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9 (25.11.1849) 47
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die gar nichts anders enthielten, als gerade die der heutigen Communistenüber Güter- und Weibergeineinschaft auch. Er verwarf die Ehe!*) Zu-gleich gab er sich als die dritte Person in der Gottheit, den heiligen Geistaus. Nachdem er schon einige Zeit begraben lag, wurden seine Gebeineherausgenommen und als die eines Ketzers verbrannt.

Den Weg nach Slraßdurg machte ich auf der französischen Eisenbahndurch das Elsaß . ES ist widerlich zu hören und zu sehen, wie die Fran-zosen die Slationsorke, die durchweg deutschen Namen, in Sprache undSchrift zu entstellen suchen. StraßburgS Merkwürdigkeiten aufzuführen isthier nicht der Ort und würde kein Ende finden, Es war am Feste MariäGeburt, als ich dem prachtvollen Gottesdienste in dem Münster beiwohnte.Welche Masse der Gläubigen drängte sich herbei; welche Andacht war!unter ihnen sichtbar! wie hatten alle dem Worte deS Herrn ihre Herzen!erschlossen. So mochten sie einst dicht gedrängt dagestanden haben, gierig!auf GotteS Wort horchend, als Gcyler von Kaisersberg Prediger während!30 Jahren im Münster gewesen. Er liegt in der Kirche begraben undzwei Distichen in lateinischer Sprache sagen ungefähr jolgendeS:

Denn du vergießest die reichliche Thräne, du Stadt der ArgcntenFühlend den schmerzenden Schlag, den dir versetzte der Tvd

Gehler schläft an dem Ort, ob dem einst rufend erschollenAus des begeisterten Mund Worte des ewigen Heils.

macht, sind ferner auch Ursachen, die daS Ihrige zum Sturze Badensbeitrugen.

Ich reiste von Baden gen Württemberg über die rauhe Alp, dieviele Naturschönheiten bietet, und da und dorr durch Schlvßruiucn geziertist, meinem theuren Vaterland- Bayern zu. Zu Lauch hei»,, einem Städt-chen unweit der bayerischen Gränze, nahm ich in einem Gasthanse daSBiltniß Rvngc's wahr, hängend zwischen jenen bekannten zwei Narren«bildern, auf denen der eine lacht, weil der andere weint, nnd der eineweint, weil der andere lacht. Der Wirth bcuicrkte mir, sie (dieses OrtcSBewohner) brauchten Nonge nicht; eS gäbe derartige Thoren ohnedemgenug, und sein Bild, daö ihm unlieb in die Hände gekommen, glaubeer hier an der rechten Stelle angebracht zu haben.

Die Eisenbahnfahrt förderte mich von Nördlingen nach München undsomit nahe meinem Aufenthalte, Und so beneide ich nun die Schweizer und die Franzosen nicht um ihre Republiken und ihre Einheit eineEinheit, die Länder eint und Herzen trennt. Ich dankte Gott ein Deutscherzu seyn, und Bayern anzugehören, wo die katholische Kirche auch inunserer Zeit noch viele treue Anhänger zählt.

In der Martinskirche, die dem calvinistischen Cultus gewidmet ist,finden sich zwei einbalsamirte Leichname, der eines Edelmanns und einanderer, der die Seele seiner Tochter einst barg. Der Eindruck, den dieLeichname, die einst bei Lebzeiten in der üppigsten Pracht sich gezeigt habenmochten, machen, ist nicht sehr angenehm. So mochte auch einst Salomo dagelegen haben, und dem nämlichen Loose zu entgehen, kann unS keineMacht der Well gewähren.

Hier vor diesen Leichnamen, die übrigens andere, wie sie kurz nachdem Abscheiden erscheinen, an Entstellung trotz deS BalsamirenS weitüberbieten, wurde es mir begreiflich, wie der heil. Franz BorgiaS bei demAnblicke der gräßlich entstellten Leiche der Kaiserin Jsabella, welche letzterebei ihren Lebzeiten von ausnehmender Schönheit gewesen, den Entschlußfassen konnte, dem Scheinglanze dieser Welt zu entsagen, und ganz demHerrn in der Zurückgezogenheit sich zu weihen.

Vermittelst der Eisenbahn war ich wieder in daS unglückliche Badenversetzt, und Rastalt, der Stätte deS Jammers vorbei, nach CarlSruhe gekommen. Die allerdings sehr regelgerecht gebaute Stadt macht wegenihrer Einförmigkeit und modernen Stutzerei (der Bau fing 1715 den 17. Junian) keinen günstigen Eindruck auf den Wanderer. An dieser Stadt kannman deutlich sehen, wie leer die Welt wäre, wenn die Vergangenheitnicht mehr unter unö lebte, und überall nur die Gegenwart in ihrer Ar-muth sich unsern Augen darböte. Die Bewohner der Stadt waren (AnfangsSept.) ganz niedergedrückt. Die Stadt so wie daS Land schien mir einerGegend vergleichbar, über die ein vernichtender Wettersturm hingegangen.Aber bei allem Zerbrochenseyn dieses Volkes findet man keine Reue, in soweit eS selber dieses Uebel mit herbeiführte, sondern eine im Innern sort-gährende, wüthende Rache, eine zusammengepreßte Wuth, die bei der leise-sten Oeffnung und dem schwächsten Windzüge wieder neu aufzulodern droht.

Aber erklärt mag man manches finden, wenn man die badische Re-gierung der verflossenen Zeit in ihrer Gliederung von oben bis zu unterstbetrachtet. Die falsche, christus- und kirchenfeindliche Richtung war hiervon der Regierung gefördert, antichristliche Lehre aus die Lehrstühle gebracht,allen zur Leitung des Volkes Berufenen auf diese Weise ein solcher Geisteingeprägt, der sich dann auch dem Volke mittheilte. Die Kirche und dergute Klerus wurde verfolgt; ein großer Theil des Klerus hatte in derGlanzperiode der Bureaukratie zum falschen Aufklärungswerke (ihr werdeterkennen") die Hand bereitwillig geboten. Wenn nun die Obrigkeit einesStaateS der höhern Ordnung den Gehorsam kündet, warum will sie sichbeklagen, wenn ihre Untergebenen daö Beispiel zu ihrem Verderben nach-ahmen ?

ES war früh Morgens, und von da und dort ertönte die Glocke,die zum Gottesdienste rief. Ich begegnete einem Metzgerjungen, der mirsagte, daß er wohl gern in die Kirche ginge, aber daS sey ihm Jahr auöJahr ein nicht möglich, indem er gerade an Sonn- und Feiertagen denganzen Vormittag Fleisch anzutragen habe. Aber er tröstete sich damit,daß man ja überall beten könne, überhaupt sey er auch anderweitig derUeberzeugung, daß Gott eine bestimmte Gottesverehrung nicht wolle, eSsey gleich welcher Konfession man angehöre, wenn man nur recht handle.

Die Nachbarschaft der Schweiz und Frankreichs, so wie die ungün-stige Lage, welche ein kernhaftes Zusammenhalten eines Volkes unmöglich

*) Er hatte auch das schon bei ältern Serien vorkommende:Mißbrauchen desFleisches" gelehrt.

Blumen au- dem Schriftgarten be- heiligen BernarduS.

(Fortsetzung.)

94. Gnade.

Je mehr du wachsest in der Gnade, desto mehr erweitert sich deinVertrauen.

Ein Beweis des Stolzes ist der Entzug der Gnade. Ich habe inWahrheit gelernt, daß nichts so wirksam sey, die Gnade zu verdienen, zubewahren, wieder zu erlangen, als wenn du zu jeder Zeit vorbefundenwirst als einer, der nicht hochmüthig für sich weise ist, sondern sich fürchtet.Dennglückselig der Mensch, der allzeit furchtsam ist."Fürchte also, wenn die Gnade dir lächelt, fürchte, wenn sie geht,fürchte, wenn sie wiederkehrt, und daS istimmer furchtsam seyn."Glücklich bist du, wenn du dein Herz mit dieser dreifachen Furcht erfüllst,so, daß du fürchtest für die empfangene, für die Verlorne, für diewiedererlangte Gnade.

Sey nicht langsam oder träge im Danke für die Gnade, und lernefür die einzelnen Gaben dankbar zu seyn. Betrachte fleißig, sage ich, wasdir vorgesetzt wird, damit die Geschenke GotteS der schuldigen Danksagungnicht beraubt werden, nicht die großen, nicht die mittelmäßigen, nicht diekleinen. Endlich werden wir ermähnt:Sammelt die übrig geblie-benen Stücklein, damit sie nicht zu Grunde gehen," d. i.,auch die kleinsten Wohlthaten dürfen wir nicht vergessen. Geht etwa nichtzu Grunde, was man dem Undankbaren schenkt? der Undank ist ein Feindunserer Seele, der Verlust der Verdienste, die Zerstreuung der Tugenden,der Entgang der Wohlthaten, einbrennender Wind," der die Quelleder Liebe, den Thau der Barmherzigkeit und die Zuflüsse der Gnade aus-trocknet.

Eine dreifache Gnade erhalten wir von Gott, eine, wodurch wirbekehrt, eine andere, wodurch wir in Versuchungen gestärkt, undeine dritte, wodurch wir als bewährt belohnt werden. Die erste machtden Anfang, da sie unS ruft; die zweite bringt vorwärts, wo-durch wir gerechtfertigt werden: die dritte endlich führt zum Ziele,wodurch wir verherrlichet werden. Die erste ist eine Gefälligkeit,die zweite Verdienst, die dritte Lohn. Von der ersten ist gesagt:Von seiner Fülle haben wir alle empfangen." Von denübrigen zweien ist gesagt:Gnade über Gnade," d. i. die Geschenkeder ewigen Herrlichkeit für den Dienst LeS zeitlichen KampfeS.

In wie weit das Reich der Gnade ausgebreitet wird, in so weit wirddie Macht der Sünde eingeengt.

95. Gott.

WaS ist Gott? In Bezug auf daS Weltall der Endzweck, in Be-zug der AuSerwählung LaS Heil, in Bezug auf sich selbst: Er weiß eS.WaS ist Gott ? Der allmächtige Wille, die wohlwollendste Macht, daSewige Licht, die unveränderliche Vernunft, die höchste Glückseligkeit, derdes Menschen Herz erschafft zur Theilnahme an ihm, der eS belebt zumGefühle für ihn, der eS anregt zum Verlangen nach ihm, der eS erwei-tert zur Ausnahme von ihm, der erfüllt mit Glückseligkeit, umgibt zurSicherheit. WaS ist Gott ? Nicht weniger die Strafe der Verkehrten,als der Ruhm der Demüthigen. Denn er ist eine gewisse verständigeLeitung der Gleichheit, unwandelbar und unbeugsam, die überallhin sicherstreckt, und durch die alle Verkehrtheit in Verwirrung kommt, wenn sie