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deS Besitzes zu fordern. Und von jetzt an wurden zum Feldgeschrei derMassen die Worte: Theilung, Gesellschaftsverlrag, Gütergemeinschaft!
Allein diese modernen Evangelisten haben vergessen, daß im wahr-haften Evangelium nebst der Gleichheit der Menschen auch die Verschieden-heit der Stellungen hervorgehoben wird.
Dreierlei Sohn- oder Kindschaften sind es, welche das Christenthumunterscheiden lehrt. Dem Geiste nach bist du ein Kind GotteS , einunmittelbares Geschöpf seiner Allmacht. Dem Leibe nach bist du bloßein Werk der mittelbaren Schöpfung; von Adam und seiner Nachkommen-schaft abstammend, und in dieser Beziehung bist du ein Sohn deS Men-schen. Aber wie die Leiber von ihrem Ursprünge her gar verschieben orga-nisirt, so sind auch die Geister nicht gleich beschaffen. In den Einen wal-tet die Dcnkkrast, in den Andern die Willenskraft vor; die Anlagen undFähigkeiten sind mannigfaltig; und daher die Ungleichheit der Menschen,und gewisse einzelne Vorzüge schon ursprünglich gegeben. Und welcherMensch vermag seiner Länge eine Spanne hinzuzusetzen? Vor dieser Schrankewird daher, wie sehr er auch sich sträube, der Stolz des Menschen zurück-weichen müssen. Die Betrachtung, daß diese Anorcnung ober Zulassungvon dem allmächtigen und allweisen Herrn der Welt ausgehe, oder vollendsdie Ueberzeugung, daß sie von dem liebenden Vater der Menschen herkomme,wird den widerstrebenden Hochmuth zur Unterwürfigkeit bewegen, und end-lich in freiwillige Ergebung umwandeln. Besonders entscheidend aber fürdie Stellung deS Menschen ist die dritte Art von Sohnschaft. Als Luo-wig XVIIl. von Frankreich sich einst von Generalen aus der Napoleoni-schen Schule umgeben sah, die sich von geringer Herkunft zu hohen Wür-den aufgeschwungen, sagte er in einer Anwandlung stolzen Selbstgefühls:«Ich gestehe Ihnen, meine Herren, daß ich sehr viel auf Ahnen halte."Auch ich, Majestät, versetzte einer der Generale; denn ich selber bin einAhne. Er wollte damit sagen: WaS du hast, ras bin ich. Du zählstbloß als ein Nachkomme, dessen Rang von seinen Vatern ausgeht; ich da-gegen nehme meinen Ausgang ganz von mir selber.
Welch ein wahres Wort! Die Sohnschaft, die von den Thaten undgroßen Werken sich herschreibt, ist die dritte und wichtigste. Dem Gege-benen tritt hier die Thatkraft, der Gebundenheit die Freiheit, der Schrankedie Selbstbestimmung entgegen. DaS Mögliche mag immerhin versuchtwerden, wenn dabei nur dem Gewissen die Ehre gegeben wird! Hier«den greife jeder in sein Inneres, unv prüfe, was er verdient hat. DieMänner, die in unsrer Zeit ihre Thatkraft entfaltet, wie oft haben sie denMahnruf deS Gewissens überhört, den geraden Gang verschmäht, der Lei-denschaft und Eigensucht nachgegeben! Wie oft hat nicht die Güte GotteSdie bösen Folgen ihrer Eigenmächtigkeit gehemmt oder hinausgeschoben!WaS Wunder, wenn bei fortgesetztem Widerstände der einfache Weg unddie Klarheit des Gewissens verloren wirb, wenn Angst, Verdruß, Qualund Mißgeschick den Gottvergessenen befallen! Aber auch der Unschuldigeist den Leiden anheimgegeben, ohne daß diese Thatsache den Christen jeaus der Fassung bringen soll. Wenn der Meister gelitten, darf der Schü-ler das gleiche LooS nicht von sich weisen. Sind wir nicht stolz auf dieZahl unsrer Märtyrer? Und dieser gerechte Stolz sollte in feigen Abfallsich verwandeln, weil die Reihe auch an unS gekommen, für den Glaubeneinzustehen und zu leiden? Allerdings stärkt den Christen nicht wenig derBlick in das Jenseits. Er weiß, daß dort die Verhüllungen ein Endenehmen, das Verdienst als Verdienst, und die Nichtigkeit und Lüge alssolche offenbar werden. Er weiß, daß die Prüfungen auf Erden demWetterleuchten gleichen, das spurlos verschwindet. Dieser Trost ist wahr-lich kein leidiger. Aber ein Jeder in seiner Stellung, wie immer diese sichgestalte, hat auch hienieden einen erhabenen Beruf zu erfüllen. JederChrist soll ein Prophet, d. h. ein Verkünder der Wahrheit seyn, und zwarinsbesondere der christlichen. Er soll ein König seyn, d. h. vor allem als«in Beherrscher seiner selbst, dann auch als ein vorleuchtender Leiter derSchwachen, der Unerfahrenen, und der seiner Aussicht Anvertrauten sichbewähren. Endlich soll jeder Christ seine priesterliche Stellung kennen,indem er anbetend, bittend und opferwillig, in Glaube, Hoffnung undLiebe ausharrt. Der Apostel ermähnt: Ein Jeglicher beharre in der Stel-lung, zu der er berufen ist. „Diese AizSdauer, wo sollte sie gewisserdurchzuführen seyn, als dort, wo Liebe und Opfer, wo göttliche Erleuch-tung und Stärkung das menschliche Gemeinwesen verklären? Man stellesich einmal die Welt ohne die christliche Religion vor. Liegt sie jetzt schonjief genug im Argen, was wäre sie erst ohne jene! Findet jetzt schon derEinzelne wenig Erbarmen und Hilfe, wie erginge eS ihm erst, wenn daSChristenthum verschwände! Es ist natürlich, daß je wahrhaft christlicherder Staat sich einrichtet, desto mehr auch daS thätige Christenthum, dieWerke der Nächstenliebe, in seiner Verfassung einen entsprechenden Ausdruckfinden werden. Allein was vermögen äußerliche Anordnungen und Gesetzefür sich zur Besserung der Zustände, wenn das Gewissen, daS RechtS-
!gefühl, die Pflicht der Liebe nicht durch das Christenthum wachgerufen undlebendig erhalten werden! Die Irrlehre und die Lehre der Kirche unter-scheiden sich durch die Worte: „Geh und komm." Jene sagt: Gehe soweit vor, als es dir beliebt und du nur immer kannst; denn recht ist alleswaS du vermagst. Dein Gewissen sey das des Spartaners, dem nurdaran gelegen war, daß er auf dem Diebstahle nicht ertappt werde. DieKirche dagegen spricht: Komme zu deinem Vater und deinem Heilande,die dich rufen; ertrage das Geschick, daS sie dir bereiten, sey eS deS Ruh-mes und Glückes, sey eS der Prüfung und der Mühen. Schon hier wirstdu in deinem Innern einen mächtigen Trost finden, als den Vorboten derdereinstigcn Verklärung, in welcher daS Dornengeflechte sich zur Ehrenkroneverwandelt.
„Wo find die lfterarischen Kräfte, die sich vereinen, um für dieheilige Wahrheit einzustehen? Wo sind die katholischen Bürger, die umsolche Unternehmungen sich kümmern, oder wenn sie inS Leben treten wol-len, sie mit einigen Opfern fundiren und unterstützen? Gute Nacht, katho-lisches Wien, du ehemalige Vormauer gegen den Islam!" — UnS freutdiese kernige, aufrichtige Sprache des österreichischen VolkSsreundeS in einerseiner jüngsten Nummern; denn gerade dadurch bewährt er sich als auf-richtiger Freund des Volkes und macht seinem Namen Ehre, daß er sichgetraut, dem Wiener die bittere Wahrheit ins Angesicht zu sagen, undwir rufen ihm zu: Nur muthig fort in diesem Tone; denn der Wiener erträgt die Wahrheit, und kann auch nur durch drastische Mittel ausseiner religiösen Apathie gerüttelt werden. Schnell und im Momenteerglüht er für das Gute — doch facht man nicht fortwährend die Flammeder Begeisterung an, oder läßt man sich durch etwaige Hindernisse selberenlmuttflgen, so verglüht auch wieder im Momente daS Feuer. So stehteS zur Stunde in Wien mit der katholischen Begeisterung, welche im vori-gen Jahre den Karholikenverein hervorgerufen. Mehr noch, als der Be-lagerungszustand und andere politische Eventualitäten haben leider! ver-schiedenartige Hemmnisse Hioco8 intra muros das katholische Leben im Keimeerstickt. Tausende von Wienerbürgern standen im Frühlinge v. I. hinterjenem Theile deö Klerus, der es zuerst gewagt, seine Stimme öffentlich zuerheben für Gesetz und Freiheit in Kirche und Staat, der zuerst seineMitbürger warme vor auöländistibcn Wühlereien! Diese Bürger sind nichtdagestanden mit Art und Schaufeln oder gefälltem Bajonette; sie sind da-gestanden, die Hand wie MoseS zum Gebete erhoben, während Jvsuestritt. Weßhalb traten sie aber wieder unbemerkt ab vom katholischenSchauplatze? Weil sie mit Wehmuth erfahren mußten, daß diese SprachedeS Klerus ihm zum Vorwürfe gerechnet, und derselbe eines unkirchlichenTreibens angeklagt wurde in Tagen, in welchen jeder einzelne Priesterfür den katholischen Glauben freudig in Kampf und Tod zu gehen bereitwar, in Tagen — sagen wir — in denen der Klerus das JudaSanbotheines Füster „den Bischof mit Hilfe der Legion zur Abdankung zu zwin-gen," mit Entrüstung zurückwies; wie auch anderen ähnlichen Anträgen,Venen vielleicht übelverstandencr Eifer zu Grunde liegen mochte, entschiedenseine Zustimmung verweigerte. Ein einziger unglücklicher Priester derWienerdiöcese fiel als beklagenSwerthes Opfer der pantheistisch-communisti-schen Demokratie anheim, während alle übrigen daS Schwert des Geistesergriffen, und das Wort deS Glaubens nicht ferner gebunden glaubten ineiner Zeit, in der daS Wort des frechsten Hohnes und Unglaubens freiauf den Straßen krächzte. Doch die Pflichterfüllung ward dem Kleruszur Schuld gerechnet, und während an andern Onen der Klerus ehren-volle Anerkennung von Kirche und Staat empfing, ging WienS hartge-prüfte und wohlbewährte Geistlichkeit leer aus. Hätte man sich von Obenherab dieses echtkirchlichen Strebens unter Priestern und Laien zur rechte»Zeit in der rechten Weise mit aller Energie bemächtigt, wäre man ihnenLeitstern und Führer gewesen, so hätte Europa gewiß ein großartigesSchauspiel katholischen Muthes und Lebens im verflossenen Jahre erlebt,ja wir hätten vielleicht keinen Oktober 1848 zu betrauern! Allein derZeitpunct ward verabsäumt, weder Wärme noch Kälte ward aus höherenRegionen dem katholischen Bürger fühlbar, und so sank die Sonne katho-lischen Lebens, die kaum in hoffnungsvoller Morgenröthe hervorgeblickt,hinter den Bergen wieder hinab; der Wienerbürger fiel wieder in Lethar-gie, bedauernd, daß man ihn zu leidigem Nichtsthun verunheilt, daß mandie gespensterartig gefürchtete Theilnahme des Laien an kirchlichen Interessenlieber wieder vom bureaukratischen Regime, als vom gesunden Kern deSBürgerthums vertreten wissen wollte. In diesem Umstände vornemlich liegt
*) Schreiben an die Redaction der Wiener Kirchenzeitung.