Ausgabe 
9 (18.11.1849) 46
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Neunter Jahrgang

46

18. November 184i-.

Reisebetrachtrrngerr.

(Fortsetzung.)

Von da und dort auf meinem Wege tönte mir der Gesang der Feld-arbeiter und Hirten daS sogenannte Jodeln entgegen. ES ist eineFreude, freudige Menschen zu sehen. Wenn der Chor der Vogel jubelt,wenn die Natur in erhabener Feier, die majestätischen Berge dem Allmäch-tigen ihre Anbetung zollen, warum soll der Mensch nicht beßgleichen thun,ja eS noch mehr thun, da er über alles dieses erhaben ist! Gesang isterhöhte Seelenstimmung, und ist so conform dieser fortwährenden, hier sichdarstellenden Erhabenheit der Natur; der FreiheitSstnn, aber der wahre,in Gott und der Natur, seinem Werk, drückt sich in diesem Jodeln rechtkenntlich aus.

Jetzt sah ich nun vor mir die schöne, weite Tiefung, in der die StadtKempten liegt. Unzählige Dörfer sieht man im Umkreise der ansteigendenHöhen, eine Menge von Seen blickt heiter dem Beschauer entgegen; süd-lich stehen ernst die ewigen Berge, die Berge Gottes, nach dem Ausdruckder Schrift. Wahrlich Berge GotteS; feste, unverwüstliche Denksäulen,die uns hinweisen auf die Größe und Ewigkeit GotteS, allem Schwachenund Vergänglichen der Erde gegenüber. °

Aus der Berge HimmelsbläueHebt ein Sehnen sich empor,

Das den Felsen ew'ger TreueNie aus seinem Blick' verlor.

Blick' mein Auge unverwendctNach dem Port der Ewigkeit,

Von dem Irrlicht nicht geblendetDieser sumpsvcrlornen Zeit.

Auf dem Wege von Kempten nach Lindau kam ich auch nach Jsny,in dessen Nähe das Schloß Trauchburg liegt. Da in Ihrer Zeitung diedort neu gegründete Schule schon öfters anempfohlen wurde, und an demTage meines DurchreisenS gerade die Prüfung abgehalten wurde, so hieltich's für der Mühe werth, mich dorthin zu verfügen. DaS Schloß liegtsehr schön, die Schullocalitäten sind sehr heiter, und für die Gesundheitzweckmäßig; der Prüfungssaal war auf das Geschmackvollste geziert; anden Schülern, die mir 9 14 Jahre alt zu seyn schienen, war vielfrisches, heiteres Leben geistig und körperlich zu bemerken; die Lehrer durch-weg junge Männer voll Liebe zu der Jugend und ihrem Berufe; sehr vielePrüfungsgäste, namentlich Geistliche, die Herren von Zeil und WolfSegg, deren Gemahlinnen unverwandt den vorkommenden Gegenständen ihre Auf-merksamkeit widmeten, hatten sich dort eingefundcn. Die Zahl der wäh-rend der dreivierteljährigen Existenz der Schule abgehandelten Gegenständewar sehr ausgedehnt, und somit auch hier dem gegenwärtigen ZeitgeisteGenüge geleistet. Während meiner dortigen Anwesenheit kam die Arithmetikund daS Griechische vor. In letzterem Gegenstände wurde auS einer Chre-stomatie, wenn ich mich nicht irre, aus WursterS, der Anfang von Pla-tons Phädon, oder über die Unsterblichkeit der Seele vorgenommen, unddeutsch, so wie auch lateinisch übersetzt. Wie viele von diesen Knaben andem Griechischen Theil nahmen, weiß ich nicht; der. aufgerufene mochteetwa 14 Jahre alt seyn. Dauerte nun sein griechischer Unterricht erst ^Jahre, so konnte er unmöglich dieser Aufgabe gewachsen seyn, auchwenn er früher schon anderSwo sollte Unterricht genossen haben. DerSchüler lieferte allerdings die deutsche und lateinische Uebersctzung; aberwenn man die Formen, daS Grammatikalische und Syntaktische, die Wort-bedeutung, den Sinn, daS Geschichtliche, daS Entsprechende der lateinischenUebersctzung, daS heißt: warum dieser lateinische Ausdruck gewählt wor-den, näher urgirt hätte, so glaube ich, hätte er kaum die gehörige Grund-

lage gehabt, hierüber zu antworten. ES mag dieß nun allerdings eineFolge der dort eingehaltenen Methode seyn, von der man hoffen mag,schneller vorzuschreiten, und so den Tadel vieler zu beseitigen, daß maneS in den alten Sprachen trotz vieljährigcn Studiums nicht zur Fähigkeit,alle Klassiker flüchtig zu lesen und in diesen Sprachen sich leicht auszudrü-cken, bringe. Aber ich zweifle, ob auf dem Wege des NoreilenS dieserZweck erreicht wird, und glaube, daß man: durch Gründlichkeit, allerdingsnicht durch übertriebene, zur Gewandtheit' kommen müsse, wie dieß schoneiner der Alten ausgedrückt hat; abgesehen davon, daß die alten Sprachenein BildungSmittel der GeisteSvermögen seyn sollen, wie schon Schellcr dieSprachwissenschaft eine angewandte Logik nannte; und sollte eS auch derFall seyn, daß Geschäftsmänner, Geistliche, Beamte, Aerzte rc. später dieFertigkeit in diesen Sprachen verlieren, wo haben sie denn daS Geprägeerhalten, welches sie so kenntlich von andern, die die alten Sprachen nichtbetrieben, unterscheidet? Ist diese höhere Geistescultur, als Frucht der clas-sischen Studien, nicht dankcns-werth? UebrigenS liegt dieß in Beziehung aufden griechischen Sprachunterricht hier Besprochene in der dort eingehaltenenMethode, die der, wie neuere Sprachen erlernt werden, gleich zu seynscheint, und Niemand wäre mehr erfreut, auf diesem Wege vielleicht dasZiel näher gerückt zu sehen, als ich. -AaS ganze Fest schloß mit einemfeierlichen Te deum laudamuS" in dem geschmackvollen Hofkirchlein.

ES ist oben berührt worden', daß'die Forderung der Zeit dahin gehe,in Schulen eine größtmögliche Anzahl von Gegenständen vorzunehmen.Dieser Umstand hat kürzlich eine sehr geistreiche Besprechung in den hist.-politischen Blättern:auö dem Leben eines früh Vollendeten" gefunden.Die ältern Anstalten, und namentlich die römischen sto propagmulv liste,prüften, waS die Schultern tragen können; den jetzigen ist eS mehr darumzu thun, recht Viel aufzuladen, um daS erstere unbekümmert. Die erster»,sagen die hist.-polit. Blätter, prüfen die Beschaffenheit, Structur u. dgl.teö Schiffes, und bemessen danach den Ballast, die letztem sehen nur aufdie Ladung, unbekümmert, ob daö Schiff dieselbe auch fassen und tragenkönne, und unter der Last nicht breche oder sinke.

Durch vielfältiges Scheinwissen will unsere Zeit prunken, unbeküm-mert, wie viel davon gründlich erfaßt sey; ihr Charakter ist Täuschung,um es nicht geradezu Lüge zu nennen. Damit zusammenhängend ist ihrecentrifugale Richtung, ihr HinauSstrcben in die Erscheinungswelt, und ihreAbkehr von dem innern, reichen Wesen deS Menschengeistes, und dann vonGott. So weit nun die Zeit Realien, Naturgeschichte im Bereiche deSWissens zu ihrer Parole gewählt, kämpft sie an gegen daS Menschlichegegen seine Sprache, Geschichte, seine Vergangenheit also; und würdedieses gelingen, so fiele dann die äußere und innere Offenbarung diepositive Offenbarung und daS Ebenbilkliche GotteS im Menschen; somitwürde Gott unS wieder in die Ferne gerückt, und der Zwiespalt der Naturmit Gott wie nach dem Falle wäre wieder da. Dieß ist der Kampfder Realien mit den classischen Wissenschaften, und so weit in der Spracheund Geschichte der Menschen sich Gott geoffenbart hat, durch denKampf mit Religion und Glauben.

Es würde hier zu weit führen die Vorzüge der Wissenschaft deSAlterthums vorzuführen, und dadurch die Nothwendigkeit der letztem zubeweisen; ich mache nur darauf aufmerksam, daß daS Gelangen der Kennt-niß deS Alterthums auf unsere Zeit in seinen Schriften rc. ein Wunderist, und sonach der Wille GotteS sich deutlich ausspricht, daß er dieseSchätze deS Alterthums aufbewahrt, benutzt, anerkannt und geschätzt wissenwollte. WaS wüßten wir ohne sie von der Leitung und Führung de-^ Menschengeschlechtes, von der Abirrung der Heiden, und was sie in ihrem^ Naturzustände außerhalb der positiven Offenbarung waren, über welchesunS die heiligen Schriften und Väter, und in Beziehung auf daS letztere!auch die Schriften der Heiden belehren. Ich gehe nicht aus den etwaigen