Ausgabe 
20 (4.3.1860) 10
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Agnes hielt inne und blickte den Doctor fragend an.Ich kenne sie," sagtedieser,die Arme eilt ihrem Gatten zu!"

Agnes fuhr fort zu lesen:O könnte die BcdaneruSwertheste noch gerettetwerden! Und wenn dieß nicht möglich, möchte es mir vergönnt sein, ihre letzten Tagefriedlich zu machen, ibrem Kinde eine zweite Mutter zn werden, ihm einen zweitengmen Vater zn geben! Mit schwerem Herzen gingen wir heim. Jetzt vor Schlafen-gehen, da ich diese Zeilen schreibe, liegt all' das Leid, das ich gesehen, vor mir, als hätteich cS selbst durchgekämpft, meine Seele trauert, aber um keinen Preis, nicht umdie schönsten Empfindungen meiner glücklichsten Stunven gäbe ich das wehmuthreicheGefühl, das mich jetzt durchdringt. Ich habe meinen Beruf erkannt. Möge Gott und die heilige Jungfrau mir bcistehen, daß ich meine Sendung erfülle!"

Agnes schloß das Tagbnch. Arthur zog sie zärtlich in seine Arme und sprachmit Fencr:Erfülle deinen himmlischen Beruf nnd liebe! Ich will mit dir strebenund handeln, nnd «Niere Ehe sei fortan ein Bund mit dem Herrn!"

Helfer sagte mit väterlichem Händedruck;Fahren Sie so fort, liebes, gutesKind! Nehmen Sie anch meinen Beistand an! Den Arzt macht seine Kunst znmFreunde der Armen wie der Reichen; vor Allem lassen Sie nnö aber auch mitden Geistlichen dieser Stadt sprechen, sie machen reiche Erfahrungen, besonders anden Betten rcr Kranken und Sterbenden, und freudig werden sie uns Rath undBeihilfe leihen und Gottes Segen aus Ihr edles Vorhaben herab flehen."

Ja, fahre so fort," sprach Arthur.Als Knabe dachte ich mir einst hehreMenschen unter dem Chalifen Harun al Raschid nnd seinem Großwessir, wie sienächtlich die Stadt durchwanderten nnd das Unglück kennen lernten und wie GötterHilfe brachten. Du wirst mit deinem guten Herzen Größeres wirken als dcr Chalif."

Agnes blickte ihn dankend an.Wenn du Alles wissen wirst, was mirHedwig erzählte, wie sie mich leitet, da wirst sie hochachten," sagte sie bescheiden.Willst du nicht deinen Großwessir rufen lassen?" fragte Arthur lächelnd.Ichwill unsern Garten bedeutend vergrößern, nnd wir müssen nun einen eigenen Gärtnerhaben, diese Stelle habe ich Hedwigs Gatten zugedacht, das Häuschen dort im Parkwird groß genug für die Familie sein." Dankend eilte Agnes fort, um den.Be-glückten die frohe Kunde zn brsngcn.

Nach acht Tagen waren sie wieder beisammen. Agnes hatte ein holdes Kindanf dem Schoße. Die unglückliche Knnstlcrswittwc war ihrem ermordeten Gartengefolgt nnd Agnes hatte der Waise einen guten Vater, - eine gute Mutter gegeben.Nicht bloß Agnes, aach Arthur nnd der Doktor hatten dicßmal zu erzählen. Allewaren mit ihren Erfolgen zufrieden. Manche edle That, manche neue wohlthätigeEinrichtung wurde in der Stadt schon laut gepriesen, ohne daß man noch die Ur-heber kannte. Auch unter befreundeten Herzen hatten sie schon mächtig gewirkt, undwie Arthur und Agnes als die Sterne der höheren Gesellschaft diese mit ihrer Liebes-begeisternng entzündeten, so thaten cS die gute Hedwig und ihr dankbarer Gatte inihrer Sphäre, und Helfer wirkte erwärmend nnd erleuchtend in seinem alle Kreiseumfassenden Berufe. Dadurch gewann das Lebe» nm sie her allmälig eine schönereGestalt, die Nächstenliebe brach den Trotz und Neid der Besitzlosen und lehrte sieGegenliebe und Dankbarkeit, und die Reichen und Vornehmen wandelten nicht mehrwie hochmüthige feindliche Wesen durch die Reihen der Niedrigen, sondern als hoheMenschen geehrt und geliebt.

Nach Jahresfrist war viel, unermeßlich viel geschehen. Zwei goldene Sätzewaren zur Wahrheit geworden:Es kommt nicht darauf an, was du bist, sondernwie du es bist." Diese Worte, von den hervorragendsten Menschen thatsächlichanerkannt, lehren alle Stände sich gegenseitig nach ihrem inneren Werthe achten,und das höchste Gebot:Liebe Gott über Alles, deinen Nächsten wie dich selbst!"bezeichnet Allen die unfehlbare einzige Bahn zum irdischen und ewigen Heile.