Ausgabe 
9 (28.10.1849) 43
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stürze aller Ordnung und alles Rechtes schützte und dadurch auch denPiuSvereinen ein erfolgreiches Wirken vor Allem möglich machte. Ihnen deren Namen schon im Laufe der Vortrage herzliche und lauteLebehoch!" hervorriefen, sollte aber der schönste Dank dadurch gezeigt wer-den, daß sich auf Anregung deS Schlußredners die ganze Versammlungin die anstoßende Kirche zurückbegab und hier, durch gegenseitige, sichtbareAndacht erbaut, vor ausgesetztem heiligem Ciborium die üblichen Kirchen-gebete für Papst und König und Erhaltung deS Friedens betete.

Damit schloß würdig die vom schönsten Wetter begünstigte Versamm-lung, bei der sich Menschen auS allen Ständen, hohen und niederen,geistlichen wie weltlichen, so zahlreich eingefunden hatten und in ihrenErwartungen sich nicht getäuscht sahen. Der stille, mit heiliger Freudevermischte Ernst der Heimkehrenden sagte, daß sie die Bedeutung derVersammlung ergriffen haben und für Gott und König, Kirche und Vater-land zu leben und zu sterben entschlossen seyen. Gott segne die Früchtedieser schönen Versammlung!

Blumen au- dem Schriftarten -e- heilige» Bernardus.

(Fortsetzung.)

54. Fleisch.

Liebe dein Fleisch, das dir zur Beihilfe gegeben und zum Mitgenusseder ewigen Seligkeit bereitet ist. UebrigenS soll die Seele daS Fleisch solieben, daß sie nicht selbst in Fleisch übergehe, und ihr vom Herrn gesagtwerde:Mein Geist wird nicht im Menschen bleiben, weil erFleisch ist." ES liebe die Seele ihr Fleisch, aber noch weit mehr erhaltesie sick selbst: eS liebe Adam seine Eva, aber nicht so liebe er sie, daß erihrer Stimme mehr folge, als der Stimme GotteS.

55. Fortschritt.

Unser Fortschritt besteht darin, daß wir niemals das Ziel erreichtzu haben glauben, sondern Laß wir uns nach dem ausstrecken, was vorunS ist, und unS unablässig für das Bessere bemühen, und so unsere Un-vollkommcnheit den Blicken der göttlichen Barmherzigkeit aussetzen.

Je weiter sich Jemand von der Wahrheit entfernt glaubt, destonäher kommt er ihr.

Die wahre Tugend kennt kein Ende, schließt sich nicht mit der Zeit.Und der Gerechte sagt niemals:Es ist genug," sondern immer hat erHunger und Durst nach der Gerechtigkeit, so daß, wenn er immer lebenwürde, er sich, so viel an ihm gelegen, immer mehr gerecht zu werdenbemühen würde. Denn nicht auf ein Jahr over auf eine Zeit wie einTaglöhner hat er sich dem Dienste GotteS hingegeben, sondern auf ewig.

56. Freiheit.

Die Freiheit ist eine dreifache, nämlich von der Sünde, vom Elende,von der Nothwendigkeit. Die zuletzt gesetzte hat uns die Naturbei der Schöpfung gegeben. In der erster» werden wir erneuert vonder Gnade, die mittlere ist unS aufgehoben im Vaterlande. Dieerste soll also genannt werden Freiheit der Gnade, die zweite Freiheildes Lebens over der Glorie, die dritte Freiheit der Natur. Wir sindnämlich zu freiem Willen oder zur willkürlichen Freiheit alö edleS Geschöpferschaffen für Gott . Die erste Freiheit hat an sich viel Tugend, diezweite viel Seligkeit, die dritte viel Ehre. Durch die erstere über-winden wir daS Fleisch, durch die zweite unterwerfen wir den Tod,durch die dritte übertreffen wir die Thiere.

57. Freude.

An drei Dingen erfreuen sich die Auserwählten Gottes, nämlich ander Erinnerung deS geführten Lebenswandels, an dem Genusse derRübe und an der Erwartung der kommenden Vollendung. Im Lebenhat sie Gott getröstet, nach dem Tode führt er sie in ihre und bei derVollendung in seine Ruhe ein.

58. Freun d.

Niemand verdient mehr Zorn, als der Feind, der sich in einen Freundverstellt.

59. Friede.

Meine Ehre gebe ich keinem andern," spricht der Herr.WaS willst du uns denn geben, o Herr?Den Frieden hinterlasseich euch, meinen Frieden gebe ich euch," spricht der Herr. Erist mir hinreichend, dankbar nehme ich an, waS du hinterlassest, und hin-terlasse, was du zurückhältst. Frieden verlange ich, und weiter nichts.Wem reichst du nicht hin? Denn du bist unser Friede: dieses ist mir noth'

wendig, dieses ist mir genug, ausgesöhnt zu seyn mit dir. ausgesöhnt zuseyn mit mir. Ich verzichte ganz auf die Ehre, und ich bin kein gottloserRäuber deiner Ehre. Dir, o Herr, dir bleibe ungeschmälert deine Ehre:mit mir steht eS gut, wenn ich den Frieden habe.

60. Frömmigkeit.

So groß ist die Frucht der Frömmigkeit, so groß der Lohn der Ge-rechtigkeit, daß sie sogar von Gottlosen und Ungerechten verlangt werden.Denn auch der falsche Prophet Balaam sprach:ES sterbe meineSeele den Tod der Gerechten , und mein E»de sey wie daSihre!" Wer keine Frömmigkeit im Herzen hat, im Leben sie nicht zeigt,in der Einsamkeit sie nicht ausübt, der kann kein Einsamer, sondern nurein Alleinmcnsch genannt werden. Die Einsamkeit ist für ihn keine Ein-samkeit, sondern ein Verschluß und Kerker. Denn der ist wahrhaft allein,mit dem Gott nicht ist: der ist wahrhaft eingesperrt, der nicht frei in Gott ist. Die Einsamkeit ist keineswegs eine Eingeschlosscnheit aus Zwang, son-dern eine Wohnung deS Friedens, und die verschlossene Thüre ist keiftSchlupfwinkel, sondern Zurückgezogenheit. Denn mit wem Gott ist, derist nie weniger allein, als wenn er allein ist.

61. Furcht.

ES gibt eine doppelte Furcht, die gewöhnlich und Allen bekannt ist,die dritte ist weniger gewöhnlich und weniger bekannt. Die erste Furchtist die, wir könnten gcpeiniget werden in der Hölle; die zweite, wirkönnten ausgeschlossen werden von der Anschauung GotteS ;die dritte Furcht erfüllt eine furchtsame Seele mit aller Sorgfalt, daß sienicht von der Gnade verlassen werde. Zwar unterdrückt eine jede FurchtdeS Herrn den Reiz der Sünde, wie Wasser Feuer auslöscht, diese aberam meisten, da sie bei einer jeden Versuchung sogleich widersteht, damitdie Gnade nicht verloren gehe, und so der sich selbst überlassene Menschnicht täglich vom Bösen ins Schlimmere, von der kleinen Gefahr in einegroße Schuld gerathe, wie wir denn Viele sehen, welche im Schmutzeleben und täglich noch schmutziger werden. Diese Furcht schmeichelt auchder Seele nicht, weder über geringere Bedeutsamkeit der Sünde, noch überdie künftige Besserung. Denn durch dergleichen Schmeicheleien werdenmanchmal die ersten zwei Arten der Furcht verhindert.

Ein hartes und verhärtetes Herz fürchtet weder Gott noch denMenschen.

Wer immer die Furcht Gottes vor Augen hat, dessen Wege sind schiftund alle seine Fußsteige friedereich.

Wie der Anfang der Weisheit die Furcht des Herrn ist, so ist derAnfang einer jeder Sünde der Stolz. Und gleichwie auS Selbstkenntnißdie Furcht GotteS und auS der Kenntniß GotteS die Liebe kommt, so gehtim Gegentheile auS der Unkenntniß deiner selbst der Stolz und auS derUnkenntniß GotteS die Verzweiflung hervor.

62. Gebet.

Niemand betet um etwas, außer was er glaubt und hofft. Gott will aber auch um daS gebeten werden, waS er verspricht. Und deßwegenvielleicht verspricht er vorher, waS er zu geben beschlossen, damit auS demVersprechen die Andacht erweckt werde, und so ein andächtiges Gebet ver-diene, waS er uns umsonst geben wollte. So nöthiget Gott, der alleMenschen selig haben will, zuerst unS selbst ab, WaS unS verdienstlich ist,und während er unS durch Gaben zuvorkommt, bewirkt er, daß sie ihmeS umsonst wieder geben, damit er es nicht umsonst gebe.

Wolle dein Gebet nicht gering schätzen, weil eS der auch nicht geringschätzt, zu dem du betest, sondern dasselbe in sein Buch einschreiben läßt,bevor es aus deinem Munde geht. Gott ist ein Geist, und der muß imGeiste zu ihm rufen, dessen Ruf zu ihm gelangen will. Denn gleichwieGott nicht wie ein Mensch auf daS Angesicht, sondern auf daS Herz deSMenschen sieht: so merken mehr auf die Stimme deS Herzens, als deSLeibes, die Ohren desjenigen, zu dem mit Recht gesagt wird:Gott meines Herzens." Daher kommt eS, daß Moses , da er äußerlich schwieg,innerlich zum Herrn betete, und ihm Gott sagte:WaS schreiest duzu mir?"

Schwer ist für unS die Versuchung deS Feindes, aber noch weitschwerer ist das Gewicht deS Gebetes. Es verwundet unS seine Bosheitund Arglist, aber noch mehr quält ihn unsere Einfalt und Barmherzigkeit.Unsere Demuth erträgt er nicht, unsere Liebe brennt, unsere Sanftmuthund unser Gehorsam kreuziget ihn.

Im Gebete ist Heilung der Wunden, eine Zuflucht in Nöthen, eineErgänzung der Unvollkommenheiten, ein Heer von Fortschritten, kurz Alles,was dem Menschen nützlich, schicklich und nothwendig ist.

Verantwortlicher Redacteur: 8. Schönchen.

Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.