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9. A n m a s s u n g.
Wenn du durch eine Thüre gehst, dessen obere Schwelle niedrig ist,so schadet cS nicht, wenn du dich auch noch so sehr bückest; aber schädlichist eS, wenn du dich auch nur um einen Zwcrgfinger breit mehr strecktest,als eS daS Maaß der Thürschwelle gestattet, so, daß du dich anstoßestund deinen Kopf verletzest. Auf gleiche Weise ist auch für die Seele keineDemüthigung zu fürchten, wohl eine jede, auch die geringste Erhebung.Vergleiche dich daher, o Mensch, nicht mit Großem, nicht mit Geringern,nicht mit Einigen, nicht mit einem Einzigen! Gleichwie der Stolz die Mut-ter der Anmassung ist, so kommt auch die wahre Sanftmut!) nur aus derwahren Demuth.
10. Anschauung Gottes.
Du hast die Sonne, die du täglich siehst, noch nie gesehen, wie sieist, sondern nur, wie sie leuchtet, z. B. in der Luft, auf den Berg, andie Wand. Und auch daS könntest du nicht, wenn du nicht daS Augehättest, welches durch seine natürliche Klarheit und Durchsichtigkeit demhimmlischen Lichte ähnlich ist. Wenn aber das Auge getrübt ist, wird cSsich hart dem Lichte nahen wegen einer Unähnlichkeit mit demselben. Sokann auch nur der die Sonne der Gerechtigkeit schauen, den dieselbe erleuch-tet, da er einige Aehnlichkeit mit ihr hat. Niemals aber wird er sie ganzschauen, wie sie ist, weil er ihr nicht vollkommen ähnlich ist.
men, sind unS gewisse Zeichen und offenbare Hindcutungen gegeben, diein dem, der sie hat, bewirken, daß er nicht verzweifle an seinem Heile.Zu diesem gehört besonders daS Wort deS Herrn: „Wer ouö Gott ist,der höret Gottes Wort."
17. Barmherzigkeit Gottes.
Wo die Menschwerdung GottcS bekannt ist, kann auch seine Barm-herzigkeit nicht verborgen bleiben. Denn worin konnte er mehr seine Gütezeigen, als in der Annakme meines Fleisches? Meines, sage ich, nicht deSAdams, LaS er vor der Sünde hatte. WaS zeigt so sehr seine Barmherzig-keit, als daß er selbst unser Elend annahm? WaS ist wie diese Liebe soneu, als daß Gottes Wort lag auf dem Heu? WaS ist der Mensch, daßdu seiner gedenkest? Hier merke der Mensch auf, wie groß Gottes Sorgeum ihn sey; hieraus lerne er, was er von ihm denken und empfinden soll.Frage nicht, o Mensch, waö du leidest, sondern was Er gelitte». Jeweniger er auS sich Lurch die Menschwerdung gemacht hat, desto größerzeigte sich deine Güte.
Ouiwto pro mo vilior,tunto uülli clmrior!
Je. geringer Du für mich,
Desto lieber hab' ich Dich!
11. A n s e h e n.
Je verehrnngswürdiger das Ansehen eines Lehrers ist, desto mehrfürchtet man seine Beleidigung, und desto verwerflicher ist die Uebertre-tung seines Gesetzes. So ist eS auch besser, Gott zu gehorchen als denMenschen: und unter diesen mehr den Lehrern, als den Schülern. Weiterist eö besser, unsern Lehrern zu gehorchen, als fremden. Wem aber leich-ter zu gehorchen ist, dem fällt auch der Ungehorsam um so schwerer.
12. Arbeit.
Wer Arbeit und Nutzen aussäet, wird Ehre und Ruhe einernten.ES ist eine verkehrte Ordnung, vor dem Verdienste den Lohn fordern, vorder Arbeit Speise genießen, da der Apostel sagt: „Wer nicht arbeitet, sollauch nicht essen."
Je schwerer die Arbeit ist, desto reichlicher wird der Lohn seyn.
13. Armut h.
Das Eigenthum der Armen nicht den Armen geben, wird einemSacrilegium gleich geachtet. Das Erbgut der Armen sind die Reichthümerder Kirchen, und mit sacrilegischer Grausamkeit wird den Armen entzogen,WaS die Diener und Verwalter deS Herrn, die aber nicht die Herrenselbst sind, über den Bedarf der Nahrung und Kleidung nebmen. DennGott hat nicht angeordnet, daß diejenigen, welche dem Evangelium dienen,vom Evangelium sich vergnügen und prächtig kleiden, sondern daß sie da-von leben: damit sie nämlich zufrieden seyen mit der Nahrung und Be-deckung des Leibes, nicht aber nach Gaumenlust und Zündstoff der Wollustund nach Eitelkeit trachten.
14. A r z t.
Nicht immer heilt der Arzt mit Salbe allein, sondern auch mit Feuerund Eisen, womit er herausbrennt und schneidet Alles, was die Heilungdurch Salbe verhindern könnte. So besorgt auch der himmlische Arzt,nämlich Gott, für eine solche Seele Versuchungen, er schickt ihr Leiden,um sie zu demüthigen, und ihre muthwillige Freude in heilsame Trauerzu verwandeln.
15. Auferstehung Christi.
Am Holze des Kreuzes erlöste Christus am Freitage den Menschen.Am Samstag hielt er Sabbathruhe im Grabe. Am Sonntag erschiener als der Ucberwinder dcö Todes und als neuer Mensch. Tragen wirunser Kreuz und halten wir daran aus wie JesuS , dann werden wir sanftim Grabe ruhen, und am dritten Tage wird uns JesuS erwecken und un-sern Leib seinem verklärten Leibe ähnlich machen.
16. A u s e r w ä h l u n g.
Wer kann sagen: „Ich bin einer von den AuSerwählten? ich bineiner von den zum Leben Vorherbestimmten? ich bin auö der Zahl derSöhne?" ES ruft ihm ja die heilige Schrift entgegen: „Der Menschweiß nicht, ob er der Liebe oder deS Hasses würdig sey." Eine Gewißheithaben wir allerdings nicht, aber eS tröstet unö daS Vertrauen derHoffnung; damit wir durch die Angst dieses Zweifels nicht völlig umkom-
Volksversammlung zu Mayhingen im RieS.
Augsburg , im Scpt. Die Sonntag den 16. d. M. inMayhingen gehaltene VollSversammlung gehört zu den erfreulichstenund bedculsamsten, welche bis jetzt von dem Piusvereine in der DiöceseAugsburg veranstaltet worden. Denn sie lieferte den Beweis, da>z auchim RieS — trotz allen Umtrieben der Nördlinger Wühlerpartei, trotzihrem Schmierblatt, trotz ihren Wirthshaus- und Marktschreiereien anSchrannenlagen — der Geist deS katholischen Landvolkes im Allgemeinenein guter geblieben ist, daß in demselben der Sinn für die Ordnung, fürdie gesetzmäßige Freiheit und den vernünftigen Fortschritt, insbesondere aberdie Liebe zu seiner heiligen Kirche noch immer vorherrscht. Wäre dießnicht der Fall, so würde der W allerstein - Fremdinger PiuSvercinschwerlich einen so schönen Aufschwung genommen, schwerlich eine so zahl-reiche und ansehnliche Volksversammlung zu Stande gebracht haben. Wieviel der Piusverein zur Belebung dieses guten Geistes beigetragen, wollenwir nicht entscheide»; aber das glauben wir behaupten zu dürfen, daß,wie der PiuSvercin überhaupt, so insbesondere die von demselben veran-staltete Volksversammlung einen entschieden guten Einfluß geübt habe.Antheil an letzterer nahmen die Gemeinden Wallerstein , Frein din-gen, Mayhingen, Marktoffingen und andere benachbarte, undzwar nicht nur auö Bayern , sondern auch auS dem angränzenden Würt-temberg, im Ganzen etwa achtzehn, wie wir auS der gleichen Anzahlvon anwesenden Geistlichen schließen zu dürfen glaubten. Die Gesammt-zahl aller Theilnehmer belief sich auf ungefähr drei Tausend. ZumVersammlnngsplatze war ganz zweckmäßig der weit ausgedehnte GraSgar-ten deö ehemaligen MinoriienklosterS Mayhingen gewählt. In diesemfeierlich stillen, im Hintergrund von grünen Hügeln bcgränztcn Raumeschaarte sich daS Volk um eine einfache Rednerbühne, von welcher auSfünf Redner, zwei Geistliche und drei Laien, drei volle Stundenlang (3 — 6 Uhr) die mit gespannter Aufmerksamkeit und bereitwilligerTheilnahme zuhörende Versammlung über die große und heilige Sache deSPiusvcreineS zu belehren und für dieselbe zu begeistern suchten. Den An-fang machte der unermüdlich thätige Vorstand deS Wallcrsteincr Vereines,der hochw. Hr. Pfarrer I. M. Schlund, ein mit geistigen und natür-lichen Mitteln trefflich ausgestalteter Redner. Mit großen Zügen schildertederselbe die gegenwärtige Lage der Dinge, um zu zeigen, waS alle jenezu thun hätten, die eS gut und redlich meinten mit der Menschheit, mitsich selber. Einmüthigcs Zusammenhalten, Zusammenwirken in treuer Hin-gebung für Gott, König und Vaterland, für Glaube, Sitte, Gesetz undOrdnung, — daS müsse die Loosung seyn. Mit schneidender Schärfe wider-legte er nebenbei die Vorurtheile, welche gegen den PiuSvercin gehegtwerden. Der zweite Redner war — man staune — ein Beamter, derfürstlich wallersteinische Bauinspector Hr. Broschek, ein kräftiger, statt-licher Mann, dessen liebenswürdige Persönlichkeit durch tiefe Religiositätund katholische Begeisterung alle empfänglichen Herzen wohlthuend anspricht.Derselbe wies in sehr gründlicher, gutausgearbeiteter Rede nach, daßKlerus und Volk Hand in Hand mit einander gehen und mit geeinterMacht dem Schlechten entgegenwirken und daS Rechte erstreben müssen.Insbesondere beleuchtete er auch die Anschuldigungen, welche von der BoS-