87
Ein paar Variationen
über das Thema:
„Gott Vater schaut zum Fenster raus
Und spricht: Ihr Uarr'n, es wird nichts draus!"
I.
Von der Mang fall. Für unsere gegenwärtige Lage möchten beifolgendeBegebenheiten geeignet sein, für die heilige Kirche und ihr Oberhaupt nicht zu sehrbekümmert zu werden, weil der alte Gott noch lebt, und es wahr ist, daß: „Wennes lange noch so fort geht, geht eS nicht mehr lange so fort." Nachdem nämlichNapoleon I. 1804 sich in Gegenwart PinS VII. selbst die usarpirte Kaiserkrone auf-gesetzt, lag demselben Alles daran, dieses Oberhaupt der Kirche für seine Pläne zugewinnen und keine Güte und keine in Aussicht gestellte Strenge und Gewalt bliebunversucht, um den ruhig in sich abgeschlossenen Kirchenfürsten fügsam und nach-giebig zu machen. In einer geheimen Conferenz lud er den Papst zu sich ein, umauf diese Art mit dem, was er eigentlich wollte, den Anfang zu machen. Unruhigging Napoleon in seinem Schlosse zu Fontainebleau auf und ab, und erwartetePiuS Vll., indem er nach seiner Gewohnheit im Zustande der Aufregung mit einemeisernen Instrumente in Tische und Stühle stieß, stach und bohrte. Endlich trat nachöfterem vergeblichem Hinausgehen, der ehrwürdige heilige Vater ernst und feierlichinS Cabinel des neuen Kaisers ein. Ehrerbietig bot ihm derselbe einen prachtvollenStuhl an, und PiuS setzte sich. Nnu trug Napoleon in traulicher, schmeichelnder, süßerRede seine Wünsche vor, bittend, rathend, den Sitz von Rom nach Paris zu ver-legen, wo er dann in einem der kaiserlichen Schlösser seinen Thron errichten möchte.Mit ihm wolle er die Kirche auf dem ganzen Erdkreise regieren, seine Einkünfteverdoppeln und eine glänzende Leibwache ihm beigeben. Papst Pins VII. hörte dieRede des Kaisers ruhig an, und antwortete am Schlüsse derselben daS kurze, wie-derholte Wort: „Comödiante!" Dieses war genug, um den Stolz des Gewaltigenzu beleidigen, und zornig aufspringend rief er aus: „Was, ich ein Komödiant!Pfaffe, nun ist's aus mit uns." Heftig und schnaubend auf- undabgehend, ergriff er ein auf dem Tisch stehendes Kunstwerk inMosaik, die Peterskirche in Rom vorstellend, und vor den stillsitzen gebliebenen Papst hiutreteud, warf er es in Stücke zur Erdemit den donnernden Worten: „Siehst Du, so werde ich nun Dich,Deinen Stuhl, Deine Kirche und Dein Reich zerschmettern; der Tagdes Zornes ist über Dich auSgebrochen." — Und der heilige Vater sprachin derselben feierlichen Haltung klar und fest wie das Erstemal, jetzt das einzigeWort: „Tragödiante!" und verließ dann das Cabiuet. — Gut hatte PiuS VII. vorherverkündigt. Fünf Jahre ward Napoleon durch seine Siege bei Ansterlitz,Friedland, Erlan, AbenSbcrg, Regensburg, Landshut, Wagram das Weltwunder.Völker und Fürsten huldigten ihm, dem großen Schauspieler, dem eS eine Last war,Menschen nach Millionen hinopferu zu lassen, um sein Spiel gut zu spielen; kaumer aber das Oberhaupt der Kirche gefangen von Rom ( 1809) abführen ließ, be-gann auch schon der Wendepnnct, die Nachtseite seines Lebens, eS begann seinTrauerspiel, wo er wieder die Hauptperson spielte im ersten Act in Rußland 1812,als er fliehend vor den Kosaken, mit genauer Mühe sein Leben rettete auf demSchlitten eines polnischen Juden. Seinen Soldaten, die znm Theil erfroren oder er-hungerten, fielen deßhalb die Gewehre aus den Händen, obwohl er mit dem Bannebeladen, spottend sagte: deßwegen würden die Gewehre den Soldaten noch nichtaus den Händen fallen. Der zweite Act spielte bei Leipzig 1813, der dritte, als erabdanken (1814) mußte, in Paris, der vierte 1815 in Niedcrland, als bei Water-loo der Stern seines Glückes gänzlich erblaßte, und der fünfte war, als er, von den