Ausgabe 
9 (14.10.1849) 41
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45. Erinnerung.

Du wirst erschaffen, geheilt und beseligt. Waö von diesem kommt,o Mensch von dir her? Du konntest dich nicht erschaffen, «eil du nichtwarst, dich als Sünder nicht gerecht machen, als Todter dich nicht erwecken.WaS wir vom Ersten und Letzten sagen, ist offenbar. Aber auch daSMittlere bezweifelt Niemand, außer wer Gottes Gerechtigkeit nicht kenntund die seinige an deren Stelle setzt. Wie kommt eS denn? Du erkennstdie Macht deS Schaffenden, die Herrlichkeit des Rettenden, und dieGerechtigkeit deS Heilenden kennst du nicht? Wer ist aber derjenige,welcher GotteS Gerechtigkeit nicht anerkennt? Der sich selbst gerecht macht,der die Verdienste anderswoher sich anmaßt, als von der Gnade? Welchealso wahrhaft weise sind, bekennen eine dreifache Gnadenwirkung in sich,erstens die Schöpfung, zweitens die Rechtfertigung, drittens dieVollendung.

46. Erscheinung Christi.

Ehe die Menschheit GotteS erschien, war seine Güte verborgen.Seine Macht war erschienen in der Schöpfung der Dinge, seine WerS-heit in ihrer Leitung, aber seine Güte erschien am meisten in seinerMenschwerdung.

47. F al l.

Der Mensch wohnte im Paradiese, und sein Aufenthalt war amOrte deS Vergnügens. Er empfand keine Last und keine Noth, gestärktmit wohlriechenden Aepfeln, erquickt mit Blumen, gekrönt mit Ruhm undEhre und gesetzt über alle Werke der Hände des Schöpfers. Mehr nochzeichnete ihn aber aus die Gottähnlichkeit, vermöge welcher er das Looöund die Gesellschaft mit dem Volke der Engel und mit dem ganzen himm-lischen Heere genoß. Aber er vertauschte GotteS Herrlichkeit mit der Aehn-lichkeit eines KalbeS, welches Heu frißt. Daher kommt, daß daS Brodder Engel gleichsam Heu geworden ist, gelegt in die Krippe und unS vor-gesetzt alS Thieren. Die Speise deS Menschen wurde verwandelt in Speisedes VicheS, nachdem der Mensch in ein Vieh verwandelt worden. Otraurige und beweinenswerlhe Verwandlung, wodurch der Mensch, derBewohner deS Paradieses, der Herr der Erve, der Bürger des Himmels,der Hausgenosse GotteS , der Bruder der seligen Geister, der Erbe himm-lischer Tugenden, sich plötzlich verändert fand: und wegen seiner «schwächebrauchte er einen Stall, wegen seiner Thierähnlichkeit Heu und wegen sei-ner ungezähniten Wildheit daS Anbinden an die Krippe. Erkenne jedoch,o Ochs, deinen Herrn: erkenne ihn als Vieh, den du nicht als Menscherkannt hast. Bete den im Stalle an, den du im Paradiese flohst. Ehredie Krippe desjenigen, dessen Herrschaft du verachtet hast: Heu, derdu Engelbrod verschmäht hast. Aber, sagst du, was ist die Ursache dieserso tiefen Erniedrigung?Weil der Mensch, der in Ehre war, eSnicht bedachte, ist er gleich geworben den unvernünftigenThieren."

48. Fasten.

also Denjenigen, der gesagt hat, daß eS eine Sünde gebe, die weder indiesem noch m dem zukünftigen Leben nachgelassen werde, fragen, warumer dieß gesagt habe, wenn keine Nachlassung für die Zukunft oder keineReinigung von der Sünde stattfindet? Aber eS ist kein Wunder, wennDiejenigen, welche die Kirche nicht anerkennen, über die Weihen derKirche losziehen, ihre Anordnungen nicht annehmen, ihren Geboten nichtgehorchen.

50. Fehler.

Der gute Wille in der Seele ist die Quelle alles Guten und dieMutter der Tugenden. So ist auch im Gegentheile der böse Wille dieQuelle alles Dösen und der Laster. Daher muß der Hüter seiner Seele! immer besorgt seyn in Hinsicht der Bewachung deS Willens.

! Gleichwie bei großer Arbeit und andauernder Anstrengung die Tugen-Iden zur Neigung und Gemüthsart werden, so gehen auch die geringstenj Fehler bei Gelegenheit zu großer Nachsicht in Gewohnheit über und wer«j den gleichsam natürlich.

51. Feind.

Wir haben zwar viele Feinde, nämlich das Fleisch, und kein Feindist uns näher, als dieser; die gegenwärtige böse Welt, von welcher wirrings umgeben sind; die Fürsten der Finsterniß, welche unsere Pfade um-lagern. Aber wenn wir in jenem Hause wären, das nicht von Menschen-händen gemacht ist, nämlich im Himmel, wo kein Feind hinein und keinFreund heraus geht, so hätten wir nichts zu fürchten. Nun aber sind wirdrei sehr bösen und heftigen Winden ausgesetzt, dem Fleische, der Weltund dem Satan, welche die Leuchte des Gewissens auöblasen wollen,indem sie in unsere Herzen böse Begierden einhauchen: diese machen unSoft so verwirrt, daß wir kaum erkennen, woher wir kommen oder wohinwir gehen.

52. Fesseln.

Drei Bande find, mit denen wir an Gott gebunden werden,Stricke, hölzerne und eiserne Nägel und Leim. Mit einem Stricke istan seinen Erlöser gebunden, wer bei Versuchungen sich tapfer die Schön-heit der Tugend und seine Vorsätze inS Gedächtniß ruft. An diesem Strickekann er sich zwar hallen, damit der Vorsatz nicht ganz zu Boden falle;aber dieß ist ein hartes, lästiges und gefährliches Band, welches stockenund schnell abreißen kann. Mit Nägeln wird an den Herrn der Maje-stät geheftet, wen die Furcht GotteS bindet, der zwar nicht erschrickt vordem Angeflehte der Menschen, wohl aber bei dem Andenken an die ewigenStrafen. Und zwar fürchtet ein Solcher nicht so fast das Sündigen,als vielmehr das Brennen. Doch geht dieses Band stärker und tiefer ein,als daö erste, da ersteres wankt, während daS zweite den Vorsatz festhält.DaS dritte Bindungsmittel ist der Leim, das ist, die Liebe, wodurch dieSeele so lieblich uno sicher an Gott gebunden wirb, als wäre sie Ein Geistmit ihm. Der durch den Leim der Liebe mit Gott verbundene Mensch be-nützt Alles, waS er thut, und waS ihm widerfährt, zu seinem Vortheile»

Christi Fasten muß allen Christen gemein seyn. Sollen denn dieGlieder nicht ihrem Haupte folgen? Wenn wir das Gute von diesemOberhaupte angenommen haben, füllen wir nicht auch das Ueble ertragen?Oder wollen wir Trauriges verwerfen und nur Lustiges annehmen? Wenndieß so ist, so beweisen wir uns dieses Oberhauptes unwürdig. DennAlles, was er leidet, ist für unS. Wenn wir zu träge sind, an dem Werkeunsers Heiles mit ihm zu arbeiten, wo werben wir denn sonst seine Bei-helfer seyn? ES ist nichts Großes, wenn mit Christus fastet der Christ,der einst mit Christus am Tische seines himmlischen Vater sitzen soll.Nichts Großes ist eS, wenn daS Glied mit dem Haupte leidet, mit demeS einst verherrlicht werben soll. Glücklich jenes Glied, daS dem Haupteanhängt in allen Stücken und dorthin ihm nachfolgt, wohin eS vorangeht.

Wenn wir unö vom Erlaubten enthalten, wird unS das Unerlaubte,welches wir begangen haben, leichter verziehen.

Das Gebet erlangt die Tugend des FastenS, und daS Fasten ver-dient die Gnade deS Gebetes. DaS Fasten stärkt daS Gebet, raS Gebetheiliget daS Fasten und stellt dem Herrn vor. Je wirksamer aber jenesist, wenn eS geschieht, wie eS geschehen soll, desto hinterlistiger pflegt eSvom Gegner verhindert zu werden.

49. F e g f e u e r.

Die Häretiker glauben nicht, daß ein Feuer der Reinigung nach demTode zu erwarten sey, sondern baß die Seele nach der Scheidung ausdem Leibe entweder zur Ruhe oder zur Verdammniß übergehe. Sie mögen

53. F e st.

Drei Dinge müssen wir an den Festen der Heiligen genau beachten,die Hilfe deS Heiligen, sein Beispiel, unsere Beschämung. Seine Hilfe,weil Derjenige, der mächtig auf Erden war, im Himmel vor GotteS An-gesicht noch mächtiger ist. Denn wenn er während seines ErdenlebcnS mitven Sündern Mitleiden hatte und für sie betete, so wird er dieß jetzt umso mehr thun, je bester er unser Elend erkennt. Er bittet für unS denVater, der in jenem himmlischen Vaterlande seine Liebe zu ihm nicht ver-ändert, sondern vermehrt hat. Denn er ist deßwegen nicht gefühllos gewor-den, weil er leibenSunfähig ist: sondern er ist jetzt voll innigsten Mitleids,da er vor der Quelle der Barmherzigkeit steht. Wir müssen auch merkenauf sein Beispiel, weil derselbe, während er auf Erden lebte, nicht recht-und links ablenkte, sondern den königlichen Weg einhielt. Schauen wiran die Demuth in seinen Werken, die Macht in seinen Worten, und dannwerden wir sehen, wie er sowohl durch Wort als Beispiel unter den

Menschen geleuchtet hat, welche Fußstapfen er unS hinterlassen, damit wir

durch selbe und auf selben gehen. Aber mit noch aufmerksamerm Augemüssen wir betrachten unsere Beschämung, weil er ein Mensch war wiewir, den Versuchungen und Leiden unterworfen, aus dem nämlichen Lehmgeschaffen wie wir. Warum glauben wir also, daß eS nicht nur schwer,fondern sogar unmöglich sey, seinen Fußstapfen zu folgen? So sollen wir

also an den Festen der Heiligen unS freuen und unS selbst beschämen,

freuen, weil wir Patrone vorausgeschickt haben, schämen, weil wirihnen nicht nachfolgen.

Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.

Verlagö-Jnhaberr F. C. Kremer.