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legte sich wieder. Jvo, rief er: woher wissen Sie alles daS? — AuSdem neuen Weltevangelium, aus den Schriften Ihrer Weisen. — Daswar nicht meine Frage. Woher wissen Sie um meine Geschicke? — Ichhabe keine Kenntniß davon. — Er schwieg einige Augenblicke, dann fuhrer fort. Sie werven meine Mutter noch gekannt haben. Was diese frommeFrau mir ins Herz gepflanzt, wollte nie recht bis in die Wurzel verdorren.Unkraut verdirbt nicht, sagt Ihr Bruder Zdenko, und wendet das auf diereligiösen Gedanken an, gegen die ein Mann von Geist unaufhörlich zukämpfen habe. Airs meinen Reisen durch aller Herren Lande war er meinsteter Begleiter. Sein ätzender Witz, seine schwärmerische Beredsamkeit,die überall herrschende Weltanschauung halfen mir stets zu Siege. Als ichjedoch, seit meiner Rückkehr, meine unglückliche Frau kennen lernte, als ichihre Hand erwarb, als ihre geistige Schönheit, ihre heitere Güte, ihr freu-diger Glaube mächtig auf mich wirkten, da ward ich in meinen bisherigenAnsichten so unsicher, daß ich Zdenko'S Zorn und Hohn gegen mich heraus-forderte. Ich sehe es schon kommen, sagre er oft: deine Frau wird dichzu einem Betbruder umstaltcn, sie wird dich dadurch vor aller Welt lächer-lich machen, und wenn immer eine Cur dir gelingt, wird sie es nicht dei-ner Wissenschaft, sondern ver Gnade Gotteö zuschreiben, und so dein An-!sehen untergraben. Denn einen frommen Arzt hält man allgemein für einen ^Esel. Er ging aber noch weiter; er wußte mir gegen einen unbescholtener^Mann, den meine Frau zu ihrem GewisienSrath erkoren, daS Gift dewEifersucht einzuflößen. Es dauerte nicht lange, so gingen wir gemeinsamanS Werk, die arme Frau aus ihrem innern Frieden an daS grelle LichtdeS gemeinen Weltverstandes hinaus zu führen. Nach eurer alten Mythewurde Eva von der Schlange belogen, um dann AoamS Verlocken» zuwerden; in Meinem Paradiese ließ Adam von der Schlange sich bethören,um dann seine Frau zu verderben. Diese Schlange war Zdenko, undunsere Ueberredungen und schlau angelegten Künste gelangen nur zu gut.Bei der ausnehmenden Schönheit meiner Frau konnte eS ihr, seitdem wirdie Zerstreuung ihr zum Bedürfniß gemacht, an Bewunderung nicht fehlen:die Eitelkeit verleitete sie, auch als geistreich glänzen zu wollen, sie gefielsich darin, gelegentlich etwas emancipirt zu erscheinen. Da ich dabei überallgegen Zdenko im Schatten stand, so mußte ich die Hölle der Eifersucht inmeiner Brust empfinden; und wenn ich ihr Vorwürfe machte, oder gar anGott und sein Gesetz sie mahnte, lachte sie mich aus, und war sie damitnicht ganz in ihrem Rechte? — Ich will mich kurz fassen. Als ich einmalvon einer längern CommissionSreise zurückkehrte, fand ich mein Haus ver-ödet, meinen Namen beschimpft, mein Kind mir geraubt; die Mutter hatteeS mit sich genommen, und war mit ihrem VermögenSantheile dem tücki-schen Freunde gefolgt; Niemand wußte wohin. Damals brach meine Kraft,ich bin seit der Zeit nimmer lebensfroh geworden. Aber meine Nachfor-schungen blieben erfolglos. WaS mir heule im Hause der armen Wittwebegegnete, hat aus der stumpfen Ruhe mich aufgerüttelt. Marielta! HeiligerGott, oder heilige Natur, oder Spiel deS Zufalls — sollte eS möglich seyn?Mensch, Freund, Priester, waS wissen Sie von Marietta'S Mutter, vonder Frau, die dort wohnt? Ich sagte ihm, daß sie eine feine Bildungverrathe, aber auch einen tiefen Kummer, daß sie sehr zurückhaltend sey,die Einsamkeit und die Arbeit liebe; — mehr wußte ich nicht. SeineUnruhe ward immer größer. Er bat, er beschwor mich, genauere Erkun-digungen einzuziehen, mich um das Vertrauen der Fremden zu bewerben,und ihm bald möglich, und sollte eS in der Nacht seyn, Nachricht zu bringen.
Ich war selber erschüttert, und wünschte den Pferden deS Lohnkut-scherS Flügel. Als ich Ludmilla's Haus erreichte, gab eS allerhand Leutevor der Thüre, und die treffliche Frau stand ebenfalls draußen, um aufmich zu warten. Erschrecken Sie nicht, bester Herr Jvo, sagte sie: eS istetwas vorgegangen, was Sie vielleicht im Traume nicht geahnt hätten;denn Zeit und Weile sind ungleich. Drinn in die Hausflur finden Sie«inen Kirchendiener auS Ihrer Pfarre und einen Mann von der städtischenWache. Sie haben ein Menschen hergeführt, der sehr zerlumpt und elendaussieht , und der behauptet, er sey Ihr Bruder. Ich erschrack so heftig,!daß meine Knie schlotterten; ich trat in die Thüre. Jvo, rief eine hohle!Stimme mir entgegen: kennst du mich? Jakob , kennst du deinen BruderEsau ? — (Schluß folgt.)
Volk-versammlung in Ottobeureu.
i Von der Günz. (Unlieb verspätet.) Der 29. September, daSFest deS heiligen Michael, war für Ottobeuren und seine Umgegend einwahrer Ehren- und Freudentag. Dieser Tag war eS nämlich, den sichder Ottvbeurer PiuSverein auserkoren hatte, um in einer Volksver-sammlung offen und frei auszusprechen, waS er wolle und mit welchenMitteln er sein heiliges Ziel zu erreichen strebe. Der Versammlung selbst
ging eine gotteSdienstlicbe Feier in der durch ihre Schönheit und Geräumig-keit berühmten Pfarr- und Klosterkirche voran. Nachdem sich bereits frühenMorgens Schaaren von Menschen auS naher und ferner Umgebung, dar-unter auch eine Deputation deS PiuSvereincS in Pfaffenhausen unb meh-rere Geistliche der Nachbarschaft, eingefundcn hatten, begann um halb9 Uhr nach beendigtem PfarrgotteStienste der VercinSgoiteSdicnst, welchenHr. Pfarrvicar Bucherer von Ollarzried, eines der lbätigsien und eifrig-sten Mitglieder des PiuSvereineS, mit einer ergreifenden Predigt über treueAnhänglichkeit an die katholische Kirche eröffnete. Hieraufcelebrirte der greise, ehrwürdige Decan und Pfarrer, Hr. Roll, vonPfaffenhausen daS Hochamt, bei welchem die von Hrn. Ehorregcnt undLehrer Trieb in Ottobeuren trefflich geleitete Cbormusik die Anwesendenmit Andacht und Erbauung erfüllte. Nach Beendigung der kirchlichen Feierzog die große Schaar der in Andacht Versammelten hinaus in den freien,schönen und geräumigen äußeren Klosterhof, in dessen Mitte eine Tribünefür die Redner errichtet war. Vor einer Menschenmenge, welche die Zahlvon 3000 eher zu überschreiten, als nur zu erreichen schien, trat nun zu-erst Hr. P Honorat Krüll, Benedictiner und der Zeit Pfarrvicar in Otto-beuren , auf, um als I. Vorstand des dortigen PiuSvereineS die Versamm-lung zu eröffnen. In kurzen Worten schilderte er die Zwecke deS PiuS-vercineS überhaupt, wie noch den besonderen Zweck der von diesem undähnlich gesinnten Vereinen gehaltenen Volksversammlungen und lud hieraufdie einzelnen HH. Redner ein, das harrende Volk mit der Würze ihrerfreundlichst zugesagten Vortrüge zu erquicken. Auf diese Einladung hinbetrat nun als der erste Redner die Bühne der als Vertheidiger der Ver-eins- und damit katholischen Interessen, so wie als Redner in s, scherenVolksversammlungen rühmlichst bekannte Hr. Lyceal Professor M. MerkleauS Dilingen. Der Inhalt seiner Rede erging sich in der Bezeichnungder verschiedenen Gestaltungen des Unglaubens unserer Zeit und namentlichin Hinweisung auf die nahe Gefahr, wie dieser Unglaube durch die ver-führerischesten und künstlichsten Mittel auch den bisher noch guten Kern deSVolkes anzustecken droht. Die begeisternde, mit gutgewählter Humoristikdurchflochtene Rede erntete den ungetheiltesten Beifall. Nachdem HerrMerkle die Bühne verlassen, betrat sie der bereits erwähnte siebenundsieb-zigjährige Decan und Pfarrer, Hr. Rott, aus Pfaffenhausen , dessen ehr-würdige äußere Erscheinung allein schon hinreichte, um die Herzen Allerfür sich zu gewinnen. Dem besonders in neuester Zeit aufgetauchten Vor-würfe gegen die PiuSvereine, als ob diese daS friedliche Verhältniß zwi-schen Kirche und Staat zu stören beabsichtigten, entgegen zu wirken suchend,wies der verehrte Redner die Nothwendigkeit einheitlichen Wirkens beiderGewalten aus dem gleichen Ursprünge ihrer Macht von Gott, so wie auSdem Ziele ihres Wirkens nach, welches auf dieser Welt zwar verschiedent-lich auf geistiges und leibliches Wohl der Menschheit ausgehend dennochdarin sich einiget, daß zuletzt beide Gewalten dem Menschen doch zu demEinen zu verhelfen suche», seinen höchsten und letzten Zweck — ewigeGlückseligkeit zu erreichen. Darum sey Friede zwischen beiden Gewalten,und Gehorsam dcö Menschen gegen dieselben nothwendig und darnach,und nach nichts anderem strebe der PiuSverein. Dem mit Aufmerksamkeitund Beifall gehörten greisen Redner folgte Hr. Melchior Pcrchkold,Präfect deS Schullehrer-SeminarS zu Lauingen . Mit voller Begeisterung,welche den seinem Fache, der Schule, mit Liebe zugethanen Bildner derkünftigen Lehrer verrieth, besprach der Redner die Verhältnisse zwischenKirche und Schule und wieg die Gefahren nach, in welche die christlicheSchule käme, wenn sie von der Kirche getrennt werden sollte; — Gefah-ren, welche selbst jetzt, wo die Schule immerhin noch einigermassen, wennauch locker, an der Kirche hängt, in allen Elassen der Unterrichts- undBildungsanstalten, höherer und niederer Schulen, immer drohender zu wer-den beginnen. Wenn alle Zuhörer, so werden gewiß am meisten die an-wesenden Eltern von dem Gewichte und der Wahrheit der gesprochenenWorte ergriffen worden seyn und vielleicht zum erstenmale recht erkannthaben, wo eS mit dem unvernünftigen Geschrei« nach Trennung der Schulevon der Kirche hinaus wolle.
Die Zeit war indessen über Mittag vorgerückt und rief zum Schlüsse.Demgemäß betrat nun der II. Vorstand deS Ottvbeurer PiuSvereineS, Hr.Pfarrvicar Krüll, noch einmal die Bühne, um seine Freude und seinenDank gegen die nicht bloß zahlreiche, sondern auch so aufmerksame Ver-sammlung, welche dadurch der unter dem Volke noch herrschenden gulenGesinnung ein so glänzendes Zeugniß gegeben hatte, zu bezeugen. SeinDank erstreckte sich aber auch auf jenen Mann, der durch seinen apostoli-schen Segen dem jungen Vereine die Bürgschaft langer und thatenretcherExistenz gegeben hatte, auf den vielgeprüften und kräftigen obersten Hirtender katholichen Kirche — PiuS IX. , wie auf den vielgeliebten LandesvaterMaximilian II. , dessen kräftige Regierung und wahrhafte UnterthanenliebedaS Vaterland vor den Gräueln der Revolution und dem drohenden Um-
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