Ausgabe 
20 (29.1.1860) 5
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Zeichen, daß das Kind gotterfüllt, und den Tag hindurch in Gott versammelt war,da auch beim Aufwachen in der Nacht, wo doch die Kinder voll Schlaf and ineinem Durcheinander von Vorstellungen befangen sind, die kleine Christinn gleich zusich kam, an ihren geliebten Himmelvater dachte, und ihn mit den lebendigstenUebungen der Seele, wie die drei göttlichen Tugenden sind, anbetete.

Gleich beim Aufstehen war sie die Erste, welche zum Morgengebcte aufforderte.Sie legte den Keim der schönsten Tugenden, in denen sie immer zunahm, in ihrväterliches HauS; so berichtet wieder ihre Ehrendame:In den Jahren-vor demTode ihrer Mutter habe ich ein stetes Wachsthum ihrer Tugenden wahrgenommen.Von der Natur mit lebhafter Gcmülhsart ausgestattet, sah man deutlich, wie siedieselbe mit zunehmendem Alter zu bezähmen trachtete, mit mehr Eifer sich zu betenbemühte, den Wünschen der Mutter immer eiliger nachkam, uud stels liebevoll mitden Schwestern umging; kurz: man erkannte, daß sie nach der vozn Evangeliumvorgeschriebenen Vollkommenheit strebte. In der That zeigte sie sich fortwährend sogelehrig, so sauft, so anmnthsvoll, und zugleich so heiter und freudig, daß Alle,die zu Hofe kamen, einstimmig sagten:V ir haben nicht eine.Prinzessin, sonderneinen Engel." Und dies mit Recht, denn ihre eigenen Schwestern bezeugen, daßman an ihr nicht einmal die gewöhnlichen Fehler der Kindheit wahrgenommen, sodaß, wenn man ihr etwas anbot, sie es mit den Worten ablehnte:Ihr wißt ja,daß die Mutter cS nicht gerne hat."

Dieser in einem Kinde bewunderungswürdige Gehorsam vervollkommnete sichmit den Jahren derart, daß sie gar keinen eigenen Lßillcn mehr zu haben schien.Die Königin Maria Theresia selbst, welche diese-ihre Lctztgcborne, die so anmuthig,so gut, so geistvoll war, wie ihren Augapfel liebte, konnte nie, selbst vom 18 jährigen-Mädchen, irgend einen Wunsch erfahren, sondern sie erhielt stets die Antwort:Mutter, mir ist nur daS angenehm, was Sie wollen." Auch ihre ältere SchwesterMarianua, welche ihr so gerne Freuden bereitet hätte, vernahm immer nur:WieDu willst, wie es Dir lieb ist." Und da sie von Allen geliebt uud ihr von Allengeschmeichelt wurde, hätte cS ja nur eines Blickes bedurft, nm ihre ganze Umgebungmit Erfüllung ihrer Wünsche bemüht zu sehen.

Mögen nun unsere Jungfrauen bedenken, ob das Lesen der modernen Romaneihnen den Gehorsam und die Unterwürfigkeit gegen Jene einflößt, welche das Rechtund die Pflicht haben, ihre Jugend zu leiten ; da wir hier an einem königlichenHofe eiue junge und lebhafte Prinzessin sich demüthigen und den Keim der erwachen-den Leidenschaften unterdrücken sehen. Niemand ist freier, als der den Zaum seinerBegierden in Händen hält, und sie zu beherrschen weiß. Aber in der modernen Er-ziehung ist das Gesetz der Freiheit ein anderes; indem es die Jungfrauen gegen dieUnterwürfigkeit empört, facht cS in ihnen zugleich die heftigsten Leidenschaften an,wodurch sie Andern zur Last und selbst unglücklich werden.

Maria Christina hingegen war überzeugt, daß der Friede des Herzens in derDemuth, in der Gelehrigkeit, in der Sanftmuth, in der vollkommenen Erfüllungihrer Pflichten als Christin und Tochter seine Wurzeln hat. Daher 'war auch Nie-mand so heiler und zufrieden als sie, weil sie dieses' Glück nicht in dem von Man-chen mit Unrecht beneideten Prunke eines königlichen HofcS, der nur Wenigen be-schieden ist, suchte, sondern vielmehr in der Bezähmung ihrer Neigungen und in derSelbstbeherrschung, welche Tugenden Allen, und noch mehr Jenen erreichbar sind,welche in bescheidenen Verhältnissen und vom Hofe ferne -leben. Sie war mit Gott vereint, und liebte ihn ; und aus Liebe zu ihm siegte sie über ihre Neigungen, welche,wenngleich nicht ungeordnet, so doch gewiß' heftig und stark waren.

Ihre Liebenswürdigkeit im Umgänge gewann ihr die allgemeine Liebe uudAchtung; selbst ihre Befehle würzte sie mit Freundlichkeit und Güte,' ohne ihre Würdezu vergeben; ihre Kammerfrauen erinnern sich nie, einen gebieterischen Auftrag vonihr erhalten zu haben; denn sie sagte immer:Mochtet'Ihr mir diese Gefälligkeit