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Windisch ist daS alte Vindoniffa, eine der größten und wichtigsten StädteHelvetknS, unv Hauptwaffenplatz der Römer gegen die Germanen. ImJahre 511 wurde Vindonissa Sitz deS ersten Bischofes. Die Stadt warübrigens schon früher, so wie das in der Nähe von Basel einst gelegeneAugusta Vauracorum (Bascl-Aeugst), großenlheilS von den Hunnen ver-wüstet worden. In dem Gebiete der ehemaligen Stadt Windisch liegtKönigSfelden. Hier wurde 1308 Kaiser Albrecht von seinem Neffen HerzogJohann ermorde«; an der Stelle wurde 1313 eine Kirche von der KaiserinElisabeth und Kenigin AgncS erbaue. Letztere nahm den Schleier undstarb 50 Jahre nachher als Heilige. Ihre Zelle altdeutscher Bauart wirdnoch vorgezeigt. Außerdem befinden sich dort mehrere Antiquitäten auSder Römerzeil. In der Kirche sind schöne Glasmalereien; die Bildnisseder bei Sempach erschlagenen Ritter; hier ruhten die Gebeine mehrererGlieder aus dem österreichischen Hache; sie sind indeß jetzt nach Oesterreich abgeführt worden. Im Aarthale sieht man die jetzt unbewohnten Burgen:Bruncck und Habsburg .
Angenehm ist es für den Wanderer katholischer Konfession in dieserGegend sehr schöne und große Feldkreuze auS Stein gehauen zu erblicken,auch da und dort ein Täfclchen, daS ein Unglück meldet, und worauf umein Vater unser gefleht wird. Freundlich berührt es das christliche Herz,daS Ave Maria läuten zu hören, und früh Morgens von Thal und Bergher die Töne der zur heiligen Messe rufenden Glocke zu vernehmen, unddie beiden Glocken - Absätze, welche die heilige Wandlung verkünden. Mirscheint jedesmal die ganze Natur an dem unblutigen Opfer Theil zu neh-men: voran der pflügende Landmann, mit ihm daS Pferd und daS waldigeGebirg, und der singende Vogel. So hängt die Natur mit dem Christen-thum zusammen; ein Sehnen, ein Haupterheben wie eö der Apostel nennt,liegt in der Natur. ES ist weit gefehlt, daS Betrachten derselben schonals genügenden Gottesdienst anzusehen, eS ist dieß schlechtweg heidnischeVerehrung der Natur, der Natur, die selbst im Gefühle ihrer Nichtigkeitnach dem Erlöser aufschaut. Christus ist über Allem. Alles ist seiner be-dürftig; daS All' aber hinwiederum — die gesammte Natur — zeugt vonder Allmacht, Güte und Barmherzigkeit GotteS: die Natur weckt und be-stärkt daS in dir liegende Gottesbewußlseyn, die Idee von Gott.
Der Glaube verklärt die Welt. Gehe an einem schönen Morgendurch die Felder, und stehe: eS glaubt die Natur, sie schließt sich glaubendaus. Es glaubt die Kunst; der Glaube gab dem Thurm die schwindelndeHöhe. Es muß der Mensch glauben. DaS ist seine höchste Vollendung.Nach oben muß alles streben. Aber es ist ein Unterschied, ob es selbstsich erhebt, oder ob eö einem höhern Wesen die Hand reicht, und ihm sichanschließend, in ihm sich zu ergänzen strebt. Der höchste Thurm ist inder Nähe der Berge ein Zwerg. DaS froschmäßige, glaubenslose Sichauf-blähen des Menschen findet sein Bild in dem babylonischen Thurm. DerGlaube aber strebt himmelan, wie die Berge. „Siehe ich mache alles neu,"sagt der Geist Gottes und dieser Geist ist in der Kirche, dem Horte desGlaubens. Aber im Calvinismus ruht ein anderer Geist, nicht der deSGlaubens, sondern ein Geist egoistischer, in sich verknöcherter Selbstgenüg-samkeit bei aller Affectation deS Glaubens. Bei aller Versicherung, dieder Calvinismus machen mag, christlich zu seyn, konnte ich demselben dochnie wahres, inneres Christenthum abmerken. Man macht vielfältig dennämlichen Vorwarf der katholischen Kirche. Aber man irrt sich. Wasbei jenem im Wesen liegt, und ihn somit unfähig macht, eine christlicheAnstalt zu seyn, das liegt bei der katholischen Kirche nur darin, daß vieleihrer Angehörigen daS in ihr ruhende Christenthum — Christus mit seinerErlösung — nicht recht in sich aufnehmen, und in sich wirken lassen.Christus, der Glaube an Christus ruht in der katholischen Kirche, und esist eine Strafe der Seelen, daß sie, die den Glauben zu heben vorgaben,nun alles Glaubens ledig sind: sie waren letzteres aber auch schon beiihrem Ursprünge, denn ein Auflehnen gegen die Kirche ist auch ein Auf-lehnen gegen den Glauben. Aber sie täuschten sich damit, daß sie einenGlauben an Christus für möglich hielten, ohne an die Kirche glauben zumüssen, da doch Christus das Haupt der Kirche ist, und sie durch seinBlut erwarb, und ein nicht Hören der Kirche als Heidenthum gilt.
Ich kam auf meiner Reise auch durch die Städte Basel und Straß-burg. ES würde an kein Ziel führen, die unendlich vielen Merkwürdig-keiten der erstgenannten weltberühmten Stadt aufzuführen*), den BlickLeS Wanderers zieht der Dom auf sich. Er wurde von Kaiser Heinrich II.von 1010—1019 im byzantinischen Style gebaut, nach dem Erdbeben(1356) im gothischen Style hergestellt und 1490 in seiner jetzigen Gestaltvollendet. An der Hand der Geschichte werden wir es inne, und dieKunstwerke jeder Art sagen eS uns vernehmlich: eine schöne Vergangenheitmag in dieser Stadt einst geweilt, die Kirche in ausnehmender Schönheit
und Blüthenpracht sich hier entfaltet haben. „O daß du doch deine Heim-suchung erkannt hättest," möchte man auch dieser Stadt zurufen. IhrWeltsinn, der nicht kennt, waS deS Geistes ist, warf sie den Neuerungenin die Hände. Aber ihr Vergleich mit Zürich in religiöser Hinsicht möcktesehr zu Gunsten Basels sich gestalten. Es zeigt sich in dieser Beziehungviel mehr guter Sinn, und ein milderes Wesen läßt sich nicht verkennen,!unv wie die rohe Gemüthsart Zwingli'S in seinen GeisteSkindern nochersichtlich ist, so möchte das sanftere Wesen des OekolampadiuS an seinenAnhängern jetzt noch vernehmbar seyn. Wenn man durch den Kreuzgangwandert, gehl man vorbei an der Grabstätte des EraSmns von Rotterdam, und der deS OekolampadiuS. Hier ruhen sie diese Männer und mit ihneneine merkwürdige, bewegte Vergangenheit. Aber bei der Lesung ihrerNamen geht ein Dämmern, und wohl auch mancher helle Schein über dieVergangenheit hin. DaS rückblickende Auge sieht ein gefährliches Wogen;oben auf den Wellen die hervorragenden Männer jener Zeit, wie sie ent-weder ihr Fahrzeug mühsam durch den Sturm retten, oder aber in dem-selben zu Grunde gehen. Der Sinn der damaligen Menschheit, den dieheilige Schrift Fleisch nennt, welches gegen den Geist kämpft, und ihnnicht anerkennt, erhebt sich gegen die höhere Autorität, die durch die Kirchegehandhabt wird; er will sich selbst genügen, über sich in seinem Ueber-muthe nichts Höheres anerkennen. AuS den tosenden Wogen der aufge-brachten Zeit tönte dem Eva-Sinn der Menschen das Verführer-Wortentgegen: „ihr werdet erkennen, ihr werdet seyn wie die Götter." DerMensch glaubt sein dunkelndes Irrlicht in sich als Licht; überall der Ruf:Licht, überall: Menschenwürde, Freiheit, gegenüber der Finsterniß undKnechtung im Papstthume. Und weil eS nach Verlauf deS Sturmes undder Gefahr viel leichter ist, sich ein Urtheil über die größere oder geringereBedeutsamkeit von der Bewegung zu verschaffen, hinterher sich auch leichtersagen läßt, wie man sich hätte benehmen sollen, dann auch weil der Irr-thum bei seinem ersten Auftreten oft sehr schön mit dem Raube, den er ander Wahrheit begangen, sich schmückt, ferner auch an die Wahrheit, dieman bisher besaß, sich so manche Entstellung anheftete, die ihren klarleuch-tenden Glanz dem Auge entzog; so ist eS erklärlich, daß bei dem Anfangeder sogenannten ReformationS-Bewegung manche auch gutgesinnte und fürdie heilige Religion begeisterte Männer nicht die Beharrlichkeit und Ueber-zeugungS-Festigkeit an den Tag legten, die man von ihnen erwarten undwünschen würde. In dieser Lage war anfangs auch EraSmuS. Er hofftevon der neuen Bewegung, daß sie heilsam sich gestaltend, manches Fehler-hafte, waS sich durch menschliche Unvollkommenheit an die reine Braut deSHerrn, die ohne Makel und Runzel ist, angeschlossen hatte, beseitigenwerde. Daher in jener stürmischen Zeit vieles Zweideutige, Hin- und Her-schwankenve in der kirchlichen Haltung deS EraSmuS. Als er aber daSBodenlose, daS Gefährliche, in daS die Bewegung sich zu stürzen drohte,erkannt hatte, als er sah, baß sie bei aller scheinbaren Hebung des Chri-stuSglaubens ein Kampf gegen Christus sey, und in ihren Konsequenzenes erst recht werde, und auch als solcher sich zeigen müsse, so bemühte ersich, immer mehr von der Neuerung sich abzukehren. EraSmuS starb derKirche getrdu, im Jahre 1536, den 12. Juli. Daß Ulrich von Hüttensein Feind war, gereicht dem EraSmuS zur Ehre. Der dem EraSmuS inleidenschaftsloser und bedächtiger Ruhe ähnliche OekolampadiuS, dessen dieGrabschrift mit übersprudelndem Lobe gedenkt, hatte daS Unglück von demSturme der Bewegung der Kirche entrissen zu werden. Auch in ihm,der unter allen Reformatoren die meisten Sympathien für sich erregenmöchte, hatte sich ein geheimer Stolz, Selbstgefälligkeit und Widersetzlich-keit gegen die Kirche gebildet. In der AbendmahlSlehre hatte er sich anZwingli angeschlossen, daö Brod bloß als Symbol Christi betrachtend.Er starb bald, nachdem dieser sein Freund bei Kappel gefallen war.
In der Gemäldegalerie finden sich viele Gemälde HolbeinS, unterandern auch der Todtentanz. Es ist in Basel eine eigene Kirche, aufderen Friedhof, um die Kirche her, früher ein Todtentanz dargestellt war.Ein Todtentanz I — was ist das Treiben und Jagen der Menschen anders,wenn eS nicht in Beziehung auf Gott und ein zukünftiges Leben eineRichtung und Regelung bekömmt. ES ist ein Kreislauf, und der ermüdeteMensch fällt von Schwindel betäubt in den Tod nieder. Und todt sindsie alle, denen Gott nicht daS ewige Leben ist, die sich vom LebenSquelleabgeschlossen — todt der Seele nach stürzen sie sich den Pforten entgegen,die sie in daS Bereich deS ewigen und doch n.e sterbenden TodeS aufnehmen.
Aus der Universität hatte ich die schöne Gelegenheit ein Kirchen-geschichtS-Collegium bei dem Professor dieser Wissenschaft, Dr. Hagenbach,dem Verfasser der Kirchengeschichte deS 18ten und 19ten Jahrhunderts zuhören. Er sprach von dem Streite der Arminianer und Gomaristen, knüpftedann einige interessante biographische Nachrichten über David Joris, genanntBrügge an. Dieser David Joris lebte längere Zeit aus einem Landgutein der Nähe BaselS, und suchte höchst verderbliche Lehren zu verbreiten,