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Einwurf ein, daß all' dieses doch durch das mündliche LehramtAer Kirchegelehrt würde; ich sage nur, daß das Streben der falschen Zeitrichtungdahin geht, im Kampfe gegen das Alterthum vorzüglich auch vie Kirchezu stürzen. Welche Undankbarkeit liegt rarin, all' ras was die Mensch-heit bisher geleistet, was Gott an ihr gethan, der Vergessenheit überliefernzu wollen, und waö hast du für eine Versicherung, baß der Nachkommeveine Thaten und Leistungen wisse ober anerkenne, da du die Vorfahrenvergissest, nur den Tag, an dem ru lebst, lobest, und den vorhergehendennicht mebr anerkennst!
Um nun aus das Alterthum im engern Sinne, das classische einzu-gehen, so ist allerdings über die Behandlung desselben, namentlich vom'christlichen Standpunkte auö, mit Recht schon öfters Tadel ausgesprochenworden. Viele Lehrer leben und schweben ganz im heidnischen Alterthume^rind bringen diese ethnische Gesinnung auch den Schülern bei. Die Fol-!gen hievon sind unberechenbar schädlich, und. ein guter Theil der Elan-benSlostgkeit unserer Zeit hat hierin seinen Grund. Gott hat die AltersthumSkennlniß deßwegen auf unS kommen lassen, daß wir sehen, wie weil!im Elende der Men,ch ohne Gott gerälh/ wie er bei aller Kunst undWissenschaft von Gott und seiner Bestimmung doch nichiö Genügendesweiß; aber auch deßwegen, daßMir^eNahren. wie in Folge dieser Unzu-länglichkeit der Heide nach höherer Belehrung sich sehnte, und wir unsbeschämt fühlen »lögen, wenn wir, vom Lichte umgeben, unsere Augen vorseinem Schimmer verschließen wdllen. Die äugend sehe es, unb sie erlebe«S an sich selbst, wie dK Mensch am glücklichsten ist im Vereine mit Gott,wie der Abfall in Unglück und Verderben stürzt, und nur bei Gott wiederRuhe und Frieden zu finden ist. In diesem Geiste müssen die Klassikergelesen werden, und wir glauben nicht, daß Herr Schöppner hierunter einUeberall Einmischen der ReligionSlehre finden werde. *) Der Geist ist es,der lebendig macht, der Buchstabe tobtet. Und warum soll denn das christ-liche Alterthum, in den Vätern und christlichen Dichtern, von den Schulenso ausgeschlossen seyn, wie bisher? Auch dem Hebräischen sollte mehr Aus-merksamkeit zugewendet werden, anstatt daß man von seiner Erlernung dieStudierenden entbindet; ist denn nicht das Wort Gottes in dieser Spracheauf uns gekommen?
In diesem Sinne vertheidige, ich die classischen Studien, nicht aberin jenem einseitig heidnische»; denn in-dieser Absicht hat Gott sie nicht aufunS kommen lassen, daß rpir an ihneikk Neuheiben werden sollten. Ebendiese fehlerhafte Behandlun'g-Hat dir Strafe der Zeit verdient; denn ob«wohl letztere »„christlich ist, und^somit dieser schlechten Behandlungöweiseder Klassiker Dank wissen sollte, so thut sie dieses doch nicht, sondern ihremCharakter gemäß, der llndaük ist, verwirft sie ein bisheriges, ihr nichtmehr genug entsprechendes Hilfsmittel und umsaht ein anderes — denNaturalismus. Wie nun im Heidenthumd^ünb wer sich in selbes hinein-lebt, die Menschheit voip Gott geirenntUvird , so löst sich im Naturalis-mus die Natur von der liutertpürfigkeit. gegen den Menschen ab; nichtanders also, und gerade wie wir es am Anfange unserer Geschichte sehen:da der Mensch Gott nicht mehr gehorchte, göttloS wurde, so machte auchdie Natur sich ihrerseits loö von dem Menschen, und trat feindselig gegenihn auf — Kampf dcS Naturalismus gegen den Humanismus. (VergleicheLogt und andere Vorkämpfer diese -Richtung.)
Nur daS Christenthum eint, und daher muß sich der Mensch an Gott,und die Natur an den Menschen anschließen. Im Geiste deö Christen-thums, der positiven Offenbarung erscheint der Mensch und die Natur alszwei natürliche Offenbarungsweifen GottcS, und sonach alles Studiumsund aller Aufmerksamkeit werth. So mochte in seiner bessern Zeit Salomo, so haben die Natur die Forscher des MittelalterS: Albert der Große rc>,in unserer Zeit Marcell de CerrcS, RingSseiS, Mützel u. a. aufgefaßt.WaS der Apostel Paulus von Christus in anderer Beziehung sagt, daßer die Scheidewand niederreiße und beides eine ^*), gilt auch hier. InChristo kehrt der Mensch zu Gott zurück, und die sich nach der Herrlichkeitder Kinder GolteS sehnende Natur im Menschen ebenfalls zu Gott. Ichdarf mich enthalten, die hieraus entspringende Folgerung für daS Verhält-niß der ReligionSlehre, der Humaniora und der Naturwissenschaftenweiter anzuführen. Nur das erlaube ich mir zu bemerken, daß durch dieVerwirklichung dieser Folgerungen das sich darstellen würbe, was unsere!ersten deutschen Dome so erhaben sinnbilden: Einigung der Natur (der^Materie) und der Kunst (also deS Menschlichen) im Glauben (im Auf-'streben dieser Gebäude gegen den Himmel). ,
Ich war in Lindau angekommen und früh Morgens mit dem Dampf- ^schiffe nach Rorschach gereist. ES ist etwas Prachtvolles, an einem schönen.Morgen über diesen See zu fahren. Weithin gleitet daS Auge über die'
bläuliche Fluch; ringsum an den Ufern des SeeS erblickt es schone Land-häuser, Dörfer und kleine Städte. So fuhr nun daS Schiff hin über dieSpiegelfläche deö SeeS, voll Ruhe. O möchte mein Leben in gleicherWeste durch das Zeitenmeer sich bewegen. Die Schweiz mit ihren Bergenblickte uns einladend entgegen, und in kurzer Zeit standen wir auf ihremfreundnachbarlichen Boden. Ohne mich lange in dem freundlichen Rorschach aufzuhalten, wanderte ich der Statt St. Gallen zu. Welch herrliche,zaubervolle Gegend! Diese Schweizer bewohnen ein paradiesisches Land.St. Gallen, Zürich, Baden, Basel, Städte die ich auf meiner Reiseberührte, welch' herrliche Lage haben sie! welch' bezaubernde Umgegend!Und doch will eS dem Wanderer vorkommen, als seyen die meisten derEinwohner für diese Naturschönheiten unempfänglich, so daß also sich hiernach dieser Seite hin bestätigt, waö dem Menschengeschlechte im all-gemeinen zum Vorwürfe gemacht werden kann: daß nemlich Naturschön-yeiten, die alle Tage sich zeigen, von dem Menschen nicht mehr geachtetwerden. Die Pracht der Sonne, ihr Auf- und Niedergang, alle diegewöhnlichen Naturerscheinungen, wie wundervoll find sie! Aber weil derMensch sie alle Tage sieht, so erkennt er kaum mehr etwas BeachtenS-werthes darin. Aber etwas Anderes läßt sich von dem Wanderer nochbeachten, das ihn ungleich wehmüthiger stimmen möchte als die geradeerwähnte Erscheinung. Je mehr auf einem Lande die Schönheit dcS Him-mels sich ausprägt, je mehr die Großartigkeit der Natur, diese hohenmajestätischen Berge, Ströme und Seen den Menschen zum Höher» begei-stern sollten, desto irdischer, sinnlicher, fleischlicher ist der Sinn unddaS Streben der Bewohner. Ein drittes ferner läßt sich noch wahrneh-men: je glücklicher ausgestattet eine Gegend ist, desto unzufriedener ist dieBevölkerung. Es ist nicht nothwendig, daß ich auf alles ErwähnenSwerthein Stadt und Umgegend eingehe, ich könnte eS auch nicht. Ein oder daSandere mag hier erwähnt werden. Die Stadt verdankt bekanntlich ihrEntstehen dem Kloster deS heiligen AbteS GalluS, der sich hier in einemWalde, der eine Besitzung deS Grasen Tatto war, mit seinem FreundeMang niedergelassen hatte. (630 n. Chr.) Nach seinem Tode wurde unterPipin von Heristall, und Wolfram, einem Urenkel deS Grasen Tatto, daSKloster St. Gallen gebaut. Othmeyr, der erste Abt, gründete eine Schule,die noch bis ins lOte Jahrhundert die berühmteste Universität von Europa war, hier lehrten: Kero, Notker'Jso, Salomo u. a.
Von einem freundlichen jungen Priester wurde mir die schöne Stifts-kirche und die Bibliothek gezeigt. Die Kirche enthält schöne FreScomalereienvon Moreto u. a. Am Eingang der Bibliothek steht die Aufschrift:
(Heilmittel für den Geist). Wie wahr! Hieher sollen diejenigen,die in unserer Zeit immer von Errungenschaften sprechen, welche oft nurdarin bestehen, baß sie Zerstörung alles Errungenen sind, hieher sollen siekommen; hier oder überhaupt an jedem Orte der Art können sie sehen, wasErrungenschaft ist. Die Bibliotheken enthalten in sich die Geisteswerke derhervorragendsten Menschen aller Zeiten: in ihnen ist zu finden, waS dieMenschen seit ihrem Bestehen dachten, ersannen, ausführten. Durch dieJahrhunderte hin, im stillen Laufe der Geschichte, die in Gottes Handruht, bilden sich die Errungenschaften der Menschheit, aber nicht dadurchdaß man mit der Vergangenheit bricht. Dieses heißt: alles bisher vonMenschen geleistete als Nichts verwerfen, und nachdem diese Basis beiSeite geschoben, in der Luft sich festsetzen wollen; daher aber auch, wiewir eS in unsern Tagen gesehen, das Unhaltbare, und der baldige Sturzdieser Lustgebäude. Mit Gott und unter seinem Schutze muß man andem fortbauen, waS anpere bisher unS überreicht und nicht vollendethaben. !>H ckominus aockisioaverit ckomum, in vanum lasiorant, guiackiliognt eam. (k8»Im.)
Außer andern Merkwürdigkeiten der Bibliothek wurden mir gezeigt:sogenannte 8oommata (Spottfiguren), welche Porträte der Reformatorendarstellen, umgekehrt aber eine Carikalur bilden; die JnterlinearversionendeS Kero und Notker; eine deutsche Bibel vom Jahre 1464; eine ägypti-sche Mumie, ungefähr 2200 Jahre alt; Bruchstücke einer HandschriftVirgilS. ES findet sich dort auch ein sogenanntes Vooabulmium 8t. 6M;ein Wörterbuch, in dem die Schweizersprache für die Missionäre durch daöLatein erklärt wurde.
(Schluß folgt.)
') Vgl. Gymnasialblättkr. 1. Jahrgang. 2tes Heft.") Ephcs, H. 14. 1S. 16.
Blumen au- dem Schriftgarten de- heiligen BernarduS.
(Fortsetzung.)
88. Gewohnheit.
ES ist eine schwere und allein der göttlichen Tugend mögliche Sache,daS einmal übernommene Joch der Sünde abzuschütteln: weil, wer eineSünde begeht, ein Knecht der Sünde ist: und er kann nicht befreit werden,