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9 (4.11.1849) 44
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ES war Blahomir. Er hatte die ängstliche Spannung nimmer ertragenmögen; bald nach meiner Entfernung hatte er mit Macht sich aufgerafft,um nicht van der bangen Erwartung gefoltert zu werden. Nun trat aucher in den engen Kreis, in welchem schon so viel herber Stoff sich ange-häuft; sein starrer Blick haftete zuerst auf Zdenko, dann auf Johanna.Diese bedeckte ihr Angesicht mit den Händen, und sank dann ohnmächtigzu Boden; weinend kniete Marietta neben der todeSbleichen Mutter. Lud-milla suchte bald nach Kamillenthee, bald nach herzstärkenden Tropfen;sie lief ängstlich hin und wieder, und rang sogar einmal die Hände; einZeichen, daß sie für diesen Augenblick ihr Sprichwort vergessen.

Der Knotenpunct, in welchen hier so verschiedene auseinander geris-sene Lebensbahnen sich kreuzten, machte wohl eine baldige Entwirrung undLösung nöthig; und wem anders sollte die Aufgabe zugedacht seyn, diesesGeschäft zu fördern, als mir? Und wie sollte ich, um nichts zu verderben,eS beginnen und bei wem? Alle diese Fragen zeigten sich überflüssig. DieAufgabe war mir keineswegs zugedacht; ich mußte eben von neuem lernen,daß man nicht immer da nothwendig sey, wo man sich für nothwendighält. Ich ward eiligst abgerufen, es galt einen Mann noch am Leben zufinden, den der Schlagfluß getroffen. Der Weg war weit, daS Geschäftnicht schnell abzuthun, und die Familie des Sterbenden, mit ihrem eigenenSchmerz beschäftigt, hatte keinen Sinn für die Leiden, die mich bedrängten.Als ich endlich, nach einer langen Stunde, wieder dem Hause der Wittwezueilte, war diese die erste, die ich antraf; sie hatte eben draußen nachmir umgesehen. Wie geht'S? rief ich ihr entgegen. So gut als möglich,erwiederte sie. AlS Sie fort mußten, war mir wohl bange wie allesdas sich wenden möge, allein ich vertraute der Trösterin der Betrübten,und dachte mir, es werde sich schon finden, denn Zeit und Weile sindungleich. Wo ist Zdenko? Ja wo? Könnten Sie eS errathen? Dazeigt sichS, daß man über Niemanden urtheilen und richten darf, auchwenn er ein halber Heide ist, wie der Herr Blahomir. Erst wechseltendie beiden einige französische oder griechische Worte, die ich recht gut ver-stehen konnte; denn Ihr Bruder war störrisch, und der Doctor großmüthig;gleich darauf half ich ihm, den elendigen Mann in den Wagen zu brin-gen; der Doctor gab dem Kutscher einige Aufträge, und ließ den Krankenin seine Wohnung führen. Darüber hat der ganze Himmel sich gefreut. Und wo ist Blahomir? Er sitzt drinnen in der Stube, hat diekleine Fremde auf dem Schooße sitzen, plaudert mit ihr, weint und lacht,alles durcheinander. Denn damit Sie eS nur wissen: daß Marietta eineComtesse ist, darin habe ich mich geirrt; sie ist deS Doctors Töchtcrleinin allen Ehren. Und die Mutter? Ja diese möchten Sie besuchen,so erschöpft sie ist; sie wünscht eS sehnlichst, und Blahomir läßt ebenfallsdarum ersuchen.

Sie führte mich hinauf in die ärmliche Kammer, und entfernte sich.Schweigend näherte ich mich der Leidenden, die mit geschlossenen Augendalag, mich aber doch erkannte. Ich kann nur wenig reden, sagte sie mirleiser Stimme, aber Gott ist mein Zeuge, daß Sie keine verstockte Sün-derin vor sich sehen. Die himmlische Mutter der Menschen hat ihr Augevon mir nicht abgewendet. Ich habe meine Verblendung erkannt, meinenFrevel schmerzlich bereut, und die Gnavenmittel der Kirche längst wiederempfangen. Die Leiden, die ich dulde, sind gering gegen den Schmerzüber meine Thorheit und die Schmach, die ich meinem edlen Gemahl zu-gefügt. Muß er jedoch selber eingestehen, daß er alles Erdenkliche gethanhabe, um die Leuchte des heil. Glaubens in meinem Herzen auszulöschen,und dann meine Liebe zu ihm durch stetes Zürnen und Quälen zu ermü-den, so mag er auch darauf achten, daß ich den Eid, ihm allein anzuge-hören, nicht gebrochen habe. Ich betheure vor meinem ewigen Richter,

daß ich im Wesentlichen keiner Untreue mich schuldig gemacht. Ich schau-derte zurück vor dem Abgrund, der mir sich aufthat; ich verließ den Ver-führer heimlich, in eiliger Flucht, all meinen Besitz in seinen Händen las-send. Und mußte ich seitdem mit meinem Kinde viel Elend erdulden, sohabe ich eS nicht anders verdient. Nur Eines ist, waS ich sehnlichst wün-sche: meines Gemahles Verzeihung. Wieder an seiner Seite zu wandeln,

verlange ich nicht; ich bin dieser Ehre nicht würdig. Aber Marietta...

möchte er mir nicht nehmen! Sie verfiel in krampfhaftes Weinen undSchluchzen, ich aber wollte nicht zu viel »»zeitige Worte machen, und ginghinab in die Wohnstube. Blahomir sah ganz verändert auS; seine hartenZüge waren in milder Wehmuth verklärt. Bringen Sie mir Nachricht?rief er mir entgegen. Wir gingen hinaus; ich theilte ihm mit, was ichgehört. Blahomir schwieg, aber er drückte mir die Hand, und seine Augenfüllten sich mit Thränen. Es war spät geworden; meine Berufspflichtgebot mir, nach Hause zu gehen. Ich hatte mir in Gedanken schon diestille Kammer auSersehen und eingerichtet, worin ich meinen Bruder beher-bergen wollte; ich hatte schon die Opfer der Geduld und Liebe vorbcrech»net, auf die ich mich gefaßt machen mußte; eS war anders gekommen,

und eS sollte mir vielleicht die Gelegenheit genommen weiden, an demschönen Werke mein Selbstbehagen zu nähren.

Am nächsten Morgen stand ich vor Zdenko'S Lager. Der verstörteMensch blickte mit seinem gewohnten hämischen Lächeln um sich. WaS fürein honetter Kerl, sprach er, bin ich wieder geworden! Ein schön möblirteSZimmer, bequemes Bett, schneeweiße Wäsche mit den Merkzeichen meineserhabenen Feindes, des tugcndstolzen Blahomir, und ein Pfäfflein zu mei-ner Seite, das mein eigener Bruder ist! Willst du mir die Seele auS-segnen, dieses wunderliche unsichtbare Ungeheuer und Unding, diesen Fun-ken, Rauch und Hauch? Er fing furchtbar zu husten an, eine Masseschäumenden, übel aussehenden Blutes folgte nach. Ich reichte ihm dieArznei, die bereit stand, und etwelche gute Worte. Spotte nicht immer,Zdenko, sagte ich; du stehst vielleicht schon dicht an der Pforte eines neuenLebenözustandeS; läugne nicht Gott und Dich. Da sey ruhig, du Knechtder Kirche. Gott ist der universelle Geist, der Weltgeist, und er alleinist mein wahrhaftes Ich und Selbst; denn in mir, ohne Ruhm zu melden,hat er sein endliches Bewußtseyn. Ich kenne diese TeufelSlehre wohl;sie ist gerade das Gegentheil von dem, waS der heilige Glaube lehrt.Behalte ihn für dich, Brüderlein; mir wirst du ihn nicht aufzwingen.Du kennst das norddeutsche Sprichwort:Man kann einen Esel wohl in'tMater trieven, aber nicht twingen, dat he süpt." Was ist der Tod?Die Aufhebung deS endlichen Fürsichseyns, die Rückkehr des Einzelnen indaS AU. Für meine Seele hast du also nicht zu sorgen; für meinen fau-len Leib kannst du wenig thun, denn du bist ein dienender Geistlicher,und folglich ein armer Teufel; auch ist dir das pathetische Biederherz Bla-homir schon zuvorgekommen. Sage ihm, er möge mich mit seinen Visitenverschonen; eS sey dann, wenn ich gerade schlummere. Er will glühendeKohlen über mein Haupt sammeln; doch wird er mich nicht dahin bringen,daß ich in dummer thierischer Dankbarkeit, wie ein Pudel, wehmüthig zuihm aufschaue und mich schäme.

Der unglückliche Mensch wurde allmälig doch etwas zahmer. Dadie Behörden über ihn Auskunft verlangten, mußte er eS dulden, daßBlahomir mit ihm sprach. Auch fing er an zu klagen, daß erdaS ab-stracte Denken" nimmer recht in seiner Macht habe. Hingegen ist eS alsein schöner Zug ihm nachzurühmen, daß er in Blahomir'S Gegenwart mitEifer und Wärme Johanna's Unschuld und unverbrüchliche Treue bezeugte,und bei demallgegenwärtigen Weltgeist" beschwor. Einige Zeichen, dieer, deS Redens unfähig, in seinen letzten Stunden gab, und der vielsagendeinnige Händedruck, womit er meine Mahnungen und Fragen beantwortete,berechtigten mich, ihm die letzte Oelung zu spenden. Ich fühlte michgetröstet. Ungleich größern Trost erlebte ich an Blahomir. Er hatte sei-ner Frau mit schonender Güte sich genähert; sein Entschluß war nachwenigen Tagen reif geworden; sie aber zögerte; sie wagte nicht, seinemAntrage zu folgen. Marietta gab den AuSschlag. Sie war der FriedenS-cngel, der um die Getrennten daS unlösbare Band wieder enger schlang,als je vorher. Der Vater wollte sie nicht missen, er mochte auch derMutter sie nicht rauben; da schlug diese endlich in die treue Hand, dieBlahomir ihr darbot, und vor Freuden weinend rief Ludmilla: sehen Sienun, Herr Doctor, das hat die heilige Gottesmutter so gefügt, nicht dieAllmulter Natur, wie Sie zu sagen pflegen.

Johanna trat in ihre früheren Rechte ein, sie erblühte wieder inSchönheit und Lebensfülle. Ob auch der Glaube wieder aufblühte inBlalwmir'S Herzen? WaS durch falsche Weltweisheit zerstört worden, willdurch ächtes und gründliches Denken wieder hergestellt werden. Ich redetewohl manchmal davon, wie der Boden des Glaubens, der nicht die Er-scheinungen, sondern daS Wesen der Dinge betrachtet, eben so sehr in derDcnkkrast als in der Willensfreiheit deS Geistes zu suchen sey, und wieder gute Wille, unter der Herrschaft deS Gewissens, die Vernunft für dieWahrheit befähige. Mehr aber als auf meine Worte vertraute ich aufdas Werk der Vergeltung, das Johanna an ihm ausüben werde. Dennich gedachte deS großen AuSsprucheS, daß der ungläubige Mann geheiligtwird durch das gläubige Weib, und so hinwiederum. Inzwischen verriethBlahomir selbst, durch Benehmen und Rede, daß er in aller Stille miteinem Umbau seiner Denkweise beschäftigt war. Wie ich mir immer Gott,oder den ewigen Weltgrund denken mag, sagte er: die sogenanntever-nünftige Nothwendigkeit" kann mir nimmer genügen; jedenfalls muß ich aneine Vorsehung glauben. Welche eigenthümliche Fügung! Ein Zufall führtmich in Ludmilla'S Haus, dort widme ich meinen geringen Dienst, zu demich ohnehin verpflichtet bin, dem Hausvater, dessen Leben ich doch nichterhalten kann; dafür rettet, pflegt und tröstet die arme Wittwe mein Weibund Kind, bewahrt sie für mich, wird meine größte Wohlthäterin. Undauch Sie, Freund Jvo, den ich so thöricht verachtete, mußten inS Mittel

") Ins Wasser treiben, aber nicht zwingen, das er sanft.