Ausgabe 
9 (21.10.1849) 42
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

168

De- Glauben- Bode».

Erzählung aus den Papieren eines Seelsorgers.

II.

Der arme Kranke hatte seinen Leidensweg vollendet, und die Wittwesuchte ihr Hauswesen fortzuführen, so gut eS gehen wollte. Wenn Sorgensie drückten, wenn Kinder übellaunig waren, wenn eS bald an Holz, baldan Mehl oder sonst etwas mangelte, hielt sie tapfer an ihr Trostwort:Zeit und Weile sind ungleich, aber Gott der Herr ist immer derselbe.Ihr Wohlthäter, der Arzt, vergaß ihrer nicht, er sendete ihr mancherleiHausbedarf, und waS ihr noch lieber war, er gab ihr Arbeit; was ihrAwch, wie sie versicherte, daS liebste gewesen wäre, daS wollte sich nichtfügen. Sie wagte nicht mehr, meiner Person zu erwähnen, und nochweniger schien eS ihr rathsam, ihrem Bekehrungseifer freien Lauf zu lassen.Dagegen beten wir für ihn jeden Abend und Morgen; und eS sollte michWunder nehmen, wenn daö Gebet meiner Kinder nicht erhört würde.Neulich vor Tagesanbruch wacht meine Große, die Marianka auf, siehtmich bei der Lampe sitzen und nähen. Mutter, sagte sie: Abends, währendwir einschlafen, sitzest du da bis in die späte Nacht, und in aller Frühefitzest du noch immer, und arbeitest für uns, und schläfst gar nie, undwir dummen Kinder können nicht wach bleiben und dir helfen. Und huschwar sie wieder eingeschlafen. Nun, wer sollte eS ihnen nicht gönnen?"

So vergingen Wochen und Monate, ohne daß, wenigstens in diesemKreise, Zeit und Weile sonderlich ungleich wurden. Allein Ludmilla'SWahlspruch mußte endlich doch wieder daö Feld behaupten. AIS sie desMorgens mit ihrem Einkaufskorbe ausging; erblickte sie eine dürftig, dochreinlich gekleidete, bleiche Fremde, die, ein junges Mädchen an der Handführend, mit schwankendem Schritte ihr entgegen kam, unv die Lippenbewegte, ohne zu reden. Wo fehltS? fragte Ludmilla. Ach, eigentlichan allem. Ich wollte mir eben ein Herz nehmen, und Sie anreden, obSie mir keine Wohnung wissen. Die bisherige wurde mir aufgekündigt;mein kleiner Koffer ist noch in fremden Händen. Ich habe durch Weißnähenmir fortzuhelfen gesucht, aber ein längeres Kranksehn brachte mich umArbeit und Verdienst. Ich war einst etwas besseres gewohnt. DaSmerkt man wohl, erwiderte Ludmilla; aber Zeit und Weile find ungleich.Dabei ließ sie eS jedoch nicht bewenden; denn eS war ihre Sache nicht,sich lange zu besinnen. Bald nachher klopfte sie an meine Thüre.Schon wieder etwas angerichtet, Herr Jvo. WaS denn, Frau Ludmilla? Ich habe an die Frage gedacht:Wer ist denn mein Nächster?" Nunwer denn? Der erste lüfte, der mir auf den Fuß tritt? Nein, den mirder liebe Gott recommandirt und quer in den Weg schickt. Da ist denneine feine, zarte, blaffe Frau bei mir im Hause, der ich nichts böseSnachsagen kann, weil Niemand sie kennt, und mit ihr ein schmuckes, garjunges Mägdlein, blond und goldhaarig wie ein Engel; denn die werdenalle so gemalt, wiewohl es auch brünette geben kann, wer weiß daS?Meine Kinder sind brünett, und eben nicht die schlimmsten. Aber damitich auch wieder zur Sache komme: da habe ich die Geschichte auf demHalse. Ist mein Quartier so groß oder habe ich eS umsonst? Der heiligeErzengel Michael wird eS wissen, und der heilige Georg, denen man dieEhre angethan hat, sie dem Termin vorzusetzen. Nun, da müssen Sieauch ein wenig rathen und mithelfen, bester Herr Jvo.

Ich überzeugte mich bald, daß die Wackere wohl gethan, da sie demZug ihres Herzens folgte; und als ich bei mir die vielgcquälten gutwilligenLeute musterte, bei deren Thüre ich zu Gunsten der Fremden und ihresauszulösenden KofferS anklopfen könnte, fiel mir der Arzt, oder wie ichihn lieber nannte, Blahomir ein. Gerathener schien eS zwar, Ludmillahingehen zu lassen; allein ich wollte diesen Anlaß zu einem letzten Versucheder Annäherung benützen. Ich setzte ihn von meiner Bitte schriftlich inKenntniß; am nächsten Morgen trat ich in sein Vorzimmer, und ließ michmelden. Der Diener kam sehr bald zurück, brachte mir unter Siegel einenicht geringe milde Gabe für die Hilfsbedürftige; im Uebrigen richtete ermir auS: sein Herr sey seit einigen Tagen unwohl, und könne Niemandenvorlassen. Von einem höflichen Leidwesen oder Bedauern war nicht dieRede. Dieser Trost war mir also genommen. Aber auch die arme Ludmillasollte eines Trostes entbehren, und in der Schule der CharitaS eine Stufeweiter gehen; sie mußte auf die Befriedigung ihrer Neugierde verzichten.Johanna, so hieß die Fremde, war mit ihrer engen Dachkammer sehrzufrieden, zeigte sich stets gelassen, sanftmüthig und freundlich, sie nahmsich der Kinder an, denen sie allerhand schöne Kenntnisse und Fertigkeitenbeibrachte, und die Kinder hatten an ihr und der neuen Gespielinn, diesich Marietta nannte, eine herzliche Freude. Doch über ihre LebenSgesckickeverlor sie kein Wort. Inzwischen nahm Ludmilla ihre Fantasie zu Hilfe,

und da fand sie es bald heraus. Betrachtet ihre feinen Hände, Kinder,und ihre schönen Manieren. Jedenfalls ist die stille Frau so etwas, waSdie Leute eine Aristokratin nennen, und mindestens eine Gräfin. Vielleichthaben die Sensen- und Dreschflegelmänner ihr Schloß angezündet, und sievertrieben; jedoch wenn's gut geht, denn Zeit und Weil sind ungleich,wird daS prächtige Schloß wieder neu aufgebaut; dann, Kinder merkt eSeuch, werdet ihr alle hinein ziehen, und ganz neue schöne Zeiten erleben!Aber um deßwillen sollt ihr euch nicht freundlich erweisen; daS wäre schmutzig,pfui doch! sondern thut ihr alles zu Liebe, rein weil es Gott so will.Habt ihr deßwegen weniger zu essen, seit das Kind mit dem apartenNamen euch die Kartoffeln schälen hilft? Aber Marietta, oder Marianka ,daS geht am Ende auf eines hinaus.

Doch außerdem, daß Ludmilla auf die vielen Anfragen der Nachbarinnen,Arbeitgeberinnen und Gehilfinnen keine Auskunft zu geben wußte, hatte sienoch ein anderes Leid. Ihre neue HauSgenossin wollte sich auf Unterredungenreligiöser Art nicht einlassen. An der Frömmigkeit ihres Wandels wußte selbstLudmilla, die in solchen Dingen etwas streng urtheilte, nichts auszusetzen;wohl aber an ihrer Schweigsamkeit und Zurückhaltung. Sie suchte sichdieß auS den gelegentlichen Aussagen der Marietta zu erklären, die sicherinnern konnte, daß sie mit ihrer Mutter durch vieler Herren Ländergereist, und in schönen Kutschen herumgefahren, wobei dann Ludmillabemerkte, daß dergleichen bei einer Gräfin Kind oder Comtesse etwasGewöhnliches sey. Um so mehr freute sie sich, als sie sah, daß derKleinen die Kartoffeln trefflich schmeckten. Aber während Marietta zur rosigenFülle der Gesundheit erblühte, erkrankte ihre Namensschwester Marianka .Ludmilla hatte ihre besten Hausmittel schon erschöpft, und war bekümmert,da begegnete sie dem Arzte, der sehr angegriffen aussah. Er ließ halten,rief sie heran, und als er ihre Sorge vernahm, nöthigte er sie, trotz allesDeprecirenö, gleich mit ihm nach ihrer Wohnung zu fahren. Er fand dieKranke schon im Umschwung zur Genesung, verordnete das Nöthige, undwollte eben wieder fort, als ein liebliches Kind an der halbgeöffnetenThüre erschien, und schüchtern sich entfernen wollte. Bleib' da, Marietta,riefen die Andern ihr zu. Marietta? fragte der Arzt: wer heißt so?Pun die Kleine dort! Er war sehr bleich geworden; mit Mühe warf ersich auf einen Sessel, verhüllte sein Angesicht, und konnte doch seineThränen nicht verbergen. Wem gehört daS Kind? fragte er wieder.Einer armen Wittwe, erwiderte Ludmilla, die bei mir in der obern Kammerwohnt. Der Arzt ließ ihr die Muße nicht, ihren Bericht weiter auSzuspinnen,er eilte fort mit dem Versprechen, wieder zu kommen. Noch an demselbenAbend erhielt ich ein Schreiben von ihm, worin er mich sehr dringendeinlud, ihn sobald als möglich mit einem Besuche zu beehren. Ichstaunte, ich traute meinen Augen nicht; eS war aber doch so; sein Diener,den ich schon gesehen, legte den Brief in meine Hände, und die Unterschriftlautete ganz leserlich: Ihr alter Freund Blahomir. (Fortsetzung folgt.)

Augsburg.

Augsburg, 14. Oct. Im Jesuitensaale hat unser Hundertpfundsein neuestes für eine Kirche bestelltes Altarbild (für eine deutsche Kirche aufGoldgrund gemalt) auf einige Tage freundlich ausgestellt. Christus, derGekreuzigte, ist der Gegenstand. Zu seiner Rechten Maria, zur LinkenJohannes. Der Kampf ist auSgestritten, die Züge des Todten gehen vomSchmerze zur Ruhe über, ein meisterhafter Ausdruck! Die Mutter deS Herrnblickt nach dem Herzen des SohneS mit jener Ergebung, die anbetet und aber-mals sagt: ich bin des Herrn Magd u. s. w. Wie rein, würdevoll und allesSinnlichen bar find die Züge der Gottesmutter! Dagegen zittern im Augedes Johannes, daS sichtbar schwimmt, große Zähren. Dieses Auge blickt indas erloschene Auge des geliebten Herrn. Der sanfte Jüngling hat nicht denSchmerz völliger Ergebung; denn er steht nicht im ErlösungSwerke, wie Maria.Er deutet in stummem Schmerze mit beiden Händen auf den Todten am Kreuze.Diese Ideen springen auf den ersten Anblick Jedem inS Auge. So viele Beschauerauch daS edle Kunstwerk herbeizog es brachte alle zur schweigenden, gewißviele zur andächtigen Betrachtung. DaS halte ich für das schönste und lohnendsteUrtheil, neben dem, daß, wenn man endlich sprechen hörte, der Eine der Dar-stellung deS ErlöserS, der Andere der der göttlichen Mutter, und ein Dritterder des Johannes denLorzug gab und wieder ein Vierter gar nicht zu entschei-den wagte, weil er mit sich nicht einig werden konnte. Daö aber mußte manbemerken, daß die Ausführung Hundertpfunds eine immer reinere wird. WaSsich aber am wohlthuendsten und erhebendsten auS Hundertpfunds religiösenBildern herausfühlen läßt, ist der unläugbare Umstand, daß ihm so viel gege-ben ist, weil er sich so innig in daS Heilige hineinlebt; daß er selber darin auf-geht und ihm so daS Herrlichste erst zugeht. DaS ist ein deutscher Maler, derbetend malt und malend betet. (N. Sion.)

Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.

Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.