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den, von dem gesagt werden könnte: „Die Menge der Gläubigenwar ein Herz und Seele!" Apostelg. 4, 32., waS auch die Grund-lage eines einst so einigen Deutschlandes war.
Solche Christen auf dem Lande würden nur durch die Standespflich-ten sich in die bekannten drei Tugendbündnisse theilen. Sollen aber dieseals Theile deS TaufbundeS betrachtet werden, so muß, da das Volk durchdie Auctorität der obersten Kirchcnvorsteher geleitet wird, die zur Ent-stehung derselben nöthige Erneuerung deS TaufbundeS von dem Bischöfebefohlen, und müssen die Seelsorger als Vorsteher, und die Bünd-nisse als Befolgung deS TaufbundeS erklärt werden. Durch die WortedeS Apostels: „Habet keine Gemeinschaft mit Unzüchtigen,
dem Trunke Ergebenen :c." 1. Kor. 5,9 — 11., sind offenbar dieTugendbündnisse befohlen. Die bloße oberhirtliche Genehmigung derselbenverleitet daS Volk auf die irrige Meinung, als sey die Befolgung ihrerSatzungen auch in Bezug auf die christliche Pflichtenlehre etwa» zur Er-langung der Seligkeit nicht Wesentliches, sondern nur Gestattetes. ^
AuS demselben Grunde der kirchlichen Auctorität sollen, zur För-derung der Moralität, das erste, zweite und dritte Kirchengebot vollstän-diger ausgedrückt werden. Obgleich von Seelsorgern nicht unterlassenwird, dem Volke zu erklären, daß, wie der Sonntag, auch die von derKirche gebotenen Feiertage heilig, zur Ehre Gottes und zum Seelenheil«zugebracht werden sollen; daß, um nicht dazu gehindert zu seyn, nicht nurdie knechtliche Arbeit, sondern noch mehr die sündhaften und gefährlichenWeltvergnügen verboten sind; so werden doch an Sonn- und Feiertagendie meisten Todsünden begangen. Von dem nicht einseitig aufgeklärtenVolke werden aber daS Fastengebot, und das Verbot knechtlicher Arbeitan Sonntagen fast ängstlich befolgt. Würde das Kirchengebot auch be-fehlen, daß an Sonn- und Feiertagen auch der Besuch der Tanzplätze,der vielstündigen Trinkgelage und Spiele, der Jahrmärkte rc. verboten seyen,so würden unstreitig auch diese Verbote der christlichen Pflichtenlehre be-folgt werden, Ermahnungen der Seelsorger haben nicht die Kraft derKirchengebote. Nach den alten Bußsatzungen mußte, wer an einem Sonn-tage tanzte, sich drei Jahre der Kirchenbuße unterwerfen, wie Bressanvidoin seinen Katechesen erzählt. Die Geschichte lehrt, daß zur Zeit, als ohneBekehrung Götzendiener wegen irdischer Vortheile sich taufen ließen, dieTanzmusik bei der Hochzeitfeier, die Trinkgelage und Freitänze an Sonn-tagen (mit der FastnachtSseier einst zum Götzendienste deS Bacchus gehörig)aus dem Heidenthume in daS Christenthum übergegangen find. Schonder heilige Gregor von Nazianz eiferte gegen einen Flötenspieler beider Hochzeitfeier seines Freundes. Da gotteSfürchtige Eltern noch immerihre Söhne und Töchter wegen der dabei statthabenden Aergernisse vomBesuche der Hochzeiten mit Tanzmusik ferne halten; so wäre zu wünschen,daß im fünften Kirchengebote bei der Hochzeitfeier die Tanzmusik ver-boten würde, als ganz ungeeignet zur Freude über den Empfang derGnade eines heiligen SacramenteS. DaS Volk hält die Nichtbesolgungvon Pflichtenlehre», die auch von der Kirche besonders geboten werden,noch immer für eine größere Sünde; daher die gewünschten Gebote undVerbote kräftige Tugendmittel seyn würden.
Bluwen au- dem Schriftarten de- heiligen Vernarbn-.
(Fortsetzung.)
18. B e g i e r l i ch k e i t.
Die Begierlichkeit ist die Wurzel der Bosheit. Die Begierlichkeitkommt auS der Leere und Vergessenheit deS HerzenS. Denn die Seelebettelt anderswo, weil sie vergißt ihr Brod zu essen; sie hat ein heftigesVerlangen nach Irdischem, weil sie am wenigsten an Himmlisches denkt.
19. Beharrlichkeit.
Bescheidenheit zeugt von einem weisen, Beharrlichkeit von einemtapfern Manne.
20. Beispiele.
So lange du klein bist, und bis du vollkommener lernst, dich inGotteS Gegenwart zu denken, schaue dich um einen Erzieher um. Erwähledir auf meinen Rath einen Menschen, dessen Beispiel so in deinem Herzenhafte, daß, so oft du an ihn denkest, du dich vor Ehrfurcht erhebest, unddich selbst ordnest und zusammen nehmest. Wenn du an ihn denkest, alswenn er gegenwärtig wäre, wird die Anhänglichkeit der gegenseitigen LiebedaS Fehlerhafte an dir verbessern.
Ein großer Trost ist es im Leben, eine treue Seele zu haben, derdu dein Herz eröffnen und die Geheimnisse desselben anvertrauen kannst.
Liebe den uud folge ihm, der in der Traurigkeit mit dir leidet, im Unglückedich aufrichtet, im Glücke sich mit dir freut. Glücklich eine solche Verbin-dung und eine solche Freundschaft; denn nichts ist schöner im menschlichenLeben, als sie.
DaS Aufsteigen ist wahrlich schwer und die Bemühung vergeblichohne GotteS Beistand. Wer also steht, wenn er nicht fallen will, dervertraue nicht sich, sondern stütze sich auf Gott . So ist eS, weder Aus-stehen zum Guten, noch Stehen im Guten können wir ohne Gott . Derdu also stehst, gib Gott die Ehre, durch dessen Hand du ausrecht erhaltenwirst. Nichts zeigt GotteS Allmacht deutlicher, als daß er diejenigen all-mächtig macht, die auf ihn hoffen. Oder ist der nicht allmächtig, demAlles möglich ist? So kann eine Seele, die nicht vermessen ist, sondernvon Gott gestärkt wird, allerdings über sich herrschen, so, daß keine Un-gerechtigkeit etwas gegen sie vermag. Keine Gewalt, keine List, kein Reizkann den Stehenden umwerfen oder den Herrschenden unterwerfen. Ver-geblich aber stützt sich der auf etwas, der sich nicht auf Gott stützt.
22. Bekehrung.
Am Anfange unserer Bekehrung ist uns keine Tngend nothwendiger,als eine demüthige Einfalt und ein geschämiger Ernst.
Die äußere Bekehrung allein ist keine Bekehrung. Sie hat nur dieForm, nicht aber die Wahrheit einer Bekehrung. Während sie den Scheinder Frömmigkeit hat, ist sie leer an Tugend.
Die Engel freuen sich über die Bekehrung und Buße der Sünder.Da sie Durst haben nach dem Seelenheile der Menschen, sind die Thränender Büßer ihr Wein, weil in denselben der Wohlgeruch deö Lebens, derGeschmack der Gnade, der Genuß der Verzeihung, die Lieblichkeit der Ver-söhnung, die Gesundheit der wiederkehrenden Unschuld, die Süßigkeit deSerheiterten Gewissens ist.
23. B e r ü h r u n g.
Durch die Berührung wird das Feuer der wilden Lust auch beigeringer Gelegenheit aufgeregt, und wenn sie nicht auf der Stelle aufge-geben wird, bemächtiget sie sich deS ganzen LeibeS und steckt ihn in Brand.
24. Beschallung.
Nichts ist angenehmer und nützlicher, als die Gnade der Beschauung.Je mehr du dich in der Betrachtung himmlischer Dinge unterhältst und inder Unterhaltung sie bewunderst, desto lieber wirst du dabei verweilen,desto fleißiger wirst du forschen, desto tiefer wirst du erleuchtet. Immerwirst du etwas finden, worüber du dich wundern und freuen wirst. Nir-gends ist ein reichlicherer Stoff zur Bewunderung, nirgends eine nützlichereUrsache zur Freude. In diesen Dingen also verweile Leine Bewunderungund deine Freude. ES wird nicht nöthig seyn einen Gegenstand vor denandern zu suchen, oder mit den Gedanken von einem auf den andern zuschweifen: denn Gott erkennen ist die Fülle der Wissenschaft.
25. Bescheidenheit.
Unerträglich ist der Eifer ohne Wissenschaft. Wo also großer Eiferist, da ist Bescheidenheit vorzüglich nothwendig, welche die Liebe ordnet.Denn die Bescheidenheit setzt jede Tugend in Ordnung, und diese Ordnunggibt ihr Schönheit. Die Bescheidenheit ist also nicht so fast eine Tugend,als vielmehr die Lenkerin und Führerin der Tugenden, die Ordnerin derAffecte und die Lehrerin der Sitten. Nimm sie weg, und die Tugend wirdzum Fehler.
26. Beschneidung.
Weil die Gebrechlichkeit deS menschlichen Fleisches und die SchwächedeS kindlichen Alters die Beschneidung an den einzelnen Gliedern nicht aus-halten könnte, hat eine höhere Anordnung mit gütiger Mäßigung dafürgesorgt, daß die Begierlichkeit vorzüglich an jenem Theile gezüchtiget werde,wo sie heftiger wüthete und gewaltthätiger Böses verübte. Denn unterallen Gliedern, welche dem Geiste widersprechen, ist jenes so widerspänstig,daß eS sich gegen alle Ueberlegung deS Willens erhebt.
27. Betrachtung.
Vergeblich erhebt daS Auge deS HerzenS zur Anschauung GotteS,wer noch nicht in der Kunst, sich selbst zu kennen, erfahren ist. Denn zu-erst mußt du daS Unsichtbare deines Geistes kennen lernen, ehe du geeig-net bist, den unsichtbaren Gott zu schauen. Und wenn du dich selbst noch