Ich kam gerade rechtzeitig an zum AbendgolteSdicnste, dessen Haupt-bestandtheil eine anderthalbstündige Predigt über daS jüngste Gericht war,mußte aber bei der dichten VolkSmasse, welche die weiten Hallen der pracht-vollen Stiftskirche anfüllte, eS für ein Glück halten, daß ein Bekann-ter mir den Zutritt auf die Orgel öffnete. Wohl 5000 Menschen mochtenhier versammelt seyn, und in welcher andachtsvollen Stille, in welchergespannten, fast athemlosen Aufmerksamkeit!
Einfach und schmucklos war das Innere der Kirche. In der Mittestand auf erhabenem Piedcstal der silberne Sarg mit den Reliquien deSheiligen Frivol in, des ersten GlaubenSboten jener Gegend, der vor fastvierzehn Jahrhunderten das Kreuz dort auspflanzte. In der Wölbung deSChors hing ein großes, lichtstrahlendeS Kreuz mit der einfachen Inschrift:Im Kreuze ist Heil. So war Auge und Herz durch nichts Zerstreuen-des von dem Wichtigsten der Misston, den Predigtvorträgen, abgezogen,deren täglich 3, die erste Vormittags von 9 bis 10, die zweite Nachmit-tags von 2 bis 3, die dritte AbendS von 7 bis 8 Uhr, abwechselnd von6 badischen und 2 elsässtschen Geistlichen gehalten wurden.
Die Morgen- und Abcndpredigten behandelten die wichtigsten HeilS-wahrheiten: die Bestimmung und das Ende deS Menschen, die Sorge fürsein Seelenheil, die Furchtbarkeit und die Folgen der Sünde, den Tod,daS jüngste Gericht, die Nothwendigkeit der Buße, daS Heil inChristo rc. Die NachmittagSpredigtcn, eine Art Christenlehre fürdaS Bolk, behandelten in äußerst populärer Weise die Standespflichten derJünglinge, Jungfrauen, Eheleute, die zehn Gebote Gottes, die fünf Ge-bote der Kirche. Alle Vortrüge bewegten sich ausschließlich innerhalb desreligiösen Gebiets; von Politik auch nicht ein Wort. Die Wahrheitenwaren scharf, wie ein zweischneidiges Schwert, — aber die Liebe, die sievortrug, war das lindernde Oel, und gewann die heilsam Erschüttertenund Verwundeten. Davon überzeugten mich die Beichtstühle, die von4 Uhr Morgens bis Abends 9 Uhr von Massen Büßender so umlagertwaren, daß trotz der großen Anzahl von Beichtvatern (33) viele Beich-tende mehrere Tage lang harren mußten, bis sie zum Sündenbekenntnissckamen. Ja, an einem einzigen Tage (Freitag) wurde mehr als 2200Personen daS heilige Abendmahl gereicht.
Die zahlreich anwesenden Geistlichen aus den verschiedensten Gegendenunseres Landes, auch aus dem Elsaß und der Schweiz , und ihr brüderlicheinträchtiges Zusammenwirken, so wie der herzliche Anschluß des Volkesan sie, gab mir ein schönes Bild der Einheit der katholischen Kirche , diedurch Schlagbäume und Gränzpsähle nicht getrennt werden kann. (Nurdie aargauische Regierung soll ihren Geistlichen die Theilnahme an derSäckinger Mission verboten haben.)
Die ganze Feier war in ihrer großartigen Einfachheit höchst würdevoll,und das versammelte Volk so ernst, gesammelt, und still, selbst außerhalbdeS Gottesdienstes, als ob nur eine einzige Person da wäre. Da sahman die Macht der Religion, gegenüber der Machtlosigkeit so mancherbloß äußerlichen Mittel. Unter den einzelnen Feierlichkeiten während derMisston sind besonders zu erwähnen: Die Feier des LeopoldStagcS, wo einfeierliches Hochamt von den zahlreich Versammelten mit einem ergreifendenGebet für den Landeövater geschlossen wurde. Sodann die Erneuerungdeö heiligen TaufgelübdeS gegen Ende der Misston, wo Tausende auf denKnieen den Eid der Treue ihrem Heilande, dem König der ewigen Herr-lichkeit, mit lauter Stimme erneuerten, und kein Auge trocken blieb. Wernoch keine Misston mitgemacht, kann sich überhaupt keinen Begriff vonihren erstaunlichen Wirkungen, von der Glut der Andacht, von dem EiferdeS Volkes, von so vielen auffallenden Veränderungen und Bekehrungenvorher ganz verhärteter Menschen machen. Mögen sie alle nachhaltig undbleibend seyn!
Besonders die Abendstunden werden Allen unvergeßlich seyn. Wenndurch die Nacht hin das majestätische Geläute von den Thürmen der Stifts-kirche ertönte, sich die weiten Räume bis zum Erdrücken anfüllten, —wenn aus der Orgel weichen Tonen die Liederharmonien niederflossen, wieKlänge aus einer höher» Welt, — wenn durch daS Halbdunkel der Kirche!das Kreuzeslicht wunversam dabin zitterte, und das Previgtwort die SeeleIm Innersten bewegte, — wenn selbst nach beendigtem Gottesdienste dasVolk noch lange in Thränen für die Bedürfnisse der Kirche, der Familien rc.laut betete, und in heiligen Liedern seine Sehnsucht nach dem ewigenHeimathlande dort oben ergoß, — so war DaS Alles etwas so ganzNeues, nie Gesehenes, daß man die bittere Vergangenheit und die herbe
*) Der Eintritt i» die Kirche war für Jedermann frei. Wer aber zur besonderenBequemlichkeit auf die Smporkirche wollte, konnte dieses geqc.i das Opfer einer kleinenKerze zur Beleuchtung fder Werth einer solchen Kerze überstieg nicht 6 kr.). A.d.Korr.
Gegenwart unseres irdischen Vaterlandes vergaß, und, gezogen von demallgemeinen Drang, einstimmte in den Ruf der Tausende: Im Kreuzeist Heil!
Die ganze Mission ging ohne die mindeste Störung vorüber; daSVolk harrte aus bis zur letzten Feierlichkeit, dem SceicngotteScienste, wel-cher den Schluß bildete.
Am Ende der h. Misston stattete der Stadtrath und StiftungSvor«stand im Namen der Stadt, so wie der Jungfrauenbund im Namen ihrerEltern und der gesammten Jugend den Dank ab. DaS ganze katholischeBaden aber darf dem würdigen Jubelgreis, dem geistlichen Rath und erz-blschöflichen Decan, Stadtpfarrcr Freiherr» von Wirerspach im Herzen: dafür danken, daß er der Erste war, der mit nicht unbedeutenden Kostenin Baden eine Mission veranstaltete, hicmit zugleich daS Andenken desheiligen Fridolin, des ersten Missionärs dieser Gegend, ehrend und inden Herzen der Gläubigen erneuernd. Möge dieser schöne Anfang bald inandern Gegenden unseres Vaterlandes zur Nachfolge aneisern, und anvielen Orten Vielen zu Theil werden, waS unserer Gegend zu Theil ge-worden! DaS ist wohl der beste Weg zum wahren Fortschritt, diese Er-neuerung deS innern Lebens der Menschen die beste Reform. Möge zudiesem Zwecke daS trefflich geschriebene, bei Wangler in Freiburg gedruckte„Andenken an die erste heilige Mission in Baden" auch in wettern KreisenVerbreitung finden! Ein Laie.
Norddeutsche katholische Missionen und Schulhäufer.
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Katholische Zeitschriften in Deutschland machen auf den Zustand der^ katholischen Religion in Norddeutschland aufmerksam, und schildern sämmt-lichen Katholiken deutscher Nation die dringende Nothwendigkeit, die Glau-^ benSbrüder im Norden zu unterstützen. Die Katholiken, welche in Mittejener protestantischen Länder sich angesiedelt haben, find meistens Handels-leute, Handwerker, Gränz- und Effenbahnbeamte und verehelichte Solda-> ten. Allerdings sind nun für diese zahlreiche», zerstreuten, katholischenChristen Missionen errichtet. Allein selbst diejenigen, die in dem Um-! fange solcher Anstalten wohnen, sind nicht im Stande, ihre Kinder in dieoft 10 Stunden weit entfernte katholische Schule zu schicken; die Uebrigenhingegen, welche außerhalb des Kreises dieser dürftigen Missionen sichbefinden, entbehren nicht bloß für ihre Kinder, sondern auch für sich selbstjeder kirchlichen Hilfe. Zahlreiche katholische Kinder werden demnach inihrem zartesten Alter in protestantische Schulen geschickt, wo sie ganz odertheilweise dem Protestantismus verfallen. „Ich kenne Missionen," schreibtein Priester den historisch-politischen Blättern, „in deren auswärtigemBezirke fünfzig, sechzig solche schulpflichtige Kinder, von katholischen Vä-tern erzeugt, umherlaufen ohne den Segen der Kirche; und unzerstörlichbleibt im katholischen Gemüth das Bewußtseyn dieses Segens, wenn auchnur ein Funke des Glaubens zurückgeblieben! Auch eine noch so langeVereinzelung und Vereinsamung hat nicht alles Glaubensleben zu Grabegetragen! Es ist mancher Vater, auch manche Wittwe, sie nahen flehenddem Hirten: „„Helfen Sie, daß meinen Kindern daS beste Erbtheil werde,daß ich selig, ruhig sterben kann!"" Wie sehr daS thatsächliche Anschauender protestantischen Leerheit und Zerrissenheit zum verstärkten Hervortreteneines solchen Wunsches beitrage, möge hiemit nur angedeutet seyn! „Jeweiter nach Norden, desto apostolischer!"
Bei solcher Gewißheit, daß hier der Same in ein gutes Erdreichfällt: welcher katholische Christ, der nur noch eine Spur von Liebe znseinem Glauben und der Menschheit bewahrt hat, wird nicht Theilnahmefür seine Brüder in Norddeutschland empfinden, und mit einem edlen Ge-fühle ausrufen: Es muß geholfen werden! Wessen Aufgabe ist es aberzunächst, dem Hilferuf zu antworten? Wäre dieß nicht die Aufgabe derbereits überall bestehenden katholischen Vereine im gesammten deutschen Bundesgebiet? Vor beinahe zwei Jahrhunderten war es Ferdinand Für-istenberg, Bischof von Paderborn , welcher daselbst jenen reichen herr-lichen Fond hinterlegte, durch den noch jetzt die norddeutschen Missionenund Missionäre bestehen. WaS heut zu Tage aber die Reichen nicht mehrthun, daS vermag die Kraft Vieler, das vermögen Vereine, und zwardie katholischen Vereine Oesterreichs und Deutschlands ! Die Vereine hät-ten vor Allem dafür zu sorgen, daß für einen bestimmten Bezirk in Nord-deutschland an dem geeigneten Missionsorte „Missionshäuser" einge-richtet würden. Ohne diese Anstalten, wodurch die Kinder dem katholi-schen Glauben erhalten werden, können die gegenwärtigen Missionen ihrenZweck nicht erfüllen.
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.
Verlags-Inhaber r F. C. Kremer.