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9 (12.8.1849) 32
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ein kahles Felsenplateau hinaus und wir standen neben einem großenBildniß des Gekreuzigten. Nun kann unser Reiseziel auch nicht mehrferne seyn, dachte ich mir im Stillen, und richtig auS tiefer Tiefe glänz-ten Lichtlein herauf eS war Maria Eisiedeln. Wir vergaßen alleBeschwerde und Müdigkeit, und stimmten vor Freude, den Berg hinab-keuchend, einen lateinischen Psalter an. Es mochte zwischen 9 und 10Uhr seyn, als wir an der Hauplfac.ade der Kirche standen. Weil wir sienoch offen fanden, traten wir ein, und brachten unsern ersten Gruß unddie Grüße der Sonderbündler derlieben Frau," unserer gemeinschaftlichenMutter. ES macht einen erhebenden und beschämenden Eindruck, wennman in so später Stunde bei dem einsam leuchtenden Lämpchen amGna-denaltare" noch einige fromme Seelen betend trifft. In aller Frühe warenWir schon auf den Füßen, um unsere Andacht und dann am GnadenaltaredaS heilige Meßopfer zu verrichten. Wahrlich nicht um alle Schätze derWelt gäbe ich meinen katholischen Glauben hin, und wenn er mir garnichts anderes lehrte, als dieGemeinschaft der Heiligen." Der Katholikist überall zu Hause, wo er einen katholischen Mitbruder trifft, und wennauch fern von, Vaterland, ist er doch nahe den Seinen durch das Bandheiliger Liebe, die am Altare ihren heiligsten Ausdruck findet. WelcherTrost liegt in der himmlischen Vereinigung der streitenden und triumphiren-den Kirche; welch innige Wonne und Seligkeit fühlt derjenige in sich, der«S versteht, in der rechten Weise die Mutter der Gnaden anzurufen! Undwer nicht versteht oder nicht verstehen will, der muß eS verstehen ler-nen, wenn er mit einem halbwegs christlichen Herzen die Schwelle einesdurch Jahrhunderte geheiligten Gnadenortes betritt.

ES wäre wirklich Jammerschade, wenn auch dieses Kloster, mitdessen Wirken die Bedeutung des OrteS steht und fällt, ein Opfer derradicalen Klosterplünderei werden sollte. Man scheint aber doch den Syn-derbündlern diesen Schmerz ersparen zu wollen, so wie eine mehr als radi-kale Blindheit und Verstocktheit dazu gehörte, um den guten Bestand derklösterlichen Schulen und den tief eingreifenden moralischen Einfluß deSGnadenortes auf die weite Runde hin in Abrede zu stellen. Leider konn-ten wir, von der Zeit gedrängt, nicht länger verweilen, sondern mußtenuns mit einer flüchtigen Ansicht des Stiftes und der Kirche begnügen.Die wenigen Patres, die ich sprach, fand ich ernst und gelehrt, die jungenSeminaristen heiter und offen.

Ich verließ das keineswegs romantisch gelegene Maria Einsiedeln fnden Vormittagsstunden, um noch zu rechter Zeit in Rapperöwyl einzu-treffen, und von da auS mit dem Dampfschiffe über den Zürichersee nachZürich zu fahren. Ich mußte längere Zeit auf den eben herübersteuerndenDampfer warten, und hatte indeß Muße, die niedlichen Ufer zu betrachten.Macht der Vierwaldstädtersee einen schauerlich imposanten Eindruck ob derBergklötze, die ihn umschließen, so ist der Zürichersee gerade daS Gegen-theil. Nichts zu sehen von hohen Gipfeln und Gletschern, sanfte Hügelsind eS, die, geschmückt mit den herrlichsten Landhäusern und romantischenOrtschaften, ihn umsäumen eine heilige Ruhe schwebt über demselben.Doch diese Ruhe sollte bald gestört werden. Wir mochten etwa anderthalbStunden gefahren seyn, als ein heftiger Orkan sich erhob, der dichte Regen-tropfen und Schloffen mit Gewalt auf uns herabwarf. Es war nichtmöglich am Verdecke zu bleiben, denn der Sturm ward immer wüthender,und die Räder des Dampfers hatten vollauf zu thun, um dem bedeutendenSchwanken des Schiffes Gegenhalt zu dielen, denn man sah es, wie dieWellen vom Ufer her sich einen gewaltigen Anlauf nahmen, und sich dannimmer mehr sammelten, verstärkten und thürmten, und mit zorniger Wuthden schäumenden Gischt auf uns loswälzten. Zum Glück ließ der Orkanbald nach, und wir hatten nur wenig noch mit den brummenden undmurrenden Wogen zu thun, ja der Seesturm hatte unS zu dem schönstenWeiter verholfcn, denn unter mildem Sonnenschein stiegen wir in Zürich anS Land.

Zürich ist nach Bern der Hauptstapclplatz deö RadicaliSmus, odermit einem Journale zu sprechen:Der classische Boden, auf welchem dieTrostlosigkeitsphilosophen den babylonischen Thurm der Völkerverwirrungaufbauen wollen, das neutrale Gebiet, auf welchem Jung-Europa seineTagsatzung hält, und den FelvzugSplan zur bürgerlichen und häuslichenUmwälzung Europa'S entwirft." Die Berufung des ChristusläugnersStrauß alö UniversttätSprofeffor dürfte wohl ein richtiger Barometer derGesinnung dieser Stadt seyn. Wenn man übrigens nicht aus mannig-fachen Schilderungen un^ den wuthschnaubenden ZeitungS- und Lügenblät-lern, die hier erscheinen, darauf aufmerksam gemacht würde, so möchteman schwören, daß hier lauter EngelSkinder beisammen lebten, so friedlich,einschmeichelnd, wahrhaft himmlisch ist hier die Natur. Mir hat nichtbald eine Stadt mit ihren Umgebungen so viele Vorliebe abgejagt, wiediese; und daö will viel sagen, da ich mit dem RadicaliSmuS keineswegsBruderschaft zu trinken gesonnen bin. Aber so sind die Kontraste des Le-

bens! Mich wundert eS gar nicht, wenn die Pantheismen in dem All derZüricherumgegend die Gottheit entdecken und dafür schwärmen; ob sie sieaber auch in dem All der moorsumpfigen Maria Einsiedlerumgebung ent-decken würden, zweifle ich, ich glaube schon deßhalb nicht, weil eS sondcr-bündliches All ist!! Einen würdigen Beitrag für republicanischc Freiheitund evangelische Toleranz liefert der Umstand, daß in Zürich, wie mir alsgewiß versichert ward, Niemand LaS Bürgerrecht erlangen kann, wenn ernicht der reformirlen Konfession angehört. Katholiken uno Lutheraner müssenZwinglianer werden, wenn sie ein bürgerliches Gewerbe antreten wollen.ES klingt räthselhaft aber eS ist wahr. *) Der Himmel bewahre uns voreiner solchen Freiheit und republicanischen Seligkeit! Eine ähnliche Schmachkann man, glaube ich, keinem absolutischen Staate deS 19tcn Jahrhun-derts nachsagen, sie erinnert an die Sclavenemancipation. Weil ich abereben von kirchlicher Toleranz spreche, so kann ich eine Scene nicht ver-schweigen. Als wir einst im Postwagen saßen, fragte unter andern einermeiner Kollegen sein Vis-a-vis:Haben Sie auch die schöne katholischeKirche in Zürich gesehen?" und lobte sie ob ihrer Reinlichkeit und harmo-nischen Bauart, wie sie eS auch wirklich verdient.

DaS Vis-s-vis aber erwiderte:Ich bin'Protestant, und besucheals solcher katholische Kirchen und katholischen Cultus nicht." Mir thatdiese Abtrumpfung weh, weil sie eine brutale Verhöhnung der Kunst ist,die gerade in den katholischen Kirchen sich unsterbliche Denkmäler gesetzthat. Ich scheute mich nicht, wo immer ich hin kam protestantische Tempel!zu besuchen, und habe auch einige Male «katholischem Gottesdienste beige-wohnt und doch getraue ich mir zu sagen: Ich bin Katholik. Ueber!daS CapitelToleranz" ließe sich überhaupt manches noch beifügen, wobei!die Wagschaale aus der katholischen Seite sinken würde, obwohl in man-schen Gegenden katholisch und intolerant für synonym gehalten werden. Der! schweizerische RadicaliSmus ist ein ärgerer Großinquisitor, als daS weiland.Dominicanertribunal unter Torquemada in Spanien.

! Die Rückreise von Zürich führte mich wieder nördlich gegen die deut-sche Gränze hinauf, zu meiner Linken, als treue Begleiter, die im Son-nenlichte glitzernden Gletscher deS Berner Kantons. Daß ich den Rhein -fall bei Schaffhausen in Augenschein nahm, ist natürlich, er sollte mirdie theilweise trüben Eindrücke der Schweiz etwas verwischen. Sein An-blick ist kostbar und kostspielig. In Schaffhausen selber sprach ich mehrereLeute, die sich an ihren früheren Pfarrer und AntisteS Hurter noch recht!gut erinnern. Man glaubt eS kaum, daß in einem so ländlich gelegenen! Gebirgsstädtchen ein so großartiges Qucllenwerk, wieJnnocenz III." ist,^hat entstehen können. Ein Bruder deS katholischen Hurter ist noch gegen-wärtig Pastor in Schaffhausen. Der Kutscher, der mich nach Konstanz herausführte, erzählte mir Einiges von Louis Napoleon , Präsidenten derfranzösischen Republik, der hier am Rheine längere Zeit eine sehr anmuthigeVilla bewohnte.

Hätte ich mein drittes Reisebild nichtSchweiz " getauft, so wüßteich noch Manches von Konstanz zu erzählen. Es mag unterbleiben. AberMorsch ach am Bodensee muß ich wenigstens nennen, weil es zum Kan-!ton St. Gallen gehört, und ich dort einen ungemein lieblichen SonnlagS-j Nachmittag verlebte. Wir benützten nämlich die paar Stunden, währendwelcher das Dampfschiff vor Anker lag, und bestiegen den nächsten Berg,Mo schon vom Ufer auS ein romantisch gelegenes LaubhauS unsere Augen? gefesselt hatte. Wir sprachen in demselben zu, und ließen uns ein Abend-mal bereiten, was in dem kleinen von Katholiken bewohnten Häuschen!viel Freude und Rührigkeit hervorbrachte. Da überdieß noch einige Schul-männer am Tische saßen, die über dieß und jenes deliberirten, so hatte dersimprovisirte Besuch noch etwas Lehrreiches. Wir trennten unS schwer vondiesem niedlichen Häuschen, denn einen schöneren Punct kann eS wohlnicht leicht am Bodensee geben. Zu unseren Füßen lag das lebendigeRorschach mit dem rauchenden Dampfer, links erspähte das Auge dieThürme von Konstanz und die sich ineinanderschlingenden Schweizergebirge;gerade vor uns lag deutsches Gebiet mit der stolz in die See hereinragen-den Festung Lindau ; rechts endlich winkten unS die heimatlichen Triftenentgegen, und der GebhardSberg bei Bregenz im Vorarlberg glänzte garlieblich in den letzten Strahlen der Abendsonne. Es war ein schöner Abend,als ich an der Walhalla vorüberfuhr, und daS erstemal den eigentlichenBoden Deutschlands betrat; es war ein schöner Abend, alö ich im Hafenzu Antwerpen die hundert und hundert Schiffe mit ihren kosenden Wipfelnsah; aber es war der schönste Abend meiner Reise, als ich nach andert-halbmonatlicher Abwesenheit wieder die heimatlichen Gefilde schaute, unddie Gränze Oesterreichs , meines Vaterlandes, betrat.

Mit diesem Eindrucke will ich auch meine Reise bilder schließen.Sie sind nicht strengen Kritikern zur Beurtheilung vorgelegt, und gehören

') Jetzt nicht mehr.