Ausgabe 
9 (9.12.1849) 49
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen
  

1S4

geschleppt werden. Denn waS hat der Stolz zu thun unter den Windelnder Demuth Jesu? Nichts hat die menschliche Bosheit zu ihrer Bedeckung,wenn sie nicht eingewickelt ist in die Kindheit deS Erlösers.

Der Heuchler sucht mehr Besonderes und Ungewöhnliches, damit erden Brand dex Eingenommenheit von sich ausspritze. Diese Leidenschaftentfernt von (WistnS, und der Heuchler erfreut sich durch eitle Gunst-bezeugungen. Sein Gemüth wird gestreichelt nicht durch baS Zeugniß deöeigenen guten Bewußtseyns, sondern durch Schmeicheleien. Die Traurig-keit der Heuchler ist nicht im Herzen, sondern am Gesichte.Denn sieentstellen ihre Angcsichter, damit die Menschen sehen, daßsie fasten."

Durch jeden Stand der Kirche kriecht heutigen Tages die faulendeSchwindsucht der Heuchelei, und je verbreiteter sie ist, desto verzweifelter,und je tiefer sie steckt, desto gefährlicher ist sie. Wenn sie als offenerKetzer ausstunde, würde sie hinausgeworfen werden und verdorren, undwenn sie ein gewaltsamer Feind wäre, könnte man sich vielleicht vor ihmverstecken. Wer wird ,sie aber hinauswerfen, und wer kann sich vor ihrverstecken? Alle sind Freunde, und alle Feinde, alle Anverwandte, und alleGegner, alle sino friedfertige Hausgenossen, und alle widerwärtig, allesind Christen, und alle suchen das Ihre, nicht was Christi ist. Einstwurde cS vorhergesagt, und jetzt hat eS sich erfüllt:Siehe, meinebitterste Bitterkeit ist mir zum Frieden geworden." Bitterwar der Tod der Märtyrer, bitterer die Berfolgung der Häre-tiker, aber am bittersten sind die Sitten der Hausgenossen.

Die Heuchler sind Schafe m der Kleidung, Füchse in derSchlauheit, Wölfe in der That und Grausamkeit. Diese sinoeS, welche gut scheinen wollen, nicht seyn: böse wollen sienicht scheinen, aber seyn. Böse sind sie und gut wollen sie scheinen.Denn immer hat offene. Bosheit weniger geschadet, und niemals ist einGuter verführt worden außer durch den Schein des Guten. Daher alsogeben sie sich Mühe gut zu scheinen zum Uebel der Guten; böse wollensie nicht scheine», damit sie un, so mehr ihre Bosheit ausüben können.Denn ihnen liegt daran, nicht die Tugenden zu ehren, sondern den Lasternden Anstrich der Tugenden zu geben.

103. H i m m e l.

Wahr und einzig ist nur die himmlische Freude, weil sie nicht voneinem Geschöpfe, sondern vom Schöpfer selbst gegeben wird. Im Vergleichemit ihr ist alle andere Annehmlichkeit Trauer, alle Süßigkeit Schmerz undBitterkeit, alle Schönheit Häßlichkeit, alles Vergnügen Last und Mißbe-hagen. Dort werden wir lieben ohne Maaß, sehen ohne Gränzen,beisammen leben ohne Sünde und Leiden. In der Stadt deS Him-mels ist der Vater der Tempel, der Sohn dessen Leuchte, der heilige Geistdie Liebe, und die Engel sind die Bürger. Dort steht die Sonne still,der Schatten ist vertrieben, die Sümpfe sind ausgetrocknet, der üble Geruchhat aufgehört, und der mildeste Sommer erfreut die Glückseligen.

Der Fürst Hohenlohe . *)

Skizzirte Biographien von Alexander Leopold Prinz von Hohenlohe -Waldenburg --SchillingSfürst, Bischof zu Sardica rc. finden sich in jedemCouversationSlericon; eS soll auch hier keine Biographie deS selig Verbli-chenen abgefaßt werden; eS ist nur auf einige Reminiscenzen über die letz-ten Lebenslage deS Fürsten abgesehen. Dieß zu thun, findet sich der Bsrichterstatter um so mehr bewogen, weil er mehrere Jahre hindurch denMann persönlich gekannt hat, und mit ihm in Briefwechsel gestanden ist.Auch über seine Gebetheilungcn, wegen welchen er vielfältig geschmäht undauch verfolgt worden ist, soll hier nicht weiter geredet, höchstens nur einigeWorte darüber angeführt werden, welche der Fürst in jüngster Zeit selbstüber diesen Gegenstand gesprochen. Thatsachen der auffallendsten Art, diein dieser Beziehung sehr oft durch Vermittlung deS Fürsten geschehen sind,werden von Zeugen aller Farben und alles Glaubens und Unglaubensbestätigt nur die Ansichten darüber sind verschieden. Die Einen schrei-ben die geschehenen Heilungen der Kraft des Gebetes und des Vertrauenszu, die Andern helfen sich mit dem gewöhnlichen Rothschild gegen allewunderbaren Ereignisse, und lassen dieselben auS magnetischen Kräftengeschehen, und wieder Andere sagen: eS sey schwer, darüber ein Urtheilzu fällen, man wisse eben nicht, waS man davon halten solle. Daß Hei-lungen durch Gebet möglich und wirklich seyen, wird Niemand abstreiten,der ein Katholik ist, oder überhaupt noch auf positivem christlichen Boden

steht; wie eS sich mit den Heilungen des Fürsten Hohenlohe verhalten habe,darüber mögen Augenzeugen sprechen, deren loch unter Katholiken undProtestanten genug vorhanden sind. Hier soll nur eine skizzirte Charakter-schilderung Hohenlohe'S entworfen werden wie sich diese aus dem Ver-kehre mit dem Seligen selbst, in den letzten Jahren, als subjektive Ansichtgebildet.

Hohenlohe war einer von jenen Menschen, von denen man sich, kenntman sie vom Hörensagen, ein ganz anderes Bild entwirft, als daö wirk-liche. Er war mittlerer Größe, ziemlich stark und muskulös gebaut, seinGesicht voll und gesund, in seinen Augen lag ein eigenthümlicher Zauber,es war in ihnen zu lesen, daß er kein gewöhnlicher Mensch sey. SeiaBenehmen gegen Jedermann konnte man durchaus nicht Herablassungnennen, es war angeborne Milde, eine so recht vom Herzen kommendeaufrichiige Leutseligkeit. Selbst ein Demokrat vom reinsten Waj-ser hätte Hohenlohe den Fürsten verziehen. Wer je mit ihmin Verkehr gestanden, wird bezeugen, daß im gesellschaftlichen Leben: Ab-geschlossenheit, Härte, Intoleranz oder irgend eine Eigenschaft, wie siePietisten zugeschrieben werden, und wie man sie auch ihm in öffentlichenBlättern nicht selten hinauswarf durchaus nicht seine Sache gewesen.Lein Verkehr mit Geistlichen, und mochten sie selbst deruntersten Stufe-angehören, ist wahrhaft brüderlich gewesen, und mancher Empor-kömmling, der als Fürst vom (Kanzlei.) Himmel herabgefallen ist, hättesich hierin an dem gebornen Fürsten ein heilsames Exempel nehmenkönnen. Hohenlohe war auch heiler, ein Scherz zu rechter Zeit ihm stetswillkommen, und Düsterheit an ihm nie bemerkbar. Seinen Pflichten alsPriester kam er getreulich nach; er ist in der That, ohne Ostentation, einMann deö Gebetes gewesen. Er predigte mit dem gesegnetsten Erfolge,spendete die heiligen Sakramente, und besuchte besonders Arme, zu denener nicht selten berufen wurde; er war auch mit klingender Hilfesehr bereit; waS seinen Feinden, wenn sie eS auch dem NaturmagnetiS-muS zuschreiben wollten nicht leicht werden dürfte.Bei mir wirdnicht viel zu finden seyn, wenn ich einmal sterbe." pflegte er öfter zu sage»;und über Geistliche, welche Geld aufhäufen, äußerte er sich auf sehr bittereWeise. Er besaß in der That keine gewöhnlichen geistigen Anlagen leider war der Zustand der theologischen Lehranstalten zur Zeit seinerStudienjahre nicht besonders geeignet, diese Gaben zu Pflegen und auszu-bilden. Als Mann der Wissenschaft zu gelten, prätcndirte er niemals, erwußte aber Wissenschaft zu schätzen, wo er sie vorfand. Dieedle Gabe (welche gewiß von hohem sittlichen Charakter zeigt) auch an-dere anzuerkennen, und sich nicht allein für klug zu halten, ist ihmgewiß eigen gewesen. Die Bureaukratie haßte ihn, r.ffür trug er aberauch nichts weniger als Lwbe für dieselbe in seinem Herzen. In sei-nen Briefen warf er die besten Gedanken hin. In der Politik wußte eroft den Nagel auf den Kopf zu treffen. In einem Tagebuch, daS er un-gefähr vor fünf Jahren über politische Vorgänge in Ungarn geschrieben,sind so klare Ansichten und so sichere Zeichnungen der nächsten Zukunft,wie sie nur ein geistig begabter Mensch zu entwerfen fähig ist. Manches,waö eingetroffen, hätte man zu jener Zeit in Ungarn für Phantastereigehalten. Solche Gedanken waren auch in seinen Briefen, deren ich nocheinige besitze. In einem (vom 19. Juli 1845) sagt er:Das politischeWeltrad ist in der Schmiere stecken geblieben, und Niemand weiß eS her-auszuziehen. Wenn eS einmal dahin kommt, daß auf einer Seite derLuruS zu viel, auf der andern der Brodkorb noch mehreren zu hoch gestelltwird, dann geht» schlecht. Man baut am Thurm Babel gewaltig, undder Handlanger find Unzahl, die da klopfen und hämmern, ckeniguo iu-linitus 65t numsrus stultorum. Ich glaube in der himmlischen Apothekedes Allmächtigen wird für die Menschheit eine Arznei bereitet, welche bitterausfallen wirb, aber von uns allen in jedem Stande einge-nommen werden muß." Ueber verschiedene Maaßnahmen der Regierungin Ungarn schließt er eine Kritik folgendcrmaaßen (15. Nov. 1846):Schon gut, nur so weiter, wir werden schon dahin kommen, wo derTeufel mit der großen Baßgeige uns vorspielen wird." In einem Schrei-ben ähnlichen Inhaltes über ungarische Zustände aus Großwardein (vom5. Dec. 1846) heißt eS:Die Lumperei als Vortrab höllischer Gewaltgewinnt bei uns immer mehr Boden. Die Blindheit von Oben ist inbedauerlichem Zunehmen. Ich wünsche eS gewiß nicht, was ichkommen sehe, aber es kommt doch. Ungarn wird eine furcht-bare Blutsühnung, ein rechtes Blutbad durchmachen müs-sen, und wer weiß, ob eS auch dann noch besser wird!Auf unsern Herrgott und die Kirche hält man gar nichts; desto mehr aufden Geldbeutel; wer den Leuten die Wahrheit sagt, ist ein NarrOesterreich wird eS schon noch sehen, was cS an denen hat, auf die eSam meisten vertraut. Ich muß Ihnen sagen, ich habe mir schon genugerlebt, mir wird eS schon zu viel. Eine wahre mftaris da herunten; wer

*) Aus der Wiener Kirchcnzeituiig, von Seb. Brunner.