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auf selbe stößt. Wird also alles Furchtsame oder Verkehrte daran anstoßenund zerschmettert werden? Wehe dem Weltall , wenn eS jener Gleichheitentgegen wäre, die keine Nachgiebigkeit kennt! Denn er ist auch die Tap-ferkeit. WaS, sagst du, ist den Anschlägen so sehr widersprechend undentgegen, als immer und vergeblich sich bemühen, an ihn zu stoßen?Wehe den entgegengesetzten Anschlägen, die die Strafe ihrer Wegwendungvon ihm davon tragen. WaS ist so strafbar, als immer wollen, wasniemals seyn wird, und immer nicht wollen, was immer seyn wird?WaS ist so verdammlich, als ein Wille, der an diesen Zwang gebundenist, zu wollen und nicht zu wollen, so, daß er zu Beidem so verkehrt alselend bewegt wird. In Ewigkeit wird er nicht erhalten, waS er will,und waS er nicht will, wird er nichts desto weniger in Ewigkeit aushal-ten müssen. Ganz billig ist eö also, daß der, welcher für das Nichts ein-genommen ist, niemals zu etwas komme, was nach ihm erlaubt oder ihmgefällig wäre. („Der Thor spricht in seinem Herzen: „„ES istkein Gott."" Gott braucht die Menschen nicht erst um Erlaubniß zufragen, ob er seyn dürfe, und der menschliche Wille kann nichts ausrichtengegen den Willen Gottes. Wenn aber daS Geschöpf sich gegen denSchöpfer auflehnt, so gebraucht derselbe seine Macht, um zu zeigen, daßEr der Herr ist.)
96. G u n st.
Wenn du durch Zeichen und Wunder leuchten wurdest, in deinerHand geschehen sie, aber durch Gottes Macht. Oder eS schmeichelt dirdie Volksgunst, weil du ein gutes und kühnes Wort vorgebracht hast?Aber Christus schenkte dir Weisheit und Rednergabe, und deine Zungeist nichts anderes, als „die Feder eines Schreibers," und selbstdiese hast du entlehnt erhalten. Alles Lob also über die Güter der viel-gestaltigen Gnade werde aus den Urheber und Geber alles LobenSwerthenbezogen I
97. Güte GotteS.
ES gibt Einige, welche zwar die Beleidigung verzeihen und sichnicht rächen, aber doch eS manchmal vorwerfen. Andere gibt eS wieder,die zwar dazu schweigen, aber sie vergraben tief in ihr Herz den Groll.Von beiden ist keine eine vollständige Verzeihung. Weit gütiger als dieseMenschen, ist die Natur Gottes. Er verzeiht gerne, er verzeiht vollkom-men, so, daß, wo die Sünde überschwenglich, auch die Gnade über-schwänglich ist. Zeuge davon ist der Völkerlchrer Paulus, der mit Got-tes Gnade mehr arbeitete, als alle Apostel. Zeuge davon ist Matthäus ,der, von der Zollbank zum Apostel erwählt, der erste Evangelist deSNeuen Testamentes zu seyn gewürdiget wurde. Zeuge ist Petrus , demnach dreimaliger Verläugnung der Ob'crhirtenstab über die ganze Kircheübergeben wurde. Zeugin endlich ist jene verschrieene Sünderin, welcherselbst am Anfange ihrer Bekehrung ein so großes Maaß von Liebe gegebenund später eine solche Vertraulichkeit gestaltet wurde. Wer hat Mariaangeklagt, und mußte sie sich selbst verantworten? Wenn der Pharisäermurrt, Martha klagt, die Apostel sich ärgern, schweigt Maria, undChristus entschuldiget und lobt die Schweigende.
Um wie viel gütiger und süßer die göttliche Milde, als die Men-schen, ist, desto angenehmer ist sein Joch den übrigen Menschen.
98. Gut.
BöseS wollen ist ein Fehler'deS WillenS: Gutes wollen ist einFortschritt desselben: hinreichend Gutes aber, waS wir wollen, istdessen Vollkommenheit. Damit also unser Wollen, das wir vomfreien Willen haben, vollkommen sey, bedürfen wir einer doppelten Gnadennämlich weise zu seyn, was die Hinneigung deS Willens zumGuten ist: und auch vollständig zu können, waS die BestärkungdeS Willens im Guten ist. Weiter ist eS vollkommene Hinneigung zumGuten, wenn dem Willen nichts gelüstet, außer was anständig und erlaubtist: vollkommene Befestigung aber im Guten, wenn dem Willen nichtsabgeht, waS ihm beliebt. Dann erst wird der Wille vollkommen seyn,wenn er ganz gut und voll vom Guten ist. Er hat von seinem Entstehenan ein doppeltes Gut an sich, ein allgemeines bloß von der Schöpfungher, da er nämlich vom guten Gott nur gut geschaffen werden konnte, undein besonderes von der Freiheit der Entscheidung, in der er nach demBilde desjenigen, der ihn erschuf, gemacht ist. Wenn zu diesen beidenArten auch daS Dritte zum Schöpfer hinzukommt, so wild er nicht mitUnrecht für vollkommen gut gehalten. Denn er ist gut in seiner Allge,meinheit, besser in seiner Art, am besten in seiner Unterordnung.Unterordnung aber ist die allseitige Hinwendung des Willens zu Gott,freiwillig aus sich, ergeben und unterworfen.
99. Heiligkeit.
Ein seltener Vogel auf Erden ist eS, entweder die Heiligkeitnicht zu verlieren, oder durch die Heiligkeit die Demuth nicht auszu-schließen.
Zu den von der Cholera am ärgsten mitgenommenen OrtschaftenFrankreichs gehört die kleine Stadt NerondeS im Cher-Departement , wodie socialistische Brüderlichkeit unbehindert herrschte, begünstiget von einemBürgermeister, welcher der eifrigste Apostel der socialen und demokratischenRepublik ist. Der Bürgermeister war voll unerschrockenen Muthes undvoll der Hingabe, so lange kein Cholerakrauker in seiner Gemeinde war;als aber die Krankheit daselbst eine gewisse Heftigkeit erreichte, verlor ermit einem Male den Kopf, und vergaß alle Grundsätze und Betheuerun-gen socialistischer Brüderlichkeit. Er machte bekannt, daß die Krankheithauptsächlich wegen engen ZusammenwohnenS so sehr um sich greife, undforderte Alle, die eS könnten, auf, die Stadt zu verlassen. Er selbstbeeilte sich, mit gutem Beispiele voranzugehen. Alle Beamten folgten dem-selben; der Apotheker, sämmtliche Bäcker und Metzger thaten deßgleichen,und eS blieben nur 500 Arme im Städtchen zurück, denen die Mittelfehlten, um dem guten Rathe ihres Bürgermeisters zu folgen.
Nur Einer blieb bei ihnen, um die Sorge für die armen Krankenauf sich zu nehmen — der Pfarrer. Man hätte glauben sollen, daßVie Unglücklichen, deren trauriges LooS ihn zurückhielt, mit dankbarsterErgebenheit zu ihm sich hingewandt hätten. Doch nein; — man hatte dieKöpfe dieser Leute durch die socialistischen Lehren derart verdreht, und allenreligiösen und kirchlichen Sinn dergestalt in ihnen vernichtet, daß sie erstnach reiflicher Ueberlegung sich seiner Pflege und Sorge anvertrauten, in-dem sie aus seiner jahrelang bewährten Nächstenliebe den Schluß zogen,er könne doch unmöglich ein Vergifter seyn, der im Dienste der Reactionstehe. Der eifrige Pfarrer fühlte sich balv durch die Anstrengungen beiTag und Nacht völlig erschöpft, unv fürchtete, daß er unterliege, und soseiner armen Gemeinde die letzte Hilfe entzogen werde. Er wandte sichdaher um Mitarbeiter in der Krankenpflege nach Bourges . Man schickteihm von dorther einige christliche Schulbrüder. Allein bei ihrer Ankunftzu NerondeS verbreitete sich dort daS Gerücht, man müsse ihnen nichttrauen, sie seyen Helfershelfer der Reichen und der Reactionäre, und dieJünger der christlichen Liebe wurden ohne Weiteres von den Jüngernder socialistischen Brüderlichkeit mit Flintenschüssen zurückgejagt.Der Pfarrer verlor den Muth noch nicht. Er erinnerte sich, daß voreinigen Jahren ein Jesuit mit Beifall in seiner Gemeinde gepredigt, unddie Liebe deS Volkes in hohem Maaße sich erworben hatte. An diesenschrieb er, verheimlichte ihm nicht die Gefahren, die ihm bevorstehen könn-ten, die Anstrengungen, die seiner harreten, und bat um seinen Beistand.Der Gebetene eilte sofort hin, in Begleitung eines jungen Mannes, derMitglied deS VincenciuSvereinS zu BourgeS war. Sie wurden zu Neron-deS ziemlich kalt empfangen; nach einigem Zaudern jedoch ließ man sichihre Pflege und Hilfeleistungen gefallen. Der Minister de Fallour, dersich damals gerade zu NeriS aufhielt, hörte von dem fürchterlichen Elende,welches die Cholera zu NerondeS und in der Umgegend anrichte. Davonergriffen bat er seinen Freund, den AbbS Girandin, ihn auf einem Be-suche nach dem Städtchen zu begleiten, um sich von den dortigen Zustän-den mit eigenen Augen zu überzeugen, und so weit möglich Abhilfe zuverschaffen. Kaum waren die beiden Herren bei dem Pfarrer eingekehrt,als ihnen angezeigt wurde, daß bewaffnete Leute sie aufsuchten, und tödtenwollten, weil sie zu den Reichen und Aristokraten gehörten, und ohneZweifel Gift bei sich führten. Fallour antwortete mit der ihm eigenenEntschlossenheit und Ruhe ganz freundlich: „Nun denn, wie könnte maneinen schöneren Tod finden, als indem man Leidenden Trost und Hilfebringt?" und fing an, mit seinem Begleiter von HauS zu HauS zu gehen,und ließ in jedem Hilfe, Trost und Beruhigung zurück. Sodann schrieber dem Bürgermeister, er werde die an der Cholera erkrankten Arbeitereines in der Nähe gelegenen Bauplatzes der Eisenbahngesellschaft besuchen,und hoffe ihn bei seiner Rückkehr zu NerondeS in Mitte seiner leidendenAdministrirten zu sprechen. Der Bürgermeister wagte nicht, der Auffor-derung de« Ministers zuwiderzuhandeln, und war zur bestimmten Zeit da;aber alle Versuche, ihn zum Bleiben in der Stadt zu bewegen, warenfruchtlos; zwei Stunden später verließ er dieselbe von Neuem.
Verantwortlicher Redacteur: -.Schönchen
BerlagS-Jnhaberr F. C. Kremer.