Ausgabe 
20 (1.1.1860) 1
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völlig ſchlug. Da aber der Feind auch einige wilde Volksſtämme zu Bundesgenoſſenhatte, welche verwüſtend noch durch das Land ſtreiften, ſo ſah ſich der Fürſt genöthigt,auch gegen dieſe Bundesgenoſſen noch einen Feldzug zu eröffnen, um dieſelben ent-weder aufzureiben oder wenigſtens für immer aus dem Lande zu jagen.

Etwas Aehnliches läßt ſich auch in Bezug auf unſern Gegenſtand ſagen.Mancher Leſer hatte Freundſchaft mit glaubens⸗ und ſittengefährlichen Büchern ge-ſchloſſen. Man gab ſich gegenſeitig Geſchenke, d. h. dieſe Bücher gewährten manchesVergnügen und der Leſer brachte wenigſtens ſeine koſtbare Zeit, wo nicht noch mehrals Gegengeſchenk zum Opfer. Es ſteht nun aber feſt, daß ein ſchlechtes Buch keinwahrer Freund ſein kann, ſondern daß es dem Leſer vielmehr nach der Krone ſtrebt,und zwar nach der Krone des ewigen Lebens. Ich glaube zwar, daß die gegen dasLeſen ſolcher Schriften angeführten Gründe wichtig genug ſind, um eine Neigungfür ſolche Geiſtesfrüchte zu vertilgen; allein es bleiben noch die Bundesgenoſſenzu überwältigen übrig, und ſo lange dieſe nicht geſchlagen ſind, herrſcht kein Friedeim Gebiete der Seele. Wer ſind aber dieſe Bundesgenoſſen, dieſe wilden Völker-ſtämme, die verwüſtend durch das Reich der Seele ſtreifen? Es ſind die falſchenEntſchaldigungen und die Scheingründe, unter deren Schutz und Schatten man gernnoch länger bei der gefährlichen Lectüre verweilen möchte.

Ich will bei der Abfertigung dieſer Scheingründe wenigſtens die Ordnungbeobachten, daß ich bei den oberflächlichſten derſelben anfange und nach und nachzu den Entſchuldigungen fortſchreite, die ſcheinbar einiges Gewicht haben.

Die erſte Entſchuldigung lautet in der Regel:Ich laſſe mir keine Vor-ſchriften machen über Das, was ich leſen und nicht leſen ſoll; denn ich ſtehe ineinem Alter und auf einer Bildungsſtufe, wo man ſelber zu urtheilen verſteht. Ichbin mein eigener Herr.

Das iſt wohl die oberflächlichſte Entſchuldigung, die ſich dagegen vorbringenläßt und ich würde derſelben gar nicht einmal erwähnen, wenn man nicht wüßte,daß die Falſchmünze ſolcher Scheingründe oft am weiteſten durch das Land läuftund oft am leichteſten angenommen wird. Was werde ich nun einem Leſer ant-worten, der ſo ſpricht? Ich werde ihm ſagen: deine Ausrede hat zwei faule Stellen;denn erſtens wehrſt du dich gegen eine Gewalt, die dir gar nichts zu Leide thut;und zweitens prahlſt du mit einer Freiheit, die im Grunde gar keine Freiheit iſt.

Es iſt gewiß eine ſehr große Thorheit, ſich gegen, eine Gewalt zu wehren,die Einem nichts zu Leide thut, ſondern vielmehr darauf bedacht iſt, Einem wahr-haft zu nützen. Wer iſt denn die Gewalt, die auf dich eindringt? Es iſt dieheilige Kirche, welche zu dir redet durch den Mund ihrer Prieſter, durch den Munddeiner frommen Eltern, Verwandten und Freunde, und durch den Mund deinerhochachtbaren Lehrer. Es ſind alſo zunächſt freilich nur Menſchen, die dich warnenvor dem Leſen ſchlechter Bücher; aber bemerke es wohl: dieſe Menſchen verlangenin dieſem Falle von dir nichts Anderes, als was ihnen die Erfüllung ihrer heiligſtenStandespflichten ſtreng vorſchreibt. Sie reden wirklich zu dir im Namen der KircheGottes, denn die Kirche verabſcheut und verdammt die ſchlechten Bücher. Wennaber nun ſo die Kirche zu dir ſpricht, ſo höreſt du eigentlich nur die StimmeGottes, der dieſe Kirche gegründet hat und fortwährend durch ſeinen heiligen Geiſtregieret. Siehe alſo, Golt ſelbſt redet zu dir. Er ſieht dich an den Abgrund desVerderbens eilen. Er weiß, daß dein Glaubenslicht ſich verdunkelt und daß deineLiebe zur Tugend erkaltet, wenn du fortfährſt, ſolche Bücher zu leſen. Gott weißes gar wohl, daß du bei den ſchlechten Büchern und Zeitungen jetzt freilich nur nochin die Lehre gehſt; aber er weiß auch ſehr gut, daß der Zeitpunct nicht mehr ferniſt, wo der Geiſt dieſer Bücher aus deinem Munde und aus deinen Thaten redenwird. Wenn alſo du ſageſt: Ich laſſe mir keine Vorſchriften machen, ſo ſchlägſt dunur aus wider Gott und triffſt deine eigene Seele.