132
gen und sonstigen Mittel kann unS Katholiken der Sieg gar nicht fehlen,wenn wir unS stark und muthig aufraffen. (Fortsetzung folgt.)
Hunger und Durst — aber nicht nach der Gerechtigkeit.
-j- „Ich sah einmal fünf Männer, und was konnte ich anders, als siefür wahnsinnig halten? Der Erste kauerte mit vollen Backen Meersand.Der Zweite stand an einem See und bemühte sich dessen abscheulicheund übelriechende Dünste einznathmen. Der Dritte lag vor einemOfen, der heiß brannte, und freute sich, die glänzenden Feuerfunkenmit offenem Munde aufnehmen zu können. Der Vierte saß auf der Zinneeines Tempels und zog die Luft in sich ein, und wenn sie ihm nicht starkschien, wedelte er mit einem Fächer, um sie heftiger zu bewegen, alswollte er allen Wind essen. Der Fünfte befand sich unten und verlachtedie Andern, da er doch am meisten selbst das Auslachen verdiente; denner saugte mit unglaublichem Eifer an seinem eigenen Fleische und hieltbald die Hände, bald die Arme, bald andere Körpertheile an seinen Mund.Ich hatte Mitleiden mit diesen Menschen und fragte einen Jeden um dieUrsache seines Elends, und ich fand, daß alle fünf den fürchterlichstenHunger hatten. Als ich ihre magern Angesichler betrachtete, erinnerte ichmich der Worte des klagenden Psalmiften: „„Ich bin getroffen wieHeu, und mein Herz ist dürre: denn ich vergesse mein Brodz'u essen."" „WaS nützen euch," rief ich auS, „diese Dinge? ES sindnicht die natürlichen Speisen und mehr geeignet, den Hunger zu erregen,als zu stillen. Denn das Br»d der Seele ist die Gerechtigkeit, und glück-lich sind nur Jene zu preisen, die darnach Hunger haben: denn sie werdengcsättigct werden. Denn nach dem Bilde Gottes ist gemacht die vernünf-tige Seele, die zwar mit Allem sich befassen, aber niemals ganz zufriedengestellt werden kann; denn sie ist fähig, Gott in sich aufzunehmen, undnichts wird ihr Verlangen ausfüllen, was weniger ist, als Gott."
Dieses sonderbare Gleichniß erzählte der honigflicßenve Bernardusseinen Schülern am Schlüsse der Erklärung deS Evangeliums: „Siehe,wir haben Alles verlassen und sind dir nachgefolgt." Deraltehrwürdige P. Mathias aber hat diese Parabel nach der Fülle ihresSinncS und seines frommen Herzens auf folgende sinnreiche Weise gedeutet,vie auch für unsere Zeit paßt mit ihrem Hunger und Durft — aber nichtnach der Gerechtigkeit.
1. Die Geizigen und Habsüchtigen kauen den Sand desMeeres, das ist, Geld und Gut, mit beiden Backen; aber sie werden da-von so wenig satt, als wenn sie Sand essen würden. Geld und Gutnützen den Geizigen so wenig als der Sand, weil sie selbes nicht anwen-den, um sich Freunde und Abvocaten für die Ewigkeit zu machen. Wennman auch manchmal gleichwohl mit Recht über die Arroganz der Armuthklagt, so ist doch auch die Hartherzigkeit mancher Wohlhabenden eine Ver-anlassung zum Aufschrei deS Armen an Gott und Mitmenschen. In einemDorfe, daS wohlbemittelte Einwohner hat, war im vorigen Sommer einarmer Leerhäuöler krank, der wegen verschuldeten AnwesenS weder Arztnoch Arznei bezahlen konnte. Der Pfarrer und der OrlSvorsteher stelltendemselben ein ArmuthSzcugniß bei dem Arzte auS, und glaubten auf dieMildthätigkeit der Gemeinde rechnen zu dürfen. Aber wie bitter sah mansich bei der Armenrechnung getäuscht, als dieser Armcnposten nicht zurBezahlung anerkannt wurde! Wer war aber der Hanptgegner deS armenKränkelt? Ein reicher Mann, der gar leicht allein diesen Posten hätte be-streiten können. — Mit Schrecken dachte ich an die Worte deö heiligenChrysostomuS, daß daS Almosengeben eine christliche Pflicht sey, da jasonst die Unbarmherzigen nicht auf die linke Seite gestellt würden. Derhartherzige Reiche hat viele Feinde, während der wohlthätige vermöglicheMann an den Armen viele Freunde hat, die ihm auch in der ankern Weltnoch durch ihr Gebet nützlich seyn können.
2. Die Unzüchtigen athmen den abscheulichsten Gestank aus demSchwefelsce ihrer fleischlichen Lüste ein und auS; denn waS ist cS anders,woran sie sich erfreuen, als die schändlichste Lust, die des Menschen Seeleund Leib beschmutzt, die man vor den Augen der Menschen und vor demAngesichte der Sonne verbirgt, und die ein geschämiger Mund nicht gerneanSspricht? Doch unsere Tage haben eine solche Geschämigkeit bereits ab-gelegt, wie von Wien und Rastalt berichtet wurde, wo die EmancipationdeS Fleisches ihre schändlichsten Triumphe feierte, so, daß man an derSchwelle von Sodoma und Gvmorrha zu stehen scheint, und Deutschland bald in die Fußstapfen deS alten Romö treten wird, daS immer mehr inVerfall geriet!), je zerrütteter, wollüstiger und treuloser der Ehestand ge-halten wurde. Bereits ist es in manchen Städten und Ortschaften so weilgekommen, daß rechtschaffene Eltern für die Tugend ihrer Töchter zitternmüssen, wenn sie dieselben in den Dienst geben, da eS oft gerade so viel
ist, als würden sie selbe in einen Venustempel schicken. Ein Theil derArmuth kommt eben von diesem Laster her; denn ein weiser Mann sagt:„Man malt die Liebe bloß — dieß hat seine gute Bedeutung. Denn siemacht manchmal so unverschämt, kein Hemd zu dulden, und oft so arm,keines mehr zu haben."
3. Die Feuerfunken, die begierig auS dem brennenden Ofen aufge-fangen und gleichsam verspeist werden, sind die glühenden Rache- undMord-Gedanken deS Zornigen. Denn daS Herz des Zornigen gleichteinem Glutofen, auS dem wie Feuerfunken die gröbsten Beschimpfungenund gräulichsten Gotteslästerungen, die ausgesuchtesten Racheübungen undgrausamsten Mordthaten herausfliegen und ganze Gegenden in Brandstecken. Der Dornbusch wäre gerne König gewesen, aber weil er eS nichtwurde, darum ging Feuer vom Dornbüsche auS und verzehrte im ZorneLibanonS Cedern, tiefsehende und rechtschaffene Männer Deutschlands , die
! sich das Gewissen vom Dornbüsche nicht wollten zerreißen lassen, aber auchI die Hütten Derjenigen, die den Dornbusch zum Könige machten, wie wir^ in Baden und in der Rheinpsalz sehen. Der Zorn will mit Leichen gefüt-tert und mit Blut getränkt seyn, und die Zornwunden deS HerzenS erzeu-gen wieder andere Wunden, so, daß unser unglückliches Vaterland einemManne voll Blut und Wunden gleicht, der keinen Wundarzt findet.
4. Auf der Zinne deö Tempels sitzen die Stolzen und Hoch wü-thigen und fächeln sich selbst.Wind zu, wenn ihnen die Untenstehendennicht genug schmeicheln. „Der Hochmuth derer, die dich hassen,steiget immer." Diese Worte deS königlichen Psalmensängers, die eran Gott richtete, richten auch den Hochmuth unserer Zeit, der sich vorGott nicht mehr demüthigen, der die Wahrheit nicht anhören, der seinenarmen Mitbruder nicht ansehen will. Vor lauter menschlichem Respect ver-gißt man den Respect vor Gott , vor lauter Complimenten und Schmeiche-leien versteckt sich die Wahrheit, und der unverschulvete Arme klagt eSnicht vergeblich seinem Gott, wenn der Stolze aus besserm Lehm gemachtzu seyn glaubt und seinen Mitgeschaffenen und MiterlöSten verachtet. Vonder Zinne des Tempels, den sich der menschliche Hochmuth gebaut hat,müssen wir Alle, der Eine mehr, der Andere weniger, herabstcigen in dasThal der Demuth, und der Abgrund unserer Sündhaftigkeit muß anrufenden Abgrund der göttlichen Barmherzigkeit, damit wieder Gottes Gnaden-sonne die verfinsterten Herzen und Köpfe erleuchte. Aber dazu ist vorAllem nothwendig, daß das Licht der göttlichen Gnadenanstalt auf Erden,nämlich der Einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche nichtunter den Schüssel moderner StaatSklugheit gestellt werde, sondern freileuchte. Wenn der Staat der Stadt Gottes auf Erden die Hände bindet,so sind auch seine Hände gebunden.
5. Der weise König sagt im Buche deS Predigers: „Der Thor
frißt sein Fleisch." Und der heilige Augustin vergleicht den Neidmit dem Roste am Eisen, der es verzehrt. Unter dem fünften Mannealso, den BernardnS an seinem eigenen Leibe saugen, nagen und beißensah, verstehen wir einen Menschen, dem daS bekannte Sprüchwort in denMund gelegt wird: „Die Saat auf dem fremden Acker ist fruchtbarer,
und die Kuh deS Nachbars hat ein größeres Euter." Zu dem Geize, derUnzucht, dem Zorne und Stolze gesillt sich in unserer Zeit noch der Neidund die Unzufriedenheit und richtet großes Verderben in der menschlichenGesellschaft an. Der Bürger beneidet den Beamten, der Bauer den Bür-ger, und keiner von diesen will mehr in seinem Geleise bleiben, weßhalbeS geht wie auf der Eisenbahn, wenn der Wagenzug von den gelegtenSchienen abweicht und in einen Abgrund stürzt. Kleiderpracht und Genuß-sucht sind zwei Hebel der Hölle, welche in vielen Familien den HimmeldeS FriedenS und des häuslichen Glückes aufheben. Denn eben der Neidist eS, der Keinem mehr einen Vorzug gönnen will, und die Unzufrieden-heit mit seinem Stande erregt im Herzen deS Armen die Mißgunst gegenDen, der mehr hat. Die vielen Wirthshäuser, Märkte und Tänze habender genußsüchtigen Jugend gleichsam zum Dornbüsche gedient, woran ihrGeld, ihre Ehre, ihre Gesundheit und der Gehorsam gegen die Elternhängen geblieben ist, und ein großer Theil der Verantwortung vor demgöttlichen Richterstuhle über daS ausgebreitete Verderben unserer Zeit kommtauf Rechnung Derjenigen, die dem Volke nur zu viele Gelegenheiten zursinnlichen Lust gaben und über daS „Pfaffengeschwätz" spotteten, und sotreffen wir denn gar häufig die fünf Männer deS heiligen BernardnS an,die Hunger und Durst haben nach Geld und Gut, nach fleischlichenGenüssen, nach Rache und Blut, nach dem Rauchwerke eitlerEhre und nach den Besitzungen und Genüssen des Nächsten,aber nicht nach der Gerechtigkeit, weßhalb der Ausspruch der ewigen Wahr-heit an unS erfüllt werden wird: „Die Gerechtigkeit erhöhet einVolk: aber die Sünde machet elend die Völker."
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.-
Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.