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nicht kennen gelernt hast, wage es nicht, daS zu erforschen, was über dirist. Der vortrefflichste und erste Spiegel zur Anschauung GotteS ist eineverständige Seele, die sich selbst betrachtet. So lange Jemand fremdeFehler neugierig erforscht, wird er die eigenen nicht erkennen.
28. Betrübniß.
ES ist eine Eigenschaft der Betrübten, daß sie eS für daS größteGlück halten, von den Lastern entledigt, und für die höchste Seligkeit,vom Elende frei zu werden.
29. B i s ch ö f e.
Der heilige MartinuS, Cardinal-Priester, stand einst in Dacien einenGesandtschastSposten vor, und kehrte von demselben so arm zurück, Laß er,da ihm Geldmittel und Pferde mangelten, kaum nach Florenz kommenkonnte. Dort schenkte ihm der Bischof des OrteS ein Pferd, auf welchemer nach Pisa ritt, wo wir uns damals aufhielten. TagS darauf, glaubeich, kam auch der Bischof von Florenz nach (denn er hatte einen Proceßmit einem Gegner, und der Gerichtstag war nahe) und fing an, die Hilfeseiner Freunde anzuflehen. Nachdem er einen nach dem andern gebetenhatte, kam er auch zu MartinuS. Denn er setzte um so größeres Ver-trauen auf ihn, da derselbe der frischen Wohlthat nicht leicht uneingedenkseyn konnte. Da sprach MartinuS: „Du hast mich getäuscht; denn ichwußte nicht, daß du einen Streithandel auszumachen habest. Nimm deinPferd; eS steht im Stalle." Und zur selben Stunde leistete er Verzichtauf dasselbe.
30. B ö s e S.
Das Böse ist immer von der Strafe begleitet.
Wenn Jemand sein Herz noch so aufmerksam beobachtet, und wenner in diesem Geschäfte auch viel Uebung und Erfahrung hat, so kann erdoch nicht ganz genau unterscheiden daS angcborne und das eingesäeteBöse. „Aber die Sünden, wer merket sie?" ES liegt auch nicht vieldaran, zu wissen, woher daS Böse in unS komme, wenn wir nur wissen,daß es in unS sey. Wir sollen vielmehr wachen und beten, damit wirin selbes nicht einwilligen, eS mag wo immer her seyn.
Ein böser Mensch wohnt niemals sicher bei sich, weil er bei einembösen Menschen wohnt, und Niemand ist ihm lästiger, als er sich selbst.
31. B u ß e.
So sehr Gott die Unverschämtheit des Sünders mißfällt, so sehrgefällt ihm die Schamröthc des Büßers.
Wer wahrhaft seine Sünden bereut, der fürchtet sich nicht vor derMühe der Buße, sondern er nimmt mit stillschweigendem Gewissen Allesan, waS ihm für die Schuld, die er haßt, aufgegeben wird.
Der wahre Büßer befindet sich immer in Arbeit und Schmerz. Erbereut daS Vergangene, er arbeitet, um Zukünftiges zu verhüten. Dennwahre Buße ist eS, ohne Unterbrechung der Zeit seine Sünden zu bereuen.Er beweint daS Begangene, damit er nicht mehr BeweinenSwertheS begehe.Ein Spötter, nicht ein wahrer Büßer ist jener, der noch thut, wa« erbeklagt. Wenn du also ein wahrer Büßer seyn willst, so stehe ab vonder Sünde, und wolle nicht mehr sündigen: denn jene Buße ist eitel, welchedie darauffolgende Schuld wieder befleckt.
Die Keuschheit laust Gefahr bei'm Vergnügen, die Demuthim Reichthum, die Frömmigkeit in der Geschäftigkeit, die Wahrheitin vielen Reden, die Liebe in dieser bösen Welt. Fliehet auS der MitteBabylons, fliehet und rettet eure Seelen. Fliehet in die Städte der Zu-flucht, wo ihr über die begangenen Sünden Buße thun, in der Gegen-wart Gnade erlangen und für die Zukunft vertrauensvoll auf Verherr-lichung warten könnet. ES halte euch nicht zurück das Andenken an dieSünden; denn wo sie überschwänglich sind, da pflegt die Gnade noch über-schwänglicher zu seyn: nicht die Strenge der Buße; denn die Leiden dieserZeit kommen nicht in Vergleich mit der nachgelassenen Schuld und mit'der Gnade der gegenwärtigen Tröstung, noch mit der Herrlichkeit, dieuns verheißen ist.
Der französische Alerus.
Nachdem derselbe von verschiedenen Seiten angeklagt wurde, daß erbei der Abdankung Louis Philipps so schnell den Mantel nach dem Windegedreht, wird eS nicht uninteressant seyn, die glänzende und geistreicheRechtfertigung zu hören, welche Ritter in der Vorrede zu seinen Vorle-sungen geschrieben. Er sagt: „Man hat eS tadelnSwerth gefunden, Laß
die französische Geistlichkeit nach der Februar-Revolution keine Sympathienfür die vertriebenen Orleaniden an den Tag legte, sondern die Republik bereitwillig anerkannte. Die französische Geistlichkeit war den Bourbonenaufrichtig zugethan und treu, daher ihr zurückhaltendes Benehmen gegenLudwig Philipp. In diesem aber sah sie nichts weiter als einen Usurpa-tor, da sein Besitz sich weder auf daS Recht der Geburt, noch der Er-oberung, noch der allgemeinen Volkswahl gründete. Auch seine religiöseGesinnung war mehr als zweifelhaft, und seine Kuppelei in der spanischen Heirathsangelegenheit mußte daS sittliche Gefühl des Klerus empören.In der UnkerrichtSfrage aber war er dessen Gegner; für die Interessen deSVolks hatte er nichts gethan. ES galt, nachdem sein Thron gestürzt under vertrieben war, daß die Geistlichkeit einen schnellen Entschluß faßte, umnicht der Partei deS CommunismuS einen Vorwand zu leihen, ihre Waffengegen die Kirche zu kehren, und die allgemeine Unordnung zu verlängern.Die bereitwillige Anerkennung der Republik von Seiten der Kirche wardie einzige Auskunft. Die improvisirte Regierung bekam dadurch einen! Anhalt, den sie dankbar anerkennen mußte. Daß der Erzbischof Affre vonPariS , von welchem die ersten kirchlichen Erlasse ausgingen, kein Feiglingwar, der nur seine Person retten wollte, sondern ein Mann, der für seinVaterland sich aufzuopfern Muth besaß, dieß hat er später bewiesen.In so drangvollen Umständen, wie diejenigen nach der Februarrevolutionwaren, ist nichts verderblicher als halbe Maaßregeln. Nur Entschieden-heit kann retten. Diese Entschiedenheit bewies der Erzbischof und retteteFrankreich dadurch wahrscheinlich vor einer allgemeinen Auflösung. DaSverblendete Volk aber gewann die Ueberzeugung, daß die Kirche nichtzwischen ihm und seinem Idol von politischer Freiheit stehe, wodurch eSallein Rettung auS seinem Elende erwartete. Hätte Ludwig Philipp nurEinige seiner Millionen Franken verwendet, um dem schauderhaften Elendevieler unschuldigen Familien in Paris ein Ende zu machen, sey eS, daßer menschliche Wohnungen für sie baute, sey eS, daß er ihnen einen Herdin Afrika gründete, er hätte wenigstens ein dauerhaftes Andenken hinter-lassen. Welche großartigen Denkmale-zum Besten der Menschheit habendie Könige und Fürsten deS Mittelalters geschaffen; prachtvolle Dome,ErziehungS- und Krankenanstalten, Klöster, meist Zufluchlstätten für Mäd-chen aus den gebildeten Ständen u. s. w. WaS ist auS diesen Anstaltengeworden? Der Fiskus hat sie eingezogen, verkauft, verschenkt, oder sichselbst darin niedergelassen. Ja die Unterhaltung von Schulen unv Kirchen,für die jene Stiftungen sorgen mußten, fallen noch überdieß den Gemein-den zur Last, das tägliche Almosen aber, waS jene Anstalten spendeten,ist der Armuth meist verloren gegangen. Seitdem vie Völker ihre Fürsteirnur auS Geboten und Verboten kennen, und zwischen ihnen und ven Für-sten daS Heer der Beamten wie eine Wolke vor der Sonne steht, ist dieLiebe und Ehrfurcht der Unterthanen erkaltet. Noch heute sind vie Jn-spectionSreisen Friedrich des Großen in Schlesien in gesegnetem Andenken.Wehe den Beamten, in deren Bezirk eine Hungerpest, wie voriges Jahrin Oberschlesien , erst nachdem sie Monate lang gewüthet, zu seiner Kennt-niß gekommen wäre. Friedrichs Krücke war ein gefürchleter Zepter, abernicht für die Unterthanen, sondern für die Behörden. Aber nicht nur, daßdie Regierungen neuerer Zeit die alten wohlthätigen Institute aufgehoben,geschweige denn, daß sie selbst welche errichtet, so legten sie auch den Stif-tungen von Privaten in der Regel unübersteigliche Hindernisse entgegen.Man denke an die projeclirte wohlthätige Stiftung auf Nonnenwerth .Die Kirche in Deutsch-Piekar würde wahrscheinlich heute noch nicht erbauetseyn, auf keinen Fall in so großartigem Styl, wenn eS von der Regierungin Oppeln allein abgehangen hätte. Ludwig Philipp hatte Verstand fürdaS Interesse seiner Dynastie, aber kein Herz für sein Volk, darum wandteeS ihm in der PrüfungSstunve den Rücken."
Notiz.
Im Dom zu Trier wurde eine neuntägige Andacht zur Abwendungder Cholera angeordnet. Fast in allen Pfarrkirchen (ich glaube in allen)wird täglich Beicht gesessen, und die Geistlichen haben auch wirklich imBeichtstuhl täglich viel zu thun. In der am härtesten heimgesuchten Pfar-rei von St. Paulus zu Trier haben die übrigen Stadtgeistlichen bereit-willige Hilfe geleistet. Die so furchtbar auftretende Krankheit trägt heil-same Früchte; denn die in guten Tagen so oft vernachlässigte und verkannteReligion erlangt jetzt ihr volles heiliges Ansehen wieder, und Mancherbestellt jetzt seine GewissenSangelegenheiten, der ohne die drohende Zucht-ruthe der Cholera vielleicht weder „Zeit" noch „Lust" dazu gehabt hätte.
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.
Verlags-Inhaber: F. C. Kr eurer.