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Urunter Jahrgang.
tR- 4l7.
2» November L848.
Reisebetrachtungen.
(Fortsetzung.)
Eine lästige Eilwagenfahrt versetzte mich nach Zürich. Ein in derBibliothek sich vorfindender Meilenstein auS der Zeit des Nerv« beweist,daß die Stadt nicht Tigurium, sondern Turicum hieß. In der Bibliothekfanden sich vor die Porträte der Reformatoren, eine deutsche Bibel vvmJahre 1472, ferner ein griechisches alteö Testament (die Septuaginka),welches Zwingli benutzte, am Rande find hebräische Lesearten angebracht;am Ende deS BucheS verzeichnete er selbst GeburtSzeit und Namen seinerKinder. Man sieht dort die Büsten berühmter Züricher Gelehrten, wiez. B. von Konrad Gessner, Schultheß, Hagenbach, Lavater, Pestalozzi,Salomo Gessner; ferner alle Antistites von Zwingli bis auf Heß. Essind in Zürich auch interessante zoologische und mineralogische Sammlungen,römische, griechische und keltische Alterthümer rc. zu sehen. Inder Biblio-thek finden sich altdeutsche Gemälde, welche einst in Kirchen aufgestellt,der Wuth der calvinistischen Bilderstürmer entkommen waren. Sie stellendie Einführe! deS Christenthums in Zürich und der Umgegend vor: Felix,Regula und ErpektantiuS, die am Züricher Münsterplatz enthauptet wur-den und, wie die Sage meldet und das Gemälde vorstellt, die Köpfeeine Strecke weit trugen. Ein anderes Bild stellt den Schmid Eberhardvor, der den Pferden die Füße abhieb, um sie leichter beschlagen zu kön-nen. Neben ihm steht eine Here, die er im.Begriffe ist, zu bannen.
Daö kirchliche Leben ist (bitter ist es, dieses auSsprechen zu müssen)in Zürich gänzlich erloschen. Ich kam an einem Sonntage in mehrereKirchen, wo die Prediger vor einer unbeträchtlichen Anzahl von Zuhörernden Dienst deS Wortes versahen; wie z. B. in der Münsterkirche, wo sichtrotz dem, daß die Pfarrei so groß ist, und noch dazu ein nationalerBettag im Namen der Cantons-Obrigkeil stattfand, etwa fünfzig Personen,und diese zumeist dem weiblichen Geschlechte und zwar dem vorgerücktemangehörend, einfanden. Aber was mag auch"den Menschen in einen solchen von vier Mauern umschlossenen Raum einladen! Alles 4st profan;nichts stehst ou, was dich einen christlichen Tempel hier vermuthen ließe.DaS Crucifix, das in lutherischen Kirchen noch zu sehen, ist hier nichtvorhanden. Und wie kalt, alles Übernatürlichen, alles-eigentlich Christ-lichen entleert, ist die Art dieser Prediger. So rächt sich der Abfall vonder Kirche, in seinem Gefolge ist auck der von Christus; allerdings nichtgleich zu Anfang, aber erst später sich deutlich herausstellend.
Einen wohlthuenden Eindruck macht auf den Beschauer die erst vorkurzem zur Vollendung gekommene katholische Kirche. Sie ist an dasUniversitätsgebäude angebaut, in schönem, gothischen Style. DaS Portalist vortrefflich; innen finden sich schöne Gemälde von dem Maler Deschwand-ner aus Samen. Aus dem linken Seitenaltare: Christus am Oelberge;am rechten: Christi Himmelfahrt; der Künstler hat die Erniedrigung undglorreiche Erhöhung deS Heilandes meisterhaft dargestellt. So gedeiht dieKunst im Schooße der Kirche; der Geist des Christenthums verleiht ihreine höhere, himmlische Poesie; einen Umschwung in das Ueberirdische.Und welche Predigt liegt in der Malerei, wie spricht ein christliches Ge-mälde zum fühlenden Christenherzen. Der Calvinismus muß auch hierinseine Verurtheilung erblicken.
ES war gerade das Schutzengelfest, als ich mich in der katholischenKirche einsand. Die ziemlich geräumige Kirche wußte kaum die Schaarder Andächtigen zu fassen. Nach der Predigt ward mir das Vergnügen,eine schöne, herzerhebende Kirchenmusik zu vernehmen. Bemerken muß ich,daß eS nicht gestattet wurde, einen Thurm und Glocken anzubringen, danämlich das viele Läuten in der katholischen Kirche den Züricher Ohrenlästig gewesen wäre. Aber zu Grunde liegt, daß die steten Schweizer diekatholische Kirche in Zürich eben nur so dulden, unter der Bedingung, sich
so wenig als möglich bemerkbar zu machen. Und so habe» sich die, welchefür Alles Freiheit beanspruchen und haben, mir für die Kirche und dasChristenthum nicht, auf die Stufe der Moslemin, gestellt, in deren Reichebenfalls keine Glocke auf dem katholischen Gotteshanse ertönt. Vielleichtkönnen wir aber für diese Gleichheit in dieser äußern Handlungsweiseeinen innern gemeinsamen Grund finden. Und sollte diesen nnS nicht dasWort Turicum (Zürich) an die Hand geben? Offenbar liegt in Turic(um)und Türk eine große Aehnlichkeit, welche eine Stammverwandtschalt derZüricher mit den Türken wahrscheinlich machen dürfte! Schade, daß dieGeschichte unS diesen ErklärungSgrund verdirbt. Aber zu seinen Gunstenmag der Umstand sprechen, daß in dem durch eine Eisenbahn Zürich nähergerückten Städtchen Baden, ein oder mehrere dort erscheinende Züricherihres zügellosen Benehmens wegen mit dem AuSdrucke: „dieß ist ein ZüricherTürk, oder dieß sind Züricher Türken" bezeichnet wurden.
Zürich und seine Umgegend ist ein irdisches Paradies. ES lebenaber auch diese Züricher ganz und gar dieser Erde. Sie fühlen sich behag-lich, und eine höhere Welt scheint sie nicht viel in Bewegung zu setzen.Ob aber an der crdhaften Richtung dieses Volkes nicht auch der Calvinis-mus seine gute Schuld trägt, der baS Band, das an eine höhere Weltknüpft, systematisch abgeschnitten! Der Name Zwingli kommt in Zürich nochoft vor; seine Nachkommenschaft ist eine sehr weit verzweigte, und gehörtden »ermöglichen Classen an. Anderweitig aber ist auch dieser Stadt dasGepräge deS Stolzes, deS Trotzes, der Feindseligkeit, deS WeltsinneS,der in diesen und andern Reformatoren sich zu Tage brachte, auf einemerkwürdig auffallende Weise aufgedrückt.
Während meines Aufenthaltes in Zürich hatte ich auch die Gelegen-heit Flüchtlinge in größerer oder geringerer Anzahl da und dort zutreffen.
DaS LooS dieser Leute würde Mitleid abnöthigen, wenn nicht ander-seits ihr Trotz, ihre unverhohlen ausgesprochene Rachsucht gegen die Ver-anlasser ihrer unglücklichen Lage, und kurzweg ihre vielfach beurkundeteGottlosigkeit dasselbe ermäßigen oder gar zurückdrängen würde. Da wirddiesem und jenem geflucht, in der Hoffnung auf Umschwung der Dingeallen Gegnern gräulicher Tod gedroht. Die Gastfreundschaft der Schwei-zer ist auch nicht so nachhaltig als man glaubt, und oft nur in großspre-cherischen Worten bestehend, welch' letzteres überhaupt eine vielfach sichzeigende tadelhafte Eigenschaft der Schweizer ist. Gemeine Soldaten sindoft besser daran als Officiere, oder solche, die keine Handarbeit gewohntsind. Gemeine Soldaten lassen sich als Taglöhner gebrauchen. Einebadische OsficierSfrau wußte auf folgende Weise sich mit ihrem Vermögen,das von den Preußen mit Beschlag belegt worden, zu ihrem Manne indie Schweiz zu flüchten. Die preußischen Wachtsoldaten hatte sie betrunkengemacht, und während ihres Schlafens ihr schon frühe eingepacktes Ver-mögen einem Fuhrmanne, der. nach Basel fuhr, übergeben; sie selbst auchwar in dem Güterwagen als Waare verborgen. Geringere Schmuggeleien kom-men öfter vor, z. B. daß badische Mädchen unter ihren Kleidern Waffenverstecken, und dieselben in die Schweiz zu bringen suchen. Anfangsgelang dieß, später nicht mehr. Eine Eisenbahn führt von Zürich nachBaden. Die Bäder find schon bei TacituS bekannt. (Hist. 1, 67.) Siehießen: aguoe verbigenae oder tllermav llelvoticao. Auf einem Berge, durchdessen Fuß in einem kunstreichen Tunell die Eisenbahn geführt ist, stehteine Burgruine: der Stein zu Baden, im Mittelalter als fester Ort berühmt.Von hier war der Kaiser Albrecht an jenem verhängnißvollen Tage fort-gegangen, an dem er an dem Orte, wo jetzt die Kirche (der Hochaltar)von KönigSfelden steht, ermordet wurde.
Mein Weg führte mich weiter. Als ich in der Nähe von Windischein etwa 9jährigeS Mädchen über den Namm deS Orte« befragte, so bekamich Auskunft mit der Nrbenbemerkung: „das ist a mal a großt Stadt gfi."