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Herr Vogt führte sehr beredt und überzeugend den Gedanken durch,daß der kirchlichen Freiheit in der jetzigen Zeit nicht von den Regierungen,wohl aber von Seite deS Volkes, ver falschen Freiheit, Gefahr drohe.Er verwies an die französische Revolution und an seinen Namensvetter,den ReichSregenten, welcher bei allen Phrasen über religiöse Freiheil vongeweihten ReligionSbuben spreche, denen man zu Leibe gehen müsse, so wieauf da» wüthende Manifest der Scbweizevvemokraten. Er schloß mit einemAusruf an die Bedenklichen, an die Trägen und Gleichgiltigen und mit demnamentlichen Wunsche, daß die Gebildeten, denen doch der Umsturz daSMeiste gefährde, sich mehr an der VereinSsache betheiligen mögen.
Herr Holzinger, der gleichfalls den lebhaftesten Beifall erntete,verbreitete sich über die Aufgabe deS VereinS in sehr belehrender und an-sprechender Weise, indem er die einschlägigen Puncte der Landes- undReichsverfassung nebst Grundrechten erklärte lind nebenbei mit den Bestre-bungen der Umsturzpartei verglich, wobei er nachwiest, daß diese gerade inden Hauptpunctcn mit der Reichsverfassung im Widerspruch stehen. Auchrein politische und sociale Gegenstände erklärte er. So fand es vielseitigeZustimmung, als er die Ursachen der allgemeinen, besonders der Gewerbs-noth entwickelnd dieselben in der Verwirklichung der demokratischen Gleich-macherei aufsuchte und an einzelnen Beispielen ins Licht setzte. Die Be-amten, sagte er z. B., welche, voil*den höhern abgesehen, nicht zu vielGehalt hätten, sollen schmäler gehalten, und viermal höher als bisherbesteuert werden. Das ist schon recht, aber dafür, werden sie auch ihreRöcke länger tragen und weniger Schneider brauchen.
Herr Weinma^n kritisirte den Entwurf der OrganisationScommis'fion über das Schulwesens er setzte an ihm aus, daß er Trennung zwi-schen Schule und Kirche durchführen wolle, während doch kein Heil vonder Erziehung zu erwarten sey, bis Schule und Kirche, Volksbildung undReligion im EinheitsverMlniß zu einander stehen. Herr Allgayer be>richtete vornemlich über den Ehinger PiuSocrein, und bemerkte dabei gele-gentlich, daß hauptsächlich durch Behandlung einzelner geschichtlicher Mate-rien Interesse für die VereinSzwecke erregt werde.
Herr Reiching verbreitete sich, an die anwesenden Frauen gewendet,über ihre hohe Aufgabe, in welcher sie Schule und Kirche unterstützenmüßten. Herr Fischer, ein schlichter Bauer, der mit einem ungewöhn-lichen Gedanken- und Redeflüsse in körniger und frischer Weise über MannS-klöster sprach und ihre Zweckmäßigkeit auS ihrer Geschichte und den Be-dürfnissen der Gegenwart darzuthun versuchte, gefiel sehr; seinen oft humo-ristischen Ausfällen antwortete eine allgemeine Heiterkeit. — Wir müssenunS mit diesen kurzen AuSzügen auf ein mageres Gerippe beschränken, dashinter der Wirklichkeit weit zurück fleht.
Die besondern Berathungen der VereinSdcputirten im Seminar schlös-sen sich sofort an. Diesen wohnte auch ver Hvchwürdigste Bischof bei.Er versicherte die Versammlung seiner lebhaften Theilnahme, warnte sieaber auch vor dem möglichen Abwege, nach Art eines LandcSauSschusseSin daS Kirchenregiment einzugreifen und, wie ein Aufruf ihnen erst zuge-muthct habe, „gegen die Träger der geistlichen Bureaukratie" Partei zunehmen. Die Worte deS Hochwürvigstcn Bischofs fanden ungetheiltc Bei-stimmung. Aus den Gegenständen, weiche speciell berathen wurden, bemer-ken wir: das Verhältniß zur Politik. Es wurde nach längerer Debatteanerkannt, daß der Verein keine politischen Zwecke verfolgen solle; müsseer sich aber an politischen TageSfragen betheiligen, was nicht abzuweisensey, so sey eS Pflicht, den destructiven Tendenzen entgegenzutreten und diechristlichen Grundsätze zur Geltung zu bringen. Auch das Verhältniß zurSchule, die Zustände der Presse, ferner die Nothwendigkeit von Bezirks-VereinS-Versammlungen, Bildung von VercinScassen, kamen zur Sprache.Als Ort der nächsten, in einem halben Jahre abzuhaltenden Zusammenkunftwurde Ehingen bestimmt.
Ein frugales Mittagsmahl, bei welchem Toaste auf den heiligenVater, den anwesenden Hochwürdigsten Bischof, die katholischen Vereine,den Freiherr» von Hornstein, Regens Dr. Mast, daö deutsche Reich unddie Einheit mit Oesterreich gebracht wurden, unterbrach die Verhandlungen.Die Versammlung trennte sich in herzlicher Eintracht, nachdem sie demwürdigen Vorsitzenden durch ein dreimaliges Hoch ihren Dank bezeugt hatte.
„Die Goethe-Feier im VolkSsreunde besprochen!" Wie kommt Saulunter die Propheten? Was für ein Zusammenhang ist zwischen dem großen
*) Aus dem österreichischen Vclksfreund.
Anhänger deS Pantheismus (der heidnischen Lehre vom göttlichen Ein undAU) und unserm Katholikenvereine? Wir könnten darauf antworten, daßkein Ereigniß der Zeit unbeachtet an unS vorübergehen soll; und ein solchesist die mehr oder minder große Theilnahme der Mitlebenden an dem 100-jährigen Geburtsfeste eines großen Mannes! Wir könnten (und sollten viel-leicht) unS geradezu auf den polemischen (streitfertigen) Standpunct stellen,und gegen die bedauernSwerthe Richtung, die so viele GcisteSwerke deSdeutschen Dichterfürsten bezeichnen, eifern, und Colophonium-Blitze auf eineZeit schleudern, welche die Abgötterei mit Kunst und Künstlern wieder ein-zuführen, und dadurch die Opferaltäre der modernen Göttin Politik ver-öden zu lassen droht. Ja wahrlich, waS könnten oder sollten wir nochalles? Wir können aber auch — und dieß steht unS vielleicht am bestenan! auf daS Streben unseres Vereins für Glauben, Freiheit undGesittung hinweisen; wir können dann die unbestreitbaren Verdienste,welche Goethe sich um die deutsche Gesittung in begeisterter Rede, inBeherrschung der Form und dcö Gedankens erworben bat, nicht unbeachtetlassen; wir können in den Tagen, wo Freiheit und Frechheit gleichbedeu-tend geworden, seine, von den Gegnern nur zu oft aristokratisch oder für-stendienerisch gescholtenen Gesinnungen für wahre Freiheit, die in Rechtund Ordnung gegründet ist, nimmer vergessen; ja wir müssen unS freuen,wenn daS Andenken solcher Männer stets lebendig erhalten bleibt! Aberder Glaube? WaS diesen betrifft, so müssen wir daran entweder schwei-gend vorüber gehen, oder eS doppelt beklagen, daß ein Mann von solcherGeisteskraft so sehr daS Kind seiner Zeit war, um bis zur Pforte, „diezum Leben führt" zu gelangen, und dann — stehen zu bleiben. Ist dießjedoch so ganz gewiß und ausgemacht? Wir glauben daS nicht; ja wirgehen weiter und meinen: der Mann, welcher die, allerdings etwaö con«fuse Lehre ausgesprochen:
„Ein guter Mensch in seinem dunkeln DrängeIst sich des rechten Weges wohl bewußt,"
der stand wohl sehnsuchtsvoll vor der verschlossenen Pforte, deren Schlüsseler noch aufzufinden gewußt hätte, sofern er nicht vielleicht zu spät dieserSehnsucht Gehör gegeben. Weit entfernt, die mystische Bedeutung, welcheWilhelm v. Schütz in seinem „Goethe'S Faust und der Protestantismus"dieser großen Dichtung unterlegt, unbeschränkt anzunehmen, glauben dochauch wir das Streben nach den Formen der geoffenbarten Religion, welchesich im zweiten Theile zum Faust kundgeben, nicht ganz übersehen zu dür-fen. — Und so mag unS denn Goethe'S Andenken als das eines Man-nes theuer seyn, dessen Streben nach Humanität, Gesittung und wahrerFreiheit unS Vorbild seyn darf; dessen Glaubensrichtung unS aber zeigensoll, wie noth „daS Eine" thut: der Glaube an einen über- undaußerweltlichen (objectiven) Gott und an eine Erlösung,wenn nicht alles menschliche Wissen und Schaffen in zweck- und fruchtlosenNaturgotteödienst untergehen soll.
Und nun die Gedächtnißfeier selber? Nur andeuten wollen wir inunserm Blatte, daß sie nicht gelungen genannt werden darf, da ihreGlanzmomente sich mehr im Reiche der Ton- als der Dichterkunst beweg-ten; daß wir namentlich die Dichtung deS Prologes als verfehlt und denVertrag der sinnigen „Legende" als gesucht naiv (kindliche Einfalt erkün-stelnd) bezeichnen müssen; endlich daß die Darstellung der „Scene im Dome"unS wieder die große Klippe zeigte, an welcher eine theatralische Schau-stellung kirchlicher Feierlichkeiten immer zu scheitern pflegt, und daß wirden Engel oder Genius der Schlußscene einen ganz verfehlten und kindi-schen Versuch nennen müssen.
Vereinigte Staaten von Nordamerika .
New-Uork , 15. Aug. Die Mäßigkeitssache nimmt in den ver-einigten Staaten großen Fortgang. Der von Irland zum Besuche her-übergekommen Mäßigkeitsapostel, Vater Matthew, hat einen überauswarmen und glänzenden Empfang bei unS gefunden. Tausende seinerhier sich aufhaltenden LandSIeute und der übrigen Einwohner der Haupt-plätze im Osten der Union haben zu seiner Fahne geschworen; in Bostonhat er fast sämmtlichen dort in großer Anzahl lebenden Jrländern den Eidabgenommen.
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