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9 (11.11.1849) 45
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sie, um viele andere zu verschweigen, z. B. Magdalena, hätten sie einmal,diese aufgeklärt seyn wollenden, die Zelle des heiligen Thomas von Aq»inbesuchen können, sie würden sich eines andern haben belehren lassen. ZuFüßen des Gekreuzigten studirte Thomas, und schrieb er seine Werke, undNiemand wird eS läugnen, daß sich Thomas zu diesen, den ersten dreienwenigstens, verhalte wie ein deutscher Dom zu einer unten -stehendenKneipe, in welcher sich aufgehalten zu haben, nicht immer mit der RuhedeS Gewissens zu vereinbaren seyn möchte.

(Fortsetzung folgt.)

Blumen au- dem Schriftgarten de- heiligen BernarduS.

(Fortsetzung.)

80. Geringfügigkeit deS Menschen.

DaS Fleisch ist nichts anders, als ein in gebrechliche Schönheitgekleideter Schaum. WaS eS aber immer sey, eS wird werden ein faulenderLeichnam und eine Speise der Würmer. Denn wenn eS auch noch sehrgehegt wird, so ist eS doch Fleisch. Wenn du fleißig betrachtest, wasdurch Mund und Nase und durch die übrigen Oeffuungen deö Leibesherausgehe, hast du noch nie eine verächtlichere Schwiudgrube gesehen.Und wenn du die einzelnen elenden Zustünde desselben auszählen willst,wie eS mit Sünden beschwert^ durch Fehler verwirrt ist, von Begierdengekitzelt, von Widerwärtigkeiten abgemüht, von Täuschungen beschmutztwird: so wirst du finden, daß eS immer geneigt ist zum Bösen und derSünde anhängig, und so voll Schande und Schimpf sey.

81. Geschäftigkeit.

Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwestermich allein dienen läßt?" Wer sollte glauben, daß im Hause, woChristus aufgenommen wird, die Stimme deS Murrens gehört werde?Glücklich jenes HauS und selig jene Familie, wo Martha über Mariaklagt. Denn für Maria ist eS ganz und gar unwürdig und unerlaubt,die Martha nachzuahmen. Oder wo lieSt man denn, daß Maria sichbeklagte,weil meine Schwester mich allein läßt in der GeschäftSlosigkeit?"ES sey ferne, eS sey ferne, daß, wer Gott dient, ein Verlangen habenach dem geräuschvollen Leben der dienenden Brüder. Martha scheine sichnicht hinreichend und weniger geeignet, und wünsche, daß das, was sieverrichtet, Andern aufgelegt werde.

Wem kein Amt anvertraut und keine Verwaltung übergeben ist, dermag allerdings mit Maria zu den Füßen Jesu oder gewiß mit LazaruSim engen Raume deS Grabes sitzen.

82. G e sch.l e ch t.

So lange man diese Welt bestehen sieht, wo ein Geschlecht kommtund daS andere geht, geht den AuSerwählten kein Trost ab durch dasAndenken an Gott, denen in der Gegenwart nicht vollständiger Genußgewährt wird. Denn eS ist billig, daß denen, die das Gegenwärtige nichterfreut, daS Andenken an die Zukunft bleibe, und daß jene, welche ihrenTrost nicht in hinfälligen Dingen suchen, durch die Erinnerung an dieEwigkeit erfreut werben. Unddas ist daö Geschlecht, daS nachihm verlanget, die da verlangen nach dem Angesichts deSGotteS Jacobs. "

83. Geschrei der Armen.

E« schreit der Mangel der Armen, eS schreien die Nackten, eS schreiendie Hungerigen, sie klagen und sagen:Was rhut das Gold am Zügel?Vertreibt vielleicht das Gold vom Zügel die Kälte? oder den Hunger?Während wir erbärmlich Hunger und Kälte leiden, was helfen so vieleWechselkleiber, die entweder an Stangen ausgespannt oder in Koffer eingepacktsind? Unser ist, was ihr verschwendet. Denn auch wir sind ein GebilvGotteS, auch wir sind erlöst durch daö Blut Jesu Christi. Wir sind alsoeure Brüder. Sehet also, was eS sey, euere Augen zu weiden an dem jAntheile der Brüder. Euer Leben fließt im Uebcrflusse dahin. Unserer!Noth wird entzogen, was cuerer Eitelkeit geopfert wirb. Endlich kommenzwei Uebel aus Einer Wurzel deö Unrechts hervor, daß nämlich sowohlihr eure Eitelkeiten verlieret, als auch wir durch eine Beraubung zuGrunde gehen. Euere Lastthiere sind mit Edelsteinen beschwert, währendihr unsern Füßen keine Schuhe machen lasset. Mit Ringen, Ketten,!Schellen und andern kostbaren Dingen sind sie behängen, während unserLeib kein Kleid hat. Aber es wird für unS der Vater der Waisen undder Beschützer der Wittwen einstehen und ihnen zurufen:Was ihr!

Einem dieser Geringsten nicht gethan habt, daS habt ihrauch mir nicht gethan.""

84. Gesetz.

Ein anderes ist das Gesetz, welches der Geist der Knechtschaft,um gefürchtet zu werben, bekanntmacht, und ein anderes das vom Geisteder Freiheit gegebene in Anmuth. Weber müssen die Söhne unterjenem stehen, noch leiden sie ohne dieses. Gut also und angenehm ist dasGesetz der Liebe, welches nicht nur gerne getragen wird, sondern auch dieGesetze der Knechte und Lohnarbeiter erträglich und leicht macht, indemsie zwar selbe nicht aufhebt, sondern zu ihrer Erfüllung beiträgt, indemsie jenes mäßiget, dieses ordnet, beide erleichtert.

85. G e st ä n d n i ß.

Besser ist ein demüthige- Geständniß böser Handlungen, als stolzeRuhmsucht über gute Thaten.

Weil gefährlicher ist ein täuschendes und stolzes Geständniß, als einekecke und beharrliche Vertheidigung. Denn Viele, wenn sie offenkundigererDinge beschuldiget werden, weil sie wissen, daß, wenn sie sich vertheidigenwürben, man ihnen nicht glauben würbe, erfinden einen feinern Grund zuihrer Vertheidigung, indem sie listiger Weise sich mit einer Anklage zuverantworten suchen. Denn eS gibt Einige, die sich schalkhaftdemüthigen, und deren Inneres voll List ist.

VerdammenSwerthe Verstellung ist eS, die Sünde zu theilen, undan deren Oberfläche zu kratzen, aber innerlich sie nicht ausrotten. Denndie Beicht hat nur dann einen Nutzen, wenn sie im Munde wahr, imHerzen aufrichtig ist. Und wie Drei sind, die Zeugniß geben imHimmel, nämlich der Vater, der Sohn und der Geist, sosollen wir unserm Herzen und Mund die Priester als Zeugen beifügen,damit die ganze Sache aus dem Munde zweier oder dreierZeugen beruhe.

Alles wird in der Beicht gewaschen, daS Gewissen wird gereiniget,die Bitterkeit wird aufgehoben, die Sünde vertrieben, die Ruhe kehrt wieder,die Hoffnung lebt auf, die Seele erheitert sich: nach der Taufe ist unS keinanderes Heilmittel bereitet, als die Zufluchtsstätte der Beicht. ES sey alsoandächtig die Zerknirschung de'S Herzens, wahr daS Bekenntniß deSMundes, vernünftig die Abtödtung deS Fleisches, schnell die Aus-rottung der Sünden, freudig die Ausübung guter Werke.

86. Gewinn.

O Ehrgeiz, du Kreuz der Ehrgeizigen, wie quälest du Alle, wiegefällst du Allen! Nichts kreuziget bitterer, nichts beunruhiget lästiger, unddoch ist bei den bedauernSwerrhen Sterblichen nichts häufiger, als dieBemühungen desselben. Treibt nicht zu den Stufen deS apostolischenThrones mehr der Ehrgeiz, als die Frömmigkeit? Erschallen nicht diePaläste von seiner Stimme? Schwitzt nicht nach den Gewinnsten desselbendie ganze Kenntniß der Gesetze? Wiehert nicht nach seinen Geschenken mitunersättlicher Gier die ganze italische Raubsucht?

87. Gewissen.

Ein schuldiges Gewissen ist gewissermaaßen eine Hölle und ein Kerkerder Seele.

O sicheres Leben, wo ein reines Gewissen ist! O sicheres Leben,sage ich, wo ohne Furcht der Tod erwartet wird, wo sogar die Schlachtbankder Seele, ein böses Gewissen, hinausgeschafft, und mit Süßigkeit undAndacht der Tod aufgenommen wird!

Meine Sünden kann ich nicht verheimlichen, weil mein Gewissen beimir ist, wohin ich immer gehen mag, welches mit sich trägt, was ichhineingelegt, entweder Gutes oder BöseS. ES bewahrt dem Lebenden auf,und gibt zurück dem Todten, waS eS zur Aufbewahrung übernahm. DaSGewiss-n ist eine unzertrennliche Ehre oder Schande eines Jeden, je nachder Beschaffenheit des Anvertrauten.

> Ein gutes Gewissen ist das Lob der Religion, ein Tempel SalomonS,!ein Acker deS Segens, ein Garten des Vergnügens, eine goldene Lagerstätte,die Freude der Engel, die Arche deS BunbeS, der Schatz deS KönigS, derHos GotteS , die Wohnung deS heiligen Geistes, ein verschlossenes undversiegeltes Buch, welches am Gerichtstage geöffnet wird. Nichts istangenehmer, nichts sicherer, nichts dauerhafter, als ein gutes Gewissen:!mag der Körper drücken, die Welt ziehen, der Teufel schrecken, so wird eSdoch sicher seyn. Ein gutes Gewissen wird sicher seyn, wenn der Leibstirbt, sicher, wenn die Seele Gott vorgestellt, sicher, wenn sie mit dem Leibel vor den fürchterlichen Richterstuhl deS gerechten Gerichteö gebracht wird.

Verantwortlicher Redacteur: L. Schönche n.

Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.