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9 (28.10.1849) 43
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gen Hai, so wurde über diesen Antrag zur Tagesordnung übergegangen.Wegen deS wiederholten AntrageS auf Errichtung eines Denkmales fürJos. von GörreS wurde auf den deßfallsigen in BreSlau gefaßten Be-schluß hingewiesen, über daö Wie der Ausführung aber nichts Näheresfestgesetzt, obgleich man allgemein erkannte, Laß ein Lehrstuhl für Geschichteauf der neu zu gründenden katholischen Universität daö würdigste Denk-mal eines so ausgezeichneten Mannes seyn würde. Daß man mit demPlane umgehe, in dein herrlichen Dome von Köln dem großen Kämpferund Märtyrer für die Freiheit der Kirche, Clemens August von Drvstc-Vischering, ein Monument zu setzen, erfuhr die Versammlung zunächst auSeinem deßfallstgen Antrage, daß die katholischen Vereine Deutschlands sichdabei betheiligen sollten. Wie sehr auch alle Anwesenden darin überein-stimmten, daß daS ganze Leben und Wirken jenes großen Mannes mitdem Hauptzwecke deS Vereineö in engster Beziehung stehe, wie eS auch dieganze Versammlung einstimmig unter Dank anerkannte, waS daö katholischeDeutschland jenem edlen Kirchenfürsten verdanke; so war man doch derAnsicht, daß bei der gegenwärtigen geldklammen Zeit, wo ohnedieß für dieArmen so große Opfer erheischt werden und je nach den Entscheidungender einzelne» Regierungen und Kammern in der Schulfrage noch größerein Aussicht stehen, eine eigentliche Aufforderung an die PiuSvereine indiesem Betreffe nicht erlassen werden dürfe. Dagegen fand ein andererAntrag, daß die katholischen (Plus-, Vincenz- u. s. w) Vereine der aufRealschulen und Gymnasien stuvircnden, von ihren Eltern entfernten Jugendsich annehmen, sie überwachen, in guten Häusern unterbringen sollten u. s. w.,den lebhaftesten Beifall.

Auch der Arbeiter und wie ihr LooS am leichtesten und einfachstenzu verbessern sey, wurde gedacht und darüber der Beschluß gefaßt, daß,nach dem Muster der in Belgien bereits bestehenden, Arbeiter-Sparcassenerrichtet, brave Gesellen rechtschaffenen Meistern zur Arbeit empfohlen undjenen, wenn sie auf die Wanderschaft gehen, Cerlificate mitgegeben werdensollen. Wegen Anfertigung und Einführung eines recht brauchbar undpopulär gehaltenen allumfassenden Gebetbuches war auch ein Antrag ein-gegangen, der aber, als zum Ressort der Bischöfe gehörig, zurückgewiesenwurde. Eben so wenig glaubte die Versammlung, sich auf Empfehlunggewisser Blätter, z. B. der nunmehrigen Deutschen Volkshalle u. dgl. ein-lassen zu dürfen, da nicht selten nach derartiger Empfehlung der Geistjener Organe ein ganz anderer, ein verkehrter werde, wie dieß unter An-deren an der Rhein- und Mosel-Zeitung, an der von dem Hoch-würdigsten Bischof früher empfohlenen RegenSburger Zeitung u. a. m.sich sattsam erwiesen habe; dagegen wurde es als eine Pflicht aller Mit-glieder der katholischen Vereine Deutschlands erklärt, der schlechtenPresse in keiner Weise Vorschub und Unterstützung zu leisten, dagegen diegute nach Kräften zu fördern. WaS die sonstigen, zum Theile wichtigenBeschlüsse beirifft, so kann ich darüber um so unbedenklicher hinausgehen,als die Verhanvlungen und Reden, Lurch Stenographen nachgeschrieben,schon demnächst im Drucke erscheinen werden. Dann mclve ich Ihnen nurnoch in Kürze, falls eS nicht schon in einem früheren Schreiben geschehenist, daß Regenöburg als Vorort und Linz als Versammlungsort desvierten Congresseö deö katholischen VereincS Deutschlands im nächsten Jahregewählt worden ist.

Die allgemeinen Versammlungen, die erste Montag Abends um 7 Uhr,die zweite Dienstags Morgens um 9 Uhr, die dritte Mittwochs Abcnvsum 7 Uhr und die vierte Donnerstags Abends um 6 Uhr wurden in derSt. UlrichSkirchc vor etwa vier bis sechstausend Menschen abgehalten.Besonders verdient dabei die dankbarste Erwähnung, Laß den drei letztge-nannten der Hochwürdigste Herr Bischof von NegenSburg mit großer Theil-nahme beigewohnt hat, wie denn auch die prachtvolle Herstellung der Kirchezu den erwähnten Zwecken lediglich sein Werk ist. DaS gemeinsame Mit-tagScfsen am zweiten VersainmluugStage war durch fröhliche Stimmungder Anwesenden und durch sinnige Toaste gewürzt; von der nach demselbenveranstalteten Wasserfahrt zur Besichtigung der nahen Walhalla sind in-dessen die meisten unbefriedigt zurückgekehrt. So viel in Kürze und ohneinneren Zusammenhang über eine Versammlung, die den früheren in keinerBeziehung nachsteht, und darum auch nicht verfehlen wird, in Bayern sowie in Oesterreich die schönsten Früchte hervorzubringen.

De- Glaubens Boden.

Erzählung aus den Papieren eines Seelsorgers.

III.

Blahomir war so artig gewesen, mir einen Wagen zu senden. Ichfand ihn im Bette. Verzeihung, rief er mir entgegen, daß ich Sie zumir bemühte, statt zu Ihnen zu kommen. Sie könnten mir wohl sagen:

'Arzt, hilf dir selber. Allein ich fühle in einer Weise mich angegriffen,ibie gerade Ihren Beistand mir nothwendig macht! Diese Rede über-raschte mich, und eS mag wohl etwas SeelsorgerischeS und Salbungsvolles! auf meinem Angesichts zum Vorschein gekommen seyn; denn er nahm gleichwieder daS Wort und sprach: Sie dürfen mich nicht mißverstehen, alsmeinte ich damit Ihre priesterliche Hilfe. Wenn übrigens mein früheresBenehmen unartig gewesen, so kann ich eS nur damit entschuldigen, daßich an Ihnen überhaupt nur den Priester sah, dessen Anblick mich empörtund anwidert, besonders wenn ich eben hypochondrisch bin. Denn woranerinnert mich ein Mann dieses Berufes, auch wenn er schweigt? An einenzürnenden Gort, der alle Lebensfreude verpönt, an ein Dogma, das derNatur und Vernunft widerspricht, an eine Kirche, die alles, was außer-halb ihres Zwingers lebt, verurtheilt, an eine Armesünderlehre, die allegeistige Freiheit knechtet, und an noch vieles Andere, worüber ich michnicht ausbreiten will; denn ich habe Wichtigeres auf dem Herzen.Schönen Dank, erwiderte ich, für daS aufrichtige Bekenntniß. War dießnicht schon eine Art von Beichte? Keineswegs; ich verlange vielmehrein Bekenntniß aus Ihrem Munde. Wissen Sie von Ihrem Bruder nichts,noch von anderen Dingen, die mich angehen? Von Zvenko? NichtdaS Geringste. Meine ersten seelsorglichen Stationen waren fern im Ge-birge mir angewiesen. Erst seit einem Jahre wurde ich in einen entle-genen Winkel der Hauptstadt berufen. In der Wohnung der friedlichenArmuth war es, wo ich zum erstenmale Sie wieder gesehen; ich von mei-ner Berufspflicht, Sie durch Ihre Philanthropie dahin geführt. Sohaben wir uns dennoch auf demselben Boden zusammen gefunden?Dem Anscheine nach allerdings. Allein die christliche Liebe steht auf demBoden des Glaubens, die humanitarische auf dem der Vernunft oder derNatur, wie man zu sagen pflegt.

Lassen wir jetzt, sprach der Arzt, diese Fragen ruhen, die sich umIdeales und Reales drehen, wiewohl ich weiß, daß ihr in eurer Fantasieauch das Ideale als ein Wirkliches betrachtet. Der Boden, auf welchenich bisher nothdürftig meinen Frieden gebaut, ist gänzlich erschüttert. Ichsah gestern ein blühendes Kind; die Gestalt, der Name weckten die schmerz-lichsten Erinnerungen. Ich sah mein Leben wieder in seiner ganzen trost-losen Verödung vor mir, und an diesem Elend ist allerdings der Unglaubeschuld, nämlich der meiner Frau. Frauen sollen auf dem Standpunct derreligiösen Anschauung bleiben, das ist ihr LebenSgebirt. Allein ich selberhabe sie um den Himmel ihres naiven Glaubens gebracht, und so ihre sitt-liche Grundfeste gelockert; mein Unglück ist mein eigenes Werk. Mit derErkenntniß, daß die Natur die Verkörperung der ewigen Vernunft ist, unddie Welt nichts anders als der werdende Mensch, mit anderen Worten:daß der Weltgeist im Menschen, als dem vollendeten Sinnenwesen, zumBewußtseyn und Denken aufleuchtet, freilich in envlicher Beschränkung, mitsolchen Erkenntnissen, und von jeder Täuschung und kindischen Vorstellungentledigt, vermag nur der Mann durchs Leben zu schreiten, und dabei seinersittlichen Ausgabe zu genügen. Das Gemüth des WeibeS kann in dieserRegion der reinen Vernunft sich nicht bewegen, sie bedarf eines überwelt-lichen Gottes, den sie im menschlichen Bilde sich vorstellen kann, bedarfeines BeseligerS im Jenseits zum Ersatz für ihre irdischen Leiden, und einerhimmlischen Trösterin, deren Hoheit ihr eigenes Leben verherrlicht.

Wie Sie daS alles so schön wissen, erwiderte ich, und doch so überdie Maaßen ungründlich! Man soll also daS angeblich schönere und schwä-chere Geschlecht in einer Täuschung belassen, die daS stärkere und häßlichereGeschlecht von sich wirft. Ich halte daS einmal für ungerecht, weil demWeibe dieselbe geistig menschliche Würde zukommt, wie dem Manne, undweil das Weib überdieß zur Erzieherin und Bildnerin der Kindheit berufenist. Warum sollte aber die Frau in der Täuschung fortträumen, daß sieals ein Geisteswesen unsterblich sey, und wohl gar in den Himmel eingehenwerde, während ihr Mann aus diese Aussicht verzichtet, und mit der SpanneZeit vorlieb nimmt, die sein ganzes Daseyn umfassen soll? In der allenWelt, und jetzt noch im Harem und im Urwald, war der Mann der herr-schende Geist, daS Weib das sich schmückende und dienstbare Thier. Inder neuesten gebildeten Welt verlangt man daS Gegentheil. Den Frauenwird gestattet, an einen Vater im Himmel und an ihre persönliche Fort-dauer zu glauben, während der Mann sich bloß als eine geistig gesteigerteThierseele und als ein Individuum betrachtet, daS hier auf Erden total sichauslebt und dann zu nichte wird. Und warum verlangt man, daß die Frauin dieser Sicherheit ihres Glaubens nicht gestört werde? Einzig aus eigen-nützigen Beweggründen. Denn hat man einmal ihre Seele von den reli-giösen Vorurtheilen geläutert und auSgeklärt, so wird sie auch die Ehe alseine Verbindung ansehen, die bloß auf der Anziehungskraft beruht, unddie von selbst wieder sich löset, sobald die Verwandtschaft der Seelen durchein neues Element gestört und aufgehoben wird.

Blahomir war mit einem Satz auS dem Bette, fröstelte jedoch, und