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Am meisten überwältigten mich derlei trübe Gedanken zu Frankfurt ;— doch die werven den umflorten Hintergrund meines ReisebildeS abgeben.Für jetzt soll eS noch ziemlich heiter bleiben und freundlich, so freundlichund heiler die Rheinufer sind. ES ist ein ergreifender Anblick — dasalte Moguntinum, bespült von den bläulichen Fluchen des AllvaterRheines. Ernst und kosende Romantik reichen sich hier die Hände. DieCharakteristik deS Rheinländers ist bald beisammen; der Grundzug seinesLebens ist Religion, alles andere reihl sich um diese Grundanschauung,wie die einzelnen Atome um den krystallnen Körper. Seine Ueberzeugungist warm und innig, eS glicht Las Auge und schlägt höher das Herz,wenn der Mund sich öffnet zum Lobe des Herrn. Die Kirchen sind nochmehr besucht, als in Bayern, und das Verhältniß zu den Seelsorgern,hier Pastoren genannl, ist ein kindlich vertrauendes. Die Geistlichen habenin ihrem Aeußeren etwas sehr Ehrwürdiges. Die Svutanelle, die sie inder Regel tragen, kleidet gut und priesterlich. Gegen Fremde ist man amRhein besonders artig und zuvorkommend, eö sind mehr poiirle Sitten, dieeinen ästhetisch guten Eindruck und die romanlische Rhcinfahrt doppelt un-vergeßlich machen. Ich will keine Rainen nennen, sonst würbe ich vonMainz angefangen über Koblenz und Bonn bis Eöln hinab einen Calalvgverfertigen müssen. Vielleicht kommen einigen der so gefälligen Herrendiese Zeilen zur Hand, sie mögen ihnen ein schwacher Dolmetsch meinerdankbaren Gesinnung seyn. Zwei Erscheinungen, die ich am Rhein traf,find zu wichtig, als daß ich sie übergehen könnte. Ich meine das Kölner-dombaufcst unv die PiuSvereine. DaS Kölnerdvm Laufest war einegroßartige Demonstration der katholischen Gläubigen, eS war ein Triumph-fest für die Kunst und Leren heilige Pflegerin, die Kirche. Der alte Domprangte in jugendlicher Frische, und so unbefriedigend der erste Eindruckwar, als ich ihn eine Woche früher mit Gerüsten umklammert, und von,Schütte entstellt fand, so herrlich und majestätisch stand er jetzt vor mei-nem stalincnden Auge. Welche Kühnheit des Gewölbes, welch colossaleDimensionen, welch herrlicher Schmelz der allen und neuern Glasmalerei!Wahrlich dieß Denkmal allein wird ewig Kunde geben von der einstigenGröße deS deutschen Volkes, eö ist ein würdiges Symbol der erst zuvollendenden deutschen Einheit. Die pompösen Fackelzüge, Processionenu. s. w. übergehe ich, und will nur erwähnen, Laß ich mit eigenerLebensgefahr den Erzbischof Getssel am Altare sah, umrungen von denanderen erzbischöflichcn Gästen, und im weiten Chöre den Erzherzog-NeichS-verweser und den lorgnetlirenden König von Preußen, unv all die Depu.tirten der deutschen Nationalversammlung. ES war ein hartes Opfer,das ich dem Dombauseste brachte; denn eö gab nur Schaugcnüffe, keinegeistigen, man war zu bewegt und zerstreut, und Schaugepränge sättigenbald. Darum verließ ich schon am dritten Tage des Festes die „heilige"Lolviiis, froh einer doppelten Lebensgefahr, ceS Erdrückens im Dome,und der zufälligen Steinigung bei der Ankunft veö preußischen KönigS inDüsseldorf glücklich einkommen zu seyn.
Roch ein schöneres Monument hat sich der neuaufblühende Katholi-cismus in den PinS vereinen gesetzt. Die großartige Idee, welchediesen Vereinen zu Grunde liegt, besteht darin, daß die Laien für dieRechte der katholischen Kirche einstehen, und mir Wort und Schrift für dieFreiheit derselben kämpfen. Wenn ganz Deutschland einmal von diesenVereinen durchzogen ist, dann wird man Las Gute, LaS sie stiften, ersterfassen können; denn die Macht der Association ist die mächtigste Machtder Gegenwart. Zur soliden Association gehört aber eine solide Basis,und in dieser Hinsicht stehen die PiuSvereine auf der solidesten, und tragendaher in sich selber die Bürgschaft der inneren Kraft und bleibenden Wirk-samkeit. Der Anstoß dazu wurde meines Wissens ui Mainz gegeben, unddas feierlich ausgesprochene Wort fand freudigen Nachklang in den übrigenProvinzen. Ich besuchte zwei solche Vereine, zu Mainz und zu Burl-scheib bei Aachen , und die Stunden, die ich daselbst verlebte, gehörenzu den genußvollsten meiner Reise. Wo noch so kräftiger Sinn für Rechtunv Gesetz, so viel Liebe zur Kirche im Volke lebr, da ist noch nicht zuverzweifeln, und wenn man an verschiedenen Orten meint, daS deutscheVolk habe sich überlebt, so möge man die heilige Willenskraft, die noch imKern LeS katholischen Volkes liegt, nicht übersehen. Ein Baum kannkranke Auswüchse haben, wenn man aber diese vom Stamme schneidet, sowird der Baum noch viel schöner blühen. So stelle ich mir daS künftigeGeschick Deutschlands vor. Entweder überwuchert daS Unkraut den gesun-den Baum, oder man entfernt von ihm daS erstere. Die PiuSvereinehaben nach meiner Ansicht als Hauptaufgabe, die gesunde Kraft im StammedeS deutschen Volkes zu erhalten; wenn auch sie Deutschland keinen höhe-ren Impuls verleihen, dann verzweifle ich, denn dann hat Deutschland aufgehört katholisch zu seyn, und in sporadischer Zerrissenheit werden sich
Völker und Fürsten , Städte und Länder trennen, und ArndtS Geist wird,ein verhexter Genius, die Lüfte durchziehen und ächzen: Wo ist deS Deut-schen Vaterland? Die Art und Weise, wie die Versammlungen gepflogenwerden, beweist, daß man am Rhein viel mehr parlamentarischen Taktkennt, als bei unS im neuerwachten Oesterreich. Der Präsident, wo mög-lich ein Laie, handhabt mit Geschick die Glocke, und die einfachsten Bür-ger hielten freie Vortrüge über religiöS-sociale Tagesfragen. WaS miralö Fremden besonders wohl that, war die herzliche Freundlichkeit mit derman mich und meine Neisecollegen aufnahm, ich fühlte mich so heimisch indiesen Vereinen, waren eS ja nicht bloß deutsche, sondern waS noch mehrverwandt macht, katholische Brüder, die mir traulich die Hand reichten.ES drängte mich zum Worte, das man mir gerne zugestand, und waSmir die überwältigende Macht deö Augenblicks eingab, erhielt den freund-lichsten Beifall. Anfangs nahm ich etwas Anstoß, daß (in Burtscheid )die Veisammlungen beim vollen Glase stattfanden, — allein der Rhein-länder vergißt auch beim Glase nicht, waS dem Katholiken zieme, unddie nüchterne Heiterkeit steht ihm sehr wohl an. In Oesterreich dürftediese Praxis nicht räthlich seyn. An den PiuSverein schließt sich der con-stitutionell-mvnarchische Verein in München an, den wir gleichfalls besuch-ten. Als Curiosum davon erwähne ich nur, daß man, als wir von einemMitgliede eingeführt um das Wort baten, dasselbe wohl zugesagt erhielten,aber nicht an Mann bringen konnten, weil die Sitzung früher geschlossenward. Man schien den jungen Gästen aus Wien nicht völlig zu trauen,weil erst vor einigen Tagen verkappte Jünger der Wiener -Aula für einefälschlich den Münchnern von letzterer verehrte Fahne sich hatten fetirenlassen, bis der vorsichtige Bürgermeister ihnen daS Handwerk legte. Ichkann diese bescheiden ausholende Höflichkeit dem Münchnervereine, obwohlsie mir anfangs wehe that, nicht übel nehmen; denn in einer wirren Zeitist Vorsicht und Klugheit absolute Nothwendigkeit. Wir nahmen Abschiedund schwiegen; jetzt aber kann ich mir'S nicht versagen, dieses Erlebnißwie einen satyrischen FaunuS in mein Reisebild hineinzumalen.
(Schluß folgt.)
Wohin bist du, blitzschlcudcrndcr Poct,
Mit deiner L eder blul'gem Zorn geflüchtet,
Willst du dem „hcil'gcn" Kampfe dich entzich'n,
Da Feindes Schwert die Neih'n-dev „Brüder" lichtet?
Sangst du nicht einst in blutgetränktem Haffe:
„Zum letzten Kampf der Frci.hcit eine Gasse;"
Und da.die „FrcÜjeil" quillt aus. tausend Wunden,
Bist spurlos du. wie ein Atoni^fferschwunden!
Sich deines Fluches blut'gcs.Äöort erfüllt:
„Reißt sie heraus die Kreuze aus der Erden,
„Der Deutschen Zukunft klirrt in blankem Erz,
,Ja alle sollen blanke Schwerter werden!"
Hast du nicht Jene nur als „Frei" gepriesen,
Die sich die Freiheit in der Schlacht erkiesen;
Und jetzt willst du als Sklave dich verkriechen,
Nicht mit den Deinen fallen oder siegen?
Wer peitschte je so frech und wuthentbrannt
Die „Brüder" zu der „Freiheit letztem Kampfe."
„Gebt mir ein Schwert" erscholl dein rasend Lied,
„Daß ich die Freiheit aus der Erde stumpfe!"
Und nun da tausend heiße Schwerter blinkenSeh'n wir den Jüngling still von bannen hinken!
Hervor aus deinem tbest, du rother Sänger,
Zerschmett're deines „Volkes" stolze Dränger!
Hast du doch einst mit lästerlichem MundSelbst mit dem ew'gen Herrn des Alls gerechtet,
Der „Ring um Ringe an die Kette füLt,
„Die schonungslos die Völker drückt und knechtet:"Und jetzt, da in des Kampf's unset'gem WirrenDie längst gefluchtet, Kelten rollend klirren,
Läßt du die Deinen in so bittern TagenAllein die Wucht der schweren Kette tragen!
O Schmach und Hohn dem feigen Lügenwort,
Das mit dem Blut und Schwerte kokettirte,
Und in erheuchelter Begeisterung
Die stolz Bethörten kalt zur Schlachtbank führte:
Wie willst du vor dem Richter einst bestehen,
Wenn Tausende gen dich um Rache flehen,
Die du mit deiner Lieder grauscm SchalleGestürzet in des Orkus finstre Halle?!
Tafrathshofer.
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen,
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