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So allgemein der Geist der Ordnung und der Treue für das angestammteHerrscherhaus sich auSsprach, so aufgeregt war man über die Maaßregelnder ersten Kammer und des CultuSministerS gegen die Kirche. UnterAndern hielt der Graf Bernhard zu Stollberg folgende Rede, die wir(nur etwas abgekürzt) mittheilen: Meine Herren! Die Eingriffe der Staats-gewalten in die kirchliche Freiheit, und ein Ereigniß, welches die Entrü-stung aller Katholiken Preußens hervorgerufen hat, veranlaßt mich, einigeWorte hier zu sagen: Der Graf Montalembert zieht in seiner jüngst gehal-tenen Rede den Abgeordneten Victor Hugo im Ramen seiner Wähler zurRechenschaft, waS ihn berechtige, das Beklatschen der Linken sich zu erwer-ben. Ich wünsche, daß Se. Majestät unser König AehnlicheS mit seinemKultusminister gethan haben möge. Hätte der Herr von Ladenberg, derals eingefleischter, antikatholischer Bureaukrat bekannt ist, als Privatmann,gleich andern Wühlern, unsere Bischöfe geschmäht, so könnten diese sichdas zur Ehre rechnen, wir könnten darüber hinweggehen und Herr vonLadenberg möchte daS Bravo der schlechten Seite der Kammer hinnehmen.Ich rede von Wühlern. Ja, meine Herren, seit 40 Jahren und kängerhat unsere Bureaukratie gewühlt, namentlich gegen die Kirche, und hatzumal durch die Mittel und BundcSgenosscnschaft, die sie nicht verschmähte,daS Ihrige beigetragen, nm das Sommerhalbjahr 1848 herbeizuführen,von dem jeder Patriot sich mit Ekel und Abscheu hinweggewendet. Dock,meine Herren, ich gehe zur Sache über. Die Denkschrift des Cultusmini.sterS, die daS Gepräge bureaukratischer Perfivie nicht verläugnen kann,hat die bischöfliche Denkschrift hervorgerufen, welche auf dem heiligen, un-veräußerlichen und in ganz Deutschland geschichtlich und vertragsmäßigbegründeten Rechte der katholischen Völker, auf den Satzungen der Kirche,den Beschlüssen der bischöflichen Versammlung zu Würzburg und der Auto-rität derer, die sie erlassen haben, begründet ist. Der Herr Minister hatdurch seine Erklärung vor der ersten Kammer über diese Denkschrift demkatholischen Episkopate Preußens und Deutschlands , den sieben MillionenKatholiken Preußens und den 25 Millionen Katholiken Deutschlands Hohngesprochen. Ich habe nie von unseren Kammermajoritäten Gerechtigkeiterwartet. Die größte Despotie ist die der Kopfmehrzahl. ES steht nochsehr dahin, ob wir nicht dem TerroriSmuS, unter dem alle positiven Be-kenntnisse in der Schweiz seufzen, in unserem Vaterlande entgegengehen.Bisher sind wir mit Ruthen geschlagen worden, radicale und doctrinäreKammern ermöglichen eS den Ministern, uns mit Scorpiouen zu peitschen.Wenn ich daS confesstonelle Volkszahlenverhältniß in Preußen , die Schlaff-heit vieler Katholiken und die Intriguen vieler Gegner erwäge, die unsentgegen ihre ekelhaften Begriffe von JesuitiSmuS, UltramontanismuS u. s. w.festzuhalten sich abmühen und, keine Mittel scheuend, uns aus den Wahlenzu entfernen, in ganz katholischen Gegenden hingegen durch die Gutmü-thigkcit der Katholiken die W ollen in ihre Hände zu bringen wissen; soüberzeugt mich dieß mehr und mehr, daß nach menschlichen Ansichten inunseren jetzigen Zuständen kein Recht zu hoffen ist. Ich wiederhole es:Von den machthabenden Menschen hoffe ich wenig Recht, ich glaube viel-mehr, daß wir aus BöseS gefaßt seyn dürfen; aber es ist unsere Pflicht,unS gegen die Eingriffe zu verwahren und feierlichst Erklärungen abzugeben,wenn wir zeigen, daß wir fest an unsern Bischöfen halten, uns in unserekirchlichen Verhältnisse in keiner Weise von Außen eingreifen und unserGewissen nicht durch Gesetze beirren lassen, die unseren kirchlichen Bestim-mungen entgegen sind. Halten wir fest zusammen, halten wir fest anunseren Bischöfen und durch sie an der Kirche! Mag der Kampf dannentstehen gegen Radicalistcn, falsche Constitutionalisten, gegen Bureaukra-tisten oder gegen wen immer, tragen wir die über unS verhängten Wider-wärtigkeiten, wie eS Christen ziemt; der Sieg bleibt zuletzt unS. Wennnicht alle Zeichen trügen, so gehen wir einer Zukunft entgegen, wo auchhier die alte und doch ewig junge Braut des Herrn die Fürsten und Völ-ker Europa'S , nachdem sie die Irr- und Drangsale deS AbfalleS durchge-litten haben, zu dem Fuße deS Kreuzes niedergestreckt sehen wird, so derHerr auf den Felsen Petrus gepflanzt hat. Auch ich erlaube mir jenesbedeutungsvolle Wort der erleuchteten Jungfrau in Niedcrborn unS inSGedächtniß zu rufen, welches sie den Priestern und Gläubigen der Pfalzund als Kind der Kirche, die über die ganze Erde ihre Strahlen wirft,Allen zuruft, die im Kampfe stehen gegen die Macht des Umsturzes undUnglaubens, nämlich das Wort: „Muth! Muth! Muth."
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Brief des hochseligen Gubregens (spätern Bischofs)Wittmann an einen in der Seelsorge arbeitenden
Mitbruder.
Gnade und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn
Jesus Christus dir geliebtester Bruder in Jesu !
JesuS sey in uns, und mache uns zu seinen Dienern, und lasseunS alles für Ihn hingeben, und vereinige uns untereinander in Ihmselbst, hier, um mit einander zu beten, zu arbeiten und zu leiden, unddort vor Ihm, um miteinander in Ihm vollkommen und ewig Eins zuseyn. Liebster Bruder! könnten wir nur auch öfter einander sehen, unduns in Christus miteinander besprechen! Hoffentlich wird eS jährlich dochEinmal geschehen, und unterdessen sey die Mittheilung unserer Meditationeneine wechselseitige Offenbarung unserer Gemüther gegeneinander. SollteeS dem Herrn gefallen, unS näher vielleicht in einer nämlichen Wohnung,oder im gemeinschaftlichen Arbeiten oder Leiden miteinander zu verbinden;so wollen wir dazu bereit seyn, und wollen Gott einstweilen darum bitten.Liebster Bruder! Könntest du einmal mit unS versammelt seyn, wo wirmiteinander beten, lesen, reden: ich denke, eS würde dir auch wie mirvorkommen, daß Christus wahrhaftig in Mitte unser sey. ES sind lauterunschulvvolle, von Gott begnadigte, liebcnSwürvigste Brüder. Schreibeuns nur manchmal, aber als Brüder, ohne Titel und Complimente.Und wenn Gott deine Arbeiten segnet, in Fröhlichkeit oder in Thränen(vielleicht ist'S noch besser in Thränen), oder wenn du vorzüglich frommeSeelen kennen lernest: so schreibe uns davon, damit wir uns mit dir imHerrn erfreuen. Meditationen, denke ich, werden wir dir bald schicken.Eben sagt mir der liebe Job, daß er dir unsere Verbindungsart, und dieNamen der Brüder noch nicht geschickt habe (ich glaubte, er habe eS schongethan), er wirv eS aber ganz sicher die nächsten Tage thun. Ich um-fange dich Geliebtester im Geiste Jesu: Er erfülle uns mit seinem Geiste.Bete für mich
Deinen
RegenSburg den 25. Febr. 1803.
sündigen Bruder in Christus.
Glosse.
In einer altberühmtcn Akademie der Wissenschaften war jüngsthindie Rede von der Thatsache: daß während eines RegenS in der Regeleine geringere Wasscrmenge auf die Dächer fällt, als bei gleicher Raum-fläche auf den Erdboden oder das Straßenpflaster. Je höher das Haus,desto größer dieser Unterschied. Auf die Frage, wie daS komme? warderwidert: eS fallen zwar bei gleicher Raumfläche eben so viele Regentrop-fen auf daS Dach, als auf die Erde, allein die Tropfen, welche die Erdeerreichen, vergrößern sich auf ihrem länger» Wege, indem sie von denDämpfen der feuchten Luft profitiren, die sie an .sich ziehen oder einschickenund verdichten. Somit wäre die Sache erklärt. Allein damit ist eS dochnicht abgethan; denn andere Leute behaupten, daß eS dabei auf die Jah-reszeit ankomme, und daß man nicht allein die Anziehung der Dünste vonSeile der fallenden Tropfen, sondern umgekehrt auch die Verdünstungder letzteren in Rechnung bringen müsse, die in der heißen Jahreszeit sogroß sey, daß eine größere Waff^mafse auf die Dächer fallen könne, alsauf die Erde, wovon man ebenfalls Erempel hat. Man will daraus er-klären, warum die Soldaten bei heftigen Regengüssen zu den großenFeuern ihrer Bivouak'S sich stückten, wo der aufsteigende heiße Luftstromdurch die Verdünstung, die er bewirkt, ihnen anstatt eines Regenschirmesdient.
Solcher Widersprüche gibt es gar viele in der Welt, weil, wie einegeistvolle Frau bemerkt hat, alles was geschieht, mehr als eine Ursachehat, und wir meistens nur Eine wissen. Die Leute unten auf der Straßeblicken neidisch zu denjenigen empor, die auf dem Altan oder Dache stehen;sie meinen: die dort oben bekommen den Regen und Segen von der erstenHand, und viel reichlicher als wir, zu denen nur spärliche Tropfen ge-langen. Allein, wenn alles genau erwogen, und Einnahme mit Aus-gabe verglichen wird, ist der Mittelstand, der nicht hoch hinaus will,besser und sicherer versorgt, als die Wenigen in der Höhe, eS sey dann,daß aller Regen verdampft, und aller Erwerb der Bürger verschwindet,weil der Boden unter ihren Füßen brennt; und wehe den Völkern, dieeinen solchen Brand anzünden.
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.
Verlags-Inhaber; F. C. Kremer.