124
florte sich immer mehr daS Firmament, und schwerfällige Wolken lagertensich ringsum auf den Bergen, und unter kaltem GebirgSregen hielten wirunsern Einzug in Luzern .
Luzern hat nicht den freundlichen Anstrich anderer Schweizerstadte,mag seyn, daß die alten FestungSmauern etwas Eintrag thun. Ich hieltnoch Abends eine kleine Rundschau um die Stadt, die viele katholischeKirchen zählt. DaS Jesuitengymnasium und deren großartige Kirche ragenwie ein Fragezeichen in die Luft, als wollten sie mit einem Publicisten derNeuzeit sprechen: „Ein freies Land, wo man die Wahrheit knechtet!"Gar schön ist die ehemalige Chorherren-Kirche gelegen, die auf einem dieStadt und den See beherrschenden Hügel sich erhebt, umgeben von denGräbern und Denkmälern vieler Jahrhunderte. Ich habe noch keinen poeti-scheren Friedhof gesehen. ES war bereits finster, als ich müde ins Hotelzurückkehrte, daS am Vierwaldstädtersee gelegen war. Ich starrte langein die finstere Nacht hinaus, die nur zeitweilig von dem fahlen Monden-lichte erhellt ward und dann gespensterhafte Umrisse von Bergen und Wol.kcn schauen ließ. ES war so ruhig, daß ich Stundenweit daS Plätscherneines Dampfbootes wahrnahm, daS endlich auch dicht unter meinen Fen-stern landete. Die Morgenstunden deS andern TageS benützte ich zu einemBesuche der Capucinerkirche, die in idyllischer Einsamkeit auf einem Bergegelegen ist, und feierte dort meinen Geburtstag. Die Patres sprachendeutsch und französisch, und sind sehr ehrwürdig. Die Klosterbibliothek istgut geordnet, und scheint auch viel benützt zu werden, wenigstens war derPater, der mich begleitete, in älterer und neuerer Literatur ziemlich bewan-dert. AIS ich den Rückweg antrat, hatten sich indessen die Nebel gehoben,der Regen hatte aufgehört und einige Strahlen der Sonne stahlen sichschüchtern hervor auS dem weißgrancn Gewölle. ES begegneten mir vieleKirchengeher, denn eS war ein Aposteltag, den gute Katholiken immer füreinen halben Festtag halten. Darum waren auch die Kirchen voll und dieAltäre festlich beleuchtet. Wenn man die Leerheit deS protestantischenGottesdienstes einmal mitgemacht hat, so weiß man die Erhabenheit undTiefe deS katholischen CultuS doppelt zu schätzen. Dieß fühlte ich beson-ders hier. Da eben ein großes Schützenfest abgehalten wurde, so lenkteich meine Schritte zur Schießstätte, wo Gäste auS den meisten Kantonenversammelt waren. ES ist wahr, die Schweizerschützen verstehen daSSchwarze zu treffen, es war eine Freude ibnen zuzusehen. Es ward auchviel gejauchzt unv gejubelt, aber mir wollte eS nicht ganz natürlich undherzlich vorkommen, denn ich sah auch sehr ernste Gesichter. Und in derThat, ist eS zu vermuthen, daß die durch Uebermacht bezwungenen Kan-tone so schnell all die Opfer, die sie an Blut und Gelb bringen mußten,vergessen, und wonnetrunken ihre schlachtcnmüden Hände in die bluttriefen-den der brüderlichen Eidgenossen legen werden? Mag man auch hunvert-mal auf Fahnen und Scheiben die Worte: „Einigkeit und Bruderliebe"schreiben, so leben sie deßhalb noch nicht im Herzen. „Die Schweizernationhat seit einem Jahre schrecklich gealtert," schrieb im vorigen Sommer dieallgemeine Zeitung. Ja wohl sie hat gealtert. Die alte Offenheit undEhrlichkeit der Schweizer , die bisher sprichwörtlich gewesen, wird nunbald zur Ironie herabsinkcn, denn nichts entehrt eine Nation mehr alsMeuchelmord und Ungerechtigkeit, ausgeübt unter dem Deckmantel derFreiheit. Die Wunde deS letzten KriegcS klafft noch weit, und harret derBernarbung. Wo sich der Kampf aufs religiöse Feld hinüberspielt, dafrißt er sich ein inS innerste Lebensmark, und erbt sich fort von Geschlechtzu Geschlecht. Leidet ja auch Deutschland jetzt noch an den Nachweiseneiner doch Jahrhunderte schon sich durchwagenden religiösen Entzweiung.
(Schluß folgt.)
P i u s v e r e i n e. !
Köln , 23. Juli. AuS Veranlassung der Anwesenheit deS HerrnHofrath Büß fand heute Abend eine außerordentliche GeneralversammlungdeS PiusvereinS statt, deren recht zahlreicher Besuch wiederum lebendiges ^Zeugniß ablegte von der regen Betheiligung unserer Bevölkerung an der!großen Aufgabe, welche diese Vereine sich gestellt haben. Von der gegen-!wärtig so unglücklichen Lage deS deutschen Vaterlandes ausgehend, sagte ^Herr Büß, die Hoffnungen, die man auf die Versammlung in der Pauls«!kirchc in so hohem Maaße gesetzt, seyen zwar allerorts bedeutend geschwächt,!ja fast ganz vernichtet; man solle aber nicht daran verzweifeln, sie endlich!doch noch in Erfüllung gehen zu sehen. Er sey der letzte gewesen, der die,Paulskirche verlassen, er glaube, daß die 150, welche von der Frankfurter!Versammlung der deutschen Sache treu geblieben, einzig berechtigt seyen,!daß eine neue ReichSversammlung zusammentreten und das begonnene Werk!
vollenden werde; er hoffe auf die Gerechtigkeit Gottes, die eS nichtzulassen werde, daß eine Erhebung des Volkes, die so viel Blut gekostet,so viel edle und große Geister verschlungen habe, ohne Erfolg bleibe.WaS jetzt noch unmöglich sey, werde später kommen, eine Einheitsregie-rung müsse eintreten. Das abgewichene Jahr sey ein sehr aufgeregtesgewesen; auf die ungeheure Anspannung müsse eine Abspannung und Er-schlaffung folgen.. Diese sey aber, wie bei der Nation, so leider auch beiden katholischen Vereinen, bei einigen wenigstens, eingetreten. Gründedafür seyen zuerst die allzuraschen Hoffnungen, die man bei Gründung derVereine gehegt, die aber bis jetzt nicht zur Verwirklichung gekommen,dann Spaltungen in den Vereinen selbst, namentlich in Betreff der Bethä-tigung an der Politik. Der Redner geht nun über auf den bekanntenBeschluß deS VorortS der katholischen Vereine Deutschlands zu BrcSlau,den er beklagen müsse, 1. weil er auf falschem Grunde beruhe, und 2.wegen der Form einer Rüge, wozu der Vorort nicht berechtigt gewesensey. Eben so unverzeihlich sey die Publication desselben durch eine kirchen-feindliche Zeitung. Wolle man die PinSvereine von aller Bethätigungbei der Politik ausschließen, so müßten sie unausbleiblich unter-gehen. ES sey Ließ aber nur ein bloßer Wortstreit, da stets der gesundeSinn der VereinSmitglieder das rechte Maaß finden und nur solche poli-tische TageSfragen behandeln werde, welche mit den Zwecken deS VereinSin Verbindung ständen, die Zweckmäßigkeit werde entscheiden. Herr Hof-rath Büß kam nun auf das vielbesprochene Antwortschreiben deS heiligenVatcrS; die Ermahnung, von jeder Luspicio motu8 eivilis sich fern zuhalten, stehe im genauesten Zusammenhange mit der in seinem Anschreibenenthaltenen Klage über den Aufruhr in Rom und sey nur hervorgerufendurch die Besorgniß deS heiligen Vaters, daß auch in Deutschland gleicheUnruhen entstehen möchten, und der Vorort habe daS Schreiben daherdurchaus unrichtig aufgefaßt. Auf die PiuSvereine zurückkommend, beklagteHerr Büß nochmals, daß die Pflege derselben unmöglich sey, wenn allepolitische Betheiligung ausgeschlossen würde: daS haben im Gegensatz zuden Pfälzischen, welche sogar mit eigenen Opfern für die gesetzlichen Ge-walten in die Schranken getreten seyen, die badischen Vereine bewiesen,indem dort eben wegen der Nichttheilnahme der Vereine an der Regelungder politischen Bewegung die Revolution und Anarchie zur hellen Flammeemporgeschlagen sey. DaS Hauptunglück bestehe nur darin, daß zu vielgesprochen, aber zu wenig gehandelt werde; auf letzteres sey aber viel zuhalten, es rufe die Nachahmung hervor, welche so wie Lehre dieoberen, die unteren Schichten bessern müsse. Die Frage wegen einer rein-katholischen Universität fand darauf nochmals eine warme Vertheidigung.Herr Büß theilte mit, in Belgien eine solche besucht und die wissenschaft-lichen Leistungen derselben höchst befriedigend gefunden zu haben; ausge-zeichnet seyen die mit allen Vorlesungen verbundenen praktischen Anwendun-gen auf die Zeit. Ohne die freie Bewegung wie in Deutschland , sey sieauch frei von den deutschen Auswüchsen. Er werde den Antrag bei derWürzburger Versammlung sofort verfolgen. Auch die Mittel seyen leichtzu beschaffen: eine Auflage von 1 Kr. jährlich auf 20,000,000 bringe300,000 Gulden, die capitalifirt für den Anfang schon genügen würden.Vorzugsweise aber müßten die katholischen Vereine bei dieser wichtigenAngelegenheit sich betheiligen, denen er die heilige Sache deßhalb nochmalsdringend an'S Herz lege, znr allseitigen Besprechung und Geldsammlung.Wie eine solche Universität, die Alles auf Religion gründe, heilsam besserndauf die oberen Schichten der Gesellschaft wirke, so seyen auf dem Landedie Schulbrüder, wie er sie in Belgien ebenfalls gesehen, leicht einführbar,um die untern Schichten zu belehren. Außerdem müsse die Presse fleißigwirken, und auS dem Grunde unterstützt statt gehemmt werden. Währenddie gute katholische Presse, am Rhein zumal, hart um ihre Existenz zrrringen habe, bezahle und unterstütze man die schlechte kirchenfeindliche.DaS müsse aufhören, die katholischen Blätter müßten so viel als mö^ichunterstützt und gehoben werden. Dafür, daß daS Beispiel, waS die . ch-ahmung anrege, auf die unteren Schichten wirken müsse, führte Herr Büßwiederum aus Belgien an, Laß in Lüttich z. B. durch Bemühungen derRckemptoriftcn unter den Waffenschmieden eine Bruderschaft gestiftet sey,durch deren segensreichen Einfluß dieß sonst so unbändige Volk ganz gesittetworden. Früher an der Spitze der Revolutionen, seyen sie nunmehr derbeste Schirm gegen dieselben. Auch wir müßten die Arbeiter durch Beispielheranziehen; daS sey der edelste Stoff für die Thätigkeit der katholischen Vereine, der auch nach der politischen Bewegung fortdauere. Herr Büß,dessen Vertrag die gespannteste Aufmerksamkeit unv den lebhaftesten Beifallder Versammlung fand, schloß nun mit dem Wunsche, die Vereine möchtennimmermehr verzweifeln und auch in ruhigen Zeiten in ihrer Thätigkeitnicht erschlaffen. (Rheinische Volkshalle.)
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.
Verlags-Inhaber: F, C. Kremer.