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verbürgte schon diese erste Versammlung, daß der dritte Congreß des. katho-lischen Vereines Deutschlands nicht minder reich an großartiger Einwirkungauf die Einzelnen und auf die Gesammtheit seyn und eben so segensreichenden werde, als die zwei ersten Versammlungen in Mainz und BreSlau .
Den ersten freien Augenblick werde ich dazu benutzen, weiteren Berichtabzustatten und bemerke für dieses Mal nur zum Schlüsse, daß die RegenS-burger Tagesblätter, nicht wie weilanv die radicale Mainzer Zeitung,diese Versammlung ignorirt, sondern dieselbe gleich deS anderen TageSbesprochen haben; daö „Tagblatt," ein Blatt der Demokraten, in wür-diger, männlich-ernster Weise, dagegen die früher von dem Hochwürdig-sten Herrn Bischof empfohlene „RegcnSburger Zeitung" mit der Gemeinheiteines ungezogenen Buben.
De- Glaubens Boden. *)
Erzählung auS den Papieren eines Seelsorgers.
I.
„Gar oft geschieht es, daß wir nicht wissen, waS wir vermögen;aber die Prüfung bringt zum Vorschein, waS wir sind." Diese Worteeines große» Meisters sind mir heute wieder einmal recht klar geworden.Die Ueberraschung deS Augenblicks, wie wenig fand sie mich vorbereitet!Auf den stillen Wegen der Seelsorge, unter den Armen und Kleinen, inderen Gemüth kein Zweifel den Eingang findet, ist eS, wenn schon müh-sam, doch anmuthig zu wandeln; aber selbst auf diesen Gängen wird manzuweilen von eisigen Lüften angeweht, an welchen ein kränklicher Geistsich gar leicht verkältet.
Ick suchte einen Arbeiter heim, der auf keinen irdischen Taglohnmehr rechnen konnte, und dem ich die Heilsmittel der Kirche schon frühergebracht. Mehr als einmal hatte ich hier die Großmuth und Güte einesangesehenen Arztes preisen gehört, der, so wie manchem andern dürftigenKranken, auch diesem seine Sorgfalt widmete, und den die Familie alsihren großen Wohlthäter ehrte. Frau Ludmilla meinte, sie könnte ihn schierfür einen Heiligen halten, wenn nicht der Umstand ihr einiges Bedenkenmachte, daß er ihrem HauSaltar mit den vielen auf GlaS gemalten Bil-dern keine Aufmerksamkeit schenke; die Kinder erzählten von ihm mit leuch-tenden Augen. Wie groß war mein Verlangen, den edlen Mann persön-lich kennen zu lernen! Als ich dießmal in das niedrige HauS eintrat, sahich seinen Wagen vor der Thüre halten; mein Wunsch war erfüllt, ersaß beim Lager deS Kranken. Ich sprach eine kurze Zeit mit der Mutterund den Kindern; der Arzt schien meiner Anwesenheit nicht zu achten.Um so öfter konnte ich, wie verstohlen, den Mann inS Auge fassen, dermir, wohl schon von lange her, genau bekannt schien. Endlich als er,um Abschied zu nehmen, sich erhob, wandte er wie zufällig seinen vollenBlick auch auf mich. Ich schrie auf, ich breitete meine Arme ihm entgegen.Blahomir, rief ich, sind Sie eS? oder träume ich nur? Lange konnte ichihn nicht ansehen; sein gleichgiltig frostiger, ja verächtlicher Blick beschämtemich, oder schien mir wenigstens zu sagen: du bist im Irrthum, Menschen-kind; eine Aehnlichkeit hat dich getäuscht; im klebrigen mag ich mit deines-gleichen nichts gemein haben; für mich bist du so viel als nicht da. Inder That ward ich an meinem Urtheile irre, auch halte der Fremde einviel zu gealtertes Aussehen, um der zu seyn, für den ich ihn gehalten.Gab ihm jedoch meine Anrede ein Recht, mir so wegwerfend zu begegnen?Noch wechselte er mit Mutter und Kindern einige freundliche Worte, undging, ohne sich weiter um mich zu kümmern; und dieß Benehmen ver-stimmte mich dcrmaaßen, daß ich kaum die rechte Weise fand, um denKranken, der täglich dem Tode entgegenharrte, zu erbauen und zu trösten.
Die gute Frau Ludmilla mußte daS alles scharf genug bemerkt haben.Bester Herr Jvo, sagte sie zu mir: es gibt zweierlei Religionen in derChristenheit, eine für uns gemeine und dumme Leute, die andere für dieFeinen, Gelehrten oder Vornehmen, die etwas AparteS haben. Ich meiner-seits halte die unsre für bester, und möchte um keinen Preis in der Welttauschen. Aber waS den Doctor anbelangt, so meine ich, daß sein Glau-ben wohl eine nachhaltige Cur nöthig hätte; eS ist mir jedoch nicht bangedarum, denn Zeit und Weile sind ungleich, und wo so viel Barmherzig-keit und gute Werke vorhanden, da wird die Gnade Gottes auch nichtfern bleiben. Ja wohl, erwiderte ich; aber — und weiter sagte ich nichts,denn dieß Aber mahnte mich, daß mein Selbstgefühl gekränkt und meinHerz verbittert war. Die Beleidigung konnte oder mußte ich verzeihen;waS ich mir erlauben durfte, war der Versuch, über die Person deS ver-meintlichen ehemaligen Freundes ins Reine zu kommen. Ludmilla hatte
versprochen, von seinem nächsten Besuche mir gleich Nachricht zu senden,und dieß fand sich bald. Wie im Vorbeigehen und gelegentlich trat ich indie Krankenstube, wo mir von Seiten deS Arztes die nämliche Begegnungzu Theil ward. Allein je genauer ich .mir den Mann betrachtete, undseiner Stimme horchte, desto mehr ward ich meiner Sache gewiß; und sobrachte ich eS endlich über mich, ihn anzureden. Herr, sprach ich, ihnfest anschauend; Sie sind dennoch Blahomir! Ich brauche eS nicht zuläugnen, erwiderte er; allein was folgt daraus? — Wenn Sie es sind,so müssen Sie mich kennen! — Warum nicht? Jedenfalls sind Sie einPriester, und mit dieser Kaste habe ich nichts zu thun. Adieu. Hiemitging er, und überließ mir die unangenehme Aufgabe, wie versteinert stehenzu bleiben, und ihm nachzuschauen.
Wie arm und kraftlos fühlt sich der Mensch mit seinen besten Ab-sichten, mit seiner innigsten Ueberzeugung, einem starren und unzugäng-lichen Gemüthe gegenüber! Selbst die Kinder machten große Augen, undauch ihre Mutter seufzte über dieß Benehmen. Sie meinte in ihrer Ein-falt: wenn schon die verschiedenen Stände mit Kisten und Kasten verglichenwürden, so sey ihr die Schublade, in welcher die Priester sich befinden,doch immer heilig und hochverehrt. Zeit und Weile sind ungleich, und somüsse man bald in der einen, bald in der andern, bald auch in BeidenHilfe suchen, aber jedenfalls bleibe wahr, was geschrieben steht: der Leibist mehr als die Speise, und die Seele ist mehr als der Leib! — Diewackere Frau ging aber noch weiter; sie hatte sich'S in den Kopf gesetzt,den Arzt auf andere Gedanken zu bringen. Dazu kam eS ihr ganz gele-gen, daß wenig Tage nachher, wie sie von erster Hand, von einer Hand,welcher die Zügel anvertraut waren, nämlich vom Kutscher eS in Erfah-rung gebracht, sein Geburtstag eintrat. Sie ließ das älteste Mädchenzur Krankenpflege daheim, putzte die andern Kinder aufs beste heraus, undzog mit ihnen in aller Frühe dreiviertel Stunden weit in das HauS deSArzteS. Die Kinder durften ihren Spruch aufsagen, dann nahm FrauLudmilla daS Wort. Gnädiger Herr, sagte sie: mir ist so leid um denhochwürdigen Herrn Jvo, der für meines Mannes unsterbliche arme Seelesorgt, wie Sie für seinen elendiglichen sterblichen Leib. DaS wäre auchein Patient, dem Sie weh gethan haben, und dem Sie helfen könnten,wenn Sie ihn nicht so despeckirlich behandelten. Der Doctor lächelte einwenig, und zwar (nach Ludmilla'S Bericht) ungefähr so, wie ein Sonnen-blick, der im Winter durch die gefrornen Fenster schielt; dann sprach er:dieß Capitel lasten wir auf sich beruhen. O ich weiß wohl, entgegneteLudmilla, daß die heiligen Evangelien in verschiedene Capitel eingerheiltsind; allein gar viele darunter lehren von der Gottes- und Nächstenliebe,und daß alle Menschen als Brüder sich betrachten sollen. Gewiß, sagteder Doctor, aber wer am wenigsten von diesen hohen Lehren der Huma-nität begreift, daS sind eben die Priester. Aber ich will dich in deinemGlauben nicht irre machen. Hat keine Noth, erwiderte Ludmilla; gegenmeinen Glauben werden Sie mit allen Ihren Recepten nichts ausrichten.Aber mit dem Herrn Jvo sollten Sie Loch eine Ausnahme machen. Ein-mal ist er ein Mann von aufrichtigem Herzen, und für'S andere: wer weiß,ob eS Ihnen nicht selber gut ist? Zeit und Weile sind ungleich!
Mehr als daS, so setzte Ludmilla ihren Bericht fort, traute ich mirnicht zu reden, denn der Doctor ward ungeduldig, und rief: genug. Aberwir Frauen müssen nun einmal, außer im Kyrie eleison, daS letzte Worthaben. Ich blieb in der Thüre stehen; ich fragte kleinlaut: So darf ichihm gar nichts Freundliches melden? Nun, waS er darauf erwiderte! Erwar wie außer sich, und sein Blick war schrecklich; so erzürnt und verstörthabe ich ihn nie gesehen! — Aber was erwiderte er denn eigentlich? —Der arme Mann! Ich hatte einst einen Freund, rief er, der mein Ver-trauen betrogen, der mich unselig gemacht, der mir alles geraubt hat,was mein LebenSglück ausmachte. Jede Erinnerung an ihn empört mich;und dieser Priester, dieser Jvo — ist jenes Menschen leiblicher Bruder! —Ich crschrack über die Rede, und dießmal vergaß ich aufs letzte Wort.Zeit und Weile sind ungleich, dachte ich bei mir; nahm meine Kinder,und begab mich auf den Heimweg.
(Fortsetzung folgt.)
Blnme» au- dem Schriftgarten de- heiligen Bernardu-.
(Fortsetzung.)
32. Danksagung.
Nicht eine jede Danksagung ist Gott angenehm, außer die aus scham-haftem Herzen und reiner Einfalt kommt. AuS „schamhaftem" Herzen,sage ich wegen derjenigen, welche sich ihrer schlechten Handlungen rühmenund Gott dafür zu danken Pflegen, als wenn Gott sich über ihre böse
*) Aus dem österreichischen Nelkssreuud.