was ist ersichtlich beim Tode deS Heilan-des? Der natürliche Sieg des Schlechten, und der übernatürliche SiegGotteS. Am Ende der Welt, sagt die Schrift, wird der Antichrist herr-schen und dann folgt das Gericht. Was wird sich bestätigen bei dieserKatastrophe? Der natürliche Triumph deS Schlechten über daS Gute undder übernatürliche Triumph Gottes über daS Schlechte. — Freilich könnteman mir entgegnen: „Wenn dem so ist, so hören wir aus zu streiten fürdaö Gute." Nein! Der Streit ist für uns Katholiken eine Pflicht undnickt eine Spcculation. Danken wir Gott, daß er unS zum Kampfe an-gewiesen hat. Die Weise betreffend, in welcher dieser Kampf geführt wer-den soll, meine ich, es sey zumal die Presse zu benützen. Zeitschriftenmüssen dazu dienen die Wahrheit zu verbreiten und zu vertheidige». Ebenin bewegter Zeit sind die Menschen geneigt zur Belehrung, daher eben jetztauch der gewöhnliche Mann zum Lesen seine Zuflucht nimmt. So verderb-lich Revolutionen auch seyn mögen, daS Eule haben sie doch, daß sie imGlauben befestigen und den Glauben in ein schönes Helles Licht setzen. —Dieser Brief, aus welchem die voranstehenden Citate genommen sind, wurdevor einigen Wochen zu Berlin geschrieben. Durch die Uebersctzung verliertdie Diction an Schönheit und Kraft. Wünschenswert!) aber wäre es, wennauch in unserm Vaterlande intelligente, überzeugte, katholische Männer,Juristen zumal und Aerzte, sich entschließen möchten, die Journale zu be-nützen, um ihre Ansichten über die TageSfragen öffentlich kund zu geben.
Kirchliche Neisebilder.
(Fortsetzung.)
Wenn man daS Herz Deutschlands durchzieht, so muß eS ein kirch,lich gesinntes Gemüth unangenehm berühren, daß man bald bei Protestan-ten, bald bei Katholiken Nachtherberge nehmen muß, und eS wird einembei Erwägung dieses MißstandeS leichter begreiflich, wie Deutschland ver-gebens nach Frieden und Einigkeit hascht. So lange die Divergenzen sichum Dinge drehen, die in daS innerste Heiligthum deS Menschen eingreifen,um Glauben und religiöse Ueberzeugung, so lange wird weder ein Natio-nalconvent, noch eine octroyirte preußische Verfassung Deutschland einigmachen, und eS wird sich das kaustische Wort eines Dichters bewähren,der da fingt:
O Deutschland, Deutschland , Du bist bei Gott,
Von Innen zerrissen, nach Außen ein Spott.