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Handlungsweise freue. Aus „reiner" Einfalt, sehe ich bei, wegen derHeuchler, welche Gott mit Worten loben, aber im Herzen zurückbehalten,was sie mit dem Munde gegeben haben. Jene schreiben Gott gottloserWeise ihre bösen Thaten, diese die Wohlthaten Gottes sich zu.
33. Demuth.
Schäme dich, Asche, stolz zu seyn! Gott erniedrigt sich, und du er-höhest dich? Gott unterwirft sich den Menschen, und du willst über dieMenschen herrschen und dich deinem Urheber vorziehen? So oft ich denMenschen vorzustehen verlange, streite ich mit Gott um den Vorrang.
Kein Edelstein glänzt schöner am bischöflichen Ornate, als die Demuth.
Ein guter Grund ist die Demuth, worauf man daS geistliche Gebäudesetzen kann, damit eS wachse zum Tempel Gottes. Durch dieselbe besaßenEinige sogar die Thore der Feinde. Denn welche Tugend kann wie sieden Stolz der Teufel und die Tyrannei der Menschen bekriegen?
Schlauen und hinterlistigen Menschen pflegt eS eigen zu seyn, De-muth zu heucheln, wenn sie etwas erlangen wollen. Von diesen sagt dieheilige Schrift: „Ein anderer demüthigt sich schalkhaft, undsein Inneres ist voll List."
Die Demuth ist eine Tugend, wodurch der Mensch sich selbst kennenund gering schätzen lernt.
Die Demuth muß man fest halten, da sie die Wächten» der Reinig-keit und die Mutter der Geduld ist. Wahre Geduld kommt nur auS tieferDemuth, ohne die jene weder erworben noch erhalten wird.
Eine ehrenvolle Sache muß eS um die Demuth seyn, da sogar derStolz sich mit dem Mantel der Demuth kleidet, damit er nicht gering ge-achtet werde.
34. Dreieinigkeit.
Gleichwie in der Gottheit Dreieinigkeit in Personen, Einheit in derWesenheit ist, so ist auch in der Verbindung Gottes und des MenschenDreiheit in den Wesenheiten, Einheit in der Person. Und wie dort diePersonen die Einheit nicht trennen, die Einheit aber die Dreiheit nichtaufhebt: so vermischt hier nicht die Person die Wesenheiten, noch hebendie Wesenheiten der Person die Einheit auf. Jene höchste Dreieinigkeithat uns diese Dreieinigkeit mitgetheilt, ein wunderbares, ein einziges Werkunter allen und über allen ihren Werken. Denn das Wort, die Seeleund daS Fleisch kamen in Einer Person zusammen, und diese Drei sindEins, und dieses Eine Drei, nicht durch Vermischung der Wesenheit, son-dern durch Einheit der Person.
35. Ehrgeiz.
Der Ehrgeiz ist ein feines Uebel, ein verborgenes Gift, eine ver-steckte Pest, ein Künstler in der List; die Mutter der Heuchelei, der VaterdeS Neides, der Ursprung der Sünden, der Zunder der Laster, der Rostder Tugenden, die Motte der Heiligkeit, die Verblenderin der Herzen, underzeugt auS den Heilsmitteln Krankheiten, aus der Arznei Schwäche.Welch großen Männern hat diese Pest den Fuß untergeschlagen und sieschändlich zu Boden geworfen, daß die Uebrigen, denen dieser verborgeneRäuber nicht bekannt war, bei dem Falle erschracken!
36. Eifer.
Zwar ist der Eifer ohne Wissenschaft immer weniger wirksam undweniger werth, meistens aber ist er sogar verderblich. Je feuriger alsoder Eifer und je heftiger der Geist ist, und je ausgebreiteter die Liebe, destowachsamere Wissenschaft ist nöthig, welche den Eifer zügle, den Geistdämpfe, die Liebe ordne.
37. Einigkeit mit dem Nächsten.
Die Einigkeit der Guten ist eine doppelte. Die eine rechtfertiget,die andere verherrlicht. Jene ist Verdienst, diese Belohnung. Die Einig-keit, welche gerecht macht, ist vorzüglich jetzt nothwendig. Denn sie istdie angenehme Zierde, von der der Psalmist fingt: „Wie gut und wielieblich ist'S, wenn Brüder beisammen wohnen!" Dieß istjene Einigkeit, welche der Apostel mit allem Fleiße zu beobachten befahl:„Seyd beflissen, Einigkeit deS Geistes zu erhalten durchdas Band deS Friedens."
38. Einwilligung.
Ein Anderes ist die freiwillige Beistimmung, und ein Anderes dienatürliche Lust. Letztere haben wir mit den unvernünftigen Geschöpfengemein, und diese vermag nicht dem Geiste beizustimmen, verhindert durchdie Reizungen deS Fleisches. Indem uns diese mit den Thieren gemein
ist, unterscheidet unS die freiwillige Beistimmung von denselben. Denn sieist eine Eigenschaft der über sich freien Seele, die zwar angetrieben, abernicht gezwungen werden kann. Diese freie Beistimmung ist Sache desWillens, nicht der Gewalt: sie versagt sich keinem und gibt sich keinemDinge hin, außer auS Willen. Wenn sie gezwungen werden konnte, wäresie der Gewalt unterworfen und nicht mehr freiwillig. Wo aber kein Willeist, ist auch keine Beistimmung: wo aber Beistimmung, da ist Wille:weiter, wo Wille, da ist Freiheit. Und das ist nach meiner Meinungder „freie Wille."
39. Eitelkeit.
Der eitle Ruhm fliegt leicht einher, dringt leicht ein: aber er versetztkeine leichte Wunde, und tödtct schnell.
Ein eitles Herz bringt auch dem Körper daS Kennzeichen der Eitel-keit bei, und der äußere überflüssige Aufwand ist ein Zeichen der innernEitelkeit.
Brüder, Niemand unter euch wolle gerne gelobt werde» in diesemLeben: denn was du hier Lob annimmst, stiehlst du Gott, wenn du eSnicht auf ihn beziehst. Fäulniß und Staub, woher kommt denn dein Ruhm?
40. E l e n d.
Kein Elend ist wahrer, als die falsche Freude.
Alles, was daS gegenwärtige Leben betrifft, ist vom Elend ergriffen.Ich rathe dir. betrachte am meisten, was du seyest, nämlich ein Mensch,als der du geboren bist. Aber nicht nur darauf merke, als was du gebo-ren bist, sondern auch, wie du geboren bist. Betrachte bloß den Nackten,weil du nackt auS dem Leibe deiner Mutter hervorgekommen bist. Wenndu betrachtest, waS du seyest, wird dir ein nackter, armer, elender underbarmenswerther Mensch begegnen. „Der Mensch, vom Weibe ge-boren, lebt eine kurze Zeit, und wird mit vielem Elend er-füllt." Viel und vielfach ist daS Elend deS LeibeS und deS HerzenS,du magst schlafen oder wachen oder dich wo immer hin wenden. In derSünde geboren, mit einem sterblichen Leibe, thörichten HerzenS, zum Todeverurthetlt, lerne dich kennen, o Mensch!
41. Engel.
Sehr viele Dinge sind es, welche den Engeln an unS gefallen,wenn sie selbe vorfinden, besonders Nüchternheit, Keuschheit, freiwilligeArmuth, häufige Seufzer nach dem Himmel, Gebet mit Thränen undVersammlung deS Geistes. Doch verlangen die Engel deS FriedenS vonuns vor Allem Einigkeit und Frieden. Werden sie sich nicht am meistenüber die freuen, welche auf Erden daS himmlische Jerusalem vorstellen?Dagegen beleidigt sie nichts mehr und fordert ihren Unwillen mehr heraus,als Uneinigkeit und Aergerniß.
Wenn du die Bedienung der Engel wünschest, so fliehe weltlichenTrost, und leiste Widerstand den Versuchungen deS Teufels!
42. Enthaltsamkeit.
DaS einzige Mittel, wenn die Enthaltsamkeit erschüttert wird undwankt, ist das Entgegenhalten der Geduld und die gänzliche Verneinungder Beistimmung, mag der Reiz der Sünde noch so sehr brennen. JeneEnthaltsamkeit hat kein Verdienst bei Gott, welche menschliches Lob sucht,weil die Enthaltsamkeit den häufigen und scharfen Pfeilen deS Versuchers nichtwiderstehen kann, wenn sie nicht von der göttlichen Gnade beschützt wird.
„Ich will ihn beschirmen, weil er erkannt hat meinenNamen." Der kennt seinen Namen nicht, der ihn nicht ehrt wie denVater und ihn nicht fürchtet als den Herrn. Seinen Namen kennt nicht,wer ihn eitel auSspricht: „Herr, Herr", und nicht thut, was er sagt.Seinen Namen kennt nicht, wer sich zu Eitelkeiten und falschen Thorheitenwendet. Jener erkannte seinen Namen, der da sprach: „ES ist keinanderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben,wodurch wir selig werden sollen." Wenn wir den Namen, derüber unS angerufen worden ist, erkennen, werden wir auch Verlangendarnach haben, daß er in unS gcheiliget werde, nach der Lehre Jesu:„Vater unser, der du bist im Himmel! Gcheiliget werdedein Name." DaS ist die Frucht der Erkenntniß des göttlichen NamenS,der Ruf deS Gebetes und die Erhörung deö RufeS von Seite deS Erlösers.
44. Erlösung deö Menschen.
Es geziemte sich, daß bei Wiederherstellung deö Heiles ein jedesGeschlecht vertreten war, da ja auch keines bei der Sünde abging.
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