Ausgabe 
20 (4.3.1860) 10
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Fleischfetzen ringS herabhingen, über solche Mißhandlung Beschwerde führte, hatteder Senator keine andere Antwort hierauf, alS: dergleichen Beschwerden seien hierganz nnd gar am unrechten Platze, und warf ihm zur Linderung einen Rubel hin.

Die Bauern von Dzierzanowicze waren unterdessen übereingekommen, dem Se-nator seine 5 Rubel wieder zurückzugeben, nnd gingen auch nicht in die Kirche.Vergebens wartete er immer, wollte jedoch selbst keine Gewalt anwenden, und kehrte nachWitebsk zurück, in der Erwartung, dort ausgedehntere Erfolge zu ernten. Er hatteein zu weiches Gemüth, als daß er hätte Blut fließen jehen können. Es hätte ihmdieß vielleicht auch noch mehrere Rubel entlockt. Das überließ er daher andern,die weniger zartfühlend waren, wie wir gleich vernehmen werden.

Bereits am Eingang unsers Berichtes haben wir gesagt, daß die OrtschaftDzierzanowicze ein Besitzthum des Herrn Anton von Korkak ist, eines Abkömmlingsaus einer hohen adeligen Familie, die für den Glauben und das Vaterland schongroße Verdienste hatte. Dieser, seiner Ahnen ganz unwürdige Sprößling, hatteaus Feigheit noch im Jahre 1842 der russischen Regierung die Versicherung gege-ben, er werde alle seine Unterthanen znr Abtrünigkeit zu bringen suchen. Es istunbekannt, aus welchem Grunde und um welchen Preis er eine so strafbare Ver-bindlichkeit eingehen konnte. Als nun der Senator in Witebsk ankam, ließ er denbedauernswerthen Gutsherrn zu sich rufen, erinnerte ihn auf sein gegebenes Verspre-chen, und sagte ihm, jetzt sei der Augenblick da, seiner eigenen Unterschrift Ehrezu machen. Hr. von Korkak schützte Krankheit vor, erklärte jedoch mit Zustimmungdes Senators seinen Verwalter, Namens Zacnowski, als ganz hiezn geeignet, zuseinem Stellvertreter. Dieser Elende war früher Polizeibeamtec, besaß sehr ein-schmeichelnde Manieren, hatte aber einen niederträchtigen Charakter. Da sein gan-zes Streben ohnehin nur auf Geldgewinn ausging, gleichviel aus welche Weise dießgeschehen konnte, so war er ganz der Mann zur Uebernahme einer solchen Rolle.

(Schluß folgt.)

Arm und Reich.*)

Vl>» Karl Beycrl.

(Fortsetzung.)

Den 18. August 1848. Heute leitete mich Hedwig zu der Unglücklichsten,die ich je gesehen: eine junge Frau, Wittwe eines braven Mannes, Mutter einesschönen Kindes. Vor einem Vierteljahre trat der Mann gesund und blühend eineReise an; in wenigen Tagen wollte er zurückkehren. Wochen verginge», er kam nichtwieder. Endlich erhielt sie durch die Gerichtsbehörde die furchtbare Nachricht, ihrGatte sei unfern vom Ziele seiner Reise ermordet worden. Seitdem ist sie krank anLeib und Seele, der Anblick ihres kleinen Heinrich, sonst das Entzücken der Mutter,entlockt ibr Thränenströme, denn das holde Kind trägt die Züge seines unglücklichenVaters. Sie empfing mich kalt; o könnte ich ihr Vertrauen noch gewinnen! IhrSchmerz ist namenlos, ihr Gatte war ein vortrefflicher Künstler und Mensch, derzärtlichste Gatte und Vater. O sie ist sehr krank, so blaß, so abgezehrt, die Augenhaben einen so ergreifenden, schon überirdischen Glanz."

*) Berichtigung. Im Sonntagsblattc Nro. 8- ist in der ErzählungArm undReich" ein unangenehmer Verstoß unterlaufen. Das Capitel Nro. II. wurde nur zum Theilden verehelichen Lesern mitgetheilt, zwei ganze Seiten wurden übersprungen. Dieses Ausge-lassene, das zum II. Capitel gehört, und aus Seite 62 nachdes Friedens und der Freudeerhellen" hingedacht werden mögen, geben wir in der anliegenden Beilage, welche mitSeite 62° und 62 numcrirt ist. Wir bitte» dieses Versehens wegen um gütige Entschuldigung,

Die Redaction des Augsb, Sonntagsblatts.