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viel Interessantes, Ermunterndes, Warnendes, überhaupt Lehrreiches ent-halten; allein so etwas einzusenden in eine katholische Zeitschrist, die eSauch Andern mittheilen unv dadurch zu einem nützlichen Gemeingute machenwürde, dazu versieht sich so ein Mann gar selten. Warum? Entwederaus Bequemlichkeit, was wohl meistens der Fall seyn wird, oder auSVorurlhetten aller Art; äußerst selten dürfte Zeitmangel oder sonst ein be-schwerlicher Umstand zum Hindernisse weroen. Ein Anderer macht in sei-nem geistlichen Berufe treffliche Erfahrungen im Religionsunterrichte oderim Schulwesen oder in der Krankenpflege; — allein dabei bleibt es auch.Unsere Zeitschriften vernehmen nichts von den günstigen Ergebnissen seinerBemühungen, und so entgeht unsern katholischen Blättern mancher vortreff-liche Stoff, der jedenfalls für die Wissenschaft interesftM, besonders abergeeignet wäre, der studirenden Jugend, so wie angehenden Seelsorgernund Lehrern eine gute Vorschule für das weite Feld der praktischen Thätig-keit zu seyn. Wer innern Trieb unv Lust hat, findet gewiß ein paarMußestunden, in denen er solche Erfahrungen, Betrachtungen n. s. w. auf-schreiben kann; und was die öfters verlautende Ausrede anbelangt: „ichbin nicht geübt im Anfertigen solcher Darstellungen, besitze keine Gewandt-heit darin, um schnell und leicht so etwas zu liefern," so liegt die Ober-flächlichkeit derselben klar am Tage. Was man in dieser Beziehung nochnicht hat, kann man sich erwerben, und wirklich würbe die Erfahrunglehren, daß eS nach einigen Versuchen schon gehen würde. ES bedarfübrigens auch gar nicht einmal so vieler Versuche, da ein Jeder durch dieerworbene wissenschaftliche Bildung hinlänglich befähiget ist, um seine Ge-danken und Erfahrungen verständlich niederzuschreiben. Ein Dritter wohntin der Stadt oder auch auf dem Lande und ist Beobachter von Ereignissenund Zuständen, deren weitere Mittheilung für Viele ein großer Gewinnwäre oder doch einen sehr passenden Beitrag zur Charakteristik der Zeit(die ja solche Blätter auch liefern wollen) geben würde. Wie geschwindwäre darüber ein Corrcspondenzartikel entworfen. Aber so etwas erfordertein wenig Zeit und eine kleine Mühe, und beide will man nicht daranwenden. Lieber läßt man ein katholisches Blatt, daS natürlich nur dannrecht vielseitig segensreich wirken kann, wenn es von allen Seiten her eifrigmit Beiträgen unterstützt wird, Mangel leiben unv auS andern Blätternabdrucken, als daß man sich auf eine oder anderthalb Stunden hinsetzteund einen Beitrag zu dem katholischen Blatte lieferte. Man kümmert sichNicht darum, ob die katholischen Blätter nach ihrem Inhalte arm oderreichhaltig sind; sie werden im Allgemeinen von nur gar Wenigen bestellt.Hält sich auch wirklich Einer gemeinschaftlich mit fünf oder sechs Anderneine solche Zeitschrift, so setzt er sich höchstens auf den hohen Stuhl vor-nehmer Kritik und mustert von da herab alle Artikel, die nicht ganz nachseinem Geschmack sind. DaS Bekritteln aber ist eine gar leichte und fürManchen selbst angenehme Sache. Man braucht nur ein klein wenigSchulweisheit zu besitzen; viel Urtheil gehört gar nicht dazu und Mühekostet's ja auf keinen Fall, da man nicht daran Lenkt, eS besser zu machen,und so ist dieß Bekritteln denn eine höchst einfache, mühelose Sache.
Ein Vierter endlich hätte Gelegenheit, manches Interessante auSdem Französischen zu übersetzen, z. B. Conferenzrcden, Abhandlungen,Missionöberichte u. s. w.; aber er thut es nicht; wohl wissend, daß diePresse eine große Macht ist, hat er aber keine Lust, die gute Presse zuunterstützen und zu fördern. Vergebens macht so ein lauer Freund derguten Sache die Wabrnebmung, welche Rührigkeit und Geschäftigkeit aufSeiten der schlechten Presse herrscht, er bleibt still und stumm unv tröstetsich höchstens damit, daß ja Andere schon schreiben werden. Hat die Be-quemlichkeit oder das Vorurtheil sein Ehrgefühl in dieser Sache noch nichtganz zu Boden gedrückt, so schläfert er.dasselbe doch mit dem matthcrzigenFlüstern einer falschen Demuth ein, indem er seinem Ehrgefühl etwa fol«gendeS prosaische Wiegenlied singt: .Wer wollte noch schreiben in dieserohnehin so schreibseligen Zeit, die eine.solche Masse von Drucksachen zuTage fördert, daß die ganze Welt davon überstrichet ist! Da ist Schweigenbesser, als Schreiben; ja Schweigen ist eine Kunst!" — Hier unterbrecheich einen Augenblick das holde Wiegenlied und antworte: „Bei Solchen istSchweigen ganz gewiß keine Kunst, die nur zu träge sind, um in denSchacht ihres Geistes hinabzuführen und dort die edlen Metalle, die Gott in sie gesenkt hat und über deren Verwendung er Rechenschaft fordern wird,an'S Licht zu fördern. Solchen Leuten fehlt eS auS lauter Demuth amMuthe." Weiter lautet die Entschuldigung: „Horaz spricht: noniim >>re-mstur in aiinuin! Also entweder etwas Tüchtiges oder lieber gar nichts!"Antwort: „ES verwehrt dir kein Mensch, etwas Tüchtiges zu schaffen und„nonuin premore in gnnurn," sofern eS etwas Wissenschaftliches oder sonstetwas Schwieriges in der Kunst gilt. Aber du mußt wenigstens etwasTü^tigeS anfangen, sonst bringst du nichts fertig, als ein stilles Zeug-niß deiner Arbeitsscheue." Weiter meinen Andere: „Man kann der gutenSache dienen, ohne daß man schreibt; die That ist die Hauptsache. Die
Apostel haben auch nicht ins Schreiben ihre Hauptstärke gesetzt!" Daraufgeb' ich zur Antwort: „Allerdings ist die That die Hauptsache. Es gibtaber für die Ausbreitung und Befestigung des Reiches GotteS so viel zuthun, daß das Wort: „That" nicht zur Bezeichnung ausreicht; — manmuß sagen: „Thätigkeit," und dazu gehört doch gewiß auch daS Be-fördern der guten Presse durch Beiträge. WaS die Apostel betrifft, sohaben sie freilich meist mündlich gelehrt; ich meine aber doch, eS kommeuns sehr zu Gute, daß sie auch Evangelien und Episteln verfaßt und nichtwie Manche gedacht haben: „das Schreiben können Andere thun!" Mansoll das Eine thun und daS Andere nicht lassen, oder anders ausgedrückt:äffe Wege müssen betreten werden, die zur Aufcrbauung, zum Schutze,zum Troste und zur Belehrung der Gläubigen führen, mag der Weg nunein Weg'der That oder des mündlichen und schriftlichen Wortes seyn;Alles hat der eifrige Diener Gottes zur Förderung der Ehre seines Herrnfleißig zu benutzen. Und welche herrliche Vertheidigungsschriften deS Chri-stenthums weisen nicht die erster« so wie auch die spätern Jahrhunderteauf! Heute noch segnen wir jene heiligen Männer, die solche Schriftenverfaßten! Ja, ewig wird die heilSbegierige Menschheit sie segnen; dennihre Werke reden und predigen jetzt statt ihrer und streuen fortwährendnoch Samen für die Ewigkeit aus. Jede Zeit fordert ihre besondereKampfesweise, und darnach bemißt ein eifriger Streiter Gottes seine Waffen.Er richtet sich um so mehr nach der KampfeSart seiner Zeit, als er denAuSspruch ch.es Erlösers: „die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kin-der deS Lichtes," gerne recht beherzigen möchte. UebrlgenS ist eS mit derAufforderung zur Unterstützung der katholischen Presse auch nicht so gemeint,als müsse der zum Schreiben Befähigte in allen Mußestunden hintcr'mSchreibtische sitzen und Aufsätze liefern; es soll geschehen nach MaaßgabedeS Stoffes, der Zeit und der Fähigkeiten, so daß von einem Solchenwenigstens alle vierzehn Tage, oder alle Monate, oder alle zwei Monateu. s. w. wenigstens Etwas, wenn auch scheinbar Kleines, für die kirch-liche Presse geschieht.
- (Fortsetzung folgt.)
CharitaS, oder das Werk der heilige» Liebe. *)
Eine geheimnißvvlle Kraft wohnt und weht im deutschen Worte:Liebe. So vielfach seine Bedeutungen sind, eine jede mahnt an einenhöheren überirdischen Ursprung. Was den dreipersönlichen Gott in sicheinigt, waS die Welt ins Daseyn rief, den Menschen schuf in seiner Herr-lichkeit, den gefallenen wieder aufrichtete, erlöste und heiligte, ist die gött-liche Liebe. Auch im Menschen, als dem Ebenbilde GotteS, wohnt diehehre CharitaS, die himmlische Liebe; aber nur eines der wechselnden Ge-fühle der Menschenbrust verdient diesen Namen. Die geheimnißvolle Natur-kraft, welche die Sinnenwesen zur Einigung drängt, daß sie in neuenWesen sich fortpflanzen und baß eines das andere nähre und pflege; sie istdie edle CharitaS, von der wir sprechen, nicht. Auch dann, wenn derMensch sich als ein geistiges Wesen und den Mitmenschen als ein WesenSeinesgleichen erfaßt, und vom Mitgefühl bewegt wird, für ihn als seinenBruder zu sorgen, auch dieses Mitgefühl ist noch nicht die heilige CharitaS,sondern nur die allgemeine Menschenliebe (Philanthropie); eine Tugend,die selten reife und nährende Kernfrucht bringt, und die oft in weichlicheGefühle entartet, die dort die Hilfe versagen, wo sie am dringencstenwäre, nämlich dort, wo die Noth in ekelhafter, schauerlicher Gestalt auf-tritt. Die BildungS- und WehlthätigkeitSanstalten, welche als Ablegerdieser philanthropischen Ansichten besonders in den letzten Jahrzehnten auf-tauchten, sind, kaum inS Leben getreteten, gar schnell wieder abgewelkt.Die CharitaS, die ächte christliche Liebe, ist etwas Höhere«, sie ist dieLiebe deS geschaffenen, crlöSte», geheiligten Menschen zu seinem Schöpfer,Erlöser und Heiligmacker. Sie ist unbedingt und schrankenlos, allumfas-send, starkmülhig, ausdauernd, wie der, auf den sie gerichtet ist. DieCharitaS betrachtet den Mitmenschen nicht mehr als ein vereinzeltes Wesen,unS werth wegen der Stammverwandlschafl oder der geistigen Aehnlichkeitmit unS, sondern als ein Kind GotteS, berufen gleich uns zur Gemein-schaft deS Herrn in ewiger Seligkeit, als erkauft durch daS Blut unseresHeilandes, und je versunkener der Bruder unS gegenübersteht, je abschre-ckender sein Elend uns entgegentritt, wir verehren, lieben in ihm daSEbenbild GotteS, den Bruder deS Heilandes. Dieses Gefühl ist jene wun-derbare, heilkräftige Liebe, welche die Apostel des Herrn hinauStrieb in dieweite Welt, um daS Licht und die Gnade deS Evangeliums allen Völkernzu bringen, welche so viele Heilige lehrte, sich alles Vermögens, allerBequemlichkeiten, ja oft der nöthigsten Mittel deS Lebens zu entäußern,
*) AuS dem österreichischen Volkssrcund.