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9 (11.11.1849) 45
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Allein eine Unterscheidung wird die Sacke leicht anders erscheinen lassen.Die kirchliche Feier bleibe; das waS sich weltlicherscitS an dieselbe anschließt,und dem Primizianten seinen Frcudentag oft ganz verbittert, daS sucheman wegzuräumen. Dieß sind bekanntlich die Einladungen, daS Gastmahl,daS Opfern u. dgl. Die kirchliche Feier aber hat entschiedenen Nutzen.Bei der oben angeregten günstigen Stimmung deS NolkS wirb daS WortGolteS fruchtbringend in die Herzen eindringen, die Pracht deS GotteS-diensteS wird die Gemüther aufs neue ergreifen, anflammen und begeistern;der ganze Mensch wird ergriffen, und für das Höhere in Besitz genommen.ES kann dieß zwar bei jedem Gottesdienste auch geschehen, unv geschiehtauch; aber der Hang deS menschlichen Herzens zum Außerordentlichen,und der Eindruck deS Letztem auf dasselbe, so wie die Anerkennung deSPriesterthumS, und die Freude, daß es sich wieder um ein Glied verstärkthabe, müssen eben nicht auS der Acht gelassen werden. Und wie manchergemüth- und talentvolle Knabe, unter der Menge ungekannt und verbor-gen, hat an einem solchen Tage den großen Entschluß gefaßt, das nemlicheglanzvolle Ziel anzustreben, und die Erfahrung hat eS bewiesen, daßJünglinge und namentlich Jungfrauen von der Macht dieser Feier ergrif-fen, sich fest entschloßen, bis zum Eintritte in die Ehe rein und unbeflecktsich zu bewahren, oder wenn ihnen dieses Glück des Bewußtseyns ent-flohen, eS annäherungsweise mit allem Ernste wieder einzuholen.

Die freundliche Bewirthung, die ich im Pfarrhofe zu Pforzeu undim Klosterinstitute zu Kaufbeuern erfahren, im Sinne behaltend, hatte ichmich früh von Kaufbeuern aus über die schönen Anhöhen der Gegend demDorfe Aytrang, dort einen Freund zu besuchen, zugewendet. Morgenruhelag noch über der Stadt, aber auf den Bergen herum gegen Südenbewegte sich daS schönste Leben. Von nahe und ferne ertönte der Klangder Dorfglocken, zum Ave Maria Gebete einladend. Da und dort wurdeauch zur Messe geläutet. Man sieht bei dem Glockenzeichen, daS die Wand-lung deS SacramenteS verkündet, den Landmann sein Haupt entblößen,und betend stille stehen. Als ich weiter, durch ein Buchenwäldchen hin-wanbelte, begegneten mir zwei Betende. Ich zog vor ihnen meine Mützeab. Lebhaft erinnerte ick mich an die Worte Stauden maierS in seinemGeist des Christenthums":deS Menscken größte That ist das Gebet."Ja daS Gebet ist Poesie. Die ganze Pracht der schönen Natur, die maje-stätische Sonne, daS Sehnen der blauen Berge, der klare Spiegel derSeen, die reichen Feloer und bunten Wiesen, die heiligen Schatten derWälder, der muntere Sängerchor der Vögel, das trauliche Geläute vonder weidenden Viehhcerde hertönend kurz die in aller dieser Prachthervortretende Sckönheit, Liebe und Macht Gottes hebt den Menschensinnhinan in eine Region, die noch ober jener blauen Feste sich findet, zuGott: er betet. Höheres kann der Mensch nicht thun. Und dieser Auf-schwung zu Gott, diese Poesie deö Lebens ist diesem Oberländervolke rechteigen. Ja ich möchte überhaupt eS sagen: das Volk im Allgemeinen istpoetisch, und der Dichter muß die poetische Seite deS Volkes vorkehren,zu ihm sprechen, sie demselben anschaulich machen, wenn er vom Volkeals Dichter anerkannt seyn will. Hier wurde mir recht klar, was derApostel an die Römer über die Natur sagt, daß sie ihr Haupt erhebe undder Verherrlichung der Kinder Gottes entgegenhalte. (Röm. 8, 19.) Jawahrlich, wie das Menschenherz in der Feier deS Morgens sich zu Gottgehoben fühlt, und zwar zu Gott nicht in jenem allgemeinen, ver-schwommenen Begriff, wie der Deismus sich Gott auf alle mögliche Weisedenken mag sondern zu Gott, wie er uns in Christo wieder an sichgezogen hat, und durch den Geist erleuchtet; wie daS Menschenherz aufdiese Weise seine Herrlichkeit sich entgegensehnt. und sie im Abrisse schonvor sich liegen zu sehen glaubt; so kam mir die Natur vor, als lebe sie,als schließe sie sich voll SehnenS und Glaubens auf, um wie der Menschund mit dem Menschen das Göttliche in sich hineinzuziehen und in ihmglückselig zu seyn. Der Apostel sagt weiter (v. 26.), daß die Natur derLeerheit unterworfen sey, er sagt, daß eben dieses sie bewegt zu seufzenund zu jammern (v. 22.); aber sie hat die Hoffnung der Befreiung, (v. 21.)Diese Leerheit, dieses Gefühl deS Ungenügenden, welche im Menschen undin der Natur eine Folge deS Abfallens von Gott sind, will die Natur(wie der Mensch) von sich werfen. Diese ihre Lage in dem Nichts preßtihr Seufzen auS, und ihr Schmerz. Aber dieses Seufzen, dieser Schmerz istkein ewiger; eS leuchtet die Hoffnung auf die Befreiung. Die Befreiungkommt aber von oben, von Gott in Christo, und dorthin erheben die Gutenund mit ihnen die Natur ihr Haupt, und erwarten die Freiheit und Herr-lichkeit der Kinder GotteS. Diesen eben bezeichneten Charakter mutz diewahre Poesie haben; die falsche unserer Tage, die Poesie deS Weltschmer-zes, krankhaften Gefühles und doch auch wieder deS Stolzes kommt zukeinem Ziele, zu keiner Rettung, und endet im Verderben, als dessen sicht-bare Erscheinung so häufig die Selbstmorde mancher der neueren Dichter,oder ihr Wahnsinn sich zeigen. Sie fühlen auch ihre Leerheit, ihre Unge.

nügendheit, daS Hilfsbedürftige in sich; auch sie seufzen: ein Schmerzgeht durch alle ihre Gesänge; aber sie erheben das Haupt nicht nach oben,wo Rettung wäre; sie haben die Hoffnung von sich geworfen, dazu hatsie der Stolz der Brüder der Leerheit und deS Nichts verleitet. Sie sindnun im Zustande der Hoffnungö- und Nettungslosigkeit, im Verderben,im Tode.

Unter diesen Gefühlen war ich endlich in dem 2 Stunden südlichvon Kaufbeuern gelegenen Achtrang angekommen, und von dem dortigenPfarrer, meinem Freunde, gut aufgenommen worden. ES herrscht in demOrte und in der Umgegend ein sehr religiöser Sinn, und in politischerBeziehung sind die Bewohner meist sehr conservaliv; nicht eben, weil vonder bekannten Seite auS keine Versuche gemacht worden, diese Gesinnungzu verdrängen, sondern weil die Bewohner gegen diese Versuche ihre rich-tige Ueberzeugung siegreich vertheidigten. Diecorrupte " Augsburger Abend-zeitung, die Waibel'sche Kcmpterzeitung suchten sich überall einzudrängen,und die sorgsamen Väter und Pfleger dieser Erzeugnisse, Waibel und Con-sorten fanden sich auch da und dort in der Gegend ein, um in ihremSinne das Volk zu beihörcn. In EberSbach, an der Straße nach Kemp-ten gelegen, hielten sie Volksversammlung, und es gelang ihnen in diesemOrte etliche moralisch und ökonomisch AbgehanSte für sich zu gewinnen.Diese nun, etliche sechs, zugleich auch Anhänger der ronge'schen Maul«wurfSkirche, suchten durch allerhand Lug und Trug an einem Sonntageeinige leicht Verleitbare zu einer Fahrt nach. Aytrang zu bewegen, wo auchim Sinne der Neuerer gesprochen und gelebt werden sollte. Sie fandensich dort ein, brachten aber alsbald durch ihr Benehmen, ihre tollen Reden,und hauptsächlich auch weil sie wäbrend deS nachmittägigen Gottesdienstesnicht einmal von ihrem Treiben abließen, die dortigen Einwohner berge-stall gegen sich auf, daß sie froh seyn dursten, init heiler Haut davongekommen zu seyn.

Ich wandelte nun einsam Kempten zu. Einsam aber nicht allein.Denn jenes Wort eines alten RömerS: er sey nie weniger allein, alswenn er allein sey, fühlst du ganz, wenn du von der Natur umgeben,ihre Sprache verstehst, und sie als ein LiebeSwerk und als OffenbarungGotteS vor dir liegt. Der gläubige christliche Sinn der Oberländer zeigtsich dem Wanderer auch darin, daß in dieser Gegend sehr schöne Feldkreuzesich finden; wie dieß namentlich in der Pfarrei Thingen, der Fall ist;Christus am Kreuze ist vielfach wirklich kunstreich gemalt; in den KirchendeS Oberlandes trifft man sehr schöne Gemälde, meistens auS der neuernSchule, welche aus diesen poetischen Gauen viele ihrer Zöglinge und Be-förderer schöpft (Eberhard, Schraudolph u. a.). Wenn ich so einsam ander Straße fortwandle, und mir ein an der Seite stehendes Täfelchen denUnglücksfall eines MitbruderS meldet, stimmt dieß nicht zum Mitgefühl,welches sich im Geiste der Kircke im Gebete ausdrückt, und ist dieses nichtwiederum Gesellschaft, wenn ich hiedurch, wie die Kirche lehrt, in Ver-bindung mit den Abgestorbenen trete, da alle ein Leib, somit Sympathiesind? Bin ich allein, wenn ich nach einigen Sckritten weiter wieder daSBild meines ErlöserS am Kreuze erblicke, der uns alle eint durch seinenTod, der daS Haupt an dem Leibe ist. Da geht nun keine christlicheSeele vorüber, ohne sich in daS Leiden deS Herrn zu empfehlen, und eSist ein erhebendes Gefühl, sich noch an die verstorbenen Eltern zurück zuerinnern, von denen man diese fromme christliche Gesinnung erhalten.Ihr mit eurem kalten, geisteS- und gottlosen Geiste, ihr belächelt daSkatholische Volk, und haltet eS tief unter euch, während eS gläubig sicherhebt zu der Lebenssonne zu Gott, und ihr in der Verknöcherung unddem Froste eures thörichten Unglaubens untergeht. ES betet nicht da«Bild an; aber daS Bild erinnert ihn an seinen Heiland, den eS anbetet.Dahin hat eS der zerstörende Protestantismus, ungleich weiter aber derCalvinismus gebracht, daß er unter dem Vorgeben eine geläuterte Religionherzustellen, und den Menschen geradezu an das Wesen zu weisen, alle«an daS Höhere Erinnernde, alles Zeichen entfernte; damit hat er aberauch daS, woran LaS Bild erinnern sollte, dem Vermögen der Vorstellungentzogen. Sie errichten Statuen für verdienstvolle Männer, um daS An-denken an sie zu erhalten; und der Sohn GotteS , der uns alle durch sei-nen Tod wiedererwarb, wenn wir glauben, der soll dem Andenken derdurch Ihn Erlösten entrückt werden? Dieß ist freilick der Plan der Hölle,und all' derer, die in ihrem Sinne wirken, daS Werk Christi zu zerstören.Erwürget die Unverschämte", die Kirche nemlich und natürlich in ihrChristum, daS ist daS Werk Voltaires . Wer kennt nicht die Wuth Her-wegh'S:Reißt die Kreuze auS der Erde, sagt er, und schmiedet Schwer-ter drauS " Der Jude Heine weiß die Menschen nicht genug zu bedauern,die vor dem bluttriefenden Todten knieen, und hofft, daß ein kommendesGeschlecht durch Aufgeben dieses Dienstes erst zur Glückseligkeit gelange.Am widerlichsten, weil am feigsten und verschlagensten ausgesprochen, hatunö UhlandS Aeußerung von einem todten Gott am Kreuze berührt. Hätten