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1) Man lege sich einzelne Blätter zurecht oder mache sich geradezu
ein Notizcnbüchlein, in welches man die guten und praktischen Gedanken,die Einem manchmal beim Studium oder beim Gebete oder auf einsamenSpaziergänger! oder in schlaflosen Nächten mit besonderer Klarheit vor den!Geist hintrclcn, aufzeichnet. Werden diese Gedanken auf diese Weise fest-!gehalten, so erhält man in kurzer Zeit ein Material, auS welchem sick/ohne Mühe ein recht brauchbarer Aufsatz oder eine sehr gute Erzählung!,i. s. w. ausarbeiten läßt. Man braucht auch oft nicht einmal ganzesGedanken zu Papier zu bringen; wenn man nur gewisse Themata aufschreibt!und sie eine Zeit lang zum Gegenstände besonderen Nachdenkens macht, ^wird sich ein erwünschtes Ergebniß finden. Der Verfasser des „Kalenders!für Zeit und Ewigkeit" hat dieß Verfahren schon seit langer Zeit einge-^halten und sehr großen Nutzen darin gesunden. !
2) Man halte sich noch ein zweites Heft, in welches man sich aller«!lei Notizen auS Zeitungen und Büchern verzeichnet. Die Erfahrung lehrt,!daß solche Notizen von großem Werthe sind, indem sich oft ganz uner-!warrct eine Gelegenheit zeigt, diese oder jene Notiz mit Erfolg anzuwen-den. Besonders sollte den Erscheinungen und Zuständen der Zeit eine rechtgenaue Aufmerksamkeit gewidmet werden, da sie für den Aufbau einerbessern Zukunft von der größten Wichtigkeit sind und der so nützliche Ueber-blick über einen dahingeschwundenen Zeitabschnitt nur dann gewonnen wer-den kann, wenn man aus dem Strudel dcS AlllagstreibenS die hervor-!ragenden Momente sammelt und mit Hilfe der Wtedervergegcnwärtigungseiner eigenen Beobachtungen in ein Bild zusammenstellt. Beim Tote desberühmten Geschichtschreibers Johann von Müller fand man in dessen Nach-laß eine ungeheuere Menge derartiger Notizen und Ercerpte vor, so daßman darüber staunen mußte, wie eö diesem Manne möglich geworden war,solchen Fleiß auf so viele Gegenstände zu verwenden. Wie sehr sie ihm zuStatten kamen, wie sehr sie ihm zur Beherrschung seines Stoffes verhal-fen, zeigt ein Blick in seine geistreichen Werke.
3) Wer Gelegenheit hat, in einer Buchhandlung regelmäßig jedeWoche die ncuankommenden Erzeugnisse der Literatur durchzumustern, solltedieß ja nicht versäumen; andernfalls sollte er sich wenigstens daS Wichtigsteaus seinem Fache stets zur Einsicht kommen lassen. Eine solche fortwäh-rende Beobachtung der Literatur führt unS nicht nur manches gute Buchjn die Hände, dessen Gebrauch uns fortan von größtem Nutzen wird; siegibt uns auch ein Bild von den literarischen Bestrebungen unserer Zeit,eine Würdigung der neuesten Leistungen und gewährt viel Lehrreiches undAnregendes.
4 Ferner ist eS nothwendig, daß man sich einige inländische guteZeitschriften unv Blätter hatte. Wären sie für Einen allein zu kostspielig,so findet man leicht zwei oder drei Gleichgesinnte, welche sich an dem Abon-nement betheiligen. Durch daS fortgesetzte Lesen solcher Zeitschriften erwirbtman manchen guten Stoff zu eigenen Arbeiten, sey eö, daß man unvoll-ständig Geliefertes vervollständigt, oder Unrichtiges berichtigt, oder sey eS,daß man Beiträge unv Ausschlüsse über manche der dort behandelten Mate-rien zu geben sich veranlaßt findet. Jedenfalls ist die geistige Anregung,!die man daraus schöpft, hoch anzuschlagen. I
5) Da ausländische Schriften und Blätter, z. B. französische, oft!sehr guten Stoff enthalten, so sollre man auch auf solche sein Augenmerk!richten. Beim Ucbersetzcn solcher Aussätze hat man sich aber besonders zu!hüten (und dieß gilt namentlich den Anfängern), daß man sich nicht allzu!ängstlich an das Original halte. Ich will damit nicht sagen, daß man,seine eigene Phantasie ganz rücksichtslos hinzutreten lassen solle; ich meinevielmehr, man solle da, wo es darauf ankommt, getreu zu übersetzen,!unbeschadet deS deutschen Styls, der immer seine Rechte fordert, eS thun/aber Reflexionen u. dgl., die den Kern des Aussatzes zu sehr mit Hülsenumgeben, entweder ganz weglassen oder doch durch ganz kurze Bemerkun-gen eigenen Nachdenkens ersetzen. So haben eS besonders die Franzosenrm Brauch, an einen an sich kurz zu behandelnden Gegenstand oft einenunendlichen Schwall geistreich scheinender Bemerkungen anzuschließen. Wi/geistreich solche Zugabe aber auch oft erscheinen möge, sie behält, wennsie ins Deutsche übertragen wird, von ihrem scheinbaren Zauber wenig!mehr übrig, weßhaib man so Etwas besser wegläßt und — was ich alsGrundsatz aufstelle — das Original eher bearbeitet, als übersetzt.
6) Auch im Gespräche mir Freunden über diesen oder jenen wichtigenGegcnlland erlangt man oft einen guten Stoss. Ein solches Gespräch kannnicht selten als Vorarbeit für die zu liefernde Arbeit gelten. Man mußnur nicht versäumen, sich nachher die Sache, wenigstens flüchtig, auf'SPapier zu bringen.
(Fortsetzung folgt.)
Kirchliche Reifebilder.
III. S ch'w « i z.
Ein kirchliches Reisebild von der Schweiz zu entwerfen, hat seineSchwierigkeiten; denn Conlrastc sind ein Scaudal in einem Bilde, und anConlrasten ist kein Land so reich als die Schweiz . UebrigenS will ich einenVersuch wagen. Ich habe drei Classen von Menschen hier getroffen:Ultraradicale, Sonderbündler, und solche, die zwischen beiden in der Mittestehen, ich will sie Gemäßigte nennen. Sie werden uns als Staffage welkerunten im Bilde begegnen.
Jn einem äußerst romantischen Thale liegt die Stadt Basel . EineBrücke über den Rhein , der mir nirgends so schön blau dünkte, als hier,verbindet die alte Stadt mit der neuen. Auf einer Anböhe steht das Uni-versitätSgebäudc, daS aber in seinem Innern sehr elendig aussieht — keinwürdiges Asyl der Wissenschaft. ES that mir leid, daß eben keine theolo-gischen Professoren lasen, Hagenbach und de Wette hätten mich sonst in-leressirt. Die Neugierde führte mich in daö städtische RathhauS hinein,wo ich mit einem höher gestellten Beamten zu sprechen kam, der zu meinerFreude und Verwunderung voll deS LobeS über Radctzky, und deS Tadelsüber daS Benehmen WienS war. DaS that einem österreichischen Herzenwohl im August dcS Jahres 1848, und doppelt wohl gegenüber einemrepublikanischen^Schweizer . Der alte Dom, in welchem einst die Vaterdes Concils zu Basel versammelt waren, und der revolutionären Reform,die endlich doch erfolgte, vorzubeugen suchten, ist gegenwärtig eine refor-mirtc Kirche, und um sie kurz zu beschreiben, ein Modell, wie eine Kirchenicht beschaffen seyn soll. Es wird einem zwischen den kahlen Wändenund den überfüllten schmutzigen Bänken bange, und man begreift, wie dieProtestanten und Reformirlen so sehr der Naluranbetung daS Wort sprechenkönnen. Jn der Natur ist daö Siegel der Allmacht abgedrückt, man fühltdie Nähe der Gottheit/diese reformirten Tempel aber sind eine Ironie aufein Gotteshaus, eS sieht hier, und überhaupt in allen reformirten Kir-chen auS, wie einst Professor Hefele bemerkte, als ob Mohamed Kirchen-revue gehalten hätte. Ein Besuch in der MissionSanstalt war lohnend.Solche Anstalten zeigen von einem rührigen Leben, und ich grüßte mitAchtung die jungen Leute, welche sich hier durch Studium vorbereiten, umeinst fern von der Heimat vielleicht wilden Völkern daS Evangelium zuverkünden. Ich dachte unwillkürlich an die Propaganda zu Rom , diefreilich viel großartiger dasteht, und jedenfalls das Vorbild für alle derleiAnstalten geworden ist. DaS Wort deS protestantischen Erlanger-ProfessorS:„Wir arbeiten alle für Einen großen Zweck," fiel mir hier wieder ein,aber — eS befriedigte nicht mein katholisches Herz. „Ein Hirt und EineHeerde" — wann wird diese frohe Verheißung sich erfüllen?? Der freund-liche Nector führte unS in den Garten zu einem auS Ostindien zurückge-kehrten Missionär, der eben in einem Buche las, und sehr kränklich aus-sah — ich fühlte mich durch seine Ansprache geehrt. DaS kleine Museumist in seinem ersten Entstehen, und bereichert sich von den Sendungen,welche hier gebildete Missionäre dann und wann an die Mutteraustaltgelangen lassen.
An nett gebauten Villen und schmucken Gartenaulagen vorüber führtder Weg in die sogenannte Basellandschaft. Im Angesicht«: der präch-tigen Landhäuser vergißt man, daß man im Lande deS CommuniSmuS ist;sogar bordirte Kutscher und Lakaien kommen einem auf dem Boden derGleichheit entgegen! Ein näherer Fußsteig führte unS in die Nähe vonMuttens, wo eben „daS Heil Deutschlands" rcsicirte, Hccker benamset.Wir waren kaum eine Viertelstunde davon entfernt, und dachten lebhaftan einen jungen Mann aus Baden, der längere Zeit auf der Eisenbahnunser Reisegefährte war, und sich einen Freund HcckerS nannte, den er zubesuchen Willens war. Sie mochten wohl eben in dem romantischen SchlossedaS republikanische Heil Deutschlands berathen haben. Prosit! Der jungeMann hatte Charakter und einen kräftigen Verstand, er war für Heckerbegeistert, unv daß die Republik sein Ideal sey, verschwieg er keineswegs.Wenn derlei Gesinnte im Badischen viele sind, so läßt sich der hartnäckigeKampf, den daS Land gegenwärtig den ReichStruppen gegenüber aufge-nommen hat, leicht begreifen. ES ist ein Kampf der Ueberzeugung, einKampf der Begeisterung für eine, wenn auch krankhafte Idee, ein Kampfder erbittertsten Leidenschaft, und darum auch mit dem zu hoffenden Siegeder ReichStruppen bei weitem noch nicht ausgekämpft.
Doch wir sind in der Schweiz , und wen, gerade um Kämpfe zuthun ist, der kann etwas an der Emmen brücke halten lassen, und sichdie physische und moralische Niederlage der Radikalen im ersten Sonder-bundSkriege inS Gedächtniß rufen. ES mag ein harter Strauß gewesenseyn, denn daS Terrain war für beide Theile ein schwieriges. Gleichsamals wollte unS der Himmel im Vorhinein mit der dumpfen, trüben, nieder-geschlagenen Stimmung der Sonderbunvökantone bekannt machen, so um-