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Agnes aber hatte sich seit dem Anfange ihres Wirkens einen Namen erworben,der ihr bleiben and noch einst am großen Tage des Weltgerichtes für sie zeugenwird, den hehren Ehrennamen: die gute Frau.
(Schluß folgt.)
Ein paar „Stückchen" vorn guten Pins IX.
Eines TageS schlich sich in das Vorzimmer der apostolischen Gemächer desVaticanS in Rom ein kleiner Knabe in ärmlicher, aber reinlicher Kleidung. DieWachposten wollten ihn abweisen; aber der Kleine bestand darauf, er wolle zumPapst. Während dieses Zwiegespräches kam ein Kammerherr des heiligen Vatersin das Zimmer. Auch dieser sachte dem Knaben begreiflich zn machen, daß hierseines Bleibens nicht sein könne. Als dieser aber inständig in den Kammerherrndrang, er möge ihn doch nur einen Augenblick zum Papst lassen, hieß ihn letztererendlich warten und ging fort, um dem heiligen Vater den Vorfall gleichsam zumScherze zu erzählen.
Pins IX. befahl sogleich, den Knaben vor sich kommen zu lassen. Er wurdegerufen. „Was willst du hier, mein Kind?" fragte der Papst in väterlichem Tone. —Ohne die mindeste Verlegenheit antwortete der offene Junge: „Ich möchte gern studieren,meine Eltern können mir aber keine Bücher anschaffen, und wenn ich sie darum er-suche, sagen sie allemal, der Papst werde sie mir kaufen. Aber es dauert so lange,bis ich sie bekomme; da wollte ich denn einmal selbst gehen und sehen, woran eshält." — „Wie viel Geld hast du nöthig?" — „Ungefähr fünfzig Paoli!,,(Etwa zwölf Gulden.)
Der Papst lächelt und besiehst dem Kammerherrn, dem Knaben zwei Scudi,d. h. zwanzig Paoli, zn geben. Der Junge nimmt das Geld, schaut aber trübseligbald die zwei Scudi, bald Pins IX. an. Endlich platzt er heraus: „EntschuldigenSie, heiliger Vater! dafür kann ich mir die Bücher nicht kaufen." Mit der Mienedes höchsten Wohlwollens reichte ihm nun der Papst zwei Goldstücke im Werthe vonfünf Scudi jedes. Der Knabe staunte nicht wenig (denn jetzt hatte er die erbe-tenen fünfzig Paoli) und eilte, vor Freude fast den Dank vergessend, fort. Ihmfolgte ein päpstlicher Kammerdiener mit dem Auftrag, das Bürschchen nicht aus demAuge zu verlieren, auf dein Fuße nach und kehrte mit Kunde zurück, der Kleine seizuerst zum Buchhändler gelaufen und habe dann die Bücher sammt dem kleinen RestdeS dafür bezahlten Geldes seiner armen Mutter treulich überbracht. Dadurchwurde PinS für den glücklichen Knaben noch mehr eingenommen und wies ihm einenmonatlichen Gehast an, wodurch dieser tu den Stand gesetzt wurde, seine wissen-schaftliche Laufbahn fortzusetzen.
Ein solcher Fürst, der mit so viel Geduld und Herablassung die einfältigstenBitten der ärmsten Unterthanen hört und erhört, kann doch nicht der unfähigeRegent sein, als welchen ihn die Kirchenfeinde ausgeben, sondern muß das Herzam rechten Fleck haben und seine ganze große Familie mit desto größerer Liebe um-fangen, da er schon die Einzelnen und Kleinsten so liebevoll behandelt. Item mußer kein abgesagter Feind der Aufklärung sein, da die Wohlthat zum Ankauf vonSchulbüchern bestimmt war.
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Im Sommer des Jahres 1847 sah Papst Pius IX -, als er ansfnhr, in einerStraße RomS einen alten Mann ohnmächtig anf dem Boden liegen. Der edle,menschenfreundliche Papst ließ sogleich halten nud anf sein Befragen, wer der Armesei, antwortete Einer aus der gaffenden Menge: „Es ist nur ein Jude!" Unwilligüber diese lieblose Antwort, stieg der hochherzige Pius aus, half eigenhändig den