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Und worin beſteht denn dieſe Gewalt der Kirche, daß du dich dagegen ſowehreſt? Kommen etwa die Prieſter auf dein Zimmer, um dich vor ein Gerichtzu ſchleppen? Wirft man dich etwa ins Gefängniß, oder legt man dir Geldſtrafenauf? Nichts von dem. Du ſtehſt nicht vor einer rohen Gewalt, ſondern vor einergeiſtigen Macht. Alles, was die Kirche thuet, iſt dies: ſie eifert durch Belehrungen,ſie beſtürmt dich durch Bitten, ſie bittet durch Thränen und Gebetfenfzer, und wennAlles nicht hilft, ſo droht ſie dir mit den Strafgerichten Gottes, wofern du deinenböſen Weg nicht verläſſeſt. Dann aber nimmt fie wehmüthig Abſchied von dir, umdich nie mehr zu beläſtigen. Mehr können auch deine Eltern, Lehrer und Freundenicht thun. Sie können zwar ihre Wachſamkeit verdoppeln, ja verzehnfachen, —aber was wird das helfen? Die Erde hat zahlloſe Schlupfwinkel, wo du heimlichdas Gift der ſchlechten Bücher einſaugen kannſt. Und felbſt das haſt du nichtnöthig; du kannſt es machen, wie es ſchon ſo viele elende Chriſten gemacht haben:du kannſt ſogar in die ſonntägliche heilige Meſſe ſolche ſchändliche Bücher mitnehmen,damit dir der kurze Aufenthalt vor deinem Erlöſer nicht gar zu langweilig werde.Niemand wird es ſo leicht merken.
Siehe da, welche Thorheit dich beſeelt! du kämpfeſt gegen eine väterlicheGewalt, du entzieheſt dich einer wahrhaft mütterlichen Sorgfalt; du gleicheſt einemin's Waſſer Gefallenen, der das rettende Seil mit der Hand zurückſtößt.
(Fortſetzung folgt.)
Das Erdbbeben zu Norcia.(Das alte Nurſta, Geburtsftätte des heil. Benediet.)
Die alte Stadt Norcia, unter dem 42° 47' 28“ Breiten⸗ und dem 30° 45'25“ Längengrade gelegen (Meridian der Inſel Ferro), und 625 Metres über dieMeeresfläche erhebt ſich in Mitte eines weiten Thales, welches von allen Seitenvon hohen Bergen der Apenninenkette eingeſchloſſen iſt. Sie wurde ſchon öftersdurch Erdbeben zerſtört, und erfuhr überhaupt ſo häufige Erſchütterungen, daß ſolche,als gewöhnliche Vorkommniſſe, nicht einmal aufgezeichnet wurden. Doch haben ge-ſchichtliche und andere Urkunden einige der verderblichſten angemerkt, wodurch dieStadt entweder ganz oder zum großen Theil niedergeworfen wurde. Solches geſchaham 14. December 1321, wie Ciucci in ſeiner noch handſchriftlichen Geſchichte er-zählt; vom Erdbeben des Jahres 1328 macht Villani Erwaähnu g. In der Folge
waren jene von 1703 und vom 3. September 1815 die ſchreckichſten. Dadurchgeſchah, daß die Bevölkerung dieſer Stadi, welche in früheren Zeiten gegen 12,000Seelen betrug, nach und nach ſich bis auf 4500 verminderte. — Gegen MitteAuguſt d. J. begannen daſelbſt in großen Zwiſchenräumen leichte Erſchütterungendes Bodens, welche als etwas gar nicht Seltenes auch keine Furcht erregten; alsauf einmal am 22. Augaſt zwiſchen 4 Uhr 15 Minuten und 1 Uhr 30 Minuten
Nachmittags, ohne daß irgend eine bemerkbare Veranderung in der Luft eingeireten
wäre, ein ſtarker Knall ertönte, ähnlich dem eines ſehr groben Geſchützes, und indem Momente begann die Erde heftig zu wanken, zuerſt emporhebend, dann hori-zontal, und zwar dreimal nach einander, mit immer größerer Staärke, in der Dauervon 6— Secunden. Von den 676 Häuſern, aus denen die Stadt beſtand, warennicht weniger als 195 in einem Nu dem Boden gleichgemacht; 405 andere ſtürztenentweder durch die in den nächſten Tagen nachfolgenden, wenn auch ſchwächerenErſchütterungen zuſammen, oder waren ſo zerklüftet, daß die meiſten derſelben wegender augenſcheinlich nächftdrohenden Gefahr des Einſturzes ganz abgetragen werdenmußten. Nicht mehr als 76 ſtehen noch, die für den Augenblick zwar keine Beſorg-niß einflößen, obwohl ſie auch größtentheils voller Riſſe und Spalten ſind. Nur