Ausgabe 
9 (18.11.1849) 46
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außer in starker Hand. Diese ist die große Barmherzigkeit, welche großenSündern nothwendig, von welcher geschrieben steht:Erbarme dichmeiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit, undnach der Menge deiner Erbarmnisse tilge meine Missethat."

Die Gewohnheit ist eine schwere und gefährliche Kette, leichter auf-zulösen, als zu brechen, so, daß hier seneS Sprichwort in Anwendungkommt, der Fleiß sey besser, als die Gewalt, und gleichwie Gewalt mitGewalt vertrieben wird, und durch das Feuer des Geistes daS Feuer derBegierden ausgelöscht wird, so sollst du der Lift des Argen List entgegensetzen und der Gewohnheit Ueberlegung.

Wenn du Reinigkeit deS Leibes mit Gewalt suchest und davon hoffest,eS werde dieselbe über die Gewohnheit siegen, so steht zu befürchlen, deineArbeit möchte gefährlich werden, und könnte eher die Materie unter-liegen, als die verweichlichte Gewohnheit, welche gleichsam eine zweiteNatur ist.

Mit dem Messer scharfer Reue muß die Wunde einer veralteten Ge-wohnheit ausgeschnitten werden.

Wer den Regungen deö Fleisches nicht widersteht, und die BewachungdeS HerzenS vernachlässiget, der wird nach und nach so sehr von der Ge-wohnheit gebunden, daß er später, wenn er auch will, ihnen nicht mehrWiderstand leisten kann.

89. Glaube.

Der lebendige und katholische Glaube ist ein Bild der Ewigkeit, undbegreift in sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunftals in einem sehr weiten Schooße, so, daß ihm nichts vorübergeht,nichts zu Grunde geht, nichts vorausgeht.

So lange lebt Christus in unS, so lange der Glaube lebt. Aberwenn der Glaube gestorben ist, ist auch Christus gewiffermaaßen in unsgestorben. Weiter bezeugen das Leben deS Glaubens die Werke deSGlaubens, wie geschrieben steht: »Die Werke, welche der Vatermir gegeben, daß ich sie vollbringe, diese Werke, die ichthue, geben Zeugniß von mir." Von diesem Ausspruch weicht nichtab jener, daßder Glaube, wenn er keine Werke hat, in sichselbst todt ist." Denn gleichwie wir daS Leben des Leibes auS seinenBewegungen erkennen, so auch erkennen wir^ das Leben des Glaubensauö den guten Werken. Und zwar ist daS Leben deS Leibeö die Seele,durch die er bewegt wird und empfindet: daö Leben deS Glaubens aberist die Liebe, weil er durch sie wirkt, wie du beim Apostel liesest:DerGlaube, der durch die Liebe wirksam »ist." Wenn daher die Liebeerkaltet, so stirbt der Glaube, gleichwie der Leib stirbt, wenn die SeeleauS selbem zieht. Wenn du also einen Menschen siehst, der unverdrossenin guten Werken und heiter im Eifer seines Wandels ist, zweifle nicht,daß der Glaube in ihm lebe, denn du hast die unumstößlichen Beweiseseines Lebens.

Der Tod des Glaubens ist die Trennung der Liebe.

Der Glaube ist bewährt, wenn man glaubt, waS man nicht sieht.Waö ist es Großes, zu glauben, waS man -sieht, und waS für ein Lobverdient eS, wenn du deinen Augen Glauben schenkst? ^

Ohne Glauben ist unmöglich, Gott zu gefallen."Wer Gott nicht gefällt, dem kann Gott auch nicht gefallen: denn wemGott gefällt, der kann Gott nicht mißfallen.

Wenn wir im Glauben wandeln, wandeln wir im Schatten Christi.Und gur ist der Schatten deS Glaubens, denn er mäßiget daS Licht demerblindenden Auge, und bereitet daö Auge vor auf daS Licht.

Glauben an Gott heißt auf Gott hoffen und Gott lieben.

90. Glorie, himmlische.

Vom Stand und von der Vollendung der Kirche hängt daS Endealler Dinge ab. Nimm diese weg, und vergeblich istdaS Harren deSGeschöpfes auf die Offenbarung der Kinder GotteS." Nimmdiese weg, und weder die Patriarchen noch die Propheten werden vollen-det. Nimm diese weg, und selbst die Herrlichkeit der Engel wird sinkenwegen der Unvollkommenheit ihrer Zahl, und die Stadt GotteS wird sichnicht freuen über ihre Unversehrtheit. Woher also wird der Plan GotteS ,die Verborgenheit seines Willens und jeneö große Geheimniß erfüllt werden?Glaubst du, daß unser Gott das ganze Lob seiner Glorie haben werde,bis Jene kommen, die dir vor dem Angesichts der Engel lobsin-gen: »Wir freuen uns der Tage, da du uns gedemüthigethast. Der Jahre, da wir Unglück sahen." Diese Art von Freudekannten die Himmel nicht, außer durch die Söhne der Kirche. Der freursich niemals, der niemals traurig war. Gelegen kommt nach TraurigkeitFreude, nach der Arbeit die Ruhe, nach dem Schiffbruche der Hafen.Allen gefällt die Sicherheit, aber dem noch mehr, der sich gefürchtet hat.

Angenehm ist Allen daS Licht, aber noch angenehmer dem, der auö derMacht der Finsterniß" frei wird. Vom Tode zu», Leben übcrge-gangen zu seyn, verdoppelt die Wonne deS Lebens. Glücklich wird alsodie Kirche in ihrer Allheit, und all ihr Ruhm übertrifft die Ursachen derFreude, nicht nur für daS, was ihr schon geschah, sonder» auch dafür,waS ihr noch geschehen muß.

91. Glorie, vergängliche.

Vergeblich bemüht sich um den Gipfel des Ruhmes, wer durchTugend nicht hervorgeleuchtet hat. Den» der Ruhm ohne Tugend ist einunverdienter, wird zu frühe angemaßt, mit Gefahr angenommen.

Ist eS denn etwas so Großes, eitel zu leuchte», oder ein wenig zubrennen? . Brennen und Leuchten ist vollständig. ES gibt aber Einige,welche nicht deßhalb leuchten, weil sie brennen, sondern welche mehr bren-nen, damit sie leuchten.

Verderblich ist die Sucht zu leuchten, denn viel besser ist daS Bren-nen. Denn wenn du so heftig nach dem Glänze trachtest, sorge, daß duseyest, waS du scheinen willst: und suche zuerst daS Feuer, und eS ist keinZweifel, daß dir auch der Glanz beigegeben werde. Anders arbeitest duvergeblich, weil der Glanz ohne Feuer eitel ist.

WaS rühmst du dich deiner Heiligkeit? Der heilige Geist ist es, derheilig macht.

Was ohne Willen und Beislimmung unsers gcWchen VaterS geschieht,wird dem eitlen Ruhme, nicht dem Lohne zugerechnet.

92. G l ü ck.

Wie selten ist immer fest gestanden, wie hat nachgelassen an Wach-samkeit über sich und an Zucht ein nur ein wenig Beglückter! WaS daSFeuer für daS Wachs, der Sonnenstrahl für Schnee und Eiö ist, das istdas Glück für die Unvorsichtigen. Weise war David, weiser noch Salomon;aber da ihnen das Glück zu sehr schmeichelte, ist der eine theilweise, derandere ein ganzer Thor geworden. Ein großer Mann, der in Unglückfällt, verliert nicht leicht die Weisheit, aber einen kleinen Geist verlachtdas Glück, das ihn zuerst angelächelt. Leichter finden wir Menschen, dieim Unglücke die Weisheit beibehielten, als-solche, die im Glücke sie nichtverloren. .

93. E l u ch s e l i g k e t t.

Wie ein kleiner Wassertropfen, der vielem Weine beigemischtwird, ganz zu verkommen scheint', da er sowohl Geschmack als Farbe deSWeincS annimmt; und wie ein, in Feuer geworfenes und glühendes Eisendem Feuer sehr ähnlich wird,'indem eS die frühere und eigene Formablegt; unv gleichwie die vom Sonnenlichte durchströmte Luft in dienämliche Klarheit deS LichteS verwandelt wird, so, daß sie nicht sowohlerleuchtet, sondern vielmehr selbst Licht zu seyn scheint: so wird in derewigen Glückseligkeit bei den Heiligen , alle menschliche Beschaffenheit aufeine gewisse unaussprechliche Weise von sich selbst zerfließen und ganz inGotteS Willen hingegossen werden. Denn wie wird sonstGott Allesin Allem" seyn, wenn im Menschen und vom Menschen etwas übrigbleibt? Bleiben wird zwar die Wesenheit, aber in anderer Form, in andererHerrlichkeit, in anderer Macht.

Welch ein Glanz, glaubet ihr, wird dann an den Seelen seyn,wenn daS Licht der Leiber den Glanz der Sonne hat? Dort wird keineTraurigkeit, keine Angst, dort wird keine Mühe, kein Tod, sondern dauer-hafte unv ewige Gesundheit seyn. Dort erhebt sich keine Bosheit, keinElend deS Fleisches, keine Krankheit, kein Bedürfniß: Dort ist kein Hun-ger, kein Durst, keine Kälte, keine Hitze, keine Mattigkeit deS FastenS,keine Versuchung deS Feindes, kein Wille zu sündigen, keine Möglichkeit zufallen, sondern Freude und Jubel werden daS Ganze erfüllen, und dieMenschen, in Gesellschaft der Engel, werden ohne alle Schwachheit deSFleisches in beständigem FrühlingSalter leben. Dort ist Ruhe von Arbeiten,Friede vor Feinden, Annehmlichkeit wegen Neuheit, Sicherheit wegen derEwigkeit, Süßigkeit und Lust an der Anschauung GotteS . Dort ist keinFremdling, sondern Diejenigen, welche dorthin zu kommen verdienen, wer-den sicher bleiben im eigenen Vaterland, immer erfreut, immer gesättigetvon der Anschauung GotteS . (Wer die Seligkeit so schildern kann, dermuß schon auf Erden einen Vorgeschmack davon gehabt haben. Wie ver-geht mir die Lust an der Welt und an der Sünde, wenn mir der hei-lige Bernard den Himmel beschreibt! Anmerk. d. UebersetzerS .)

94. Gnade.

Nicht unpassend wird wahrlich die Gnade einem Schilde deS gött-lichen Schutzes verglichen, der am obern Theile geräumig und weit ist,damit er Haupt und Schultern beschütze: im untern Theile aber enger,