Ausgabe 
9 (18.11.1849) 46
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damit er weniger belästige, besonders weil die Schienbeine dünner sind,und nicht so leicht verwundet werden, dann weil es auch nicht so gefährlichist, an diesen Körpertheilen verwundet zu werden. So gibt auch Christusseinen Soldaten zum Schutze des untern Theiles, d. i., deS Fleisches,Dünnheit und Mangel an zeitlichen Gütern, und er will haben, daß siesich damit nicht beschweren,zufrieden seyen, wenn sie Nahrungund Kleidung haben," wie der Apostel sagt: der obere Theil aber,nämlich der Geist, soll weit und breit angefüllt seyn mit der göttlichenGnade.

Gesellenvereirr zu Köln.

In Elberfeld besteht seit drei Jahren mit sichtbarem Erfolge einGesellenverein, gegründet durch Herrn Kolping, früher Caplan inElberfeld, jetzt Domvicar in Köln. Nun ist dieser Verein auch in Köln unter der Leitung seines ersten Urhebers eingerichtet. Nachdem im vorigenSommer eine Anzahl junger Leute für das Unternehmen vo:bereitet wordenwar, ist mit dem Eintreten des Herbstes und der langen Abende nun daöGanze völlig eingerichtet und zählt bereits nahe an zweihundert Mitglieder.Der Zweck dieses Vereines ist, wie damals ausgeführt wurde, Besserungder socialen Verhältnisse an dem Nachwüchse des Bürgerstandes, an denHandwerksgesellen. Ueber die ganze Sache werden wir ihrer Wichtigkeitwegen später noch näher reden. Hier wollen wir nur einige kurze Andeu-tungen geben. Der Verein ging zunächst auö der Frage hervor: Wiekönnen dem Handwerksgesellen die für ihn bisher immer verlorenen Abendeder Sonntage und Montage für sein Glück und seine Veredlung nützlichgemacht werden? An diesen Abenden ist im Hause des Meisters für denGesellen gar kein Verbleib. Daher geräth er auf die Straße, inS Wirths-haus und leicht in alle Liederlichkeit. Hat er einmal so angefangen, dannhat er bald bei geringem Verdienst und großem Verzehr keinen ordentlichenRock mehr am Leibe. Dann schämt er sich also Sonntags bei Tage aus-zugehen. Also wird Sonntags den Tag über auf der Werkstätte gehocktund gearbeitet, bis man beim Abenddunkel auch in schuftiger Kleidungnach irgend einer Kneipe oder Spelunke schleichen kann. Die Nacht undder Montag werden dann, so weit vaS Geld reicht, der Liederlichkeitgeweiht. Der junge Mensch ist verloren, und er wird bald der VerführerAnderer. Und doch ist das gerade diejenige Classe, welche den Nachwuchsfür den wichtigsten Hauptstamm deS Volkes bildet, und auf der die ganzeZukunft der socialen Verhältnisse beruht. Diese beiden Abende desSonntags und Montags nimmt nun der Gcsellenverein in Anspruch, indemin ihm eine Art von Casino für die Gesellen und ähnliche junge Leute sichbildet zur Erweiterung ihrer Kenntnisse, zum freundschafilichen Verkehr mitihres Gleichen und zur heitern gesellschaftlichen Unterhaltung. Religionund Tugend, Arbeitsamkeit und Fleiß, Brüderlichkeit und Eintracht, Hei-terkeit und Scherz, das sind die vier Motto, die im Saale an der Wandangeschrieben, den Geist des Vereines bezeichnen. Abends von 5 bis 10Uhr ist den Mitgliedern daS Local geöffnet. Geistlicher und weltlicherGesang, Lectüre, Vortrüge über nützliche Gegenstände, die den Gesellenzum guten Christen und tüchtigen Bürger machen, freundliche Unterhaltung,bisweilen auch scherzhafte Deklamationen, Spiele oder Aufführungen, daSbildet den Kreis der Abendunterhaltungen. Zugleich hat der Verein einengemeinschaftlichen Gottesdienst und eine Krankencasse. Wir beschränkenunö auf diese Andeutungen, die aber jedenfalls schon hinreichen werden,um allen Nachdenkenden die handgreifliche Nützlichkeit deö Unternehmenszu beweisen, und sie dafür zu interessiren.

Das VereinSrecht.

M ü nchen, 19. Oct. ... Für heute wollen wir unser Augenmerk aufdaS Wirken deS gegenwärtigen Ministeriums im Innern deS Landes selberrichten. Leider können wir demselben in dieser Hinsicht nicht das gleicheLob spenden, wie in der deutschen Frage. Nicht daß wir die Männerangreifen wollten, als hätten sie schlechte Absichten, dieß sey ferne vonuns, allein zeigt sich die gleiche Rathlosigkeit, die Mißgriffe jederArt erzeugt, wie überall in der Gegenwart. Abgesehen von dem Preßgesetz-En^vurf, den bereits das vorige Ministerium schon in die Kammer brachte,und der jetzt wieder unverändert vorgelegt wurde, obwohl alle Parteienentschieden gegen ihn sind, ist daS VereinSrecht, wenn auch nicht durchsGesetz, so doch durch die That aufgehoben. DaS Gesetz scheint fast noch

enger alö LaS österreichische gehalten; auch hier sind alle Zweigvcreiueverboten, jede Verbindung derselben unter sich untersagt. Die PiuSvereinewürden eine Unmöglichkeit werden, denn der §. 22 läßt die nicht politischenVereine, welche zugleich politische Zwecke verfolgen, schließen und die Mit-glieder bestrafen. Nun aber kann jedes Wirken der PiuSvereine für dieFreiheit der Kirche und der Schule als ein politisches angesehen undgedeutet und somit gegen selbe verfahren werden. Aber abgesehen vonLetzterem, so sind wir eben der Ueberzeugung, daß das freie VereinSrechtnicht ein bloßes leeres Spielzeug seyn darf, das die Regierungen den Völ-kern gewähren, um etwa ihre Ungeduld zu beschwichtigen. Die freie Ver-einigung ist ein viel größeres bedeutenderes Agens in der Geschichte derGegenwart, als die meisten Regierungen glauben möchten. Da wo alleVerhältnisse der Gesellschaft mehr oder weniger aufgelöst oder zersetzt sind,wie durchgängig in der Gegenwart, ist eS nicht bloß natürlich, daß in derallgemeinen Fusion die Gleichgesinnten sich zusammenthun, sondern wenneine Besserung unserer Zustände eintreten soll, so kann sie nur auf diesemGrunde sich erheben. Denn wenn es wahr ist, daß eine Gesellschaft ihrewahre Kraft und ihren Bestand nur in der innern gleichartigen Gesinnung,im gemeinsamen Bewußtseyn hat, und nur in diesem die Kraft des Wir-kens liegt, wenn es wahr ist, daß diese durch keine Gesetze, durch keinePolizei ersetzt werden können, so wird auch Niemand läugnen, daß nurdadurch, daß eine gleichartige bessere Gesinnung, ein gemeinsames Bewußt-seyn, eine Ueberzeugung wieder hergestellt werde, dem Verderben derGegenwart gewehrt werden könne. Dieß kann aber nur durch freie Ver-einigung geschehen. Dieß freie VereinigvngSrecht darf aber nicht ein illu-sorisches, nichtssagendes seyn, wie die österreichische Verfassung und dergegenwärtige bayerische Entwurf es in Gnaden gewährt, sondern eS mußin seiner Wahrheit und Ganzheit gegeben werden. Ja, wir stehen nichtan, ihm den gleichen, wo nicht noch einen viel größeren Werth beizulegen,alö der freien Presse, denn in letzterer ist nur die Freiheit als geistigerAusdruck, im freien VereinSrecht die Freiheit als Sache gewährt.Man wende nicht ein, durch das Verbot der Verbindung der Vereineunter sich, durch das Verbot der Filialvereine würde den Vereinen, dieschlechte Zwecke und den Umsturz deS Bestehenden verfolgen, am sicherstenentgegengewirkt. Mit Nichten! Die Umsturzmänner hatten und haben nochihre geheimen Verbindungen church ganz Europa hin, und sie werden selbeauch in Zukunft trotz der factischen Aufhebung des VereinsrechtS huben.Ueberdieß, wie leicht ist die Bestimmung des GesetzcS nicht zu umgehen.Also nicht das Böse wird dadurch gehindert, sondern viel-mehr daS Gute. DaS Gesetz trifft die besseren Vereine, nicht dieschlechten! Denn die Mitglieder der besseren Vereine, welche fremd sindallen Umsturzplanen, werden allerdings dem Gesetze gehorsam seyn, aberindem sie ihre eigenthümliche Kraft und ihr warmes Leben verlieren, wer-den sie wenig mehr wirken können; dagegen viele, die hätten gewonnenwerden können, den Gegnern in die Hände fallen, die sich durch daS Ge-setz selbst nicht beirren lassen. Und auch ist eS größtentheils den Vereinen,ihrem gemeinsamen Wirken zu verdanken, daß Bayern nicht gleich Badender Revoltüion verfallen ist, -so daß die Regierung durch das neue Gesetzsich selbst des bedeutendsten Hebels berauben würde. Und wahrlich, dieGefahr des' Umsturzes ist noch nicht im Mindesten beseitigt, ja sie ist vielintensiver noch denn früher, und unter dünner Decke lauert das Verderbendes völligen VernichtimgSkampfeS des radicalisirten hohen und niedrigenProletariats gegen alle gesellschaftliche Ordnung, gegen jeve Bildung,Wissenschaft und Religion. Jener Grundsatz deS modernen PolizeistaateSaber, jeneselivicio et impora", daS Theilen und Brechen jeder selbststän-digen Macht, die daraus hervorgehende AlleSregiererei und daS Streben,AUeö auch inS Kleinste herab zu überwachen und äußerlich durch Gesetzebiö zur homöopathischen Verdünnung herab selbst beherrschen zu wollen,wird die kommende Krise nicht nur nicht aufhalten, sondern vielmehr be-schleunigen und fördern. Wenn aber bis dahin nicht eine andere Macht,die auf gemeinsamer Ueberzeugung und Gesinnung sich erhebt, sich gebildethat, dann wehe der Gesellschaft, wehe Europa ! Diese Macht kann sichaber nur bilden einerseits in ihrer materiellen Unterlage durch daSfreie VereinSrecht, andererseits in ihrer geistigen Bildung durchdie Freiheit der Kirche. Nur dadurch, wenn überhaupt noch daS! Abendland gerettet wird, ist mit Gottes Beistand Rettung möglich vor^dem nahenden Verderben, das freilich jetzt so viele schon beseitigt glauben,^weil der eiserne Arm deS Militärs die ersten Vorkämpfer darnieder gewor-j fen. Hoffentlich wird aber der neue Gesetzentwurf von der Kammereine ganz andere Gestalt erhalten! (Tiroler Wochenbl.)

Verantwortlicher Redacteur ; L. Schönchen.

Verlags-Inhaber; F. C. Krem er.