Ausgabe 
9 (11.11.1849) 45
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Neunter Jahrgang

M 43.

1 L. November L84S.

Allocution deS ErzbtschofeS von Paris bei Eröffnung

des Concils.

Ehrwürdige Vater und Collegen!

Geliebte Mitarbeiter!

Gott erhört in diesem Augenblicke einen unserer heißesten undlanggcuährten Wünsche. Ewig sey er dafür gebenedeit; denn eS ist jadas erste Bedürfniß unsers von Freude und Hoffnung erfüllten Herzens,sich zu erheben zu dein Geber und Vollbringen alles Guten, und ihm zudanken, daß Seine Hand unö vereinigt hat zu dieser heiligen Versamm-lung. Bitten wir ihn, daß er Sein Werk auch vollende, dadurch, daßer, getreu seinem AuSspruche, unter uns verbleibe, und uns erleuchte milSeinem Lichte, daß er uns den Geist der Weisheit und der Stärkegebe, damit für die Kirche sowohl als für die Gesellschaft, welchebeide gegenwärtig von so fürchterlichen Stürmen aufgewühlt stnv, dieseVersammlung zum Heile werde, eine Versammlung, die schon dann vonder höchsten Bedeutung wäre, wenn sie gar nichts anders thun würde,als den ersten Schritt verzeichnen auf dem allen, jedoch heut zu Tageneuen Wege, auf den die Vorsehung uns hingewiesen hat. Ja, dieConcilien sind es, die zugleich das Heil der Kirche wirken,und auf eine kräftige Weise beitragen zum Wohle derGesellschaft. Man hat sich genug bemüht, Kirche und Staat einanderfeindlich gegenüber zu stellen, die wechselseitigen Beziehungen, durch die sieeng verbunden sind, zu läugnen, unv sie für völlig von einander unabhängigzu erklären; fruchtlose Mühe! man kommt allmälig doch zur Einsicht, daßdie Gesellschaft in zeitlicher unv geistiger Hinsicht einer göttlichenGrundlage bedarf, und daß beide Gesellschaften, ähnlich zwei großenBäumen, die zwar getrennt stehen, aber in den Wurzeln vereinigt sind,einen und denselben Boden, eine und dieselbe Triebkraft besitzen.

Nur zu gut haben wir dieß erfahren. Menschliche Weisheit wolltefür sich allein den Staat aufbauen. Wie rühmte sie sich der geistreichenBerechnungen, die sie entdeckt hatte! Mit Stolz wies sie hin auf ihreArmeen, ihre Befestigungswerke, auf den Fortschritt der Industrie unv denUeberfluß an Reichthümern. Und in Einem Augenblicke waren alle diemateriellen Kräfte dahin. Beim ersten Andränge deS Sturmes stürzte allesüber den Haufen; und eS ist etwa nicht bloß Ein Reich, Eine gesellschaftlicheForm zu Grunde gegangen nein; sondern indem der Sturm die Grundfestender Staaten bloßlegte, konnte man sehen, daß diese Grundfesten gänzlichunterminirt, und von einem völligen Einsturz, einer vollständigen Zcrbröcklungbedroht waren. Die Lehre war eine strenge, aber sie fand zugänglicheGemüther. Herzen, die mit eisernen Banden an daö Irdische gekettetwaren, kehrten zum Himmel zurück, und ähnlich dem Matrosen, der daranist, von den Fluthen verschlungen zu werden, riefen sie Gott in ihremElende zu Hilfe, und vertrauten auf die Stärke Seines Armes, und denBeistand Seiner Religion.

Die Religion ist also die Lebenskraft der menschlichen Gesellschaft.Die Religion nur gibt den Frieden, die Eintracht der Gemüther, die wahreFreiheit, die wahre Menschenwürde, Liebe und Nachsicht mit den Schwachen,Gedulv und Ergebung, ächten Opfergeist, und Linderung im Unglücke,sie verleiht den Gesetzen Wahrheit, den Oberen Gerechtigkeit, den BürgernAchtung vor der Behörde; ohne sie gibt es nur eine Herrschaft derSelbstsucht und der glühendsten Leidenschaften: ohne sie herrschen nurGenußsucht und Verachtung der Geringeren in den Reichen, und Haß gegendiese in dem Herzen der Untergebenen, bürgerliche Zwiste, brudermörderischeKriege; wo die Religion verschwunden ist, dort ist kein menschliches Band,keine Achtung vor dem Gesetze, keine Ordnung keine Gesellschaft mehrmöglich.

Nun ist die Kirche, welche daS Ganze der religiösen Gesellschaftausmacht, ja sie selbst ist die inS Werk gesetzte göttliche Religion. Wasdie Kirche an Stärke verliert, um das vermindert sich auch der Einfluß derReligion. Die Kirche wiederherstellen in ihrer Disciplin und ihrer Sitte heißtalso der Religion ihre ganze Stärke wieder geben, und zugleich an demWiederaufbau der Gesellschaft arbeiten. Seit mehreren Jahrhundertenher haben die, welche an der Spitze der Völker standen, durch die kläglichsteUnbesonnenheit geleitet, alle Kräfte aufgeboten, der Kirche Hindernisse inden Weg zu legen, ihren Bestand zu untergraben und ihren Einflußaufzuheben; man weiß nun, wohin dieß alles geführt hat; möchte mandoch diesen Grundsatz für immer aufgegeben haben. Man fürchtete dieKirche; mau suchte in ihr eine Theilung, somit Schwächung herbeizuführen;man löste sie so sehr als möglich von ihren Häuptern und trennte dieGlieder eines vom andern; besonderen Schreck hatte man vor diesenVersammlungen, a»S denen sie neue Stärke schöpft, in welchen sie eingerisseneMißbräuche abstellt und ihre Disciplin kräftigt, unv durch den Eifer ihrerbewunvernSwerthcu Hierarchie fester knüpft die Bauve der Einheit.

Gegenwärtige Versammlung ist ein sprechenveS Zeugniß, daß andereZeiten gekommen siuv, unv von nun au mehr Weisheit walte in denBeschlüssen Jener, welchen rie Geschicke veS VatörlanveS anvertraut sind.Beweisen wir, ebrwürcige Väter unv geliebte Mitarbeiter, unsern Dankdafür dadurch, daß wir hier an dem Heile der Kirche arbeiten, und dabeizu gleicher Zeit daS Wohl der Gesellschaft zu beförvern streben. Einenwesentlichen Punct dürfen wir in diesem Concilium nie auS dem Augeverlieren denn va eS unmöglich ist, alle unsere Uebel auf einmalzu heilen, so werdet Ihr alle Eure Aufmerksamkeit auf jenes gerichtethaben, welches daS allgemeinste unv gefährlichste ist. Ihr habt die Meinungausgesprochen, daß dieses Uebel darin zu suchen sey, weil alle Achtungvor der Autorität aus den Gemüthern verschwunden ist; und wahrlich,dieses Uebel ist die Hauptkrankheit unserer Zeit. Die Gesellschaft löst sichallenthalben auf, weil mau an keine Autorität, kein Gesetz glaubt, undjene weder liebt, noch achtet. In der Kirche glaubt man wohl an sie,aber achtet man sie auch immer? Der Sturm deS Jahrhunderts ist auchüber uns dahingegangen, und hat seinen verhängnißvollen Samen ausgesäet;nun sproßt das Unkraut auf dem Felve des HauSvaterS, und ist Zeit,dasselbe auszujäten, daß es den Acker nicht weiter verderbe. Glück füruns, daß Gott selbst der Stifter unserer Kirche, und Er, der Ewige,immer mit unS ist. Damit die Kirche stark und blühend sey, bedarf sieweiter nichts, als daß sie frei sey.

Ihr seyd im Begriffe, ehrwürdige Väter und geliebte Collegen, hierwiever eng zu knüpfen die Bande der Ergebenheit, der Liebe, der Ehrfurcht,welche unS mit dem apostolischen Stuhle vereinigen. Dieser Stuhl hatteeinen Augenblick, wir werden eS nie vergessen, für unsern geliebten Papst,der ihn gegenwärtig einnimmt, eine Aehnlichkeit mit einer Säule, anwelcher Christus gegeißelt und bespiecn wurde; möchte doch der Ausdruckunserer Gefühle ihm zu einiger Linderung seines Schmerzes seyn. Dieallumfassende Gewalt deS Oberhauptes der Kirche, als Ausfluß undDarstellung der Gewalt Jesu Christi , ist hier aus Erden die Grundlageund Wurzel aller geistigen Gewalt. Diese ist der erste Ring, an dem sichsofort die ganze Hierarchie anschließt; diese ist der Grundstein, ohne welchendas ganze Gebäude zusammenstürzen müßte.

Ihr werdet in Zukunft, so viel an euch ist, beitragen zur regelmäßigenWiederkehr dieser heiligen Versammlungen, deren lauge Unterbrechung soviele Uebel herbeigeführt hat. Die Concilien stellen die Kraft und dielebendige Einheit der Kirche dar; sie mahnen zur Achtung der älterenGesetze, sie geben den neueren, deren Einführung den Bischöfen nöthigerscheint, mehr Kraft und Ansehen. Diese Decrete, an sich schon bindend,in so fern sie nicht gegen die allgemeinen Kirchengesetze und nicht gegen