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9 (4.11.1849) 44
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per berührt: so wirkt Gott in verschiedenen Geistern Verschiedenes. Sozeigt er sich z. B. in Einigen als die Liebe, in Ändern als die Weisheit,und wieder in Andern wirkt er Anderes; und bei einem Jeden macht sichder Geist zum Nutzen kennbar.

72. G e i st.

Ein guter Besitz ist ein guter Geist. Ein guter und bescheidenerGeist, ehe er redet, überlegt vorher, was er sage, an welchem Orte undzu welcher Zeit er eS sage. Daher geschrieben ist:Ein weiser Menschschweigt bis zur rechten Zeit."

73. G e i z.

Der Geizige hat Hunger nach Zeitlichem wie ein Bettler, treu be-wahrt er es wie ein Herr. Jener bettelt, indem er besitzt, dieser erhält eS,indem er es verschmäht. Der Geiz fährt mit einem vierräderigen Wagen;die Räder sind der Kleinmuth, die Unmenschlichkett, die Verachtung Gottes,die Vergessenheit dcS Todes. Die ziehenden Pferde sind Filzigkeit undRaubsucht, und diese leitet als Fuhrmann die Begierde nach Geld und Gut.Andere Lasier haben mehrere Diener. Der Geiz allein ist mit einem ein-zigen Diener zufrieden.

74. Gel ü b d e.

Gleichwie eS denen, die etwas Größeres gelobten, nicht erlaubt ist,auf Kleineres Herabzugehen, daß sie nicht abtrünnig werden, so ist es nichtfür Alle nützlich, vom Kleinern zum Großem überzugehen, damit sie nichtvon der Hohe herabstürzen.

75. G e n u g t h u u n g.

Demüthig und geschämig muß die Genugthuung seyn, wodurch diestolze Uebertretung verbessert werden soll.

Eine würdige Genugthuung ist, das verübte Böse zu verbessern, undnicht zu wiederholen, was der Besserung bedurfte.

76. Genuß GotteS .

Ich muß schweigen, ich muß schweigen!" Nicht Allen wirdan Einem Platze gegeben der Genuß der süßen und geheimnißvollen Gegen-wart des Bräutigams, sondern wem eS vom Vater desselben bereitet ist.Denn nicht wir haben unS erwählt, sondern Er hat uns erwählt und unsgesetzt: und wohin einer von ihm gesetzt ist, da ist Er. Ein Weib fandihren Platz zu den Füßen Jesu, eine andere bei seinem Haupte, Thomasin seiner Seite, Johannes an seiner Brust, Petrus im Schvoße des Va-ters, Paulus im dritten Himmel Wer von unS kann genugsam unterschei-den diese Verschiedenheiten der Verdienste oder vielmehr der Belohnungen?

77« Gerechte.

Gerecht ist, wer sich selbst am ersten beschuldigt: gerecht ist auch,wer aus dem Glauben lebt: gerecht ist ferner, wer ohne Furchtlebt. Der erste ist gut, weil er zum Leben geht, der zweite istbesser, weil er den Weg durchlauft, der dritte ist der beste, weiler sich schon dem Ziele des Lebens nähert.

78. Gerechtigkeit.

Gleichwie die körperliche Sonne, obwohl sie gut und sehr nothwen-dig ist, durch ihre Hitze und durch ihren Glanz, wenn beide nicht gemil-dert werden, schwachen Köpfen und Augen schadet, dieses aber nicht Schuldder Sonne, sondern der Schwachheit ist, so verhält eS sich auch mit derSonne der Gerechtigkeit, daher es auch heißt:Wolle nicht garzu gerecht seyn!" nicht, als wäre die Gerechtigkeit nicht gut, sondernweil wir schwach, muß die Gerechtigkeit durch Gnade gemildert werden,damit wir nicht etwa in Stolz und Unbedachtsamkeit verfallen.

79. Gericht GotteS.

In dieser Verbannung ist Christus sanft und liebenswürdig, imGerichte wird er gerecht und furchtbar, in seinem Reiche herrlich und"wunderbar seyn. Hier ist er der Lenker der Sitten, im Gerichte derUnterscheid er der Verdienste, in seinem Reiche der Auö theil er derBelohnungen.

ES wird ein Tag kommen, an dem der Richter keinen Zeugenbraucht, wo die Wahrheit die Absichten erforscht, wo die Untersuchungder Schuld in die Geheimnisse des Herzens dringt. Wo endlich jenergöttliche Blick die verborgensten Schlupfwinkel der Gemüther aufspüren

wird, wo bei jenem untergelegten Feuer der Sonne der Gerechtigkeit dieHerzen der Menschen an den Tag geben werden, waS sie verbargen.Dort werden die Thäter und Beistimmer mit gleicher Strafe belegt wer-den. Dort haben die Diebe und Diebsgenossen einen gleichen Richterspruchzu erwarten. Dorr werden ein gleiches Gericht erfahren, welche zurSünde anlocken und sich von reu Sündern verlocken ließen.

Scheyern .

Unter den vielen Instituten in unserm Vaterlande ist Eines, daSwenig bekannt ist, und doch mit Recht hervorgehoben zu werden verdient.Es ist daS Institut in Scheyern bei Pfaffenhofen an der Jlm. Dort, woeinst daS Stammschloß der durch Waffenthaten in Bayern hoch berühmtenGrafen von Schyren der Ahnen unsers KönigShauseS liegt auf einemvon allen Hochstraßen abgelegenen Platze das Benedictiner-Kloster, welchesKönig Ludwig 1838 stiftete, und daö nun seit 10 Jahren segensreich fürdie Bewohner der Umgegend wirkt. Mit diesem Kloster ist ein Knaben-Erziehungs-Jnstitut verbunden; wenn auch nur 3 lateinische Curse bestehen,so ist doch gerade die wissenschaftliche Grundlage eine Hauptsache, die inScheyern gerühmt zu werden verdient. Referent hatte seinen Sohn imInstitute und Gelegenheit, sich von dem innern Wesen deS Institutes hin-reichend zu überzeugen. Nicht nur, daß der Unterricht in der lateinischenSprache, so wie überhaupt in allen Gegenständen, die in den lateinischenSchulen gelehrt werden, ein gründlicher ist, sondern eS weht ein wahrhaftgotteSfürchtiger, ein religiöser Geist in diesem Institute; in allen wissen-schaftlichen Fächern, wie in der ganzen Erziehungsweise überhaupt kannman dieß wahrnehmen, und es ist dieß ein großer Trost für die Eltern;denn nur diejenge Erziehung hat einen Werth, die auf einem wahr-haft christlichen Principe beruht. O wie schön ist der Bund, eine ArtBruderschaft, die in diesem Institute besteht, in welchem nur Zöglinge vonerprobter Sittsamkeit aufgenommen werden können; dieser Bund ist eineAufmunterung und Aneiferung für Jene, welche noch nicht Mitglieder sind,und eine Befestigung deS Guten bei Denjenigen, die bereits dem Bundeangehören. Aber bei all diesem sieht man nichts von Bigottem, Kopfhän-gerischem u. s. f. an den Zöglingen. Nicht nur, daß sie stets in unge-zwungener Fröhlichkeit sich bewegen, wird auch die gehörige Rücksicht ge-nommen aus äußere Haltung und Anstand; sie haben statt der anderswoeingeführten Turnübungen militärische Uebungen und Spiele, undzeichnen sich hierin auS, so wie in ihren Schauspielen, die sie vonZeit zu Zeit aufführen; ihre musicalischen Leistungen sind gleichfalls vor-züglich, und bei all dem die financiellen Ansprüche, die an die Eltern ge-macht werden, außerordentlich bescheiden, so daß das Institut, wenigstensin Anbetracht seiner II. Abtheilung, in welcher sämmtliche Kosten nicht ein-mal die Summe von 100 fl. jährlich erreichen, fast als eine Wohl thä-tig keitS-Anstalt erscheint.

ES ist aber auch ein WohlthätigkeitS-Jnstitut in geistiger Beziehung,daS einen tiefen Eindruck auf den Berichterstatter, der noch obendreinmit Vor urtheilen eS betrachtete, ehe er es genau kennen gelernt hatte machte. Unvergeßlich bleiben ihm die inhaltschweren Worte, die derwürdige geistreiche Rector (P Ludwig) bei Gelegenheit der Preiseverthei-lung jüngst an die Zöglinge in öffentlicher Versammlung gesprochen; nach-dem er die moralische Erziehung als einen Krieg, und zwar als einenDefensiv-Krieg gegen daS Böse, und einen Offensiv-Krieg fürdaö Gute dargestellt, und auf eine schöne Weise die militärischen Spieleder Zöglinge (in diesem Jahre 83 an der Zahl) eingeflochten hatte, schloßer mit den Worten:Ihr möget die Studienbahn nun verlassen, oderhier, oder anderswo fortsetzen, vergesset nur nicht, daß Ihr denkostbaren Schatz Eurer einzigen Seele im unermüdlichen Kampfe zu verthei-digen habet gegen einen Feind, der seine Angriffe nickt sogleich mit demgroben Geschütze schwerer Vergehen, sondern mit dem Kleingewehrfeuerscheinbar unbedeutender Leichtfertigkeiten und Vernachlässigungen beginnt,und Euch, wenn auch langsam, doch um so sicherer in seine Gewalt be-kommen wird, je sorgloser und schläfriger er Euch im Defensiv-Krieg gegen das Böse gemacht haben sollte. Ja stehet fest,rufe ich Euch nochmal mit dem großen Völkerlehrer zu, ergreifet GotteS Waffen, damit Ihr in dieser bösen Zeit Widerstand leisten, und in AllemEuch unverrückt aufrecht erhalten könnet."

Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.

Verlags-Inhaber: F. C. Kremer